Dieses Buch widmet sich der selbstdokumentarischen Praktik von trans* Personen, die sich entschieden haben, ihre geschlechtlichen Transitionen mit Testosteron in Videoblogs (Vlogs) auf YouTube festzuhalten und zu teilen. Es ist eine überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die ich in den Jahren 2016 bis 2020 geschrieben habe. Schon während dieser Phase schien immer wieder die Notwendigkeit auf, meine Perspektive auf die Materialien historisch zu situieren: Da ich meine Arbeit in den frühen 2010er Jahren begonnen habe, stützen sich meine Analysen entsprechend auf Videos aus dieser Zeit. In digitalmedialen Zeitrechnungen mit (aufmerksamkeits-)ökonomischen Prämissen von Aktualität und Neuerung waren einzelne Vlogs schon alt, als ich über sie zu schreiben begann. Sie waren auf einer Plattform hochgeladen worden, deren Oberfläche und Funktionen seitdem mehrfach verändert wurden. Zudem haben sich zwischenzeitlich längst weitere sogenannte Soziale Medien etabliert, von denen mindestens Instagram und TikTok eine Untersuchung in Bezug auf ihre Bedeutung für trans* Selbstdokumentationen wert wären. Warum die YouTube-Vlogs der 2010er Jahre dennoch und weiterhin große Relevanz für ein Verständnis von geschlechtlicher Transition unter digitalmedialen Bedingungen haben, erläutere ich in diesem Buch.
Am 23. April 2025, während der Arbeit an diesem Vorwort, wurde YouTube 20 Jahre alt. Viele etablierte Nachrichtensendungen nehmen dieses Jubiläum zum Anlass für eine Rückschau auf die Anfänge und Entwicklungen des Unternehmens, das bereits seit 2006 zu Google gehört. Die Beiträge verweisen dabei zum einen auf ein kulturelles Archiv besonders skurriler oder global viral gegangener Videos und leisten zum anderen Bestandsaufnahme der Plattform, die ihre immense Bedeutung für Veränderungen in der Medienlandschaft anerkennen, aber auch auf die Kritik am Medium und an medialen Veränderungen verweisen, die die Plattform seit der Gründung begleiten.1 Erwähnungen oder Einordnungen von Desinformationskampagnen sowie rechter und faschistischer Propaganda, die auf YouTube erfolgreich zirkulieren und Radikalisierungsdynamiken entfalten können, finden sich allerdings höchstens beiläufig.
Es sind eben nicht nur die veränderten medialen Bedingungen der vergangenen zehn Jahre, die es mir notwendig erscheinen lassen, meinem Buch ein Vorwort voranzustellen. Nur wenige Tage vor dem YouTube-Jubiläum wird eine andere Meldung international in den Nachrichten aufgenommen: Der Supreme Court in London hat am 16. April 2025 entschieden, dass trans* Frauen juristisch nicht als Frauen anzuerkennen seien. Das Gericht argumentiert zwar für einen Anspruch von trans* Personen auf juristischen Schutz und Gleichbehandlung, bestärkt in der Begründung aber ein biologistisches und binäres Geschlechterverständnis, das die gelebte Vielfalt von Geschlecht und die Existenz von nicht-binären trans*, von inter* und agender Personen nicht anerkennt.2 Die Brisanz dieser Entscheidung ist, dass sie aufgrund der Klage einer Frauenrechtsgruppe bis in die höchste Instanz des britischen Rechtssystems getragen wurde. Sie ist damit ein weiterer Kulminationspunkt der gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA und Europa, die wir seit einigen Jahren und über unterschiedliche politische Lager hinweg beobachten können: Die offene Feindseligkeit gegenüber trans* Personen allgemein und Transmisogynie im Besonderen nimmt dramatisch zu. Sie lässt sich als Teil eines sogenannten Anti-Genderismus begreifen, der bereits seit über einem Jahrzehnt als ideologischer Kitt zwischen unterschiedlichsten Haltungen fungiert: Er verbindet Konservative mit religiös-fundamentalistischen Gruppen sowie rechten Bewegungen, aber eben auch mit Gruppierungen, die sich selbst als links und/oder feministisch verstehen.3 Die politische Forderung nach trans* Rechten wird in vorgeschobenen, gleichermaßen sexistischen wie anachronistischen Debatten um den Schutz von (cis) Frauen und Kindern delegitimiert. Die Existenz, die Erfahrungen und Bedarfe von trans* Personen werden abgewertet oder gar geleugnet.
Autoritäre Politiker*innen mobilisieren erfolgreich diese transfeindlichen Ressentiments der Bedrohung und betreiben mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung diskriminierende Politiken. In den USA hat der aktuell amtierende Präsident am Tag seiner Vereidigung per Dekret verfügt, dass es nur noch zwei Geschlechter gebe: männlich und weiblich. Ausweisdokumente müssen seitdem wieder dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechen. Die Lebenswirklichkeiten und Existenz von trans* und inter* Personen werden damit negiert. Gleiches gilt in Ungarn: Dort wurde am 14. April 2025 die Geschlechterbinarität als angeblich biologische Gewissheit ab Geburt in der Verfassung verankert.
Zum 1. November 2024 ist in Deutschland nach langen Kämpfen von Interessengruppen und Aktivist*innen das sogenannten Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Kraft getreten, das es ermöglicht, allein über eine Erklärung im Standesamt den Vornamen und den Geschlechtseintrag offiziell ändern zu lassen, was insbesondere für trans*, inter* und nicht-binären Menschen eine enorme Verbesserung darstellt. Bei aller notwendigen Kritik an der konkreten Ausgestaltung dieses Gesetzes, ist das SBGG als Errungenschaft festzuhalten, die eine große Erleichterung bedeutet angesichts der langwierigen, kostspieligen und erniedrigenden Prozeduren, derer es vorher bedurfte.
Nur wenige Monate nach Inkrafttreten des SBGG wird es bereits jetzt erneut zur Debatte gestellt. In den Koalitionsgesprächen zur Bundesregierung haben sich CDU/CSU und SPD nicht, wie von Konservativen gefordert, auf eine direkte Abschaffung des SBGG geeinigt. Es soll jedoch bereits im Juli 2026, und damit nach weniger als der Hälfte der ursprünglich geplanten Zeit von 5 Jahren, evaluiert werden. Die knappe Erläuterung zu diesem Vorhaben zeigt bereits an, auf welcher diskursiven Ebenen diese Evaluation stattfinden wird: Erneut werden Kinder, Jugendliche und Frauen – gemeint sind offenbar allein cis Frauen – vorgeschoben, die es zu schützen gelte.4 Die vorgebrachten Punkte weisen eine große Anschlussfähigkeit an Desinformations- und Hasskampagnen auf, die trans* Personen – insbesondere Frauen – immer wieder als eine Bedrohung darzustellen versuchen. Trans* Rechte werden damit erneut zur Disposition gestellt.
Diese nur schlaglichtartig angeführten jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug auf trans* Rechte verstehe ich als Symptom autoritärer Politiken und Faschisierungen, die sich derzeit massiv und rasant ausbreiten und verankern.5 Die in diesem Buch entwickelten Erkenntnisse sind insofern historisierend zu verstehen: Die Analysen liefern keine Beschreibung dessen, wie Selbstdokumentation von trans* Personen heute stattfindet. Während meiner damaligen Forschung zu trans* Selbstdokumentation auf YouTube galten für trans* Personen andere Bedingungen, um den Vornamen und den Geschlechtseintrag ändern zu lassen: Bis November 2024 war in Deutschland das sogenannte Transsexuellengesetz (TSG) von 1980 in Kraft. Bereits 2011 hatte das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass das TSG in Teilen gegen das Grundgesetz verstieße und hatte entsprechend Überarbeitungen gefordert. Auf Basis des TSG wurde jedoch weiterhin ein umfassender Dokumentationszwang für diejenigen begründet, die eine geschlechtliche Transition durchführen (lassen) wollten: Betroffene mussten zu einer gerichtlichen Anhörung erscheinen, vorab zwei psychologische Gutachten sowie ärztliche Bescheinigungen einholen und monate- oder sogar jahrelang therapeutische Beratung und Begleitung in Anspruch nehmen. Dieses Prozedere war teuer, langwierig und schon deswegen emotional extrem belastend – von zum Teil erniedrigenden Situationen in den ärztlichen oder therapeutischen Befragungen ganz zu schweigen.
Unter diesen Bedingungen ist es kaum zu überschätzen, dass sich auf YouTube seit Anfang der 2000er Jahre die Möglichkeit bot, unabhängig von diesen Institutionen und ihren Vorgaben als trans* Person sichtbar zu werden und Anerkennung zu finden. Aus meiner in Deutschland angesiedelten Forschungsperspektive habe ich mich mit deutschen Vlogs und stark auch mit solchen aus Nordamerika und Großbritannien beschäftigt, da sie einflussreich waren für ein Selbst- und Community-Verständnis dessen, was es heißen und wie es aussehen konnte, trans* zu sein.
Für die Selbstverständlichkeit, heute trans* zu sein und es morgen (weiter) werden zu können, setzen sich viele trans* Aktivist*innen und Forscher*innen, Künstler*innen und Vlogger*innen unterschiedlichsten Risiken aus. In ihrer Sichtbarkeit eröffnen sie für sich und andere die vorstellbare Möglichkeit, die Gegenwart nicht nur zu überleben, sondern sie als trans* Personen zu erleben und für die eigene Existenz eine Zukunft zu imaginieren. Allein die Forschung der letzten Jahre in den Trans Studies ist so reich und vielfältig, dass es, wollte ich sie in der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit in meinem Buch berücksichtigen, permanent ein anderes Buch werden und damit nie zu einer Druckfassung kommen würde. Hier braucht es ein vorläufiges Ende.
An vielen anderen Stellen braucht es dringend Neuanfänge, Veränderungen und zugleich die Möglichkeit, im Wandel zu bleiben – im Streben danach, dass sich, wie in den Vlogs, Trans*sein in all seinen Brüchen und Zweifel, Freuden und Unsicherheiten, in seinem Begehren und seiner Lust entfalten kann, ohne angefeindet, angegriffen oder negiert zu werden.
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