
Bei den trans* Vlogs mit Testosteron handelt es sich mit Deleuze/Guattari um Gefüge.1 Gefüge verbinden Begehren und Techniken, gehen aber auch aus diesen komplexen Verschränkungen von Praktiken und Begehren, Medien und Substanzen erst hervor. Somit sind auch Begehren und Techniken dem Gefüge nicht vorgängig. Auf die Vlogs übertragen heißt dies, dass Hormon und Plattform nicht vorgängig als Objekte für eine Nutzung zur Verfügung stehen oder voluntaristisch eingesetzt werden könnten. Als Gefüge entziehen sie sich einer ontologischen Bestimmung und produzieren zudem Überschüsse, die epistemisch nicht eingeholt werden können. Es entstehen Zeitlichkeiten, die z. B. mit Staunen, Verwunderung, Sorgen verbunden sind – affektive Effekte der Medien, die die Transitionen nicht deterministisch prägen, sie aber gleichwohl mit hervorbringen. Hierbei stehen Geschlecht und Medien in einem komplexen Wechselverhältnis. Bei der Analyse der trans* Vlogs ist deutlich geworden, dass diese in Bezug auf Männlichkeiten sowie die Zeitlichkeiten einer Transition von Begehren durchdrungen sind. In diesem Sinne müssen sie stets prozessual und dynamisch gedacht werden. Die Abläufe sind weder linear noch teleologisch und somit weder strategisch planbar noch bewusst zu lenken.
Vor diesem Hintergrund ungewisser, aber dennoch oder gerade deswegen begehrter Zeitlichkeiten ist es lohnenswert, nach dem bisherigen Fokus der Analysen auf Testosteron und Zeitlichkeit noch einmal explizit auf die Praktik der (Selbst‑)Dokumentation zurückzuführen. Dies erlaubt mir, die Vlogs an die Frage nach dem Status des Dokumentarischen zurückzubinden.2 Was bedeutet das Dokumentarische, wenn es aus der Perspektive des Gefüges betrachtet wird? Das Dokument, beispielsweise in Form des Ausweises, des Gutachtens, der Urkunde oder des Zertifikats, beglaubigt, verbürgt sich für die Richtigkeit von Informationen, die es sammelt und bewahrt, für die Echtheit des Subjekts, auf das es ausgestellt ist. Es ist über die ausstellende Institution mit einem Anspruch auf Autorität und Authentizität ausgestattet, wird jedoch seinerseits erst zum Dokument, indem es diese Eigenschaften annimmt oder zugesprochen bekommt. Herausgefordert ist das Dokument dort, wo seine Echtheit angezweifelt wird und diese Eigenschaften unsicher erscheinen.
Eine Herausforderung erfolgt jedoch auch dann, wenn das, was zur Dokumentation kommen soll, die Eigenschaften der Echtheit, des Authentischen, der Identität und der Autorität zurückweist. Geschlecht, und das meint hier insbesondere die vergeschlechtlichten Körper, stehen demnach in einer machtvollen Dynamik von Zugriffen und Rückzügen. Die Zweischneidigkeit von Dokumentation zwischen Zurichtung und Anerkennung bedeutet für trans* Personen und ihre Transitionen Konsequenzen, die anhaltend diskutiert und problematisiert werden. Diese Konsequenzen sind für trans* Männer in besonderer Weise relevant, denn »Männlichkeit ist kulturell auf andere Weise als Weiblichkeit auf Echtheit verpflichtet«.3
Mein erneuter Hinweis auf den immensen Dokumentationszwang für trans* Personen einerseits sowie andererseits den Wunsch, eine Transition selbstbestimmt dokumentieren zu können, dient hier dazu, den Blickwinkel auf trans* Vlogs abschließend noch einmal zu verschieben. Die bisher geleisteten Untersuchungen haben die Zeitlichkeiten des Testosterons im Kontext der trans* Vlogs auf YouTube als queere Zeitlichkeiten ausgewiesen. Demnach kann Testosteron im Gefüge mit YouTube selbst als soziales Medium beschrieben werden, das durch die zeitgleiche Erfahrung in den Vlogs Verbindungsqualitäten von unterschiedlicher Vulnerabilität und prekärer Zeitlichkeit herstellt. Im Folgenden möchte ich nun durch eine Umkehr der Perspektive auch YouTube mit Hilfe von Testosteron in einer Weise betrachten, die die Zeitlichkeiten dieser Plattform in ihrer Funktion als Sammlung und Verwahrung der trans* Vlogs verdeutlichen kann. Hierbei gehe ich davon aus, dass die trans* Vlogs als Medien der Transitionen zeitlich gefasste digital-mediale Phänomene sind, die ihr konstitutives Potenzial, (un)mögliche Zukünfte zu eröffnen, nur entfalten können, indem sie sich gleichzeitig zu verschiedenen Vergangenheiten, Erinnerungen und Tradierungen in Beziehung setzen beziehungsweise selbige überhaupt erst gestalten.
Deshalb rücke ich in diesem letzten Kapitel die zwar stets mitgeführte, aber weniger explizit adressierte Dimension der Vergangenheit(en) in den Fokus. Untersucht werden soll, wie unter Anerkennung des Begehrens nach wie auch der herausfordernden Umstände einer Herstellung von trans* Archiven und trans* Geschichte(n), die trans* Vlogs Eingang in trans* Archive finden. Diese Verschiebung des Interesses auf Vergangenheit(en) bedeutet keine Veränderung der Blickrichtung, da sich Zeitlichkeiten bereits als nicht-linear herausgestellt haben und entsprechend nicht als eine Abfolge von Erlebtem betrachtet werden können, das entweder vor oder nach einer gegenwärtig erfahrenen Zeit läge. Vielmehr trägt dieser veränderte Fokus einer Beobachtung Rechnung, die auch die Autor_innen einer Sonderausgabe der Somatechnics zu »Trans Temporalities« machen:
It should be noted that while the future may be a time/place in which trans temporality studies feels most easily ›at home,‹ trans pasts — subjective or historical — are a trickier matter. For example, what kind of trans is a person before they understand themselves as trans? If, as Trish Salah notes in her article for this special-issue, many trans people ›cease being trans through transitioning‹ (p. xx in this issue), how do we attend to the pre-trans subject’s trans embodiment, if we can call it ›trans‹ at all? We wonder whether this largely unanswered question suggests the transnormative temporality of ›born in the wrong body‹ still maintains a hold on how we consider the full lifetime of trans subjects.4
Bezeichnenderweise ist diese Bemerkung selbst lediglich in einer Fußnote angefügt und lagert damit die Frage nach der Beschäftigung mit ›vergangenen‹ Zeiten gewissermaßen aus. Dabei ist das Interesse an einer Suche nach und damit gleichzeitig der Herstellung von Vergangenheit(en) auch in trans* Kontexten groß und manifestiert sich insbesondere in einem Begehren nach Archiven und der Diskussion archivarischer Praktiken, die in der Lage sein könnten, Trans*sein als lebbar zu erzählen und zu bewahren. In den Trans Studies zeugen davon in den vergangenen Jahren unter anderem eine Sonderausgabe des Journals Transgender Studies Quarterly »Archives and Archiving« sowie drei Jahre später eine weitere zu »Trans*historicities«, deren Herausgeber_innen unter diesem Neologismus Methoden und Praktiken versammeln, die entsprechende Beobachtungen und Begegnungen ermöglichen: »providing language to describe embodiment across time, and forging a creative space in which evidentiary and imaginative gestures might meet«.5 Die in dieser Ausgabe veröffentliche Roundtable-Diskussion befragt zudem die Geschichtlichkeit der eigenen Perspektiven und entwirft Fluchtlinien für gegenwärtig gefragte Theoriebildung in queertheoretische Debatten hinein.6 Die beteiligten Forscher_innen aus den Trans Studies und der Queer Theory stellen ihre jeweiligen theoretischen Zugänge zur komplexen Durchdringung von trans*, Zeitlichkeiten und Geschichte explizit ins Verhältnis zu Positionen, die 2007 in einer für queertheoretische Forschungen zu Zeitlichkeiten maßgeblichen und ebenfalls als – wenn auch schriftlichen – Roundtable-Diskussion geführten Auseinandersetzung entwickelt wurden.7
Ebenfalls seit 2007 bestehen die Transgender Archives an der Universität von Victoria, die, so Mitbegründer Aaron Devor, als »Grundlagen für die Zukunft« (foundations for the future) fungieren.8 Sie sind demnach nicht nur in einer zeitlichen Ordnung sehr eindeutig und buchstäblich verankert, sondern sogar selbst als Verankerung verstehen, worauf ich später noch zurückkommen werde. In Hamburg gründete sich 2013 das Lili Elbe Archiv als »unabhängiger Ort zur Überlieferung der eigenen Geschichte nicht-normativer Geschlechtlichkeiten« innerhalb Deutschlands.9 Es ist angeschlossen an das US-amerikanisch geprägte, aber an globalen Inhalten interessierte Dokumentations- und Recherchenetz Digital Transgender Archive, das seit 2015, wie es im Selbstverständnis heißt, dem Vorhaben folgt: »to increase the accessibility of transgender history by providing an online hub for digitized historical materials, born-digital materials, and information on archival holdings throughout the world«.10
Im Schwulen Museum in Berlin war von November 2019 bis März 2020 die Ausstellung »TransTrans – Transatlantic Transgender Histories« zu sehen, die mit Fokus auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts trans* Geschichten mittels Archivarbeit erzählbar machte. Dafür spannen die Kurator_innen ein TransTrans-Netzwerk auf, das auch optisch interpretiert wird: Im Eingang zum Ausstellungsraum finden sich auf einer mehrere Meter langen und hohen Wand Namen und Fotos von trans* Personen sowie zeitgenössische Veröffentlichungen, die für das jeweilige/damalige Selbstverständnis als trans* maßgeblich sind/waren. Des Weiteren sind sexual- und hormonwissenschaftliche oder medizinische Forscher (sic!) sowie deren Institutionen notiert. Die Wand ist senkrecht in farbige Bahnen unterteilt, die Bahnen wiederum markieren jeweils spezifische, für den Entwurf dieser trans* Geschichten einschlägige Orte und Zeiträume. Die Personen, Texte und Institutionen sind über kleine, runde Täfelchen den verschiedenen Bahnen zugeordnet und damit räumlich und zeitlich situiert – unter anderem Lili Elbe in »Berlin 1900–1933«, Eugen Steinach in »Wien/Vienna 1910–1940« und Carla Erskine in »San Francisco 1904–1966«.11 Trotz dieser konkreten Verortungen und der horizontalen Anordnung der örtlich markierten Zeitabschnitte ergibt sich auf Basis dieses Netzwerks keine lineare oder kausale Erzählung von trans* Geschichten: Zu groß und zumeist überlappend sind die jeweiligen Zeitrahmen angegeben. Zudem sind alle Täfelchen entsprechend der Beziehungen und Kontakte der jeweils benannten Personen und Institutionen über Fäden miteinander verbunden. Aus den vielen Fäden, die sich zum Teil quer über die Wand spinnen, ergibt sich ein Netzwerk der Überkreuzungen und Verdichtungen. Auch wenn aufgrund der Statik der Installation in diesem Netzwerk optisch erneut Zentren und Peripherien entstehen und manifestiert werden, so lassen sich die Verbindungen darin doch auf vielfältige Weisen nachvollziehen und erzählbar machen.
Der Name der Ausstellung »TransTrans« deutet auf den ersten Blick allein auf eine doppelte Bedeutung des Transits oder der Transition hin, in diesem Fall auf die geschlechtlichen Übergänge sowie die Bezüge zwischen Personen und Räumen, die in Europa, den USA und Nordafrika lokalisiert werden. Bei näherer Betrachtung des kuratorisch vielfältig ausgesponnenen Netzwerks ergibt sich über diese Doppelstellung der Vorsilbe trans der Eindruck einer Multiplizierung oder sogar Potenzierung dieser Übergänge und ihrer Geschichten: Ein Besuch der Ausstellung lässt sich an verschiedenen Stellen beginnen und in unterschiedliche Richtungen fortsetzen; es ist möglich, in Schleifen wieder zu vorherigen Orten oder Personen zurückkommen und von dort anderen Fluchtlinien zu folgen. Der Eindruck der Potenzierung verstärkt sich, wenn die Voraussetzungen dieses Netzwerks berücksichtigt werden: Es ist gesponnen anhand vornehmlich privater Kommunikation, von Briefen und Fotos, die freundschaftliche Verbindungen materialisieren. Aus diesem Wissen deutet sich ein affektiver Überschuss an, ein Potenzial für zukünftige Leben, das auf vielfältigen und geteilten Erfahrungen und Wissen beruht, das die Wandinstallation selbst nicht einholen kann. Wohl aber stellt sie verschiedene Formen der Dokumentation, private wie öffentliche, informative Filme sowie Fotos aus vertrauten Kontexten in ein Verhältnis zueinander und problematisiert dabei die Anerkennung von Dokumenten, die sich insbesondere aus der noch immer hegemonialen Prägung von trans* Geschichten durch pathologisierende Forschungen und Veröffentlichungen ergibt. Dieser Überschuss steht jedoch auch in Verbindung zu einem sehr wohl in der Ausstellung thematisierten, jedoch nicht in der Installation notierten Entzug: TransTrans erzählt Geschichte(n) von trans* Frauen. Trans* Männer sind in dieses versponnene Netzwerk nicht aufgenommen. Ebenfalls abwesend sind Schwarze Personen und Personen of Color.12
In der Auseinandersetzung darum, »was als ›trans‹ gilt, was als Nachweis gilt« (what counts as ›trans‹, what counts as evidence),13 stellt sich einmal mehr die Frage, wie insbesondere trans* Körper in ihrer Materialität Eingang in Dokumentationsweisen finden und in archivarischen Suchen auffindbar werden können. Diese Auffindbarkeit zielt nicht in erster Linie darauf ab, Fotografien von oder schriftliche Dokumente über trans* Körper aufspüren, versammeln und zugänglich zu machen. Vielmehr liegt der Einsatz darin, die Materialisierung einer spezifischen Zeitlichkeit des lebendigen Körpers dokumentieren zu können. Dies gilt insbesondere für die trans* Vlogs auf YouTube, deren mediale Anordnung in besonderer Weise Möglichkeiten dieser Materialisierungen bereithält, deren archivarischer Gestus aber im Folgenden noch zu klären ist. Eine entsprechende Herausforderung an archivarische Praktiken ist begleitet von sehr pragmatischen Überlegungen in terminologischer und taxonomischer Hinsicht: Da trans* als Selbstbezeichnung noch relativ jung ist, müssen zum einen ältere Dokumente und Materialien stets in Rücksicht auf die Umstände ihrer Entstehung auf eine solche retrospektive Einordnung befragt werden.14 Zum anderen gilt es zu bedenken, dass ›trans*‹ kein hilfreicher Suchbegriff in Datenbanken ist, obgleich der Asterisk für die aktivistische und mittlerweile auch theoretische Anerkennung einer Offenheit von ›trans‹ gerade in Anlehnung an die Funktion eines Platzhalters (Wildcard) aus der digitalen Datenverarbeitung übernommen worden ist: Dort steht er für die mögliche Ergänzung beliebiger und beliebig vieler Zeichen, was folglich bei einer digitalen Suche zu einer immensen Breite möglicher Ergebnistreffer führt und in dieser fehlenden Spezifik für eine präzise Suche ungeeignet ist.
Die Popularität der trans* Vlogs auf YouTube verstehe ich ebenfalls als Ausdruck eines Begehrens nach einem trans* Archiv.15 Wie bereits erwähnt, gehe ich hierbei davon aus, dass die trans* Vlogs nicht nur an bestehende (visuelle) Archive von vergeschlechtlichten und rassifizierten Körpern anknüpfen und sie umarbeiten, sondern selbst auch archivarische Praktiken entwerfen. Mein Interesse besteht also nicht darin, trans* Personen in spezifischen Vergangenheiten zu lokalisieren oder anhand historischer Biografien genealogische Verbindungen zu heutigen Lebensweisen als trans* zu entwerfen oder die Entstehung von Archiven über die Jahrhunderte hinweg zu verstehen.16 Vielmehr interessieren mich die archivarischen Praktiken der trans* Vlogs auf YouTube insofern, als die von mir vorgenommenen Perspektivierung Fluchtlinien in die Geschichte audiovisueller Medien und deren Anspruch dokumentarischer Autorität entwirft, wie sie sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Fotografie und im Film herausbilden.17 Die geschlechtlichen und rassifizierenden Effekte dieser Medien in ihren dokumentarischen Ansprüchen sind es, die auch gegenwärtige Dokumentationszwänge für trans* Personen von Seiten medizinisch-therapeutischer sowie juristischer Institutionen bedingen und ebenfalls zeitgenössische Selbstdokumentationen mit und in den trans* Vlogs begleiten. Vor diesem Hintergrund könnte der Eindruck entstehen, dass die exzessive Selbstdokumentation der trans* Vlogger lediglich eine Ausweitung der institutionalisierten Dokumentation bedeutet. Gleichzeitig aber vollzieht die selbstdokumentarische Praktik der trans* Vlogs auf YouTube dank ihrer spezifischen medialen Bedingungen auch eine gegendokumentarische Intervention, die Widerständigkeiten gegen hegemoniale institutionelle Zugriffe erzeugt.18
Um derartige Interventionen erklären zu können, frage ich zudem, durch welche Eigenschaften oder Effekte gewisse Archive und ihre Praktiken als trans* zu beschreiben sind. Vor dem Hintergrund meiner bisherigen Analysen der Zeitlichkeiten der trans* Vlogs formuliere ich die Hypothese, dass deren archivarische Praktiken die materialisierten Zeitlichkeiten der transitionierenden Körper sowohl dokumentieren und darüber (un)mögliche Zukünfte eröffnen als auch dafür sorgen, dass die spezifischen medialen Bedingungen dieser Selbstdokumentation einen Entzug dieser Körper und ihrer Zeitlichkeiten ermöglichen. Damit muss sich trans* als Äußerungsform und Lebensweise nicht in einer Fluchtlinie historischer Eindeutigkeit verankern oder als eindeutige Geschichte erzählen. Ebenso wie die Transitionen und die Vlogs zeitlichen Rhythmen und Wiederholungen folgen, ist auch das trans* Archiv auf YouTube auf Wiederholungen und Updates angewiesen, damit es als Archiv funktionieren kann. Von Interesse sind hierbei aber nicht zuvorderst die konkreten Videos, die in diversen Kanälen hochgeladen werden. Vielmehr zeichnet sich das Archiv durch die Affekte aus, die mit und in den Videos entstehen und die eine Art des Empfindens einrichten, die ebenso wie die Körper auf (un)mögliche Zukünfte spekuliert.
Um diese Hypothese zu überprüfen, werde ich sowohl auf die Analyse rassistischer visueller Archive Schwarzer Männlichkeiten zurückkommen als auch auf das bereits erwähnte queertheoretische »archive of feelings«.19 Letzteres versammelt bereits Antworten auf die Frage, wie etwas Eingang in ein Archiv finden kann, das sich strukturell der katalogisierten Verwahrung oder Aufbereitung entzieht und/oder nicht als bewahrenswertes Wissen anerkannt, nicht zum Dokument wird. Dies betrifft insbesondere Objekte, Kunstwerke und auch Ephemera, die mit kollektiven wie individuellen Traumata aufgrund sexueller, geschlechtlicher oder rassifizierter Gewalt, Vertreibung oder Unterdrückung verbunden sind.20 Eine solche queertheoretische Intervention in Ansprüche des Dokumentarischen möchte ich an dieser Stelle mit Testosteron als sozialem Medium verbinden, das wiederum eine leicht veränderte Perspektive auf solche emotionalen Archive erfordert und es ermöglicht, die prozessuale Materialität des Archivierens in den Blick zu nehmen. Denn das Testosteron verändert Körper und Zeitlichkeiten, verändert Geschlecht und das Archiv. In seiner Berücksichtigung als soziales Medium kann zudem adressiert werden, dass diese Veränderungen kollektiv erfolgen. Damit ist nicht gesagt, dass die Veränderungen überall immer gleich und die damit gemachten Erfahrungen homogen seien. Im Gegenteil: Die bei aller Ähnlichkeit sich immer auch realisierenden Ausbrüche, Abweichungen und Auslassungen seiner Effekte ermöglichen eine kollektive Erfahrung der Differenz, die überhaupt erst die Voraussetzung für eine solidarische Community und die politische Bedeutung der trans* Vlogs bilden.
Die kollektiven und solidarischen Praktiken des trans* Vloggens können die sich kulturell weiterhin einschreibenden Rassifizierungen und Vergeschlechtlichungen nicht ausblenden oder gar überwinden. Wenn ihre Einbettung in die digitale Umgebung YouTube dabei auf eine Weise erfolgt, die digitale Zeitlichkeiten als potenziell auch queere und sozial geteilte Zeitlichkeiten ausweist, die sich als widerständig gegenüber pathologisierenden Zuschreibungen und der vermeintlichen Notwendigkeit einer stringent linear verlaufenden Transition erweisen, soll und kann diese Queerness nicht über rassistische Ausschlüsse auch innerhalb queerer Räume und Praktiken hinwegtäuschen. Zukünfte stehen nicht zwangsläufig hierarchisch, wohl aber deutlich unterschiedlich auf dem Spiel. Die Attribuierung der Zeitlichkeiten als ›ge-teilt‹ verweist auf diese paradoxe Erfahrung von Zeitlichkeiten in den trans* Vlogs: Meint ›geteilt‹ einerseits die in den Vlogs mitgeteilten und anvertrauten Erfahrungen, die wiederum von weiteren ebenso oder ähnlich gemacht wurden und in diesem Sinne ein weiteres Mal geteilt und gemeinsam erfahren werden, meint es andererseits auch die Differenzen und Brüche in den Erfahrungen, die sich mit dem Erleben rassistischer, sexistischer und weiterer Gewaltformen ergeben. Spielt ›ge-teilt‹ darüber hinaus zum einen auf die optionale digitale Praktik des Teilens einzelner YouTube-Videos über Links, Einbettungen und Weiterleitungen an, bedenkt diese Schreibweise zum anderen die ebenso bestehenden Differenzen zwischen individuellen Transitionen sowie die diskontinuierlichen Prozesse oder auch die – in Rhythmen aus Verschreibung, Verabreichung und Veränderung zerteilten – Testosteronzyklen innerhalb einer als Transition erzählbar gemachten Veränderung einzelner Vlogger. Diese in mehrfacher Weise ge-teilten Zeitlichkeiten – als gemeinschaftlich erfahrene und dennoch auch voneinander verschiedene, als weder in individuellen Transitionen kontinuierliche noch im Vergleich zwischen ihnen synchrone – ist konstitutiv für ein Verständnis der archivarischen Funktion von trans* Vlogs.
Die Vlogs von itsGOTtobegroovy, gorillashrimp, Jammidodger und uppercaseCHASE1 sind jeweils auf Einzelpersonen bezogene Kanäle auf YouTube. Ganz zu Beginn dieser Arbeit habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die Nennung der Vlogger unter dem Namen ihres jeweiligen Kanals als Alias in Anerkennung dessen geschieht, dass die Subjektivierung als trans* sich konstitutiv mit und in den Vlogs vollzieht. Die Wahl eines eigenen Namens für den jeweiligen Kanal ist ein bemerkenswertes Moment der Selbstidentifizierung, sofern gerade die Anerkennung des selbstgewählten Namens im Unterschied zu dem, der bei der Geburt notiert wurde, für viele eine immense Veränderung in der eigenen Lebensqualität bedeutet. Im Beharren auf diesen Profilnamen soll nun nicht behauptet werden, uppercaseCHASE1 wäre gleichsam ein Avatar und lediglich eine digitalisierte Stellvertretung von Chase Ross – so der Name des Vloggers.21 Es betont im Gegenteil die konstitutive Durchdringung alltäglicher Lebenserfahrung von trans* Vlogs als digital-medialen Gefügen. Die Subjektivierung vollzieht sich in und mit den Videos, die jeder einzelne Vlogger auf seinem persönlichen Kanal hochlädt.
Es gibt jedoch auch Kanäle, die als gemeinschaftliches Projekt angelegt sind und Videos verschiedener Vlogger_innen vereint. Dabei handelt es sich nicht um Videos, die bereits auf Kanälen von Einzelpersonen hochgeladen und nur verlinkt oder in anderer Zusammenstellung gesammelt würden. Die Videos werden stattdessen für einen gemeinschaftlichen Kanal produziert und dort zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel auf Trans*Planet, einem Kanal, der seit Februar 2016 einige Jahre lang aktiv betrieben wurde.22Im Mai 2025 existiert er nicht mehr. Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf den Stand des Kanals im März 2020. In der Titelgrafik dieses deutschsprachigen Kanals steht weiß auf schwarz: »Erzähl der Community deine Geschichte«. Neben dem Schriftzug finden sich comicartige Zeichnungen eines grünen Planeten und einer bunten Rakete, die in Richtung dieses Planeten fliegt, auf dem in weißer Schrift »Trans*Planet« steht. Den Planeten scheint eine Art Atmosphäre oder heller Schein zu umgeben. Trans*Planet schreiben in ihrer Kanalinfo über sich selbst:
Du hast etwas zu erzählen? Du bist vielleicht gerade frisch geoutet, seit drei Tagen auf Hormonen oder mitten in der Vornamens- und Personenstandsänderung? Perfekt! Erzähl uns und der Community deine Geschichte :) Bei und [sic] gibt es keine festen Wochentage, keine Vertreter, kein Wochenthema und keine Verpflichtung regelmäßig Videos zu machen. Dafür bieten wir dir eine sichere Plattform und viele Freiheiten :)23
Ohne dass genauer erkennbar wäre, wen dieses ›uns‹ konkret umfasst, lässt sich anhand der auf diesem Kanal hochgeladenen Videos feststellen, dass es sich bei Trans*Planet um ein Kollektiv von Vlogger_innen handelt. Teil dieses Kollektivs und damit gewissermaßen Bewohner_innen des Trans*Planeten können offenbar alle werden, die sich der Selbstbezeichnung trans* zugehörig fühlen, unabhängig von einer expliziten geschlechtlichen Zuordnung, beispielsweise als trans* Mann. Mit Blick auf die Playlisten, anhand derer die Videos eines Kanals grundsätzlich thematisch sortiert werden können, zeigt sich jedoch, dass die überwiegende Mehrzahl der Vlogger_innen sich (eher) männlich identifiziert – sofern man die jeweiligen Vornamen in den Titeln der jeweiligen Playlisten als Indiz dafür nehmen möchte. Wählt man als User_in jedoch keine der auf dem Kanal angelegten Playlisten explizit aus, werden einem unter dem Reiter »Videos« des Kanals die Videos aller Vlogger_innen ohne weitere Sortierung außer der absteigenden Chronologie des jeweiligen Uploaddatums angezeigt.
Beim Scrollen durch diese Seite überrascht es nicht, dass die Vorschaubilder der Videos aller Vlogger_innen relativ ähnlich aussehen: Sie zeigen die zu erwartenden Talking Heads in privaten Umgebungen.24 Die visuelle Ästhetik der Videos ist aus der Untersuchung der von Einzelpersonen bespielten trans* Vlogs ebenso vertraut wie die Titelgebung der Videos: Es werden Updates gepostet, Timelines der Transitionen erstellt und trans* bezogene Themen besprochen wie »Welcher Binder ist der richtige?«, »Woher wusste ich, dass ich trans* bin?« oder »MEIN OUTING bei Familie & Freunden«. Bei den Update-Videos ergibt sich jedoch nun ein aus Perspektive der Zeitlichkeit interessanter Effekt: So steht das Video mit dem Titel Leo | 1 Jahr auf Testo 
/ Voice Timeline+Update in der Übersicht aller Uploads direkt neben Jamie | 7 Monate Testo und Life-Update«, das Video Fynn - 6 Monate Testo | Trans*Planet neben Luca - 1 Monat Testo Update | Trans*Planet. Immer wieder tauchen zwischen den thematisch breiter angelegten Videos solche Update-Videos verschiedener Vlogger auf, die in bereits bekannter Weise die Dauer der Hormonbehandlung als Zeitraum ›auf Testo‹ festhalten. In diesem Zusammenkommen der Videos und Vlogger tritt die bereits für die Individualvlogs beschriebene Multiplizierung von zerstrebenden, sich verwickelnden, wiederholenden und abbrechenden Zeitlichkeiten auf die sichtbare Oberfläche der Plattformstruktur. Die Transitionen verlaufen auch hier nicht linear, sie scheinen zu springen, auszusetzen, unvermittelt wieder aufzutauchen oder auch sich in Verschiebungen zu wiederholen: Auf Fynn – 3 Monate Testo Update | Trans*Planet folgt einige Wochen später Jason – 3 Monate Testo Update | Trans*Planet, darauf Sam – 3 Monate Testo Update | Trans*Planet. Wobei die Zuschreibung des Aufeinanderfolgens hier allein der visuellen Anordnung von Vorschaubildern zuzuschreiben ist: Die Transitionen der Vlogger verlaufen abgesehen davon in und mit ihren Videos neben- und durcheinander. Mit jedem weiteren Video, das auf diesem Kanal hochgeladen wird, verschiebt sich wiederum die visuelle Anordnung, neue Nachbarschaften und Nähen entstehen, andere Videos rücken über den optischen Zeilenumbruch und je nach Fenstergröße des Browsers auseinander.25
Damit stellen sich die Zeitlichkeiten der Vlogs in gewisser Weise quer zur Selbstbeschreibung des Kanals: Die rhetorische Frage, mit der dort zum Mitmachen aufgerufen wird – »Du bist vielleicht gerade frisch geoutet, seit drei Tagen auf Hormonen oder mitten in der Vornamens- und Personenstandsänderung?« – erkennt zwar an, dass es für verschiedene Personen in diesem Moment unterschiedliche Fokussierungen im Zusammenhang mit ihrer geschlechtlichen Transition gibt, die Formulierung ›oder‹ suggeriert dabei jedoch (unfreiwillig), die Ereignisse Coming-out, Beginn der Hormonbehandlung und juristische Prozesse fänden in einer gewissen Reihenfolge, zumindest aber nach- oder unabhängig voneinander statt. Die Zeitlichkeiten der Vlogs in ihren Schleifen und Auffächerungen legen aber nahe, dass ebenso gut eine diffuse Gleichzeitigkeit möglich wäre und der Aufruf folgendermaßen lauten könnte: »Du bist vielleicht gerade frisch geoutet, seit drei Tagen auf Hormonen und mitten in der Vornamens- und Personenstandsänderung?« Auch wenn der Kanal es in der rhetorischen Frage nicht so formuliert, diese Option queerer Zeitlichkeit mit ihren nicht kategorisierbaren Effekten und ineinander zerfließenden Bereichen findet sich in der zeitlichen und thematischen Offenheit der hochgeladenen Videos wieder.
In einem weiteren Satz der Selbstbeschreibung wird der Bezug zur Zeitstruktur explizit und wiederum offener: Es gebe auf diesem Kanal keine Wochenthemen und keine festen Wochentage. Dieser Hinweis wird verständlich, wenn man sich andere Kollektivvlogs anschaut, die bereits zu einem früheren Datum auf YouTube aktiv waren. So zum Beispiel MrThink Queer, ein ebenfalls deutschsprachiger Kanal, der im März 2012 angelegt wurde und dem der Kanal GermanTransformers vorausging.26 Dort ist es ein – jedenfalls über eine gewisse Zeit – fester Kern von Vloggern, die innerhalb einer Woche regelmäßig am ihnen zugewiesenen Wochentag ein Video zu einem vorher vereinbarten Thema erstellen und hochladen, wie zum Beispiel »Zweifel«, »FtM ohne OP«, »Freundschaft zu cis Männern« oder »Erwartungen an Testosteron«. Indem (zumeist) sieben Vlogger aus ihren individuellen Perspektiven zu den jeweils vereinbarten Themenschwerpunkten sprechen, entsteht ein Eindruck davon, wie Transitionen sowohl sehr ähnlich als auch gleichzeitig völlig unterschiedlich erlebt, beschrieben und gewünscht werden.27 Über diese Multiplizierung ergibt sich schon in einem einzelnen Kanal ein Effekt von Community-Bildung: Mehrere Vlogger bespielen den Kanal in gemeinsamer Anstrengung, in Absprache untereinander und im Austausch miteinander und sind zum Teil auch über die Vlogs freundschaftlich miteinander verbunden.
Statt jedoch festzuhalten, die Vlogger seien dort aktiv, muss ich möglicherweise schreiben, sie waren es vielmehr. Das jüngste Video dort ist im Mai 2020 noch immer von Juli 2018 und das vorletzte Video von Juni 2018 ist statt eines Update-Videos zu Testosteron ein »Update-Video […] zum Channel«,28 nachdem dort einige Wochen zuvor bereits kein Video mehr hochgeladen worden war: Man wisse nicht, was aus MrThink Queer werde, heißt es darin, weil die Themen ausgingen und die Aktivität der einzelnen Vlogger einschlafe. Im Folgenden werde ich noch genauer auf die Begründung zum Ende dieses Kanals eingehen, denn die Bemerkung, es sei schon alles gesagt, spielt unmittelbar auf die zu untersuchende archivarische Funktion der Vlogs an. Dabei sei auch angemerkt, dass dieses vermeintliche Ende weiterhin als ein vorläufiges zu sehen ist, denn das Vloggen ist, wie bereits gezeigt werden konnte, in Entsprechung der in diesem Kanal dokumentierten Transitionen ebenfalls unabgeschlossen – ein nächstes Update-Video ist immer noch möglich.
MrThink Queer findet an dieser Stelle Erwähnung, weil daran deutlich wird, auf welche Struktur Trans*Planet mit den Wochentagen und -themen verweist, um in diesem Verweis das Selbstverständnis für das eigene Vloggen davon abzugrenzen. Interessanter als die jeweilige Organisation der Kanäle im Einzelnen ist dabei die Geste dieses Verweises selbst. Sie macht darauf aufmerksam, dass es in und mit den trans* Vlogs seit der ubiquitären Ausbreitung des Web 2.0 eine Tradierung von Ästhetiken wie auch Praktiken gibt, die konstitutiv sowohl mit den Transitionen als auch mit der Praktik des Vloggens in Verbindung stehen: Die Regelmäßigkeit von Updates erzeugt hier Resonanzen mit der wöchentlichen Struktur von Themen und der Zuordnung einzelner Vlogger zu den jeweiligen Wochentagen. Insofern auch Tradierung als eine archivarische Funktion benannt werden kann, stellt sich einmal mehr die Frage, in welcher Form und mit welchen Effekten trans* Vlogs als Archive funktionieren können. Dabei sei angemerkt, dass nicht erst die Kollektivvlogs diese Frage aufwerfen: Auch die Vlogger auf Individualvlogs beschreiben oft, dass sie sich selbst durch die Vlogs anderer zum Vloggen animiert gefühlt hätten und diese Vlogs erste Anlaufstellen auf der Suche nach Orientierung oder Informationen zu trans* gewesen seien. Auch begreifen sich Vlogger zum Teil selbst sehr explizit in dieser Funktion des Role Models, das eine solche Anlaufstelle bieten kann.29 Auch dort finden sich demnach Tradierungen. Insofern erfolgt die Erwähnung der Kollektivvlogs nicht in Abgrenzung zu den Kanälen, die von einzelnen Vloggern bespielt werden. Vielmehr lässt sich an ihnen eine anschauliche Zusammenfassung der Erkenntnisse leisten, von denen aus ich eine archivarische Funktion von trans* Vlogs diskutieren kann.
Über YouTube als Archiv nachzudenken ist für eine Betrachtung der selbstdokumentarischen Praktik des trans* Vloggens aktueller und bedeutsamer, als die umfangreich vorhandene Literatur zu diesem Thema vermuten lässt. Bereits wenige Jahre nach dem Start von YouTube 2005 scheint die Frage nach dem archivarischen Status der Plattform so virulent wie auch schon überholt, wenn Pelle Snickars feststellt: »the ›archive‹ has appeared as a kind of guiding metaphor for the contemporary digital media landscape.«30 Die in diesem Zeitraum eines ersten Höhepunkts von medien- und kulturwissenschaftlichem Interesse an YouTube entstandenen Texte könnten derweil selbst als historische befragt werden: Welche notierten Erwartungen und Sorgen, Hoffnungen und Vorbehalte wurden in den 2000er Jahren dem archivarischen Funktionieren von YouTube als »Archiv-Cloud« (archival cloud)31 oder »digitale Wunderkammer« (digital Wunderkammer)32 zugeordnet? Doch möchte ich sie an dieser Stelle nicht im Einzelnen wieder aufrufen und retrospektiv auf den Gehalt ihrer prognostischen Richtigkeit prüfen.33 Es genügt hier festzustellen, dass die auch mit YouTube eingetretenen Veränderungen medialer Praktiken – vom Berufswunsch YouTuber_in über YouTube als Ort für journalistische wie aktivistische Berichterstattung zu YouTube als Anbieterin für kostenpflichtiges Streaming von Kinofilmen – gerade vor dem Hintergrund eines Plattformkapitalismus weiterhin kritisch zu begleiten sind. Als signifikanter Bestandteil eines medialen Alltags wirft die Plattform noch immer Fragen auf, die weiterhin auch für medienwissenschaftliche Überlegungen von Bedeutung sind.34 Die Frage nach der archivarischen Funktion von YouTube ist eine davon und von besonderer Bedeutung für diejenigen, deren Geschichte(n) und Leben zumeist keinen Eingang in etablierte Archive sogenannter Hochkultur finden, oder nur unter gewaltvollen Bedingungen wie rassistischer oder pathologisierender Zuschreibungen.
Trans* Subjektivierungen sind, wie Stryker bereits 2008 feststellt, konstitutiv mit dem Internet verbunden; dies gilt umso mehr und in noch komplexerer Weise seit der Popularisierung von sozialen Medien und insbesondere YouTube.35 Einzelne Texte verweisen dabei auch auf die Archivfunktion und ihre Bedeutung für einen emanzipativen trans* Aktivismus.36 Allerdings ist der Begriff des Archivs in diesen Zusammenhängen nicht konzeptionell darauf befragt worden, wie er in ein Verhältnis tritt zum archivierten Dokument, zur Dokumentation, zur archivierenden Institution und ihren Ausschlusskriterien, zu den Affekten und Begehren des Archivs und dem Prozess des Archivierens: Was genau wird archiviert? Das Wissen um institutionalisierte Vorgänge der Transition, ihre medizinischen und juristischen Voraussetzungen? Die Erfahrungen im Umgang und der Konfrontation mit diesen Anforderungen? Kommen die Körper zur Archivierung mit all den mit Testosteron eintretenden und ausbleibenden Veränderungen?
Mit der Frage nach den archivarischen Praktiken der trans* Vlogs geht es mir folglich nicht darum, ob oder inwieweit YouTube als ein privatwirtschaftliches Unternehmen eine Architektur anbieten könnte oder sollte, um als kanonisch verstandenes Bewegtbildmaterial zu bewahren und zur Verfügung zu stellen, wie in der anfänglichen Forschung zu YouTube mitunter überlegt wurde. Auch ist für die vorliegende Betrachtung weniger interessant, ob es sich mit YouTube um ein Informationssystem handelt, das entweder Archiv oder Datenbank oder Bibliothek ist oder von allen Funktionsweisen etwas vereint.37 Stattdessen ist nach wie vor und insbesondere für die Betrachtung von trans* Vlogs von großem Interesse, wie Selbst, Körperpraktiken und Medientechnologien mit, durch und auf YouTube zueinander ins Verhältnis kommen und was bzw. wie in eben diesen Prozessen der Referenzialität und Ko-Konstitution Momente des Aufbewahrens entstehen.
Am Beispiel von Home Dance-Videos als Phänomen der späteren 2000er Jahre arbeiten Kathrin Peters und Andrea Seier heraus:
Self-constitution and self-transgression go hand in hand: with the help of YouTube home dancing, the individual body is both rendered open to experience and deterritorialized, and also inscribed in a general archive of gestures, poses and images through imitation and procedures of repetition.38
Was Peters und Seier für (damalige) Home Dance Videos feststellen, gilt in ähnlicher Weise auch für zeitgenössische trans* Vlogs: der Körper schreibt sich über Imitation und Wiederholung in ein Archiv der Posen und Gesten ein. Die in den Update-Videos gängige frontale Positionierung zur Kamera betont die Schultern im Gegensatz zu einer eher seitlichen Ansicht des Körpers, in der unter Umständen die Brust als nicht flach (genug) wahrgenommen würde, um als männliche erkannt zu werden. Die Geste wiederum, beim Sprechen die Hand auf der eigenen Brust abzulegen oder überhaupt den eigenen Oberkörper mit der Hand zu berühren, ist so beiläufig vollzogen wie bedeutsam. Da in der Öffentlichkeit die Berührung des eigenen Körpers im Bereich der Brust bei Frauen als unangemessen, weil erotisiert gilt, beansprucht und realisiert diese Geste in den trans* Vlogs eine männliche Körperlichkeit.39 Grundsätzlich ist die visuelle Fokussierung auf den Oberkörper, wie sie der typische Bildausschnitt der Update-Videos forciert, eine solch typische Pose, die immer wieder zur Wiederholung und Imitation kommt. Das Spezifische der trans* Vlogs und ein Unterschied zu dem von Peters/Seier analysierten Archiv ist dabei, dass dieses Archiv der trans* Vlogs erst mit den Videos entsteht und es eine fundamentale Bedeutung für (un)mögliche Zukünfte, für ein Überleben annimmt. Es gibt kein vorgängiges Außen, wie es die Popkultur für die Home Dance Videos darstellt, auf das Bezug genommen und das dadurch zu einer Aktualisierung kommen könnte.40
Insofern die trans* Vlogs als selbstdokumentarische Praktiken in ein aufgrund der Medikalisierung und Pathologisierung spannungsreiches Verhältnis zu archivarischen wie (selbst‑)dokumentarischen Praktiken und Konventionen tritt, soll im Folgenden der Archivbegriff, wie er für die trans* Vlogs produktiv gemacht werden kann, in Berücksichtigung dieser Umstände präzisiert werden. An ihm können die vielschichtigen Zeitlichkeiten der trans* Vlogs mit Testosteron, das Begehren nach einer gemeinsamen wie individuellen Vergangenheit, der Wunsch und das Hoffen auf Zukunft, so (un)gewiss sie sein mag, und (un)mögliche Zukünftigkeit sowie die gegenseitige Durchdringung und Vermengung auch dieser zeitlichen Dimensionen deutlich werden. Damit lässt sich der theoretische Einsatz der vorliegenden Arbeit für queere Trans Media Studies noch einmal kondensieren.41
»Although data is scarce, there is little doubt that, today, YouTube provides the most vivid visual culture of trans self-representation, and is the archive that many — trans or not — turn to for information.«42 Tobias Raun stellt dies im Rahmen seiner Analyse zu trans* Vlogs fest, die er von 2009 bis 2012 durchgeführt hat, und 2020 hat diese Beobachtung noch Gültigkeit: Auch wenn die mediale Repräsentation von trans* Personen seitdem neben YouTube-Vlogs in Filmen, Serien und Dokumentationen quantitativ weiter zugenommen hat, bilden trans* Vlogs weiterhin ein, wenn nicht das Archiv für trans*, insofern dort das Expert_innenwissen von trans* Personen versammelt und YouTube darüber zu der Anlaufstelle für Recherchen unterschiedlichster Art wird. Es dient der Suche nach Information und Auskunft für Menschen, die selbst trans* sind, ihren Freund_innen und Angehörigen, anderweitig Interessierten oder auch jenen, die (noch) nicht wissen, ob sie sich in einer dieser Gruppen wiederfinden und wenn ja, in welcher.
Raun stellt den Aspekt der Demokratisierung und die darüber ermöglichte Herstellung von Community in den Mittelpunkt seiner Analysen zu trans* Vlogs als Archiven.43 YouTube mit seinen vergleichsweise niedrigschwelligen Zugangsbedingungen zur Eröffnung eines eigenen Kanals ermöglicht es trans* Personen, als Vlogger_innen die eigene(n) Geschichte(n) zu erzählen und die eigene Stimme im übertragenen wie buchstäblichen Sinn hörbar zu machen.44 Als »persönliches und kollektives Archiv auf YouTube« (personal and collective archive within YouTube)45 tragen die Vlogs dazu bei, Lebenswirklichkeiten von trans* Personen, die abseits pathologisierender Protokollierung keinen Eingang in institutionalisierte Archive finden, zu versammeln und das darin eingeflossene Wissen sowie die dokumentierten Erfahrungen öffentlich zugänglich zu machen.46 Dabei betont Raun unter Bezug auf Cvetkovichs ›archive of feelings‹, dass es insbesondere die Dokumentation der affektiven Dimension von trans* Erfahrungen ist, die einen gleichsam therapeutischen Charakter der Vlogs ausmache, und zwar »als mediatisierte affektive Ausdrücke von Offenlegung, Coming-out und Bezeugung« (the importance of the trans vlogs as mediated affective expressions of disclosure, coming out, and testimony).47
Rauns Analysen können in der Betonung einer emanzipativen Funktion der Vlogs auf Basis der von mir geleisteten Untersuchungen bestätigt werden. Allerdings muss eben vor dem Hintergrund der in diesen Betrachtungen bereits gewonnenen Erkenntnisse das spezifisch Mediale der trans* Vlogs im Vergleich zu Rauns Herangehensweise verschoben werden: Raun hebt insbesondere auf die Dokumentation und Archivierung von Affekten wie Scham, Trauer, Wut und Depression sowie von Stigmatisierung und Trauma in den Vlogs ab, womit er den Vorwurf des simplen Narzissmus an diese Form der Selbstdokumentation entkräften und demgegenüber eine Politisierung von trans* Vlogs herausarbeiten kann. Ebenso wie bei Raun das trans* Subjekt dem Vloggen vorzeitig ist, geht in dieser Lesart jedoch auch der Affekt dem Archivieren voraus. Die Affekte finden Ausdruck in den Videoaufnahmen, die das (Selbst‑)Zeugnis, die (Selbst‑)Offenbarung oder das Coming-out lediglich als Vorgängiges bezeugen. Wie durch die Analysen der Vlogs von gorillashrimp und itsGOTtobegroovy gezeigt werden konnte, sind es aber darüber hinaus die mit der Praktik des Vloggens hervorgebrachten Affekte, die die besonderen Zeitlichkeiten der trans* Vlogs prägen und eröffnen. Vor diesem Hintergrund erfordert es einen anderen Archivbegriff, der zwar ebenfalls an Cvetkovichs ›archive of feelings‹ anschließt, der darüber hinaus aber die spezifische Beteiligung der trans* Vlogs an der Hervorbringung des affektiven Archivs erfassen kann. Die Verbindung aus Vloggen und Testosteronbehandlung birgt spezifische Risiken und beansprucht damit andere Politiken eines Archivs von Gefühlen. Inwieweit sich der im Folgenden entworfene Einsatz von bisherigen Perspektiven auf die trans* Vlogs als Archive unterscheidet, lässt sich vor einer längeren Passage von Rauns Argumentation gleichsam als Folie noch einmal abheben. Darin beschreibt er einen weiteren Modus der Archivierung, der sich sehr viel konkreter auf die körperlichen Effekte der Hormonbehandlung bezieht.48 Hier spricht er den Vlogs eine performative Beteiligung am Prozess der Transition zu; die performativen Effekte der Kamera – und des Testosterons – entfalten sich für ihn jedoch entlang eines selbstbestimmten Einsatzes dieser Medien:
Because so many trans male vloggers use the camera to construct the effects of testosterone (both internally and externally), vlogging is used to make the vlogger and viewer see its biomedical effects. In effect, testosterone becomes masculinity, as the biochemistry (the substance, the amount of time, and the dose) leads to visible signs of muscles and hair growth. In the vlogs, the drug and the camera are mutually constitutive, instantiating and confirming maleness. The vlog thereby allows the vlogger and the viewer to witness the process (the documenting effects) while also staging what should be witnessed and how it should be witnessed (the performative effects). Archiving one’s transition therefore works through a kind of performative documentation, partly documenting and partly instantiating the transformation by tracking and tracing bodily changes. As Derrida states: ›The archivization produces as much as it records the event‹ (Derrida 1995: 17). In that sense, the vlog functions interchangeably as a site for the preservation and creation of transition.49
Rauns Analyse lässt keinen Zweifel daran, dass und wie der Einsatz von Testosteron wie auch die Praktik des Vloggens an einer in erster Linie sichtbaren Vermännlichung des Vlogger-Körpers mitwirken. Mehr noch: Testosteron selbst wird, so sein Argument, in diesem Vorgang zu Maskulinität. Gemeinsam mit der Kamera bewirke es die Hervorbringung und Bestätigung von Männlichkeit. In diesem Zusammenhang ist, Raun selbst verweist darauf, Derridas Archiv in seiner performativen Funktion von Interesse: Die mediale Verfasstheit einer Dokumentation bringt erst mit hervor, was es zu dokumentieren gilt. Dem ist insoweit zuzustimmen, als auch meine Analyse zeigt, wie die Transitionen von itsGOTtobegroovy und gorillashrimp sich nicht nur in, sondern mit den Vlogs vollziehen. Gerade in der von Raun postulierten Eindeutigkeit dieses Zusammenhangs aber ergibt sich das Problem, dass die Unsicherheiten, Ungewissheiten und Risiken der Transition und gerade der Hormonbehandlung nicht erfasst oder erklärt werden können. Sofern beide Praktiken, Hormonzuführung wie Vloggen, ohne Ambivalenzen der Verfügung des vloggenden Subjekts unterstellt werden, lassen sich die in dieser Arbeit betrachteten Affekte – der Überraschung, Verwunderung, aber auch Wut, Ungeduld und Ungewissheit – nicht erklären. Zudem ist die Rolle des Testosterons, das in und mit den trans* Vlogs Männlichkeiten mehr herausfordert denn bestätigt, darin nicht weiter befragbar und die Affirmation gerade eines Verfehlens im Sinne einer »queeren Kunst des Scheiterns« (queer art of failure)50 nicht verständlich.
Für eine entsprechende Betrachtung dieser Unsicherheiten habe ich vorgeschlagen, Testosteron als soziales Medium mit dokumentarischem Anspruch zu beschreiben. Dieser theoretische Einsatz soll hier noch vertieft werden. Mit Testosteron als zugleich dokumentarischem und sozialem Medium ergibt sich die Möglichkeit, auch die Grenzen des Archivs auszuloten, indem die Frage, was darin eigentlich wie zur Archivierung kommt, anders gestellt wird. Denn wenngleich Derrida, wie Raun anführt, den performativen Charakter des Archivs hervorhebt, ist dieses Archiv doch laut Derrida in dieser Performativität kein sicherer Ort, kein Garant für Stabilität oder Gewissheit. Oder zumindest birgt jede Stabilität auch eine Gefahr, denn,
jedes Archiv […] ist zugleich errichtend und erhaltend. Revolutionär und traditionell. Ein öko-nomisches Archiv in diesem doppelten Sinne: es bewahrt, es legt zurück, es spart, doch auf nicht-natürliche Weise, das heißt, indem es das Gesetz (nómos) geltend macht oder für seine Beachtung sorgt. […] Es hat Gesetzeskraft, die Kraft eines Gesetzes, welches das des Hauses (oîkos) ist, des Hauses als Ort, fester Wohnort, Familie, Abstammungslinie oder Institution.51
Demnach ließe sich mit Derrida sagen, dass auch das Testosteron, als Teil des trans* Vlog-Archivs, sowohl revolutionär wie traditionell ist. Als eingesetztes Präparat soll es einen festen Ort, Geschlecht als sichere Verortung ermöglichen, produziert dabei aber stets auch die Verunsicherung und Zweifel an dieser vermeintlich garantierten Stabilität. Testosteron sorgt für Ungewissheiten bzw. kann, wie Paul B. Preciado im Selbstversuch dokumentiert, genutzt werden, um Gewissheiten von Geschlecht zu unterlaufen.
Der von Derrida betonten Gesetzeskraft des Archivs sind trans* Personen in besonderer Weise ausgesetzt, wird ihnen doch abverlangt, sich selbst permanent und buchstäblich unter dokumentarischen und archivierbaren Beweis zu stellen, d. h., Dokumente in Form von Gutachten und Selbstauskünften beizubringen, die die eigene Existenz beglaubigen. Gerade dann wird der feste Ort der heteronormativen Familie, das institutionelle Beharren auf der Abstammungslinie als einer genealogisch, erblich, biologisch und sozial linearen sowie stabilen Zeitlichkeit zur »Gewalt des Archivs selbst, als Archiv, als archivarische Gewalt«.52 Besonders deutlich wird diese Gewalt in der Auseinandersetzung darum, eine Geburtsurkunde und den entsprechenden Eintrag im Geburtenregister auf einen anderen, (un)bestimmten Geschlechtseintrag verändern zu lassen.53
Die Geburtsurkunde wird für Preciado zum Überkreuzungspunkt all dieser Ansprüche an den Dokumentationszwang und das Archivierungsbegehren des Staates gegenüber trans* Personen. Preciado bekommt im Zuge der juristischen Anerkennung seiner geschlechtlichen Transition, in diesem Falle in Spanien, mitgeteilt, dass seine Geburtsurkunde, die auf seinen weiblichen Namen ausgestellt war, vernichtet wird, damit eine neue ausgestellt und auf sein Geburtsdatum rückdatiert werden kann. Als trans* Person wird er somit von diesem Archiv zuerst seiner staatlich anerkannten Existenz vorübergehend gänzlich beraubt – zwischen der Vernichtung der alten und der Ausstellung der neuen Geburtsurkunde liegen mehrere Wochen, in der die Geburt nicht dokumentiert ist, somit nach Logik des Archivs nicht stattgefunden haben kann. Die Geburtsurkunde ist in diesem Archiv der familiären Abstammung zwar eingerichtet, macht ihn aber als trans* Person unsichtbar, denn die neue Geburtsurkunde lautet dann bereits auf seinen aktuellen Namen. Zwar ist es einerseits eine wichtige Forderung der trans* Bewegungen, dass frühere Namen und Geschlechtseinträge nicht gegen den Willen der betroffenen Person enthüllt werden dürfen. Andererseits ist auch festzuhalten, dass die Änderung des Vornamens einen Widerspruch in einem heteronormativen Archivsystem produziert, den selbiges System nicht zu prozessieren in der Lage ist und aus diesem Grund tilgt. Ebenfalls mit Verweis auf die von Derrida beschriebene Gewalt des Archivs stellt Preciado daraufhin fest:
Um zu existieren, muss das Archiv der Macht die Erinnerungen von politischen und sexuellen Minderheiten auslöschen. Wie Derrida ausgeführt hat, enthält das Archiv das Feuer, mit dem das Gedächtnis des anderen zerstört wird. Jedes Archiv ist ein Nekro-Archiv. Ein Archiv ist ein Block komprimierter Wut. Es enthält den Anderen als Leiche: Es verehrt ihn – solange er oder sie tot ist. Daher benötige ich dieses neue juristische Gedächtnis nicht. Ich habe das Recht auf meine Geburtsurkunde als Monster. Ich habe das Recht auf mein Monsterleben. Ich habe das Recht auf Irrtum. Als Monster habe ich das Recht. Mein Trans-Körper existiert nicht. Doch die Nation existiert. Das Gerichtswesen existiert. Das Archiv existiert. Die Landkarte existiert. Das Dokument existiert. Die Familie existiert. Das Gesetz existiert.54
Preciado münzt die Gewaltsamkeit des Archivs um: Als Block komprimierter Wut, wie er es beschreibt, beinhaltet es auch die Option eines trotzigen Beharrens auf den Irrtum, auf die vom Körper verursachte Störung um Zweigeschlechtersystem, darauf, nicht kategorisierbar zu sein, den Körper als Teil von und aus Teilen einer »Somathek« zu entwerfen, die historische und kulturelle Codes der Anderen, der Verworfenen versammelt, »wie verbannte Stücke aus einer utopischen Taxonomie«.55 Als Ort des getöteten Anderen ist der Block komprimierter Wut anschlussfähig für den Hinweis, dass Archive unter Umständen sowohl eine Unsichtbarmachung wie auch eine Hypervisibilität produzieren, die in ihren Effekten ebenfalls einen Ausschluss und eine Gefährdung des Über/Lebens bedeuten. itsGOTtobegroovys Videos und deren Bearbeitungen rassistischer Bildarchive des angry black man produzieren ebenfalls ein derart verdichtetes Archiv der Wut. Seine Vlogs insistieren, dass ein trans* Archiv auch als ein rassifiziertes verstanden und auf seine vielfältigen Resonanzen und Verbindungen mit anderen, und das heißt, nicht in erster Linie geschlechtlich informierten Archiven, untersucht werden muss. Politiken der Sichtbarkeit sorgen dafür, dass verschiedene Körper in ihrem Sichtbarwerden unterschiedlichen Risiken ausgesetzt werden.
Preciado beharrt auf der spezifischen Sichtbarkeit seines Monsterlebens als trans* Person. Dieses bleibt, anders als bei den von Raun beschriebenen Transitions- und Archivierungsprozessen, zeitlich risikoreicher und in seiner Uneindeutigkeit ein Wagnis:
Auf meinem Körper wächst das Haar nicht so, wie es die Neuausrichtung meiner Subjektivität auf das Männliche vorsieht: In meinem Gesicht wächst das Haar an Stellen, die keine erkennbare Bedeutung haben, dafür aber nicht mehr an Stellen, an denen ›korrekterweise‹ ein Bart sein sollte. Die Veränderungen in der Verteilung von Körper- und Muskelmasse machen mich nicht gleich viriler, sondern einfach mehr trans, ohne dass dieses Label eine unmittelbare Übersetzung in das Vokabular der binären Struktur männlich-weiblich finden würde. Die Zeitlichkeit meines Trans-Körpers ist die nicht-repräsentierte Gegenwart: Sie wird nicht durch das definiert, was sie vorher war oder was sie mutmaßlich werden muss. Es gibt kein Regelwerk, das auf ein Vorher oder Nachher reagiert. Die Transition ist kein reformerisches Projekt, sondern ein revolutionäres. Mein Trans-Körper ist eine aufständische Institution ohne Verfassung. Ein epistemologisches und administratives Paradoxon. Zukunft ohne Teleologie oder Bezugspunkt, seine nicht-existierende Existenz bedeutet die Absetzung sexueller Differenz und der Differenz homosexuell/heterosexuell.56
Die von Preciado beanspruchte Zeitlichkeit des trans* Körpers, seines trans* Körpers, reklamiert für selbigen, dass dieser weder durch ein Vorangegangenes bestimmt noch in seinem Werden determiniert ist. Sie steht jedoch in Verbindung mit kulturellen Codes anderer Queers, queerer Künstler_innen, die Körper/Bilder mit einer neuen Selbstverständlichkeit entwerfen und darüber Bezugsmomente für trans* Zeitlichkeiten ausmachen. Preciados nicht-repräsentierte Gegenwart, wie er sagt, bedeutet keinen gänzlichen Entzug aus archivarischen Zugriffen, wohl aber eine Umarbeitung des Archivs entlang einer »utopischen Taxonomie«.57Bilden auch die trans* Vlogs Versammlungen von Versatzstücken utopischer Taxonomien? Wie stehen sie unter den Effekten von Testosteron zu einer Vergangenheit, die als auch hormonelle dokumentierbar und archivierbar ist, oder auch nicht? Wie entwerfen und ermöglichen sie davon ausgehend Zukünftigkeiten? Wie lassen sich die Zeitlichkeiten in ihren Ausfaltungen erfassen, wenn sie in unvorhersehbaren Verhältnissen statt kausalen und chronologischen Ordnungen zueinander stehen? Sind auch die Vlogs auf YouTube Blocks komprimierter Wut – weiter gefasst, als dass sie die Wut von itsGOTtobegroovy und anderen Schwarzen trans* Vloggern dokumentieren?
Für eine Beantwortung dieser Fragen möchte ich die affektive Dimension der Vlogs noch einmal aus anderer Richtung adressieren und ihre Formierung als Block, wie Preciado formuliert, zum Anlass nehmen, sie mit Deleuze’ und Guattaris Begriff des Empfindungsblocks als ästhetische Prozesse zu verstehen.58 Astrid Deuber-Mankowsky macht dies anhand ihrer Lektüre von künstlerischen Arbeiten wie Sharon Hayes‹ Ricerche: Three (USA 2013) und Yael Bartanas True Finn – Tosi Suomalainen (FIN 2014) als Werdensprozesse aus, die »einen Raum der Differenz [öffnen], der zugleich ein Raum des Wünschens ist, in dem sich gegenwärtige Wünsche und gegenwärtiges Begehren und längst vergangene Wünsche und längst vergangenes Begehren durchkreuzen«.59 Mit Blick auf die trans* Vlogs stellt sich die Frage, wie sich diese Differenzen und Wünsche in der Durchdringung des Testosterons einrichten.
Trans* Vlogs sind als Gefüge stets affektiv: Die Aufregung der Vlogger angesichts der bevorstehenden Testosteronbehandlung, die Freude über erste sicht- und/oder hörbare Effekte, ebenso die Verwunderung über Veränderungen des Körpers, die Frustration über ausbleibende Effekte, Enttäuschungen, wenn Effekte anders eintreten als erwartet und auch Wut infolge von sich permanent wiederholender rassistischer Diskriminierung. In der gemeinsamen Erfahrung dieser Affekte von verschiedenen Vloggern sind sie bereits als auch kollektive Prozesse beschrieben worden. In der Betonung der medialen Umgebung selbstdokumentarischer Videos als solcher, unter Berücksichtigung des Testosterons als sozialem Medium, ist dieses Verhältnis von Individuum und Kollektiv sowie in diesem Zusammenhang auch das von individueller sowie gemeinsam (un)möglicher Zukünftigkeit noch genauer zu bestimmen. Möglich wird dies durch die Beschreibung von Affekten als gleichsam ästhetischen Zuständen, oder Wesen, wie Deleuze und Guattari sie betrachten.
Affekte sind ephemer und in dieser Flüchtigkeit schwer zu erhalten oder bewahren. Gerade deshalb ist die Frage ihrer Dokumentation, die eine auch rückblickende Betrachtung ermöglicht, so interessant für diejenigen Kollektive, die über affektive Verbindungen zusammenfinden und unter Umständen selbst nur lose verbunden und nicht dauerhaft stabilisiert sind. Kunst, so schreiben Deleuze/Guattari, sei in der Lage, das Flüchtige zu bewahren und es dabei nicht in Konservierung oder Stillstand zu versetzen.60 Denn die affektiven Erfahrungen und Empfindungen lösten sich in der Verdichtung durch Kunst vom Subjekt, ja letztlich sogar vom konkreten künstlerischen Objekt ab, sodass die Affekte »die Kräfte derer [übersteigen], die durch sie hindurchgehen.«61 Das, was dabei zur Bewahrung kommt, bezeichnen Deleuze/Guattari als »Empfindungsblock« oder »Empfindungskomplex«.62 Die Besonderheit eines solchen Empfindungsblocks sei es, dass die unter Umständen nur kurzzeitige Verdichtung in einem materiellen Werk »der Empfindung das Vermögen schenk[t], zu existieren und sich an sich selbst zu erhalten, in der Ewigkeit, die zusammen mit dieser kurzen Dauer existiert«.63 Die Zeitlichkeit von Affekten erzeugt unmittelbar Resonanzen mit queeren Zeitlichkeiten, die Konzepte von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft einer chronologischen Ordnung und Fixierung entheben und dabei eine paradoxe Dauer von Flüchtigkeit ins Spiel bringen können.
Affekte sind Deleuze/Guattari zufolge mithin nicht-subjektive Gefühlszustände, keine psycho-physisch quantifizierbaren Zustände spezifischer Körper. Gleichwohl sind die Emotionen konkreter Personen auch nicht als gegensätzlich zu dem hier vorgebrachten Affektbegriff in Anschlag zu bringen, wie es manche Affekttheorien entwerfen, in denen Affekte als Energien beschrieben werden, die vor-subjektiv zirkulieren.64 Es ist vielmehr ein Wechselspiel, das sich im Kontakt von Empfindungskomplex und Subjekt entwickelt und das die bereits erwähnten Überkreuzungen von Begehren und Wünschen, Gegenwärtigem und Vergangenem auf eine vielfache Differenzierung hin aufspannt. In der Möglichkeit der Veränderung eröffnen sich auch Zukünftigkeit(en). Mit Deleuze/Guattari möchte ich die trans* Vlogs als Empfindungskomplexe verstehen, insofern die Affekte über die Empfindungen des einzelnen Vloggers hinausgehen: Wenn gorillashrimp seine Verwunderung und seine Freude, sein Lachen und seine Begeisterung über seine Transition mit Testosteron dokumentiert, dann bewahrt das Video diese Empfindung wie sie sie gleichermaßen von ihm löst: »Der junge Mann wird auf der Leinwand solange lächeln, wie sie besteht.«65 Gorillashrimp wird so lange lächeln, wie die URL mich zu seinem Video führt – und noch darüber hinaus wird der Affekt bewahrt sein.
Aus dieser Perspektive werden die trans* Vlogs, wird das Testosteron darin ein weiteres Mal und in einem erweiterten Sinn zum sozialen Medium: Nicht nur kommen die Empfindungen einzelner zur Aufbewahrung, sodass sie in einem mehr oder weniger stabilen Sinn erhalten und in dieser Form geteilt, erneut erlebt und wahrgenommen werden können. Darüber hinaus, und das ist für die trans* Vlogs noch bedeutsamer, werden die Affekte und ihre Effekte aber nicht nur bewahrt, sondern vielmehr wird über die Praktik des Vloggens wie auch die Dokumentation dieser Praktik als Empfindungskomplex eine Art des Empfindens eingerichtet. Eine Art des Empfindens wird tradiert, wird überhaupt erst tradierbar. Die Testo-Vlogs als affirmative Komplexe verändern die Möglichkeiten, als trans* zu sprechen, sichtbar zu werden, zu empfinden und subjektiviert zu werden. Dabei sind eigenmächtige Entscheidungen in diesen Praktiken nicht zu trennen von Vorgängen, die sich einer Handlungsmacht entziehen. Der Prozess der Subjektivierung ist stets zweischneidig, bedeutet sowohl eine Anrufung und Unterwerfung unter die anrufende Instanz als auch ein widerständiges Agieren des in Anrufung hervorgebrachten Subjekts. Als Empfindungs-Vlogs ermöglichen die trans* Vlogs es, den Zweifel, die Unsicherheit und das Wagnis zuzulassen und anzunehmen. Sie ermöglichen darüber hinaus die Öffnung des Werdens in eine – wenn auch ungewisse – Zukunft und (un)mögliche Zukünftigkeit hinein, an die andere trans* Vlogger und auch trans* Zuschauer_innen anschließen können. Als Empfindungskomplexe tradieren die Vlogs gewissermaßen Affektkulturen, die die Möglichkeiten des Wünschens und des Begehrens einrichten und auf potenzielle, potenziell queere Zukünftigkeit(en) hin öffnen. Folglich sind diese Affektkulturen in ihrer Öffnung und Potenzialität auch nicht statisch.66 Wie die Praktiken, mit denen sie sich ausbilden, werden sie beständig umgeformt, durchlaufen sie weitere Komplexe und Gefüge und verändern sich darüber. Der kurze Exkurs zur (indirekten) Bezugnahme des Kanals Trans*Planet auf Vlogging-Praktiken älterer Kollektivkanäle ist nur ein Beispiel dafür. Auch Testosteron als dokumentarisches, queeres, soziales Medium erfährt Umformungen und ist somit ebenfalls an dessen Veränderung, der veränderten Bewahrung beteiligt. Verdeutlichen möchte ich dies mit einem weiteren Video von Jammidodger.
Jammidodger ist mit insgesamt über 40 Millionen Sichtungen seiner mehr als 400 Videos ein populärer trans* Vlogger aus Großbritannien. Seit 2011 dokumentiert er seine Transition und widmet sich im Verlauf der Jahre zunehmend auch der Bearbeitung weiterer trans*-spezifischer Themen. Im April 2019 lädt er ein Video hoch, das er gemeinsam mit NoahFinnce, einem weiteren trans* Vlogger, produziert hat. Unter dem Titel Trans Guys Comparing Transitions ft. Noah Finnce sprechen die beiden vor der Kamera über ihre Transitionen, ihren Umgang mit Testosteron und emotionale wie organisatorische Herausforderungen in den Transitionsprozessen und insbesondere den Kontakt mit den dafür erzwungenermaßen notwendigen medizinischen Institutionen. Das im Titel notierte ›comparing‹ gibt es schon vor: Der Bezugspunkt des Gesprächs ist der Vergleich ihrer Erfahrungen. Das allein wäre nicht weiter erwähnenswert, insofern die Transitionsprozesse trotz aller vermeintlichen Ähnlichkeiten in den individuellen Biografien je spezifische Herausforderungen und Freuden, Risiken und Verwunderungen bereithalten – zumal, wenn die Transition mit Testosteron und dessen Ungewissheiten verbunden ist. Interessant ist das Video, da die beiden ihren Vergleich gleichsam entlang eines generationellen Unterschieds erzählbar machen, auch wenn sie ihrem Alter nach nur wenige Jahre trennen. Die beiden sind im April 2019, als sie das Video aufnehmen, 19 und 25 Jahre alt. Nun lässt sich darüber streiten, ob in diesem Alter sechs Jahre Differenz signifikante Unterschiede für die persönliche Entwicklung bedeuten, unabhängig davon, ob man trans* ist oder cis, vloggt oder nicht. Worum es mir aber im Folgenden geht, ist nicht die Bagatellisierung dieses Altersunterschieds, sondern die Mehrdeutigkeit der an ›Alter‹ gebundenen Zeitlichkeit im Kontext des Vloggens: Auch wenn Jammidodger 6 Jahre älter ist, hatten er und NoahFinnce ungefähr im gleichen Alter, mit 17 bzw. 18 Jahren, ihr öffentliches Coming-out. Die vermeintlich altersbasierten Differenzen stellen sich als grundsätzliche Multiplizierung von Transitions-Zeitlichkeiten in den Testo-Vlogs heraus, die wiederum in engem Verhältnis zu in der Zwischenzeit sich verändernden trans* Vlogging-Praktiken stehen.
Trotz eines vergleichsweisen geringen Altersunterschieds von nur ungefähr 6 Jahren ist der zeitliche Aspekt der zentrale Punkt ihres Vergleichs von Transitionserfahrungen, die sie sie, in Großbritannien lebend, gemacht haben. Direkt zu Beginn begründet Jammidodger das Gespräch mit seinem Gast augenzwinkernd:
So, today we’re gonna be talking about like different trans experiences because Noah is substantially younger than me – it’s not fair. And so we just transition to different times and different stages in our transition. So that we could just have a chat about like how you got on testosterone; top surgery experience; what you want to do in the future; if you’re happy about that.67
Dieser »wesentliche« (substantially) Altersunterschied wird im Gespräch nicht explizit genannt oder einleitend vorangestellt, lediglich im Thumbnail des Videos ist wenig auffällig der Hinweis »25 vs. 19« festgehalten. Obgleich also das unterschiedliche Alter der beiden den inhaltlichen Fokus des Videos bildet, erwähnen die beiden ihr momentanes Alter oder die Altersdifferenz im Laufe des Videos nicht. Wenn die Zuschauer_innen keinen offensichtlichen Anlass haben, diese Behauptung eines signifikanten Unterschieds in Zweifel zu ziehen, liegt dies an der Struktur des Videos und der Struktur des darin implizierten Testo-Updates der beiden.
Zuallererst wirkt Jammidodger älter als NoahFinnce, denn sein Gesicht rahmt ein dunkler Drei-Tage-Bart. NoahFinnce hingegen hat keine erkennbare Gesichtsbehaarung, im Gegenteil, seine rosige, glatte Haut lässt ihn besonders jugendlich aussehen. Beide nehmen Testosteron, allerdings verschiedene Präparate und Dosierungen und seit unterschiedlich langer Zeit. Während des Gesprächs – das Video dauert übrigens gut 31 Minuten – wird erneut deutlich, dass die Effekte des Hormons nicht prognostizierbar sind: Während Jammidodgers Bart den Eindruck vermittelt, das Hormon ›funktioniere‹ in seinem Körper wie gewünscht, thematisiert auch er enttäuschte Erwartungen an dessen Effekte. Diese formuliert er jedoch erst, nachdem NoahFinnce die mit jeder Dosierungsanpassung erneut schwankenden Veränderungen seiner Gesichtsform, »it goes through stages, it goes like big and then small«, mit der Physiognomie von Jammidodger vergleicht und dessen Veränderungen als wünschenswerten Ausblick für die eigene Transition, »I’ve got that to look forward to«, ersehnt.68 Danach äußert er, wie schön es wäre, wenn sich bald auch sein Körperfett – als Effekt der Testosteronbehandlung – umverteilen würde, worauf Jammidodger reagiert: »I feel like mine still didn’t do that. [Er ist zu dem Zeitpunkt bereits über 7 Jahre auf Testosteron, Anm. sh] But I realized that my Dad and brother both just put weight up on their hips. So, it’s not a trans thing about me, it’s just a genetics thing.«69
In diesem kurzen Ausschnitt ihres Gesprächs bestätigt sich erneut, dass die Erwartungen von trans* Vloggern an die Wirkungen und Effekte von Testosteron sich oftmals ähneln. Und wieder scheint es so, als würden sich lineare Entwicklungen abzeichnen und nachvollziehen lassen, wenn NoahFinnce sich anhand von Jammidodgers Erfahrungen eine mögliche körperliche Zukünftigkeit mit Testosteron-Wirkungen entwirft. Gleichzeitig aber wird deutlich, wie sehr dieser Effekt der Erwartung gerade von den älteren, im Sinne von bereits länger auf YouTube zur Verfügung stehenden, Vlogs selbst geprägt ist. Der von NoahFinnce geäußerte und angesichts von Jammidodgers bereits gemachter Erfahrung erwartungsfrohe Blick in eine bärtige Zukunft mit markanten Gesichtszügen lässt sich stellvertretend verstehen: Die Zuschauer_innen von trans* Vlogs können anhand der Videos eben diese Eröffnungen (un)gewisser Zukünfte für sich selbst erfahren. Das Testosteron reichert sich dabei mit all den vielfältigen und sogar widersprüchlichen Affekten an, die über die Vlogs zur Bewahrung kommen, aber in dieser anhaltenden Anreicherung stets auch Veränderungen produzieren. Im Sinne eines Empfindungskomplexes eröffnen die Vlogs mit Testosteron damit einen Raum des Wünschens, in dem sich vergangene und gegenwärtige Begehren überkreuzen.70 Diese Überkreuzungen und – so möchte ich für die Betrachtung der trans* Vlogs an dieser Stelle ergänzen – Queerungen treten in dem gemeinsamen Vloggen von NoahFinnce und Jammidodger besonders eindrücklich hervor, vollziehen sich aber in sämtlichen trans* Vlogs auf YouTube.
Die zeitlichen Auffaltungen, die hier zur Überkreuzung kommen und Queerungen produzieren, bestehen aus Nachordnungen und Momenten der nachträglichen Versetztheit wie sie auch eine Gleichzeitigkeit erzeugen. Einerseits lassen sich zeitliche Distinktionen zwischen den beiden Vloggern vornehmen, die sogar so weit gehen, dass der Eindruck einer Vater-Sohn-Beziehung entsteht: Jammidodger als der erfahrenere von beiden, sowohl was die Zeit auf Testosteron als auch die Präsenz auf YouTube angeht, ist der Gastgeber in diesem Video. NoahFinnce wirkt lediglich mit, wie das abgekürzte ›featuring‹ im Titel angibt. Das Video ist Teil von Jammidodgers Kanals, er moderiert es inhaltlich und es ist ihm strukturell zugeordnet. Daraus ergibt sich eine Hierarchie, die angesichts des im Video betonten Altersunterschieds und der Rahmung ihres Gesprächs als Austausch über zeitlich ausdifferenzierte Erfahrungen Jammidodgers Einladung an seinen Gast als gleichsam väterliche Geste ausweist: In der Art eines Generationengesprächs werden mit einleitender Betonung des Altersunterschieds Erinnerungen abgeglichen, Wahrnehmungen ausgetauscht, Wissen geteilt und Haltungen diskutiert. Unmittelbar bevor das Video endet, hört man NoahFinnce über Jammidodgers Schlussgruß lachen: »You’re like a dad.«71 Unter einem am gleichen Tag auf NoahFinnce’ Kanal hochgeladenen Video, das ebenfalls in Zusammenarbeit der beiden und offenbar im gleichen Raum aufgenommen wurde – der lediglich in Spiegelverkehrung ähnliche Videohintergrund in nur leicht verändertem Bildausschnitt lässt diesen Rückschluss zu –, findet sich der Kommentar »U TWO CAN PASS AS FATHER AND SON OMG«.72 Die beiden erzeugen den Eindruck einer patri-linearen Tradierung von Trans*sein und damit verbundenem Wissen. Die Anordnung der Videos auf ihren Kanälen, ihrer Körper in den Videos und damit auch des Testosterons in ihren Körpern sorgt für eine Art genealogische Reproduktion von Transitionseffekten und -erfahrungen.73
Gleichzeitig aber ergeben sich Durchkreuzungen einer linearen und solcherart paternalen, damit immer auch heteronormativen Wissensweitergabe: Die beiden sprechen nicht in zeitlicher, generationeller Nachordnung, sondern auf Augenhöhe miteinander. Während sie das Video aufzeichnen, im April 2019, sind beide als trans* Vlogger auf YouTube aktiv, sind beide daran beteiligt, sich die Praktiken des Testo-Vloggens anzueignen, sie darin zu vervielfältigen und zu verändern. Ihre Transitionen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen stehen gleichberechtigt nebeneinander und durcheinander. Ihre Vlogs sind über algorithmisch generierte wie auch manuell gesetzte Verlinkungen miteinander verbunden und, während ich im März 2020 auf YouTube recherchiere, gleichermaßen abrufbereit. Das belustigt imaginierte Vater-Sohn-Verhältnis wird gequeert, insofern sie zwar unterschiedlich lange Vlogging- und Testosteronerfahrungen haben, beide aber zur gleichen Zeit als trans* Personen mit Testosteron auf YouTube vloggen und den unberechenbaren und nicht planbaren Effekten dieser Praktiken auf (un)mögliche Zukünfte hinein in ähnlicher Weise ausgesetzt sind. Beide sind weiß und verfügen über finanzielle Mittel, medizinische Maßnahmen ohne größeren Aufwand oder Vorlauf eigenständig bezahlen zu können.74 Sie erwähnen jedenfalls keine längeren Ansparungs- oder Crowdfunding-Prozesse, die durchaus nicht unüblich sind, um zum Beispiel eine Mastektomie finanzieren zu können. Ihre Transitionen entwerfen damit strukturell mögliche, dabei aber weiterhin ungewisse Zukünfte.
In dieser Unsicherheit der Transitionen und der medialen Anordnung ihrer Dokumentationen kommt folglich kein Wissen zur Verfestigung, das eine langfristige Gültigkeit beanspruchen könnte oder wollte. Vielmehr wird dieses Wissen, werden die Erfahrungen und auch ihre medialen Bedingungen sowie ihre Effekte permanent überprüft und in spezifischen Zeitlichkeiten neu zueinander ins Verhältnis gesetzt. Jammidodgers einleitender Hinweis – »we just transition to different times« – enthält für die Testo-Vlogs in zweifacher Hinsicht Bedeutung: Die Transitionen erfolgen zum einen auf möglicherweise ähnliche, aber dennoch unterschiedliche Zukünfte hin. Zum anderen steht das jeweilige Werden in unterschiedlichen Verhältnissen zur Gegenwart, die eine geteilte ist – um noch einmal die Gleichzeitigkeit gemeinsamer wie differenter Zeitlichkeiten einer Transition zu betonen: Im April 2019 sind beide auf Testosteron, aber das Testosteron hält für Jammidodger andere (Un)Gewissheiten bereit als für NoahFinnce – auch aufgrund der Tatsache, dass zwischen dem Beginn ihrer jeweiligen Hormonbehandlung sechs Jahre liegen, in denen mit zunehmender Selbstverständlichkeit Testo-Vlogs produziert werden. Mit diesem und auch allen anderen Update-Videos kommen folglich nicht nur persönliche Veränderungen zur Dokumentation, sondern werden implizit immer auch diese unterschiedlichen Zeiten erfahrbar: Was bedeutet eine Transition oder der Beginn einer Hormonbehandlung unter den deutlich veränderten Umständen nur weniger Jahre, zu denen sowohl medizinische und juristische wie mediale Bedingungen zählen? Wie verändert sich Testosteron als Teil dieser Bedingungen? Wie verschieben sich Geschlechtergrenzen, werden sie unter Umständen poröser oder wieder konservativer, welche geschlechtlichen (Selbst‑)Positionierungen sind aktuell möglich und lebbar – wenn auch unter Risiko? Welche Geschlechter kennen eine Sprache, Bilder, Vorbilder? Diese Veränderungen sind nicht als konsekutive oder gar fortschrittliche Entwicklungen zu beschreiben, sondern verweisen auf zeitliche Unbestimmtheiten, die von Wünschen und Begehren durchzogen und durch selbige hervorgebracht sind.
Wenn ich von diesen Beobachtungen anhand des Videos von Jammidodger und NoahFinnce über die Empfindungs-Vlogs und der Anerkennung des Testosterons als queerem Medium zurück zur Frage nach der archivarischen Funktion der trans* Vlogs auf YouTube komme, ermöglicht mir die hiermit herausgearbeitete queere Tradierung einen vorläufig abschließenden Blick auf darin sich entfaltende Zeitlichkeiten.
Trans* Vlogs auf YouTube versammeln und sammeln Dokumentationen individueller Transitionen.75 Als Anlaufstelle für Erfahrungsberichte und Informationen aus erster Hand erfüllen sie den archivarischen Anspruch, diese Dokumente mit ihrem Erfahrungswissen zu verwahren, für ihren Erhalt zu sorgen und sie einer potenziell großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, statt sie allein Personen zur Verfügung zu stellen, die sich über Qualifizierungen oder sonstige Berechtigungen als legitimiert ausweisen.76 Allerdings bedeuten die trans* Vlogs auch eine Herausforderung des Archivs und es kann ihnen nicht unumwunden ein archivarischer Status zugesprochen werden, denn ein Archiv sorgt dafür, dass Dokumente bewahrt werden und darüber hinaus auch auffindbar bleiben. Einer solchen Auffindbarkeit aber entziehen sich YouTube-Videos allgemein und trans* Vlogs im Besonderen. Diese kontraintuitive Eigenschaft der Vlogs – ich habe schließlich alle hier besprochenen Videos über einen Link ausgewiesen, damit sie auffindbar sind und als Beleg dienen können – möchte ich abschließend kurz erläutern:
Alle YouTube-Videos verfügen über eine eigene URL, die sie buchstäblich adressierbar macht und auch dafür sorgt, dass ich während meiner Recherche bereits gesehene Videos zuverlässig wiederfinde, ohne sie über die Suchfunktion in den aufgelisteten Ergebnissen aufspüren zu müssen – vorausgesetzt, sie wurden nicht zwischenzeitlich gelöscht.77 Doch ermöglicht diese Praktik lediglich ein Wiederfinden. Ich kann hingegen nicht sämtliche Videos anzeigen lassen, die in einer gewissen Zeitspanne hochgeladen wurden und dabei älter als ein Jahr sind. Eine zeitlich spezifische Recherche ist also nicht ohne weiteres möglich. YouTube richtet zwar eine Filterfunktion seiner Suche ein, die es vorsieht, die Ergebnisse nach Upload-Datum sortiert zu bekommen. Allerdings funktioniert diese Sortierung allein in umgekehrter Chronologie, das heißt mit den jeweils neuesten Videos zuerst. Eine umgekehrte, in diesem Fall also chronologische Anordnung ist nicht möglich. Die Plattform lässt den gezielten Abstieg ins Archiv strukturell gar nicht zu und eröffnet mir nur die Option, mich auf verschlungenen Pfaden hineinzubegeben, mich also auf die automatische Wiedergabe des algorithmisch vorgeschlagenen nächsten Videos einzulassen oder mich durch weitere vorgeschlagene Videos zu klicken. Dieses Vorgehen bringt mich immer auch wieder zurück an die Oberfläche des Archivs, sprich: zu aktuelleren Videos jüngeren Datums. Zudem organisiert sich das Archiv sowohl von der Bedienoberfläche her wie auch der Sortierung der Suchergebnisse permanent um. So wird die Ergebnisliste auf Basis bereits getätigter Eingaben auch zum Spiegel des Begehrens der Person, die sich der Suchfunktion bedient. Unter diesen Umständen kann ich nicht verifizieren, welches auf YouTube das erste Update-Video einer Transition mit Testosteron war und wann es hochgeladen wurde.78 Selbst wenn ich viele vergleichsweise alte Videos finde oder Vlogger darauf verweisen, dass ihre ältesten Videos zu Zeiten entstanden sind, in denen niemand außer ihnen gevloggt habe, sind dies nur Anhaltspunkte. Auf Basis seiner als der bisher umfassendsten qualitativen Recherche zu trans* Vlogs nimmt Raun den Beginn von trans* Vlogging im Jahr 2006 an: »the same year that YouTube became the Internet’s most popular visual medium«.79 Aber auch er kann nicht auf ein erstes oder ältestes (noch verfügbares) Video verweisen.
Dieser relative Entzug durch Strukturierung der Suchfunktion trifft auf alle YouTube-Videos zu, unabhängig von ihrem Thema. Videos aus zeitlicher Distanz, so scheint es, haben für das hauptsächliche Funktionieren der Plattform und ihren Erfolg, d.h. für ihr ökonomisches Interesse keine Relevanz. Die längste Zeitspanne, die eine YouTube-Suche berücksichtigen kann, sind 12 Monate, die kürzeste umfasst Uploads der letzten Stunde.80 Die Maßgabe der Aktualität von Uploads impliziert eine gewisse Geschwindigkeit in der Erstellung und Verbreitung neuen Materials. Diese Beschleunigung erzeugt nun für die trans* Vlogs jedoch besondere Effekte, die nach einer spezifischen Betrachtung der archivarischen Funktion von YouTube verlangen, ist doch, wie gezeigt werden konnte, die zeitliche Perspektive für die Update-Videos in vielfacher Hinsicht fundamental: Die Transition als ein zeitlicher Prozess über eine ungewisse und tendenziell unbestimmte Dauer; die Effekte des Testosterons als nicht planbar und unter Umständen Geduld erfordernd – ohne die Gewissheit, ob die Geduld sich auszahlen wird; die risikobehaftete und manchmal äußerst prekäre bis gar nicht verfügbare Option, als trans* überhaupt auf eine Zukünftigkeit hin agieren oder hoffen zu können. Testosteron wird in den trans* Vlogs verschlagwortet, wird in den Titeln und Beschreibungen der Videos angeführt und über diese Metadaten algorithmisch auffindbar. Als dokumentarisches Medium wiederum ermöglicht Testosteron aber gerade keine Katalogisierung, keine Klassifizierung oder Verschlagwortung. Die mit dem Hormon in Verbindung gebrachten körperlichen wie emotionalen Effekte treten unzuverlässig auf, die Affekte des Testosterons sind widersprüchlich, die mit ihm angedachte geschlechtliche Veränderung ein risikoreicher Einsatz und unablässig verwickelt mit Risiken auch rassistischer Konfrontationen. Das Hormon verunklart mehr, als dass es Eindeutigkeit signalisiert. Es entzieht sich einer ontologischen Bestimmbarkeit und ist selbst stets in einem Werden begriffen, das sich mit in den Videos hervorgebrachten Geschlechtern, neu hervorgebrachtem biochemischen Wissen, den Synthetisierungs‑ und Distributionsprozessen sowie Verabreichungspraktiken und -bedingungen rückkoppelt und darüber Veränderungen und Verschiebungen erfährt.
Somit bilden die trans* Vlogs einerseits ein Archiv und bringen dessen Funktionieren andererseits permanent an seine Grenzen: Denn die mit YouTube verbundene Suchpraktik ist nicht dazu gedacht, spezifische Videos – zumal innerhalb einer gewissen und länger als ein Jahr zurückliegenden Zeitspanne – auffinden zu können. Die Struktur der Plattform sieht es nicht als notwendig an, dass ich gezielt herausfinde, wie sich die Testo-Vlogs selbst immer wieder verändert haben, indem ich einen Vergleich anstellen könnte zwischen den Videos von April 2020 mit denen zum Beispiel von März 2015. Sofern ich auf ältere Videos stoße, dann geschieht dies aufgrund der Tatsache, dass sie einen gewissen Referenzcharakter haben, den sie über eine hohe Anzahl von Aufrufen sowohl erhalten wie bestätigen und damit in der Funktionslogik der Plattform wahrscheinlicher als passendes Ergebnis meiner Suche oder weiteres relevantes Video vorgeschlagen werden. Bei den Vlogs handelt es sich folglich nicht um ein gesichertes Archiv mit stabiler Ordnung, so dass das Konzept Archiv selbst herausgefordert wird. Doch auf welche Praktiken hebt dann die Beschreibung von YouTube und insbesondere auch von trans* Vlogs als Archiv ab, wenn sie nicht verfehlt ist?
Die Archivfunktion der trans* Vlogs und Testosteron-Updates besteht zum einen darin, eine Tradierung zu ermöglichen, wobei der Begriff des Tradierens hier vor allem in seiner Bedeutung des Anvertrauens zu verstehen ist. Die Vlogger vertrauen den Videos und den imaginierten User_innen Sorgen, Ärger und Bedenken an. Zum anderen erfüllen sie die Funktion eines Archivs, wie Cvetkovich es begreift, als kollektive Praktiken affektiver Bewältigungen. Über die Praktik des Vloggens mit Testosteron werden Affekte bewahrt und darüber Möglichkeiten der Empfindung eingerichtet, sodass (un)mögliche Zukünftigkeiten wie Vergangenheiten darin zur Option werden können. Als Empfindungs-Vlogs bedingen sie, so mein Argument, dass sich die Affekte sowohl vom Vlogger-Subjekt lösen als auch das jeweilige Video überschreiten. Die trans* Vlogs stehen damit einer konventionellen Archivfunktion entgegen, insofern es nicht darum geht, dass User_innen bei einer Suche nach ›trans‹ und ›testosterone‹ das eine oder andere spezifische Video auf- oder vorfinden. Für die Popularität von trans* Vlogs ist es nicht wichtig, bestimmte Videos gesehen zu haben. Es geht vielmehr darum, dass sich die eingerichteten Räume des Wünschens und Begehrens immer wieder neu und durch weitere, aktuellere Videos bespielen lassen und sich dadurch verändern.81 Aus diesem Grund tauchen in den Vlogs wiederholt die gleichen Fragen, die gleichen Themen auf, deren in unregelmäßigen Abständen erfolgende Wiederholung sie modifiziert: Wie injiziere ich mir Testosteron? Welche Effekte hat es möglicherweise auf meinen Körper? Wie gehe ich mit den körperlichen, sozialen, emotionalen Veränderungen um? Teilweise greifen Vlogger auch auf eigene bereits länger zurückliegende Videos zurück, um ein thematisches Update zu produzieren. Es tradieren sich also nicht spezifische Dokumente, spezifische (Selbst‑)Dokumentationen, sondern es tradiert sich YouTube als Anlaufstelle für Informationen, Erfahrungsaustausch und Subjektivierung. Und wichtiger noch: Es tradiert sich die Selbstverständlichkeit als trans* Person auf YouTube zu vloggen, als trans* Person sichtbar zu werden, einen Status als Expert_in für trans* Belange einzunehmen. Die Vlogs bringen eine Selbstverständlichkeit, die eigene Geschlechtlichkeit als trans* zu artikulieren, hervor.
Damit komme ich zurück zu MrThink Queer, dem Kollektiv-Kanal, auf dem es seit Juli 2018 kein Update, kein weiteres Video mehr gegeben hat, da – wie ein Vlogger im vorletzten Video die Situation beschreibt –, die Themen ausgegangen seien. Mit dem Gefühl, alles bereits gesagt zu haben und aus diesem Grund die Produktion und den Upload weiterer Videos bewusst oder unbewusst (z. B. aus fehlendem Antrieb) einzustellen, und dennoch gleichzeitig auf eine Fortsetzung zu hoffen, kommen erneut Affekte, Begehren und Transitionen in ihren unterschiedlichen und ungewissen zeitlichen Ausfaltungen zur Überkreuzung: Das Testosteron wirkt in den Vlogger-Körpern weiter oder nicht; die Zuschauer_innen wissen es nicht. Es gibt möglicherweise andere Kanäle der Vlogger, auf denen die individuellen Transitionen weiterhin dokumentiert und damit gleichermaßen hervorgebracht werden. Dieser spezifische Kanal kommt derweil zu einer Art (vorläufigem) Stillstand: Es gibt keine Updates mehr, in den Suchanzeigen tauchen die Videos mit zunehmend weiter zurückliegendem Uploaddatum weniger wahrscheinlich auf, sie erhalten voraussichtlich mit der Zeit immer weniger Klickzahlen, verlieren dadurch weiter an algorithmischer ›Relevanz‹, werden entsprechend umso seltener angezeigt, erhalten wiederum geringere Aufmerksamkeit und so fort. Der Kanal gerät auf YouTube in Vergessenheit.
Die Affekte der Videos auf MrThink Queer überschreiten jedoch diesen Kanal und die einzelnen Vlogger: Aufbewahrt finden sich zwar auch die einzelnen Uploads, die mit ein bisschen Mühe oder Zufall an die Oberfläche der Suchergebnisse kommen, und die historisch als selbstdokumentarische Zeugnisse einer Transition mit Testosteron Mitte der 2010er Jahre betrachtet werden können. Möglicherweise dienen sie denen, die sie finden und anschauen, weiterhin als Quelle für Informationen in einem konservativ archivarischen Sinn, als Zeugnis vergangener Ereignisse. Darüber hinaus aber ist der Kanal, sind die Videos ein Empfindungs-Vlog: Unabhängig vom Bestand des Kanals und der Tatsache, ob die dort hochgeladenen Videos weiterhin angeschaut werden, bewahrt sich in ihm wie in allen anderen trans* Vlogs vielmehr die Selbstverständlichkeit, als trans* Person auf YouTube mit der eigenen Transition zu hadern, zu zweifeln und zu jubilieren, sich zu freuen und zu ärgern, enttäuscht oder vorfreudig zu sein. Dafür muss dieser spezifische Kanal nicht mehr gefunden werden von denen, die vielleicht jetzt zum ersten Mal auf die Suche gehen und deren Suchverläufe nicht schon wie meiner eine gewisse Prägung erfahren haben, sodass ich durchaus immer mal wieder auf diese Videos zurückkomme. In diesem Entzug bzw. dem in Vergessenheit geraten spezifischer Vlogs und Kanäle können die trans* Vlogs eben genau nicht sein, was Devor für seine Arbeit an und mit den Transgender Archives als »Grundlagen für die Zukunft« (foundations for the future) beschreibt.82 Denn die Videos bilden kein stabiles Fundament für eine, für die Zukunft. Zukünftigkeiten stehen in und mit den Vlogs immer wieder neu auf dem Spiel oder als Einsatz darin überhaupt nicht zur Verfügung. Sie werden (un)möglich dadurch, dass mit den Empfindungs-Vlogs Affekte bewahrt sind, die ein Empfinden einrichten – und zwar nicht auf ein spezifisches Empfinden hin, sondern in Offenheit für Differenzen, Widersprüche und Veränderungen eines geschlechtlichen Werdens in Transition.
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