
In den trans* Vlogs geht es mit dem Einsatz von Testosteron ums Überleben. Das gilt für die Videos von gorillashrimp ebenso wie für die von itsGOTtobegroovy. Das Testosteron fungiert darin als Anker- und Ausgangspunkt für das Leben als trans* Mann und die Möglichkeit, dieses Leben vorstellbar und auch lebbar zu machen. Dies zu betonen, übergeht nicht, dass auch für trans* weibliche Personen in Transition (male-to-female; MtF) der Einsatz von Hormonen mitunter (über-)lebenswichtig ist. Angesichts der massiven Gewalt gegen trans* Frauen ließe sich auch argumentieren, dass in deren Transitionen die Hormone sogar noch wichtiger seien, insofern die soziale Intelligibilität von trans* Frauen aufgrund misogyner Weiblichkeitsideale fragiler sei und somit eine andere Dringlichkeit der hormonellen Verweiblichung des Körpers entstehe, in der Hoffnung, dass mit einer weniger zweifelhaften Intelligibilität relative Sicherheit einhergehe.1 Für trans* Frauen of Color und Schwarze trans* Frauen könne ein Drang zu eindeutiger Weiblichkeit besonders intensiv sein, da Geschlechterideale unmarkiert als weiße Ideale wirken.2
Doch fügen sich die in einer weiblichen Transition zum Einsatz kommenden Östrogene auf eine Weise in die Selbstdokumentation der Transitions-Vlogs ein, die eine im Vergleich zu den Testosteron-Updates andere Fokussierung der Hormone erfordert. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass in den Titeln der Videos von trans* Frauen zumeist dann von HRT (hormone replacement therapy, dt. Hormonersatztherapie) oder Östrogenen die Rede ist, wenn die bisherige Dauer der hormonellen Transition angeführt wird. Anders als bei den Vlogs von trans* männlichen Vloggern, wo konkret von Testosteron und nicht von Androgenen gesprochen wird, was begrifflich das klassifikatorische Pendant zu den Östrogenen wäre, markiert somit nicht ein spezifischer Wirkstoff die temporale Zäsur für die Zeitlichkeit der Transition. Zudem ist in der endokrinologischen Forschung und Praxis die sogenannte Hormonersatztherapie als Begriff für die Behandlung von Beschwerden während der Wechseljahre und damit ausschließlich in Zusammenhang mit Weiblichkeit geprägt worden. Schon über die Art, wie über Hormonbehandlungen gesprochen wird, findet folglich eine Vergeschlechtlichung statt. Die als solche in den Vordergrund gestellte Hormonersatztherapie in einer trans* weiblichen Transition schreibt sich demnach unmittelbar in einen Diskurs von cis Weiblichkeit ein. Von daher bedürfte es einer eigenen Untersuchung, diese Hormone auf ihren dokumentarischen Charakter im Gefüge trans* Vlog zu befragen. Die Entscheidung, in der vorliegenden Arbeit allein trans* Vlogs in Zusammenhang mit Testosteron zu untersuchen und solche Vlogs, die mit anderen Hormonen zusammengehen zu vernachlässigen, beruht auf der Anerkennung dieser Differenz der Hormone in diesem spezifischen Kontext, und zwar ohne diese Differenz als eine antagonistische anzusehen.3 Wenn es mit dem Testosteron in den Vlogs explizit um eine Frage des Überlebens geht, hebe ich auf eine spezifische Geschichtlichkeit dieses Hormons ab, die die Frage des Lebens, der Medien und Techniken in besonderer Weise informiert. Das impliziert nicht, dass dies für andere Hormone nicht oder nur in geringerem Umfang gilt. Ich betone lediglich, dass die anderen Hormone in diesen Gefügen gesondert untersucht werden müssten. Ihre Überlebenswichtigkeit kann jedoch in keinem Falle überschätzt werden.
Die Frage des Überlebens im Kontext von trans* Erfahrungen meint zum einen sehr konkret, nicht durch die physische oder psychische Gewalt anderer zu Tode zu kommen. Zum anderen beinhaltet sie, das eigene Leben als sinnhaft erfahren zu können, es nicht beenden zu wollen. Das setzt voraus, dass ein solches Überleben in eine Zukunft hinein – so ungewiss sie auch sein mag – überhaupt vorstellbar ist. Diese Dimension entfaltet sich in den Zeitlichkeiten der Vlogs. Für viele trans* Personen hängt eine mögliche Zukunft auch davon ab, das geschlechtliche Sein am eigenen Körper zu versichern, sodass andere dieses Geschlecht in sozialen Interaktionen tendenziell eher bestätigen denn infrage stellen.4 Die Zuführung von Testosteron ermöglicht es, dem eigenen Körper über dessen veränderte Merkmale entsprechend näher zu kommen.
Um das Überleben geht es aber auch, wenn es mit Testosteron aufs Spiel gesetzt wird.5 Veränderungen von Merkmalen eines Körpers, die kulturell als geschlechtsspezifisch verstanden werden, können dazu führen, dass die erhoffte unzweifelhafte Erkennbarkeit des eigenen Geschlechts gerade nicht oder nicht zuverlässig gelingt. Dies geschieht eben dann, wenn nur einige dieser körperlichen Merkmale sich verändern, andere wiederum nicht, sodass das Geschlecht vermeintlich uneindeutig wird.6 Damit ist innerhalb eines Zweigeschlechtermodells entweder die Intelligibilität des Körpers nicht mehr gegeben oder das Modell selbst stößt an seine Grenzen und wird darüber zweifelhaft. Einer derart vermeintlichen Inkongruenz von Geschlecht begegnen viele cis Menschen noch immer irritiert oder ablehnend. Auf diese Weise als trans* sichtbar zu werden, bedeutet daher in einem cis sexistischen Alltag nicht selten, mit verbalen wie physischen Angriffen konfrontiert zu sein und damit das eigene Überleben als gefährdet zu erfahren. Testosteron hängt mit dem Überleben zusammen, insofern seine Effekte auch eine solche Gefährdung bedeuten können. Nicht nur dort, wo geschlechtliche Körper innerhalb eines binären Geschlechtersystems unintelligibel werden, wird die fehlende Eindeutigkeit zum Anlass für Gewalt genommen. Umgekehrt ist in itsGOTtobegroovys Update-Video deutlich geworden, dass auch das mit den Effekten von Testosteron gelungene, im Sinne von öfter ohne Zweifel als Mann erkannt werden, ein Risiko bedeuten kann, insofern Schwarze Männlichkeiten in rassistischen Gesellschaften potenziell immer der Gewalt durch andere ausgesetzt sind.7
Hiermit ist schon angedeutet, dass das Testosteron die Erwartung, Geschlecht zu stabilisieren, zu versichern und somit entlang einer stringenten, auch körperlichen Zeitlichkeit auszurichten, nicht pauschal gerecht wird und gerade in rassifizierten Kontexten äußerst ambivalent ist. Dennoch wird Testosteron immer noch und in gegenwärtigen medialen Phänomenen sogar wieder verstärkt aufgerufen, um Männlichkeiten zu bestätigen. So sind auf YouTube ebenfalls Videos zu finden, die der sogenannten Manosphere zugeordnet werden können und deren Verursacher auf eine unter anderem hormonell begründete Hegemonie (weißer) Männlichkeit beharren. Die Manosphere umfasst dabei einen in erster Linie auf Verweisen und Verlinkungen basierenden, losen Zusammenschluss von Foren und Boards, auf denen mit antifeministischer, rassistischer und teils antisemitischer Haltung weiße Männlichkeit als bedroht und unterdrückt inszeniert wird, da ihr unter anderem auf unterschiedliche Weise die vermeintlich basale Substanz – Testosteron – entweder vorenthalten oder entzogen würde. So führe etwa der Genuss von Soja(produkten) zu einer hormonellen Feminisierung und die entsprechend selbstverschuldet oder unwissentlich zu ›soy boys‹ gewordenen Männer trügen mit Schuld an der vom Feminismus vorangetriebenen gesellschaftlichen Benachteiligung von (weißen) Männern.
Diese Ideologien bleiben nicht unwidersprochen. Populäre Vlogger_innen machen sich die Mühe, die ihnen zugrunde liegenden Männlichkeitskonzepte wiederum in eigenen Videos zu demontieren.8 Einige der Manosphere-Videos bauen auf Testosteron als einer Versicherung von Männlichkeit, die die Funktion habe, eine heteronormative Geschlechterordnung zu legitimieren. Genau diese wiederum ist Voraussetzung für die reproduktive Zukünftigkeit, die sich in diese Videos einschreibt und Politiken reaktiviert, die eine biopolitische Reproduktion der Nation oder eines Volkes propagieren.9
Es gibt folglich in unterschiedlichsten zeitgenössischen Diskursen verschiedene Inanspruchnahmen von Testosteron für ein Verständnis oder auch eine Erklärung von Geschlecht und insbesondere Männlichkeit. Zugleich definiert Testosteron in manchen Diskursen auch Weiblichkeit, insofern ein vermeintliches Zuviel dieses Stoffs in einem Körper die ihm zugeschriebene Weiblichkeit infrage stellt. Besonders deutlich wird dies in der gegenwärtig nicht mehr nur sportgerichtlich, sondern auch menschenrechtlich geführten Debatte um den Ausschluss der Leichtathletin Caster Semenya von spezifischen läuferischen Wettbewerben.10 Hier weise ich lediglich auf die unterschiedlichen Inanspruchnahmen in verschiedenen Diskurse hin, leiste aber keine Analyse im engeren Sinn, sondern verstehe die die Diskurse selbst als ein Symptom der Unsicherheit bezüglich kausaler Zusammenhänge von Testosteron und Männlichkeiten. Allein die Tatsache, dass Testosteron und seine Funktionen wie Effekte (wieder) zu einem so stark bespielten Schauplatz für Auseinandersetzungen um Männlichkeiten werden, verweist auf die Fragilität dieser scheinbar selbstverständlichen Verbindung von Hormon und Geschlecht.11
Es zeigt sich gerade dort, wo Testosteron immer wieder als naturalisierte Begründung für die Eindeutigkeit einer ›biologischen‹ Männlichkeit herangezogen wird, dass es eben dieser permanenten Wiederholung bedarf, um eine Naturalisierung zu erzeugen. Butlers Theorie der Performativität von Geschlecht klingt hier an, dergemäß der Zwang zur Wiederholung von Gesten – sowie das Scheitern daran, die Wiederholungen perfekt auszuführen – erst dafür sorgt, dass Geschlecht als vermeintlich natürliche Kategorie entsteht, die über eine originäre, d.h. eindeutig männliche oder eindeutig weibliche Form verfügt und an deren Erfüllung alle Menschen gemessen werden.12 Die Notwendigkeit der performativen Wiederholung verunsichere jedoch nicht nur Geschlecht, sondern vielmehr erweise sich das zugrundeliegende Konzept von Original und Kopie als obsolet. Butler betont, dieses sei schon in seiner Grundannahme »radikal instabil, da jede Position in die andere übergeht, was die Möglichkeit einer stabilen Bestimmung der zeitlichen oder logischen Priorität einer der beiden Positionen vereitelt«.13 In die permanente Wiederholung der Versicherung von Männlichkeit über einen kausalen Zusammenhang mit Testosteron schreibt sich somit stets die Nachträglichkeit des erst in der Kopie und wiederum selbst als Kopie entworfenen Originals ein. In einem anhaltenden Zirkelschluss wird Testosteron zur Voraussetzung für Männlichkeit und Männlichkeit wiederum zur Voraussetzung und Legitimation von Testosteron, sodass weder zeitliche noch kausale Stringenzen herzustellen sind. Vielmehr werde der grundlegend vorausgesetzte Zusammenhang zwischen diesem Hormon und einer spezifischen Vergeschlechtlichung zweifelhaft. Testosteron bedeutet folglich keine Versicherung, sondern vielmehr eine Herausforderung von Männlichkeiten.
Um diese Herausforderung beschreiben zu können, die somit auch und in besonderer Weise in den trans* Vlogs als eine zeitliche erfahrbar wird, schlage ich vor, Testosteron als Medium zu begreifen. Dieser Vorschlag begründet sich in zwei unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Aspekten. Zum einen erlaubt diese Herangehensweise, die Spezifität der Verschränkung von Testosteron und Videoblog, von Hormon und sozial-medialer Plattform als zeitliche zu beschreiben. Dafür eigne ich mir einen Medienbegriff an, der der Prozessualität von Medien Rechnung trägt und anerkennt, dass diese nicht als singuläre Entitäten erfasst und ontologisch bestimmt werden können, sondern über sich in stets komplexen medialen Gefügen herausbildenden Praktiken erst hervorgebracht werden.14 In diesem Sinne haben Medien, und somit das Testosteron, auch eine spezifische Geschichtlichkeit, die es zu berücksichtigen gilt. Darüber hinaus unterscheidet sich das Testosteron der trans* Vlogs vom Testosteron der gedruckten trans* Autobiografie, auch wenn womöglich in beiden Kontexten ähnliche Kräfteverhältnisse auf seine Vergeschlechtlichung einwirken.
Zum anderen entstehen mediale Praktiken nicht unabhängig von den Materialitäten der jeweiligen Medien. Indem Testosteron als Medium beschrieben wird, rückt die Materialität des Testosterons in den Blick und damit zwangsläufig auch die Materialität der trans* Körper, an und in denen das Hormon angebracht wird. Die Frage des Überlebens, die in den trans* Vlogs mit dem Testosteron verbunden ist, stellt sich mithin nicht als eine rein diskursive oder sprachliche. Wo schon der Zwang zur Wiederholung der vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Geste – wenn auch implizit, so doch notwendigerweise – auf den Einsatz eines materiellen Körpers verweist, wird der Aspekt der Materialität über die Betrachtung von Testosteron als Medium explizit. Nur wenn sowohl die Prozessualität und Historizität von Testosteron als auch seine Materialität berücksichtigt werden, kann seine Bedeutung in den trans* Vlogs, insbesondere im Hinblick auf eine (un)mögliche Zukunft der Vlogger, beschrieben werden. Und nur so wird deutlich, dass das Überleben durch Testosteron keinesfalls garantiert ist, sondern das Hormon (auch) zum Risiko werden kann – ein Einsatz jedenfalls, der nicht leichtfertig ist.
Bisherige Untersuchungen zu trans* Vlogs haben Testosteron als Mittel, als eindeutigen Vermittler von Männlichkeit und von als männlich konnotierten körperlichen Eigenschaften innerhalb geschlechtlicher Transitionen positioniert. Derart als Mittel zum Zweck, mithin teleologisch verstanden, lässt sich das Risiko seines Einsatzes lediglich als ein Nicht-Eintritt seiner Effekte ermessen. Hingegen hebe ich hervor, dass es statt um ein gänzliches Versagen vielmehr um die Ungewissheit über das Ausmaß und die Intensität der Effekte geht, die das Testosteron in den trans* Vlogs umgibt und Herausforderungen sowohl an Männlichkeiten als auch ans Überlebens stellt.
Testosteron ausdrücklich als Medium zu beschreiben ermöglicht in diesem Fall, das Verhältnis von Männlichkeit und Hormon anders zu bestimmen: Testosteron wird der Gleichbedeutung mit spezifischen Männlichkeiten enthoben und der Automatismus einer solchen Gleichsetzung (Synonymisierung) kann als solcher in den Blick genommen werden. Ganz aufgehoben werden kann und soll diese Verbindung offenkundig nicht, denn auch in dieser Betrachtungsweise werden Testosteron und Männlichkeit zueinander in ein Verhältnis gesetzt. Allerdings wird dabei die Qualität dieses Verhältnisses befragt: Was bedeutet es, wenn Testosteron keine biochemische und historisch stabile Essenz von Männlichkeit, sondern eine konstitutiv temporale Verbindung ist, die ich als eine andauernde Sedimentierung beschreibe?15 Während dieser Sedimentierung lagern sich sowohl Männlichkeiten per (digitaler) Bilder, Wünsche, Begehren, Vorstellungen und Körperlichkeiten in diesem Hormon ein und manifestieren sich, wie auch umgekehrt diese Männlichkeiten wiederum aus Projektionen vom Testosteron ausgehend gespeist werden. Diese Materialitäten, Projektionen, Praktiken und Begehren sammeln sich an, verlangsamen, verdichten und stabilisieren sich über gewisse zeitliche Dauern.
Die Sedimentierung im Kontext der trans* Vlogs verursacht explizit keine historisch eindeutige Konservierung von Zeit.16 Stattdessen verweist der Begriff auf Zeit als Materialisierungsprozess, deren Bewegungen in ihrer Informiertheit durch Praktiken und Begehren nicht ahistorisch sind, deren Situierungen sich jedoch auch nicht zwangsläufig raumzeitlich fixieren lassen. Sedimentierung erkennt an, dass Materialisierungen mit Stabilisierungen einhergehen. Gleichzeitig hält diese Vokabel der Prozessualität das Sediment, die Verfestigung stets in Aufschub und somit die Partikel und Begehren immer auch noch in der Schwebe. Die Stabilisierung ist lediglich relativ.
Eine solche relative Stabilisierung äußert sich beim Testosteron in den trans* Vlogs und deren Verbindung mit Männlichkeiten, der Materialität dieses Gefüges und den Vlogger-Körpern. Männlichkeiten werden darin einerseits selbstverständlich erlebt, gleichzeitig aber auch verunsichert und herausgefordert. Geschlecht, und das heißt in diesem Zusammenhang eben insbesondere auch der vergeschlechtlichte Körper, ist in dieses Spannungsverhältnis eingelassen. Und diese Kräfteverhältnisse haben wiederum eine eigene Geschichtlichkeit, die es für die Betrachtung ihrer Effekte zu berücksichtigen gilt. Darauf weist auch Judith Butler hin, wenn they in Körper von Gewicht die körperliche Materialität in einer solchen Dynamik von hartnäckigem Fortbestand und umarbeitender Befragung situiert:
Es muß möglich sein, ein ganzes Arsenal von ›Materialitäten‹ zuzulassen und zu bejahen, die dem Körper zukommen – das Arsenal, das mit den Bereichen der Biologie, Anatomie, Physiologie, hormonaler und chemischer Zusammensetzungen, Krankheit, Alter, Gewicht, Stoffwechsel, Leben und Tod bezeichnet ist. Nichts davon kann geleugnet werden. Aber die Unleugbarkeit dieser ›Materialitäten‹ besagt keineswegs, was es bedeutet, sie zu bejahen, ja, welche interpretativen Matrizen diese notwendige Bejahung bedingen, ermöglichen und beschränken. Daß jede dieser Kategorien eine Geschichte hat und Geschichtlichkeit besitzt, daß jede einzelne von ihnen durch die sie unterscheidenden Grenzlinien konstituiert wird und von dem konstituiert wird, was sie ausschließt, daß Diskursverhältnisse und Machtbeziehungen Hierarchien und Überschneidungen unter den Kategorien herstellen und jene Grenzen herausfordern, das alles impliziert, daß es sich um sowohl beharrende als auch umstrittene Gebiete handelt.17
Mit dem Begriff der Sedimentierung kann eine solche Bejahung der Materialitäten unter Betonung ihrer spezifischen Geschichtlichkeiten für das Testosteron in den trans* Vlogs gedacht werden. Damit lässt sich in der Untersuchung des Zusammenhangs von Testosteron und Männlichkeiten sowohl erkennen, dass es sich bei den als ahistorisch naturalisierten Annahmen in diesem Zusammenhang um Ablagerungen handelt, als auch betonen, dass selbige prozessual statt statisch zu verstehen sind und sich in spezifischen Umgebungen auf je unterschiedliche Weisen herausbilden. Mir geht es entsprechend darum, die in ihnen wirksamen »interpretativen Matrizen«18 berücksichtigen zu können.
Für die Entstehung der Hormone und das Wissen um sie sind als entsprechende Umgebungen und Matrizen unter anderem die Labore, Kliniken und Industrien zu nennen, die als Orte wiederum von pharmazeutischen Interessen und ökonomischen Überlegungen durchdrungen und entlang auch geschlechtlich konnotierter Arbeitsteilung organisiert sind.19 Darüber hinaus ist die Sedimentierung als Prozess mit einer gewissen Dauer verbunden, wobei ein mögliches Ende stets als nur vorläufig oder spekulativ beschrieben werden muss. Können sich einerseits weitere Teilchen absetzen und dem Sediment hinzufügen, ist es andererseits ebenso möglich, dass Ablagerungen wieder aufgewirbelt werden, beispielsweise dort, wo, um Halberstams Begriff aufzugreifen, weibliche Maskulinitäten (female masculinities) denk- und lebbar werden, die für sich in Anspruch nehmen, dass »Maskulinität sich nicht auf den männlichen Körper und dessen Effekte reduzieren lassen kann, darf oder sollte«.20 Es lassen sich mit der Sedimentierung folglich verschiedene zeitliche Dimensionen von stabilisierenden Ablagerungen, ihr Andauern wie auch ihre Unterbrechungen oder Dynamiken in den Blick nehmen und mit den jeweiligen Einlagerungen, d.h. Wünschen, Erwartungshaltungen oder Ideen in Beziehung setzen. Solche affektiven Aufladungen und Einlagerungen erfuhr das Testosteron bereits, als es wissenschaftlich noch nicht einmal als solches hervorgebracht war.
Noch bevor sich die Endokrinologie als wissenschaftliches Feld zu Beginn des 20. Jahrhunderts institutionalisiert, dokumentieren die Schriften zu Experimenten mit den sogenannten inneren Sekretionen aus den Gonaden von Tieren spezifische Erwartungen der Forscher_innen, mit der Injektion dieser Sekretionen als männlich oder weiblich konnotierte Eigenschaften und Fähigkeiten hervorrufen oder verstärken zu können.21 Während der Effekt dieser Zuschreibungen eine Stasis von Geschlecht suggeriert – Männlichkeit heiße Potenz, Kraft, Jugendlichkeit und lasse sich in spezifischen Wirkstoffen organisch lokalisieren und anschließend übertragen –, beschreibt der Vorgang der Sedimentierung hingegen eine prozessuale Dynamik. Indem also auf die Prozessualität dieses Zusammenhangs von Testosteron und Geschlecht abgehoben wird, können die Umgebungen in den Blick gelangen, in denen diese Prozesse sich vollziehen respektive in denen sie hervorgebracht werden.22 Die trans* Vlogs sind eine von vielen möglichen Verdichtungen dieser Relationalität von Hormon und Geschlecht, deren Umgebung mit YouTube mithin eine digital-mediale ist. Indem ich Testosteron als Teil eines digital-medialen Gefüges beschreibe, rücken gegenwärtige Männlichkeiten als Effekte auch von Begehren und Wünschen in den Blick, die mit spezifischen Körperlichkeiten wie unbestimmten Zeitlichkeiten innerhalb dieser Gefüge in Verbindung stehen.23
Diese Herangehensweise wirft jedoch weitere Fragen zur Relationalität des Hormons auf: Nicht nur gilt es zu untersuchen, wie Testosteron sich zu Männlichkeiten verhält, auch ist der Einsatz von Testosteron als dokumentarische Praktik hierbei auf seine mediale Dimension hin zu betrachten. Die Beschreibung von Testosteron als Medium schließt an eine lang etablierte und scheinbar selbsterklärende Verwendung hormoneller Metaphoriken in medienwissenschaftlichen und die Medienwissenschaft prägenden Analysen an. In der Endokrinologie wiederum kommen umgekehrt mediale Metaphern zum Einsatz, um physiologische Prozesse zu veranschaulichen. Nimmt man diese beide Verweisrichtungen gemeinsam in den Blick, ergibt sich ein Zirkelschluss der gegenseitigen Plausibilisierung: Das Wissen um Hormone und das Wissen um Medien stellt sich in gegenseitiger Bezugnahme aufeinander her, wobei jeweils Selbstverständlichkeiten erzeugt werden. Zugleich lässt sich in ihrer Reziprozität auch ein Ansatzpunkt finden, diese Gewissheiten infrage zu stellen.
Entsprechend geht mein Vorschlag für die Analyse über eine allein metaphorische Verbindung von Medium und Hormon hinaus. Insofern sowohl der Bereich des Medialen wie gleichzeitig und in einer Gegenbewegung die Gegenstände des Endokrinologischen als epistemologisch gesichert vorausgesetzt werden, damit Erkenntnisse der jeweils anderen Disziplin veranschaulicht oder belegt werden können, ergibt sich in unbeabsichtigter Konsequenz eine gegenseitige Befragung statt Bestätigung. Aus dieser These ergeben sich folgende Fragen zu einer medialen Beschaffenheit von Testosteron: Wenn sowohl das Wissen um Medien als auch das um Hormone auf eine solch relationale Versicherung bauen, werden nicht jeweils die Eigenschaften und Effekte sowohl von Medien als auch Hormonen als letztlich ungewiss, zumindest aber veränderlich erkennbar? Wie lassen sich die Prozessualitäten dieser Gefüge beschreiben, wenn deren Verschränkungen über rein metaphorische hinausgehen? Unterlaufen die dynamischen Verbindungen von Medien und Hormonen nicht ebenfalls Transitionen und deren ungewisse, jedenfalls komplexe und vielschichtige Zeitlichkeiten? Und welche Effekte wiederum haben diese Zeitlichkeiten auf die Herstellung von Männlichkeiten in diesen Gefügen von Testosteron und digital-medialer Umgebung?
Für die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen aus einer queertheoretisch informierten medienwissenschaftlichen Position kann ich auf explizit geschlechtertheoretische Untersuchungen zur Wissensproduktion über Hormone aufbauen, wie sie unter anderem von Nelly Oudshoorn und Anne Fausto-Sterling geleistet wurden.24 Dabei ist für meine Analysen jedoch insbesondere die Verzahnung von Medien und Geschlecht von Interesse, die ich zudem auf ihre Affekte und Begehren hin untersuchen kann. Die Frage nach dem Verhältnis von Medien, Männlichkeiten und zudem auch Testosteron erweitert somit die in den Gender Media Studies untersuchten Zusammenhänge von Medien und Geschlecht, um die Bedingungen und Effekte der trans* Vlogs und insbesondere ihre spezifischen digital-medialen Zeitlichkeiten beschreibbar machen zu können. Indem Testosteron als Medium in einem medialen Gefüge betrachtet wird, können aufschlussreiche Erkenntnisse über die mit dieser Substanz verbundenen Praktiken und ihre Effekte in der Herstellung gegenwärtiger Männlichkeiten gewonnen werden.
It’s finally T-Day! Aaaah! So, I’ve chosen an outfit that I wanna wear today, that makes me feel confident, like myself […] I am excited now. I woke up kind of nervous actually, ehm… So I started watching some videos, from Benton’s videos and Dave’s videos and it made me feel a lot better. And then I downloaded a song from Dave’s one-year-video […] It’s really good and it makes me happy. […] Big day, woohoo.25
Das dritte Video auf gorillashrimps YouTube-Kanal ist T-Day! March 21, 2014.26 Es handelt sich dabei offenbar um einen Zusammenschnitt von Aufzeichnungen dieses Märztages, der für gorillashrimp ein sehr besonderer ist, vom morgendlichen Aufstehen über den Besuch in einer medizinischen Praxis bis zur anschließenden Autofahrt und einem Drink in einer Bar zur Feier des Tages. An diesem 21. März bekommt er seine erste Injektion mit Testosteron. Es ist sein T-Day, den er in Anlehnung an einen B-Day, kurz für birthday, als einen weiteren Geburtstag feiert. Seine große (Vor-)Freude und nervöse Aufregung über dieses Ereignis äußert er verbal und sie wird auch körperlich erkennbar: Mehrmals flattert die Atmung während er spricht, seine Stimme kippt, er pustet konzentriert Luft aus, um sich zu beruhigen. Das Testosteron, auf dessen erste Verabreichung er sich so immens freut, zeitigt damit schon Effekte auf den Organismus, bevor es biochemisch dort wirken kann. Es erfüllt in diesem Moment schon die Erwartungen an Hormone, die in ihre Bezeichnung etymologisch eingelassen sind.
›Hormon‹ leitet sich vom griechischen ὁρμάω ab, was sich mit anregen oder antreiben übersetzen lässt – oder im Englischen eben mit »excite or arouse«.27 An- bzw. aufgeregt ist gorillashrimp ganz offenkundig. Ernest Starling führt 1905 den Begriff des Hormons ein, um damit die Wirkung und Funktionsweise der sogenannten inneren Sekretionen eines Organismus erfassen zu können, wie sie bereits in den Jahrzehnten zuvor ausgiebig untersucht wurden:
These chemical messengers, however, or ›hormones‹ (from ὁρμάω, I excite or arouse), as we might call them, have to be carried from the organ where they are produced to the organ which they affect by means of the blood stream and the continually recurring physiological needs of the organism must determine their repeated production and circulation through the body.28
Starling prägt den Begriff Hormon und trägt mit seinen Experimenten und Veröffentlichungen dazu bei, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Endokrinologie, die Wissenschaft der inneren Sekretionen eines Organismus, als wissenschaftliches Feld zwischen verschiedenen Disziplinen wie Biologie, Physiologie, Biochemie und Medizin etabliert.
Trans* Personen sind auch gegenwärtig auf dieses endokrinologische Wissen angewiesen, sofern sie die geschlechtliche Transition mittels hormoneller Präparate beeinflussen und dafür medizinische Begleitung in Anspruch nehmen möchten oder müssen.29 So wird auch gorillashrimp das Präparat vor seinem T-Day verschrieben und an diesem entsprechenden Tag in einer ärztlichen Praxis verabreicht bekommen haben. Er scheint sich für die Injektion dieser ersten Dosis jedenfalls, so zeigt es das Video, in einem öffentlichen medizinischen Raum aufzuhalten, in welchem entweder das Filmen nicht geduldet ist oder er den Grund für die Aufnahme nicht erklären möchte. Statt seiner Begeisterung auch akustisch über Lautstärke und Ausrufe Ausdruck zu verleihen, wie er es in der Anfangssequenz des Videos tut, die er zu Hause aufnimmt, flüstert er nun, während er auf einer Liege liegt und offenbar darauf wartet, behandelt zu werden:
So, we’re in the room. And I am pretty sure my heart’s gonna burst out of my chest – I am so excited. Shh, there’s people outside. I am excited. My blood pressure was high, though. That’s kind of funny. Or bad? I don’t know. Nervous? Excited? Makes sense.30
Es folgt ein Schnitt und zu sehen ist gorillashrimp, wie er ein kleines, braunes Fläschchen in der Hand hält und sich selbst leise »Happy Birthday to me« wünscht.31 Überraschenderweise erfährt dieser so lang ersehnte, umfassend ausgemalte und freudig antizipierte Moment keine entsprechende Aufmerksamkeit und Dauer im Video. Die Sequenz, in der man ihn mit dem Präparat in der Hand vor einer sterilen Wand sitzen sieht, ist nur knappe zwei Sekunden lang. Auch hier flüstert er wieder und statt in die Kamera oder auf das Präparat zu schauen, geht sein Blick hektisch zur Seite, als müsse er aufpassen, nicht erwischt zu werden. Wieder ein Schnitt und gorillashrimp sitzt am Steuer eines Autos und berichtet davon, wie unfassbar glücklich er jetzt nach dieser ersten Dosis Testosteron ist.
An dieser unerwartet kurzen Sequenz des Glückwunsches an sich selbst lassen sich mehrere Überkreuzungen zum Verhältnis von Testosteron, Endokrinologie und geschlechtlicher Transition im Vlog herausstellen. Zum einen vollzieht die Szene eine Art indexikalische Beglaubigung: Sofern die körperlichen Effekte des Testosterons sicherlich nicht unmittelbar nach dieser ersten Verabreichung erkennbar sind, dient die Selbstdokumentation mit dem Präparat in den eigenen Händen als Beweis, dass gorillashrimp ganz konkret Zugang zum Testosteron erhalten hat. Er hat Testosteron bekommen und die Tatsache, dass es dem Körper noch nicht injiziert wurde, scheint beinahe nebensächlich und nur noch Formsache. Die Szene erfüllt in der narrativen Kohärenz des Videos die Funktion, den Umschlagpunkt zwischen vorfreudiger Aufregung angesichts der unmittelbar bevorstehenden Injektion und der nach diesem Ereignis anhaltenden Euphorie zu markieren, wobei das eigentliche Ereignis, die Injektion des Testosterons, nicht im Video zu sehen ist.
Im Video wird damit das Testosteronpräparat selbst zum medialen Ereignis. Es zählt nicht die körperliche Verabreichung, sondern der physische Zugang, es buchstäblich in der Hand haben zu können in Form einer öligen Lösung, ausgegeben in einem unscheinbaren, kleinen, braunen Fläschchen mit einem Etikett zum Namen des Produkts, der herstellenden Firma und den üblichen Angaben zu Chargen-Nummern und weiteren Hinweisen versehen. Diese Form der visuellen Beglaubigung darüber, Testosteron bekommen zu haben, ist so immens wichtig, dass die gerade einmal knapp zwei Sekunden dauernde Sequenz in das Video integriert ist, selbst wenn der Videoausschnitt in der dokumentierten Hektik und Kürze fast untergeht und somit der Bedeutung des Moments nicht angemessen erscheint.
Darüber hinaus lassen sich diese beiden kurzen Sequenzen, gorillashrimp auf der Liege wartend sowie mit dem Präparat in der Hand sitzend, als Anhaltspunkte für den endokrinologischen Diskurs um trans* und dessen Ambivalenz in Anschlag bringen: Einerseits haben mittlerweile endokrinologische Einrichtungen in Deutschland etwas routiniertere Erfahrungen im Kontakt mit und der Beratung von trans* Personen. In den USA gibt es sogenannte gender clinics, die schwerpunktmäßig trans* oder geschlechtsnonkonforme Menschen behandeln und beraten. Für dortiges Personal wird ein Vlogger, der seine erste Injektion auf Video aufzeichnen will, möglicherweise als lästige und zu unterbindende Unterbrechung eines eng getakteten Praxisalltags empfunden. Das könnte ein Grund dafür sein, dass gorillashrimp seine Aufzeichnung heimlich erstellt. In dieser Antizipation zeichnet sich, wenn nicht eine Gleichgültigkeit, so zumindest eine unaufgeregte Alltäglichkeit ab, in der trans* Personen als Klient_innen keine besondere Aufmerksamkeit zuteilwird.
Gleichzeitig suggeriert die Heimlichkeit von gorillashrimp, sein Flüstern und seine Vorsicht, beim Filmen nicht erwischt oder gestört zu werden, wiederum eine Art Zwielichtigkeit, als wäre das, was gerade getan wird oder unmittelbar bevorsteht, eine sanktionierte Handlung. Als sei das Filmen und/oder die Injektion ein Vergehen. Als handelte es sich beim Testosteronpräparat um eine Substanz, deren Besitz und/oder Konsum illegalisiert ist. In gewisser Weise legt der pharmazeutische Diskurs diese Interpretation nahe, denn das endokrinologische Wissen wird – in Bezug auf die Wirkung und den Einsatz der sogenannten Geschlechtshormone – eingesetzt, um die Vergeschlechtlichung von Körpern entsprechend eines binären Modells (wieder-)herzustellen und darin zu stabilisieren. Diese Logik gilt auch und insbesondere in der endokrinologischen Begleitung von trans* Personen. In vielen Ländern, so auch in Deutschland, können ihnen die jeweiligen Präparate nur verschrieben werden, sofern sie vorher von den beteiligten Institutionen als dem ›einen‹ oder ›anderen‹ Geschlecht zugehörig anerkannt werden, um daraufhin entsprechend einer Abweichung von als geschlechtlich normiert bestimmten Hormonspiegeln im Blut behandelt werden zu können.
Noch einmal sei an dieser Stelle auf Paul B. Preciados Lektüre eines Beipackzettels für Testogel® verwiesen, einem in Europa gängigen Präparat im Rahmen von geschlechtlichen Transitionen: »Dieses Medikament wird empfohlen bei Beschwerden, die durch einen Mangel an Testosteron verursacht werden. […] Vorsicht: TESTOGEL sollte nicht von Frauen eingenommen werden.«32 Auch für Preciado machen sich damit die vergeschlechtlichenden Effekte des Hormons bereits vor der eigentlichen Zuführung in den eigenen Körper bemerkbar:
Synthetisches Testosteron ist nur zu erhalten, wenn man aufhört, sich als Frau zu definieren. Bevor die Wirkungen des Testosterons sich in meinem Körper bemerkbar machen, liegt die Bedingung der Möglichkeit, das Molekül anwenden zu können, darin, auf meine feminine Identität zu verzichten. Was für eine großartige politische Tautologie. Wie die Depression oder die Schizophrenie sind auch Männlichkeit und Weiblichkeit medizinische Fiktionen, die retroaktiv definiert [sic] werden und das in Bezug auf die Moleküle, mit denen man sie behandelt.33
Als pharmakopornografisch bezeichnet Preciado dabei »die Prozesse, mit denen sexuelle Subjektivitäten regiert werden und [bezieht sich] damit auf ihre molekularen (pharma-) und semiotechnischen (porno‑) Modalitäten«.34 Ein trans* Mann kann innerhalb eines solchen Sexualitäts- und Geschlechterregimes nur Testosteron verschrieben bekommen, weil sein Körper im medizinischen Diskurs als ein männlicher hergestellt wird, der offenbar ›zu wenig‹ eigenes Testosteron produziert, sein hormoneller Zustand folglich als Mangel pathologisiert werden kann.35 Besteht Unsicherheit über eine solche geschlechtlich eindeutige Zugehörigkeit oder ist eine Einordnung in einem binärgeschlechtlichen Modell schlicht nicht möglich, kann dies dazu führen, dass die Indikation, d.h. die Verschreibung von Hormonen, verweigert wird. Vor diesem Hintergrund ist auch denkbar, dass gorillashrimp seine Nervosität vor dem medizinischen Personal verheimlicht und nur dem Video für seinen Vlog anvertraut, um nicht das Risiko einzugehen, im letzten Moment Zweifel an seinem Wunsch nach einer Verabreichung und damit an seiner geschlechtlichen Identität als Mann auszulösen und das Testosteron möglicherweise verweigert zu bekommen.36 Wie sich bereits gezeigt hat, ist eine Besonderheit der Transition in und mit den Vlogs, dass dort entsprechende Sorgen, Wünsche oder auch Hoffnungen geäußert werden können, ohne Gefahr zu laufen, das eigene geschlechtliche Sein daraufhin aberkannt zu bekommen. Die Vlogs selbst vollziehen die Transition in der affektiven Dimension mit.
Während endokrinologische Befunde und deren Überführung in Rezepte folglich stets eine Vergewisserung von stabiler Zweigeschlechtlichkeit sowohl ausweisen wie auch vornehmen, ist für die hier vorgenommene Betrachtung von Testosteron, Medialität und Männlichkeit interessant, wie sich die alltägliche endokrinologische Praxis in dieser Hinsicht zur Wissensproduktion in der Forschung verhält. Denn das Feld, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Endokrinologie formiert, produziert zwar seit gut 100 Jahren Wissen über die Zusammenhänge von Hormonen und Geschlecht, doch ist dieses Wissen alles andere als selbstverständlich oder selbstvergewissernd. In feministischer Naturwissenschaftskritik ist dies schon oftmals angemerkt worden. So stellt beispielsweise die Biologin und Technikwissenschaftlerin Nelly Oudshoorn ihren Erkenntnissen zur Naturalisierung von Körpern durch die Vergeschlechtlichung von Hormonen die Feststellung voran: »[I]n the 1920s and 1930s […] scientists became confused by their own assumptions about sex and the body.«37
Bereits in den 1930er Jahren werden Forscher_innen in dem Gebiet aufgrund zahlreicher Experimente mit den inneren Sekretionen darauf aufmerksam, dass sich die Differenzierung von exklusiv zwei Geschlechtern nur aufrechterhalten lässt, sofern man ein ganzes Kontinuum von hormonellen Beschaffenheiten ignoriert oder selbige zugunsten zweigeschlechtlicher Idealtypen lediglich als zu behandelnde Probleme pathologisiert. So fasst der Historiker Chandak Sengoopta die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts gewonnenen Erkenntnisse zur hormonellen Veränderbarkeit und unter Umständen auch Uneindeutigkeit binärer Geschlechter folgendermaßen zusammen:
Glandular theories of sex, for all their uncertainties and for all the disagreements over mechanisms, transformed masculinity and femininity from immutable, inborn qualities into morphological and psychological attributes that were variable in nature and malleable in practice. […] males could be feminized and females virilized by glandular manipulations, which, certainly, was a claim subversive of traditional social certainties. Subversion, however, was only part of the story.38
Diesen Erkenntnissen hormoneller Forschung, der Schlussfolgerung, es bestünden geschlechtliche Kontinuitäten sowie der daraus entstehenden Verunsicherung einer dichotomen Geschlechterordnung und all der konnotierten Eigenschaften widmet Nelly Oudshoorn eine gesamte Monografie: Wenngleich zwar eine grundsätzliche Veränderbarkeit von geschlechtlichen Körpern als Ergebnis diverser Experimente festgehalten und um 1900 herum auch intensiv dazu geforscht wurde, führte dies nicht zur Infragestellung der zweigeschlechtlich naturalisierten Ordnung. Im Gegenteil wurden die Forschungen und Experimente dahingehend vorangetrieben, mit diesem Wissen eben jene zwei Geschlechter durch Behandlungen mit inneren Sekretionen stabilisieren und binärgeschlechtlich konnotierte körperliche (Alterungs-)Phänomene (Hitzewallungen, Libidoverlust, Haarausfall, etc.) damit verhindern oder abmildern zu können. Die von der damaligen Forschung zu den inneren Sekretionen entworfene ›Utopie‹ war dementsprechend die Vervollkommnung menschlichen Lebens in anhaltender Jugendlichkeit und Potenz, und zwar entlang einer hierarchisch organisierten stabilen Geschlechterordnung, die reproduktive Sexualität und lineare Zukünftigkeit sicherstellen sollte.39
Gründe dafür, dass sich geschlechterpolitisch konservative Forschungsinteressen in diesem Bereich gegenüber anderen durchsetzen können, liegen wohl auch in damaligen politischen Entwicklungen. Ebenso wie die Sexualwissenschaft um Magnus Hirschfeld in Berlin aufgrund politischer Verfolgung im Nationalsozialismus verunmöglicht wird, werden auch in der deutschen und österreichischen Hormonforschung vormals einschlägige Forschungseinrichtungen geschlossen, Archive werden vernichtet oder gehen verloren und jüdische Wissenschaftler_innen werden zur Emigration gezwungen.40 Die sich durchsetzenden, in Bezug auf Geschlechterstereotype stark konservativen und binären Bestrebungen der Endokrinologie können dabei unter anderem auch als reaktionäre Antwort auf die sexualwissenschaftlich und geschlechtertheoretisch emanzipativen Bestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts verstanden werden, wie sie unter anderem am Institut für Sexualwissenschaft zur Anerkennung von Homosexuellen und geschlechternonkonformen Personen bis dahin betrieben wurden.41 Entgegen einer Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Zwischenstufen sollten Hormonbehandlungen demnach nicht nur die vergeschlechtlichten Körper, sondern auch deren Begehren normieren, d.h. heterosexualisieren können.42
Die skeptische Haltung von trans* Aktivismus und Teilen der Trans Studies gegenüber Hormonforschung und -einsatz begründet sich nicht allein in den Implikationen dieser Forschung während der Herausbildung der Endokrinologie.43 Während des 2. Weltkrieges wurde bis 1945 mit hormonellen Untersuchungen verstärkt »Kriegsforschung«44 betrieben, die auf die Steigerung (männlicher) Gefechtstauglichkeit und Leistungsfähigkeit abzielte. In den Nachkriegsjahren setzte sich ein geschlechtskonservativer und pathologisierender Einsatz der sogenannten Sexualhormone fort.45 In den USA riefen Psychoanalytiker_innen und Psychoendokrinolog_innen Forschungszentren wie das Gender Identity Research Project an der University of California und die Gender Identity Clinic an der Johns Hopkins Medical School ins Leben.46 Unter der Prämisse, biologisches und soziales Geschlecht präzise getrennt voneinander betrachten und entsprechend beeinflussen zu können, wurden dort vor allem intergeschlechtliche und trans* Personen ›behandelt‹. Die Verschreibung von Hormonen diente in diesen Studien einer Stabilisierung des bei der Geburt zugeschriebenen biologischen Geschlechts, um eine Kongruenz zum sozialen herzustellen. Dies schreibt das binäre Geschlechtersystem ebenso fest wie es auch die entsprechende Dichotomie von Natur/Kultur unangetastet lässt.47
Das Versprechen der Endokrinologie, über die kontrollierte Gabe von Hormonen gezielt auf körperliche Prozesse, Entwicklungen und Effekte einzuwirken, findet Resonanzen in der ebenfalls in den 1950er Jahren populär werdenden Kybernetik. Informationstheoretisch geprägt tritt sie an, sämtliche Fragen technischer wie organischer Natur auf Basis von Wahrscheinlichkeiten beantworten zu können. Dafür setzt sie voraus, dass alle Phänomene, seien sie organisch oder maschinell, wie autopoietische Systeme funktionieren, also im Regelfall selbstregulierend einen Gleichgewichtszustand anstreben. Auch die Hormonproduktion eines Organismus scheint, so beschreibt es die Endokrinologie, nach einem homöostatischen Prinzip relativer Stabilität zu funktionieren, das durch organische Messung eines Ist-Zustands über systeminterne (Selbst-)Regulierung einen Soll-Zustand bewirke. Therapeutische Eingriffe begründen sich folglich darin, eine vermeintlich nicht oder nicht richtig funktionierende Regulierung korrigieren zu müssen – und zu können. An den trans* Vlogs ist bereits deutlich geworden, dass sich diese Annahme in einer solchen Form nicht halten lässt. Das Ideal der gezielten Formung und Beeinflussung geht an den Realitäten im Umgang mit Hormonen vorbei, die als Prozesse des Lebendigen einen Überschuss produzieren, der sich als informationstheoretische Selbstregulierung nicht erfassen lässt. Ich werde im weiteren Verlauf darauf zurückkommen.
Neben den Bestrebungen, vermeintliche Normen von hormonellen Zuständen über hormonelle Therapien herzustellen, ist weiterhin bemerkenswert, dass seit nun gut hundert Jahren nicht nur die Verwendung von Hormonen auf Zweigeschlechtlichkeit abzielt. Wie Christina Ratmoko hervorhebt, sind »Sexualhormone […] wohl die einzigen chemischen Verbindungen, die sowohl in wissenschaftlichen als auch in populären Diskursen als ›weiblich‹ oder ›männlich‹ bezeichnet werden.«48 Und dies, obwohl die damit beschriebenen Wirkstoffe in allen menschlichen Organismen lebensnotwendig sind, unabhängig von dem ihnen jeweils zugeschriebenen Geschlecht. Aus diesem Grund schlägt Anne Fausto-Sterling stattdessen den Oberbegriff Wachstumshormon vor.49
Vielfach ist bereits von Seiten feministischer Wissenschaftskritik in die endokrinologische Geschlechterstereotypie, die sich bis auf die Ebene der wissenschaftlichen Herstellung der Substanzen einschreibt, interveniert worden.50 Zu einer grundlegenden Verschiebung medizinischer und/oder populärer Darstellungen hat dies jedoch (bisher) nicht geführt. Noch immer gelten »Geschlechtshormone als ›Boten‹ von Weiblichkeit und Männlichkeit«.51Wie darüber hinaus an einer Vergeschlechtlichung der Hormone mitgewirkt wird, lässt sich an einem Beispiel eindrücklich zeigen. So informiert ein mittlerweile in 7. Auflage erschienenes Lehrbuch für das Medizinstudium zur Biochemie des Menschen im Unterkapitel »Androgene – die männlichen Sexualhormone«:
Testosteron fördert das Wachstum und die Differenzierung der männlichen Geschlechtsorgane während der Embryogenese und auch nach der Geburt. Es ist vor allem in der Pubertät verantwortlich für die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale wie Bartwuchs, männlicher Körperbehaarung und einer Vergrößerung des Kehlkopfes. Es steigert die Potenz und ist für die Spermienbildung im Hoden notwendig. Daneben bewirken Androgene eine Steigerung der Erythropoetin-Ausschüttung und haben eine Protein-anabole Wirkung, führen also zu einer Steigerung der Muskelmasse. Aufgrund dieser Wirkungen werden männliche Geschlechtshormone nicht selten zum Doping im Hochleistungssport missbraucht.52
Die Beschreibung von Testosteron als dem »wichtigste[n] Androgen«53 lässt keinerlei Raum für Zweifel an der Effektivität und Art seiner körperlichen Wirkungen. Die Aufzählung der Merkmale wie Muskel- und Bartwachstum sind auch für die trans* Vlogs absolut üblich. Im Lehrbuch jedoch folgen nicht unmittelbar Hinweise dazu, dass diese Wirkungen organisch komplex sind, sich mitunter weniger eindeutig und teilweise durchaus an weiblich klassifizierten Körpern zeigen.
Noch interessanter wird diese Charakterisierung der Androgene, wenn man sie mit der Beschreibung der Östrogene vergleicht. Dort ist dem entsprechenden Unterkapitel zu den molekularen und physiologischen Wirkungen folgender Satz vorangestellt: »Östrogene und Gestagene besitzen vielfältige Wirkungen auf den Organismus, die sich bei weitem nicht auf die Ausbildung der weiblichen Geschlechtsmerkmale beschränken und zum Teil auch noch nicht vollständig verstanden sind.«54
In der anschließend vorgenommenen Unterteilung zur »Wirkung der Östrogene« heißt es:
Das wichtigste Östrogen ist das Östradiol. Daneben gibt es noch Östron und Östriol, wobei Letzteres bereits ein Abbauprodukt darstellt und weniger wirksam ist als die anderen beiden. Die Wirkungen der Östrogene unterteilt man in solche, die direkt am Genitale angreifen und solche, die sonst irgendwo stattfinden. Die Wirkungen sind stark davon abhängig, in welcher Lebensphase die Frau sich befindet. So steht in der Pubertät die Entwicklung der sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale im Vordergrund, später eher die Wirkung auf den weiblichen Zyklus.55
Zum einen wird hier auf eine gewisse Zeitlichkeit hormoneller Funktionsweisen verwiesen, wie sie der Menstruation als Phänomen der Wiederholung über die Bezeichnung ›weiblicher Zyklus‹ oder ›Regel‹ permanent eingeschrieben wird. Nelly Oudshoorn legt umfassend dar, wie prägend sich diese Regelhaftigkeit in die Vorstellung von Feminität einschreibt: Sie stellt heraus, dass die Tests, die die Wirksamkeit von als weiblich deklarierten Geschlechtshormonen nachweisen sollen, auf Änderungen der Reproduktionsfähigkeit basieren und Östrogene nach eben diesem Zustand wahrscheinlicherer Reproduktivität benannt sind:
Female sex hormones were given the name ›estrogens,‹ a name that refers to the specific test method for female sex hormones: the cyclic changes in the vagina characteristic of estrus, the period of sexual activity and fertility. By choosing the name estrogens, scientists defined femininity in two ways. First, femininity was specified as a quality related to reproduction; and second, it was associated with cyclicity. By choosing the cyclic changes in the genital tract as the decisive criterion for defining female sex hormones, endocrinologists introduced the cyclic nature of female reproductive function as a specific meaning for femininity, thus transforming femininity into cyclicity.56
In den Dokumentationen zum klinischen Test der Verhütung durch synthetische Gestagene, d.h. durch ›die Pille‹, in den 1950er Jahren wird Femininität übrigens nicht nur in Zyklizität überführt, sondern werden in konsequent sexistischer Fortsetzung dieser Logik Frauen zu Menstruationszyklen degradiert:
In publications about the pill, women who participated in the trials are replaced by menstrual cycles: woman is represented as ›cycle.‹ This representation strategy enabled scientists not only to make the most of their results, but also emphasized the similarities between women. The use of such categories as ›cycle‹ replaces the individual subject by the group, suggesting a continuity that did not exist in the trials. That suggestion simultaneously affirms continuity while obscuring discontinuity by framing new scientific categories for data measurement. A representation in terms of cycles implies an abstraction from the bodies of individual women to the universal category of a physical process.57
Diese sowohl zeitliche wie körperliche Homogenisierung (Oudshoorn) setzt sich bis heute fort, wie an dem Auszug aus dem Lehrbuch für das Medizinstudium erkennbar ist. Dort wird neben der zeitlichen, d.h. zyklischen Prägung der Östrogene bei ihnen, im Gegensatz zu den Androgenen, auch betont, dass es sich um eine Molekülgruppe handelt, der verschiedene Bestandteile angehören, die zudem – und das ist für die ›geschlechtsspezifische‹ Zuordnung besonders bemerkenswert – »nicht vollständig verstanden« seien.58
Während Testosteron als das Androgen vorgestellt wird, dessen Effekte auf den Körper wiederholt als Steigerung oder Potenz(ial) und Hochleistung beschrieben werden, scheinen die Östrogene diffuser zu wirken – es geht unspezifischer um Ausbildung und Entwicklung statt zielstrebiger Steigerung und Zuwachs – und in diesen Wirkungen schwerer nachvollziehbar zu sein. In diesen Beschreibungen zur Biochemie stellt sich eine Geschlechtlichkeit her, die einmal mehr die Stereotype des Weiblichen als diffus, undurchdringlich, uneindeutig, kompliziert mithin als rational schwer fassbar darstellt.59 Dem gegenüber formiert sich eine Männlichkeit, die als eindeutig, unmissverständlich, kraftvoll und zeitlich stabil sowie linear ausgewiesen wird, zumal es dafür lediglich einer Substanz bedarf, die allein offenbar kraftvoll genug ist (Testosteron), wohingegen Östrogene immer als Gruppe auftreten (müssen). Diese stereotype Diskurskonstellation ist es, die, wie Oudshoorn argumentiert, eine Homogenisierung der Gruppe ›Frauen‹ auf Kosten individueller Erfahrungen bewirkt.
Auf diese Weise werden die Hormone biochemisch zu ›Boten‹ von Weiblichkeit und Männlichkeit. Schon ihre Erforschung und Beschreibung reproduziert und manifestiert eine dichotome Zweigeschlechtlichkeit anhand binärer Geschlechterkonnotationen. Diese Zuschreibungen erweisen sich als hartnäckig. Sie diffundieren bis in die trans* Vlogs hinein, wo einerseits von Testosteron oder T die Rede ist, nicht von Androgenen, andererseits aber vor allem von allgemeiner anmutender Hormonersatztherapie, hin und wieder (ungenau) von Östrogen, sehr selten von Östradiol gesprochen wird. Auch die Art und Weise, wie Hormone in diese medialen Gefüge eingelassen sind, ist an die mit ihnen verbundenen Vergeschlechtlichungen gekoppelt.
Scheint die Produktion von Wissen um Hormone zu Beginn des 20. Jahrhunderts einerseits die Wahrnehmung von Geschlecht als stabil und unveränderlich radikal herauszufordern, übersetzte sich die entsprechende Forschung nur sehr vereinzelt in eine Infragestellung der Kategorie Geschlecht.60 Ihr Einsatz zielte zumeist darauf ab, als deviant betrachtete Geschlechtlichkeiten und sexuelle Begehren über pathologisierende Therapien zu normieren. Dies hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt: Trans* Geschlechtlichkeit wird in der Endokrinologie auch heute noch in erster Linie als nach einem pathologisierenden Diagnoseschlüssel zu behandelndes Symptom betrachtet statt als geschlechtliches Sein und als anerkannte Lebensweise.
Eine Wissensgeschichte der Androgene und Östrogene muss und kann hier nicht (neu) geschrieben werden. An dieser Stelle sollen meine kurzen Verweise lediglich darauf hinweisen, dass die Herausbildung der Endokrinologie als wissenschaftliches Feld in einer spezifischen historischen Konstellation erfolgte, die für heutige trans* Diskurse zu berücksichtigen ist. Nicht zuletzt erklärt dies die Ambivalenz zu dem und mit ihr hervorgebrachten Wissen, die bis heute das Verhältnis vieler trans* Personen zur Endokrinologie und medizinischen Geschlechterforschung Feld prägt.61 So bedeuten die heutzutage über die Endokrinologie zugänglichen Präparate für viele einerseits eine immense Verbesserung der Lebensqualität, während andererseits die Gatekeeping-Funktion der beteiligten Institutionen und Personen vielfach kritisch bewertet und aufgrund der vorausgesetzten Pathologisierungen ablehnend oder höchstens zweckmäßig betrachtet wird.62
Testosteron ist also, wie soeben argumentiert, biochemisch gesprochen organischer Bestandteil und Produkt komplexer Abläufe und Zusammenhänge. Während im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert vermutet wird, Geschlecht bestimme sich allein über die Aktivität der Gonaden, d.h. Hoden und Eierstöcke, und der in ihnen produzierten Sekrete, die die Herausbildung entweder männlicher oder weiblicher Geschlechtsmerkmale auslösten, beruft sich die bereits erwähnte Psychoendokrinologie der 1950er Jahre auf einen Wissensstand, der ein deutlich komplexeres Bild des (menschlichen) Hormonsystems zeichnet.63 Die als Geschlechtshormone markierten Androgene und Östrogene gelten entgegen weit verbreiteter Annahmen nicht mehr als geschlechterspezifisch exklusiv, so dass keine strikte Zweiteilung der menschlichen Spezies entlang der Produktion bestimmter Hormone vorgenommen werden kann. Heutiges trans* Gesundheitswissen baut auf der Erkenntnis auf, dass auch in Eierstöcken Androgene gebildet werden, so wie das in Hoden produzierte Testosteron biochemisch und körpereigen zu Östrogenen verarbeitet wird. Nebenbei werden Androgene auch in der – nicht vergeschlechtlichten – Nebennierenrinde hergestellt.
Zudem wird heute nicht mehr davon ausgegangen, dass eine größere Menge von Hormonen in einem Organismus eine entsprechend intensivere Ausprägung der ihnen zugeschriebenen Effekte auslöst. Dorothy Price entwickelt in den 1930er Jahren gemeinsam mit ihrem Kollegen Carl Moore das Konzept reziproker Beeinflussung verschiedener endokriner Drüsen, deren Funktionsweise eine relative Stabilität hormoneller Systeme gewährleisten soll, statt eine zunehmende Anreicherung von Hormonen im Körper zu verursachen. Heute gilt, dass die meisten endokrinen Hormone, d.h. solche, die an den Blutkreislauf abgegeben werden, in Produktion und Zirkulation einem solchen sogenannten negativen Feedbackmodell unterliegen, das den Organismus in einem Zustand relativer hormoneller Stabilität halten soll, das mithin homöostatisch funktioniert.64
Während also die Funktionsweise von Hormonen als Kommunikationsmittel innerhalb eines organischen Informationssystems mit Ist- und Sollwerten beschrieben wurde, nahmen kybernetische Überlegungen in den 1940er und 1950er Jahren umgekehrt in Anspruch, das Funktionieren sozialer, kultureller und medialer Phänomene mit wiederum einem sowohl biologischen wie auch technischen und informationstheoretischen Modell erklären zu können. Norbert Wiener griff 1948 das Bild eines biochemischen Informationssystems, wie Starling es mit seinen chemischen Botenstoffen beschrieben hatte, auf, um ein kybernetisches Kommunikationsmodell zu entwerfen, das auf Messung, Feedbackprozessen und einer Reaktion in Form von Steuerung beruht. Das Hormonsystem diente ihm dabei als Referenz für eine Kommunikationsform, in der Informationen nicht gezielt ausgesendet, sondern, eben wie Hormone in einem Blutkreislauf, ohne spezifische Adressierung verbreitet werden, um einen homöostatischen Zustand herzustellen. Wiener schreibt:
Many of the messages of the homeostatic system are carried by non-nervous channels – the direct anastomosis of the muscular fibers of the heart, or chemical messengers such as the hormones, the carbon dioxide content of the blood, etc.; and, except in the case of the heart muscle, these too are generally slower modes of transmission than myelinated nerve fibers.65
Als Beispiel, wann eine solche Art der gestreuten Kommunikation effektiver sei als gerichtete Kommunikation via Nervenstränge, führt er an: Wolle man im Notfall eine Mine räumen, könnte man mittels Telefonelektronik in den Stollen anrufen und alle Personen dort anweisen, die Mine schnellstmöglich zu verlassen. Möglicherweise, so überlegt Wiener, wäre eine Räumung aber schneller und im Falle einer Gefährdung mithin effektiver, wenn man statt telefonischer und damit gezielt adressierter, aber eben auch zeitaufwändiger, weil lokal begrenzter Anweisung schlicht eine Stinkbombe in das Lüftungssystem der Mine werfe: »Chemical messengers like this, or like the hormones are the simplest and most effective for a message not addressed to a specific recipient.«66
Wieners Vergleich stützt sich auf die Beobachtung, dass Hormone im Blutkreislauf zirkulieren können und müssen, da sie von unterschiedlichen Drüsen an verschiedenen Stellen eines Organismus produziert werden, um wiederum von einer Vielzahl nicht direkt ansteuerbarer Rezeptoren empfangen zu werden. Testosteron beispielsweise wird, wie bereits erwähnt, nicht nur in den Hoden gebildet, sondern auch in der Adrenaldrüse, also der Nebenniere, und den Eierstöcken und wirkt auf viele unterschiedliche, und nicht immer konkret lokalisierbare Prozesse eines Organismus, wie unter anderem das Muskel- und Knochenwachstum, ein.
Vor einem anderen Hintergrund jedoch haben insbesondere die sogenannten Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen sehr wohl spezifische Rezipient_innen – und zwar in Form von Patient_innen. Die Etablierung der Kybernetik in den 1950er Jahren überlagerte sich mit der öffentlichen Wahrnehmung und Popularisierung der Endokrinologie nach dem Zweiten Weltkrieg. Neben den Gründungen der bereits erwähnten Forschungseinrichtungen zur Behandlung von trans* und inter* Personen wurde in dieser Zeit das anhaltende endokrinologisch pharmazeutische Interesse an Reproduktionssteuerung in erste Tests der sogenannten Verhütungspille übersetzt – Tests, deren Designs und Zielgruppen zeigen, wie die Effekte der Hormone Körper sowohl vergeschlechtlichen, sexualisieren als auch rassifizieren.67 Hormone werden folglich entgegen Wieners Bild einer ungerichteten Kommunikation durchaus spezifisch adressiert, und zwar an diejenigen Körper, die den Normen weißer, heterosexueller und reproduktionsfähiger Zweigeschlechtlichkeit nicht entsprechen. Eine kybernetische Beschreibung hormoneller Funktionsweisen kann dies nicht berücksichtigen.
Donna Haraway formulierte bereits in den 1980er Jahren einen epistemologischen Vorbehalt gegen kybernetische Beschreibungsweisen von Organismen und Hormonen und darin eine feministischen Wissenschaftskritik, wie Astrid Deuber-Mankowsky herausgearbeitet hat.68 Die Kybernetik basiert darauf, unterschiedliche Zusammenhänge, organische wie technische, nach den gleichen informationstheoretischen Gesetzen zu beschreiben. Eine an normierten Soll-Werten orientierte Regulierung des hormonellen Systems könne demnach mit dem Einsatz von Hormonen kontrolliert vollzogen werden. Im Gegensatz dazu zeigen die trans* Vlogs jedoch, dass sich das Testosteron einer solchen unmittelbaren Handhabung entzieht. Es entsteht ein Überschuss in den lebendigen Körpern der Vlogger, der sich nicht in der Betrachtung kodierter Information und der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten für diese oder jene körperliche Reaktionen einholen ließe.
Mit Hinweis auf Haraways Cyborg-Figur wird deutlich, dass diese Feststellung und die Kritik an der Kybernetik nicht in einer grundsätzlichen Zurückweisung von Technik oder in der Verteidigung einer eindeutigen Grenze zwischen Organismus und Maschine mündet.69 Vielmehr geht es darum, die technische Durchdringung der Körper sowie des Wissens um diese Körper, das heißt die Porosität und Kontingenz der Grenzen zwischen Maschine und Körper (sowie weiterer miteinander in Resonanz stehender Oppositionen wie der zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Männlichkeit und Weiblichkeit) anzuerkennen und die in diese Unterscheidungen eingeschriebenen Hierarchien zu politisieren.70 Statt einer statistischen Objektivität, wie die Kybernetik sie zugrunde legt, plädiert Haraway für ein situiertes Wissen, eine »verkörperte Objektivität«,71 die beinhaltet, »dass die Geschichte des rationalen Wissens und seine Produktion nicht unabhängig von der Materialität der Geschichte, den Verflechtungen mit der Technik und der Geschichte der technischen Medien, den Institutionen und den Prozeduren der Macht verstanden werden kann«.72 Eben diese Verbindungen zwischen Materialitäten, Zeitlichkeiten und Medien, die ein dynamisches Gefüge bilden, gilt es für ein Verständnis des Testosterons in den trans* Vlogs zu berücksichtigen.
Eine kybernetische Betrachtung kann folglich für die nachfolgende Argumentation nicht einschlägig sein. Der kurze Exkurs zur Kybernetik Norbert Wieners und seinen Ausführungen zur quasi hormonellen Funktion von Information sollen an dieser Stelle Aufschluss über die Selbstverständlichkeit geben, mit der eine (relative) Stabilität verschiedener Prozesse, die als Systeme angenommen werden, in gegenseitigen Verweisen naturalisiert wird. Im Gegensatz zu dieser als selbstverständlich suggerierten Annahme lässt sich ebenfalls plausibel machen, dass der Verweis von Kommunikationsmodellen auf Hormone sowie umgekehrt die Erklärung von Hormonfunktionen über Kommunikationsmodelle darauf hindeutet, dass keines der beiden Felder ein gesichertes Wissen bereitstellt.73 Vielmehr wird dieses vermeintliche Wissen durch den gegenseitigen Verweis als vorgeblich selbsterklärend hergestellt.
Der kybernetische Ansatz, kulturelle Phänomene mit hormonellen Körperprozessen zu erklären, ist gerade deshalb erwähnenswert, weil die darin vorgenommenen Verschaltungen von technischen mit biologischen, von organischen mit maschinellen Entitäten auf den ersten Blick auch für die trans* Vlogs interessant sein könnte. Mein Anliegen ist es ja, digital-mediale Plattformen mit biochemischen Substanzen zusammenzudenken. Die kybernetische Annahme der (relativen) Stabilität, Kontrollierbarkeit und Steuerung scheint Entsprechungen in den Versprechen des Testosterons zu finden, den Körper kontrollieren, seine Entwicklung steuern und Geschlecht stabilisieren zu können. Mit kybernetischen Logiken lassen sich jedoch die für die Vlogs bereits ausführlich analysierten Unsicherheiten, die Risiken und Unabwägbarkeiten, die Instabilitäten von Zeitlichkeit und geschlechtlichem Sein nicht erklären. Bevor ich jedoch zu einer alternativen Betrachtung von Testosteron, nicht als metaphorischem Botenstoff, sondern als dokumentarischem Medium komme, führe ich einen weiteren Einsatz der hormonellen Metapher in einem für die Medienwissenschaft kanonischen Text an, um den Einsatz der Analysen noch einmal genauer herauszustellen.
Marshall McLuhan nutzt in Understanding Media (1964) die Metapher des Hormons, um die Funktionsweise des Telegrafen zu charakterisieren. Im Kapitel »Telegraph: The Social Hormone« beschreibt er, wie dessen elektrische Kommunikationsform zu einer instantanen Informationsübertragung und damit gleichsam, so das Argument, zu einer biologisch-organischen Verknüpfung verschiedener gesellschaftlicher Institutionen und auch Menschen untereinander führe.74 Interessanterweise unterschlägt McLuhan dabei jedoch eine genauere Unterscheidung des Hormonsystems und des zentralen Nervensystems (ZNS). Denn in seiner prominent gewordenen These ist es das ZNS, das er in die Elektrifizierung von Technik ausgelagert sieht.75 Zudem nimmt er nicht zur Kenntnis, dass nur vergleichsweise wenige Hormone – im Gegensatz zu elektrischen Nervenimpulsen – als organische Botenstoffe zeitlich rasch auftretende Effekte im Organismus auslösen.76 Ganz im Gegenteil reagiert ein Organismus durchaus träge auf hormonelle Veränderungen – und je nach der Funktionstüchtigkeit der notwendigen Rezeptoren – stets auch unterschiedlich. Wichtig ist die Metapher für McLuhan in der Hinsicht, dass ihm der Telegraf eine soziale Interaktion zu ermöglichen verspricht, die sich durch Dezentralisierung ausweist, was in Rückgriff auf das ZNS mit dem Gehirn als Zentrum weniger zu überzeugen vermag.77
McLuhans medialer Prothesentheorie liegt an dieser Stelle ein schiefer Vergleich zugrunde. Diese Beobachtung und die Tatsache, dass Hormone ansonsten keine größere Rolle in seinen Thesen spielen, legen nahe, ihren Einsatz eher zeitdiagnostisch als Indiz eines damals wachsenden gesellschaftlichen Interesses an reproduktiver und damit vornehmlich auf den weiblichen Körper gerichteter Endokrinologie zu verstehen: Zu Beginn der 1960er Jahre kommt die Pille als neues Verhütungsmittel auf den Markt und setzt sich zumindest in den USA rasch durch.78
Auch an McLuhans Texten ist herausgearbeitet worden, wie sich in Medientheorien Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechterhierarchien einschreiben und reproduzieren.79 Eine feministische Medien- und Technikkritik spürt eben diesen Einschreibungen nach und formuliert alternative Medientheorien, die diese Prozesse enthierarchisieren oder zumindest kritisch reflektieren. Aus einem solchen Interesse heraus untersuche ich mit Bezug auf das Testosteron in den trans* Vlogs das Verhältnis von Körper, Technik und Geschlecht. Um die Art des Zusammenspiels besser beschreiben zu können, dient der kurze Anriss von McLuhans Extensionstheorie lediglich als Ausgangspunkt. Interessant ist diese, da sich in ihr mehrere Felder überlagern, die auch für die Betrachtung der trans* Vlogs von zentraler Bedeutung sind: vernetzt agierende Medien, deren Zeitlichkeit und die damit zusammenhängende Aktivität von Hormonen. McLuhan denkt den Zusammenhang von Medien und Hormonen ausschließlich elektrisch und damit letztlich neuronal. Entsprechend bestimmt sich für ihn die Zeitlichkeit eines elektrischen Netzes über die Geschwindigkeit der Informationsübertragung. Unabhängig davon, ob man dieser Diagnose zustimmen möchte, sind die in den trans* Vlogs sich vervielfältigenden Zeitlichkeiten hingegen, wie bereits gezeigt werden konnte, anders beschaffen: rhythmisch, sich wiederholend, unbestimmt, zögerlich, abschweifend.
Von Interesse ist McLuhans Betrachtung jedoch für die Stichwortgebung des ›sozialen Hormons‹. Dieses soll im Folgenden unabhängig von seiner dortigen Metaphorik genutzt werden, um über die Funktionsweisen von Testosteron in Verbindung mit dem digitalen sozialen Medium YouTube und dessen Zeitlichkeiten unter gegenwärtigen Medienbedingungen nachzudenken. Um hierbei das Internet nicht als erneut erweiterte global-prothetische Auslagerung des ZNS zu entwerfen oder auf einer Verschaltung bzw. Ergänzung organischer Körper mit elektronischen Erweiterungen zu beharren, setze ich an dieser Unterscheidung selbst an, da diese in ihrer Konnotation stets auch vergeschlechtlichende und rassifizierende Hierarchien reproduziert. Damit nehme ich den Begriff des sozialen Hormons ernst, verschiebe ihn jedoch auf die Medialität des Testosterons in den trans* Vlogs. Die trans* Vlogs sind, wie bereits ausführlich argumentiert, nicht frei von Effekten vergeschlechtlichender Rassifizierung und rassifizierter Geschlechtlichkeit. Indem Testosteron jedoch in medialen Zusammenhängen wie diesen nicht nur als Botenstoff metaphorisiert, sondern selbst als medialer Teil eines Gefüges analysiert wird, lassen sich diese Effekte auch als mediale beschreiben. Es wird sich zeigen, dass diese Herangehensweise erlaubt, eine aktualisierte Analyse und Kritik gegenwärtiger (trans*) Männlichkeiten und ihrer digital-medialen Bedingungen zu leisten. Zunächst soll aber ein Verständnis von Testosteron als sozialem Hormon auf dessen queeres Potenzial in den spezifischen Gefügen der Vlogs durchdacht werden.
Testosteron funktioniert auch in den trans* Vlogs nicht als das Wundermittel, als das es in populären Diskursen imaginiert wird. Es ist keineswegs die biochemische Essenz von Männlichkeit, die innerhalb eines dichotomen Geschlechtermodells stabil verankert wäre. Vielmehr eröffnen sich mit dem Testosteron in den trans* Vlogs Werdensprozesse, die nicht im Sinne einer Vervollkommnung verlaufen, sondern vielmehr – wie im ersten Kapitel ausgeführt – als queeres Scheitern eine Dynamik auslösen, deren zeitliche Bewegungen und Effekte ungewiss, unsicher und uneindeutig bleiben können.
Wie bereits erwähnt hat Paul B. Preciado hat mit Verweis auf Donna Haraway herausgearbeitet, dass die Pille in den 1950er und 1960er Jahren als semiotisch-materieller Knoten hervorgebracht wird: ein diskursives Geflecht, das zugleich industriell hergestellte und distribuierte biochemische Kohlenstoffkette ist. Für diese Beschreibung einer materiell-diskursiven Verschränkung knüpft Preciado explizit an die Östrogene, d.h. die Gestagene und das Progesteron an, die Bestandteil der Pille (besser: Pillen, da diese keine einheitliche Zusammensetzung haben) sind und ihre reproduktionshemmende Wirkung in Körpern mit Eierstöcken entfalten sollen. Er führt aus, dass hierbei eine rassifizierte und sexualisierte »Verräumlichung der Zeit« stattfindet:80 sei es beim Test dieser Präparate an cis Frauen of Color in Puerto Rico, der spezifischen Verpackung der einzelnen Tabletten in mit Tageszeiten und Wochentagen versehenen Folien oder ihrer Einwirkung auf unterschiedliche Körper. Der Ablauf eines einzelnen Tages, die Struktur eines Zyklus (idealisiert als 28 Tage oder vier Wochen oder ein Monat), die Zeit biologischer Reproduktion bzw. ihre Vermeidung und damit die Effekte auf eine reproduktive Zukünftigkeit der Einzelperson, der heteronormativen Kleinfamilie, der Nation – all diese zeitlichen Dimensionen implizieren soziale Verbindungen in jeweils spezifischen Räumen, die wiederum miteinander verknüpft sind: Die zeitliche Ordnung erstreckt sich von pharmazeutischen Laboren in private Wohnräume, von gynäkologischen Praxen in ökonomisch segregierte Wohnblocks und Stadteile, von Kindertagesstätten in höchste staatliche Abläufe. Dabei sind sie nicht unabhängig von medialen Technologien und ihrer Geschichte: Das Smartphone bildet einen Knotenpunkt in diesen räumlichen und zeitlichen Erstreckungen, wenn es die Bilder vergeschlechtlichter Körper über diverse Plattformen und ihre Apps permanent bereithält und in gegenwärtiger Alltagspraxis auch dazu genutzt wird, per voreingestelltem Alarm an die Einnahme der Pille zu erinnern, die als Verhütungsmethode umso sicherer ist, je regelmäßiger sie eingenommen wird. Lassen sich solche Praktiken oder Relationalitäten auch für den Umgang mit Testosteron im Kontext von trans* Erfahrungen feststellen?
Preciado weist in seinen theoretischen Analysen wie auch den Beschreibungen des Selbstversuchs mit Testosteron immer wieder darauf hin, dass sogenannte Geschlechtshormone in einer gegenwärtigen pharmakopornografischen Ära sämtlich als bio-Artefakte hervorgebracht werden und als solche keine Natürlichkeit beanspruchen können. Dennoch zieht er implizite Unterscheidungen ein, die trotz dieser vermeintlich geschlechtsunspezifischen Beobachtungen eine erneute Vergeschlechtlichung der Hormone produzieren. Testosteron scheint sich auch in Preciados Analysen anders aus Kohlenstoffketten, Bildern, Kapital, Sprache und kollektivem Begehren zusammenzusetzen als die Östrogene.81 Beinahe wie im Windschatten der Aufmerksamkeit für die vergeschlechtlichenden Diskurse und Effekte der als weiblich markierten Hormongruppe kann sich eine vermännlichende Charakterisierung von Testosteron in seinen Selbstbeobachtungen ohne kritische Reflexion fortsetzen. Dies wird insbesondere in Bezug auf die soeben beschriebene soziale Dimension des Hormons deutlich: Während die Pille – und damit synonym Gestagen und Progesteron – cis Frauen als Bevölkerungsgruppe, als Teil einer heterosexuellen Beziehung oder als Partnerin in potenziell reproduktivem Sex, jedenfalls immer in angewiesener Verbindung zu anderen Menschen herstellt, unterscheiden sich die von Preciado beschriebenen Effekte des Testosterons auf seinen Körper von solchen Vorstellungen in Bezug auf Relationalität.82 Die Testosterondosen setzen ihn zwar auch in Verbindungen, aber weniger zu Menschen als vielmehr zur Tätigkeit des (akademischen) Schreibens, zu der Stadt, durch die er nachts nur in Begleitung seines Hundes streunt, selbst zum Streuner wird, kräftiger, wacher, potenter, klarer nach einer Dosis Testosteron:
Dann nichts, einen Tag lang oder zwei. Nichts. Warten. Erst dann stellt sich nach und nach eine außergewöhnliche Klarheit ein, begleitet von der explosiven Lust, zu ficken, nach draußen zu gehen, auszugehen, quer durch die ganze Stadt. Das ist der Höhepunkt, die spirituelle Kraft des Testosterons mischt sich mit meinem Blut. Alle unangenehmen Empfindungen verschwinden vollständig. Im Unterschied zu Speed hat die so ausgelöste innere Bewegung nichts Lärmendes oder Aufgeregtes. Einfach im Einklang mit dem Rhythmus der Stadt. Im Unterschied zu Kokain gibt es keine Verzerrung der Selbstwahrnehmung, kein [sic] Redeflash, kein Gefühl der Überlegenheit. Nichts als ein Gefühl für die Kraft, die aus dem gesteigerten Vermögen meiner Muskeln und meines Gehirns kommt. Mein Körper ist sich selbst gegenwärtig. Anderes als bei Kokain oder Speed gibt es kein schnelles Abklingen. Einige Tage vergehen, die innere Bewegung nimmt ab, aber das Gefühl der Kraft bleibt – wie eine Pyramide auch dann bestehen bleibt, wenn sie von einem Sandsturm verweht ist.83
An anderer Stelle notiert er über diesen Zeitraum seines anfänglichen Testosteronkonsums:
Am Tag nächsten Abend, fast zur gleichen Zeit, nehme ich zum zweiten Mal eine Dosis von 50 mg. Am Tag danach wieder, das dritte Mail. In diesen Tagen und Nächten schreibe ich einen Text […] Ich spreche mit niemandem, ich schreibe. […] In der vierten Nacht schlafe ich nicht. Ich bin so luzid, so energetisch, wach, wie in der Nacht, in der ich, selbst noch ein Kind, zum ersten Mal mit einem anderen Mädchen geschlafen habe. Um vier Uhr morgens schreibe ich noch, ohne das geringste Zeichen von Müdigkeit. Aufrecht vor dem Rechner sitzend, fühlen sich die Muskeln meines Rückens wie kybernetische Kabel an, die aus dem Boden der Stadt kommen, zunehmend größer werden, mein Hirn erreichen und mich mit den Planeten verbinden, die der Erde am weitesten entfernt liegen. Um sechs Uhr stehe ich auf, zehn Stunden liegen hinter mir, in denen ich nicht von meinem Stuhl aufgestanden bin und nur Wasser getrunken habe. Ich gehe hinunter, nehme Justine, den Hund, mit nach draußen. […] Ich muss die Luft der Stadt atmen, die Wohnung verlassen, mich draußen bewegen, hier fühle ich mich zu Hause. […] Als die Bar Les Folies öffnet, bestelle ich einen Café, verschlinge zwei Croissants und gehe wieder hinauf zu mir. Ganz verschwitzt komme ich an. Ich bemerke, dass mein Schweiß sich verändert hat. Ich lasse mich aufs Sofa fallen, surfe im Netz und zum ersten Mal seit drei Tagen schlafe ich tief, umweht von diesem nach Testosteron riechenden Schweiß, an der Seite von Justine.84
Beschreibungen wie diese mögen in vielen Punkten mit den körperlichen und emotionalen Erfahrungen übereinstimmen, die andere trans* Männer mit der Zuführung dieses Hormons machen und die sie in den Vlogs auf YouTube teilen.85 Bemerkenswert an diesen konkreten Berichten von Preciado ist aber, wie sie entgegen den sie begleitenden theoretischen Analysen zum gender hacking per Hormonkonsum allgemein doch wiederum Wirkungsweisen des Testosterons so rahmen, dass eine stereotype Männlichkeit sich in das Hormon einschreibt.
Preciado beschreibt den Drang, den häuslichen Raum, mithin den Raum des als weiblich konnotierten Privaten, zu verlassen, als Effekt der Testosterondosen, die er als Gel auf seine Haut aufträgt. Er fühle sich dem Rhythmus der Stadt, dem öffentlichen Raum verbunden, seine Muskeln und auch sein Gehirn würden leistungsfähiger. Er arbeite unermüdlich, sei produktiv, voller Energie und Kraft. Es wiederholen sich hierin Narrative, die Testosteron mit Jugendlichkeit verbinden, wie sie bereits die Anfänge der Endokrinologie und der ihr vorausgehenden Organotherapie geprägt haben. Die Effekte des Testosterons werden hierbei mit stereotyp männlich konnotierten Eigenschaften, Räumen und Fähigkeiten kurzgeschlossen, insofern zwischenmenschliche Dimensionen keine Erwähnung finden und das Hormon erneut als singuläre Potenz für den Eintritt von Veränderung in Erscheinung tritt.
Gleichzeitig, und das macht die Beschreibungen so interessant für die Analysen der trans* Vlogs, sind diese Einschreibungen in spezifische mediale, räumliche und zeitliche Anordnungen eingelassen. So ist es die biochemische Verbindung, die auch elektronisch zu wirken scheint, die Vernetzungen zwischen Architekturen und Räumen zulässt, die geografisch unerreichbar sind. Ebenso stellt Preciado sehr elaboriert heraus, wie auch Vernetzungen in zeitlicher Dimension entstehen:
Testosteron nehme ich als Gel, oder ich injiziere es in flüssiger Form; in Wahrheit aber verabreiche ich mir eine Kette politischer Signifikanten, die sich in einem Molekül materialisiert haben und so von meinem Körper aufgenommen werden können. Ich verabreiche mir nicht nur das Hormon, das Molekül, sondern ebenso sehr die Idee dieses Hormons: eine Reihe von Zeichen, Texten und Diskursen, den Prozess, durch den das Hormon synthetisiert werden konnte, die technische Sequenz, durch die es sich im Labor materialisiert. Ich injiziere mir eine hydrophob und kristallin karbonisierte Kette von Steroiden und mit ihr ein Stück Geschichte der Moderne. Ich verabreiche mir eine Reihe ökonomischer Transaktionen, ein Ensemble pharmazeutischer Entscheidungen, klinischer Tests und Einstellungen. Ich verbinde mich mit den sonderbaren Tauschnetzen und den ökonomischen und politischen Strömen der Patentierung des Lebens. T. verbindet mich mit der Elektrizität, mit gentechnischen Forschungsprogrammen, der Hyper-Urbanisierung, dem massakrierten Wald und der Biosphäre, der labortechnischen Erfindung neuer Arten, dem Schaf Dolly, der den afrikanischen Kontinent verwüstenden Ausbreitung des Ebola-Virus, der Mutation des HIV-Virus [sic], den Anti-Personen-Minen und den Datenhighways. Ich werde so zu einer dieser körperlichen Verbindungsstellen, die es der Macht ermöglichen, Begehren, Freiheit, Unterwerfung, Kapital, Trümmer und Rebellion zirkulieren zu lassen.86
Einerseits holt Preciado hier ein, dass seine Erfahrungen nicht nur durch das Hormon, sondern auch die mit ihm verbundenen Erwartungen und Wünsche, Interessen und Institutionen hervorgebracht sind. Seine Analysen bestätigen somit die an den trans* Vlogs festgestellte konstitutive Verbindung von Hormon, Transition, sozialen Medien und selbstdokumentarischen Videos in diesem digital-medialen Gefüge. Deutlich wird auch, dass das Soziale nicht exklusiv auf menschliche Verbindungen zu beschränken, sondern das Nichtmenschliche, Tierische, das Technische zu berücksichtigen und mit dem menschlich Lebendigen zusammen zu denken sind. Zudem stellen seine Notizen elaboriert heraus, welche Vergangenheiten sich in der wiederholten Verabreichung des Testosterons aktualisieren und welche Wissensbestände, Institutionen, Begehren, Sorgen, etc. sich darin erneut realisieren.
Dennoch ist die von Preciado beschriebene Form des Sozialen, der rhizomatischen Verbindung zu verschiedensten Kristallisationspunkten endokrinologischen Wissens, seiner Herstellung und seines biopolitischen Einsatzes, nicht hinreichend, um das zu beschreiben, was sich an den trans* Vlogs beobachten lässt. Um das darin festgestellte queere Potenzial von Testosteron in Bezug auf die (un)möglichen Zukünftigkeiten eines vergeschlechtlichten und rassifizierten Werdens fassen zu können, schlage ich einen veränderten Gebrauch des Begriffs des sozialen Mediums vor. Statt lediglich die Plattform YouTube als eine der Architekturen sozialer Medien zu beschreiben, dem für die trans* Vlogs mit Testosteron ein weiteres Medium additiv hinzugefügt wird, wird Testosteron in einem Gefüge selbst zu einem sozialen Medium, mithin zu einem sozialen Hormon. In diesem medialen Gefüge steht es in konstitutiver Verbindung sowohl zu Techniken als auch Begehren und wirkt entsprechend nicht nur in biochemischer Weise auf Körper, sondern in affektiver Weise auf Zeitlichkeiten des Lebendigen ein. Das Testosteron ist als soziales Hormon gerade in seiner Form eines synthetischen Präparats, wie es die trans* Vlogger anwenden, sowohl mit der Geschichte der Techniken als auch der Geschichte des Lebendigen verbunden.
Diesen Zusammenhang herauszustellen nimmt einerseits zur Kenntnis, wie die trans* Vlogs an einer Herstellung von Sozialität im Sinne von Community beteiligt sind.87 Dabei stehen Aspekte der gegenseitigen Fürsorge, geteilter Freude und Sorge sowie das Teilen von Wissen und Ressourcen im Vordergrund. In der Beschreibung als ›sozial‹ weist die Betrachtung von Testosteron im Folgenden über die zwischenmenschliche Verbindung der Vlogger untereinander, on- und offline hinaus. Dabei gehe ich, anders als McLuhan mit seinem Telegrafen als sozialem Hormon, vom sozialen Hormon Testosteron nicht als betäubender technischer Ergänzung oder Erweiterung eines biologischen Organismus aus. Die soziale Dimension des Testosterons realisiert sich in den trans* Vlogs gerade aufgrund einer vielfältigen Ausgestaltung seiner Dimensionen und Effekte, die sich nicht in einzelne Komponenten einer technischen im vermeintlichen Gegensatz zu einer natürlichen oder körperlichen Realität ausdifferenzieren lässt.
Die Vlogs sind nicht allein Ausdruck oder Dokumentation einer vorgängigen Geschlechtlichkeit. Trans* Geschlecht stellt sich in der Praktik des Vloggens und den darin entstehenden Zeitlichkeiten erst her. So sind es menschliche Bekanntschaften und Freundschaften ebenso wie algorithmische Verbindungen, von User_innen verfasste Kommentare unter einzelnen Videos wie auch die automatisierte Autoplay-Funktion weiterer vermeintlich ähnlicher Clips, die affirmative Selbstbeschreibung der Vlogger sowie der Einsatz der Tags für die technisierte Auffindbarkeit ihrer Videos in der Plattform-Architektur, die am Sozialen dieses Mediums mitwirken. Es handelt sich dabei um unterschiedliche, nicht jedoch antagonistische Arten von Verbindungen, um affektive, technische, zeitliche, die zueinander auch nicht in jeweiliger Vorgängigkeit gedacht werden können. ›Unterschiedlich‹ bedeutet in diesem Zusammenhang weder kategorial noch binär voneinander trennbar in menschliche und nicht-menschliche Verbindungen, sondern schlicht verschieden, different.
Mit dem Konzept des sozialen Hormons Testosteron braucht es folglich jene Unterscheidung nicht, wie sie die Medienwissenschaftlerin José van Dijck anhand verschiedener Begriffe digitaler Verbindungen beschreibt. Um eine spezifische Online-Sozialität in einer aus heutiger Sicht frühen Phase des Web 2.0 zu charakterisieren, führt sie die Unterscheidung von »(automatisierter) Anschlussfähigkeit und (menschlicher) Verbundenheit« ((automated) connectivity und (human) connectedness) ein, wobei ersteres eher ein kommerziell-technisches Phänomen sei, letzteres eine anthropologische Qualität beschreibe.88 Sie stellt damit eine strukturell-technisch ermöglichte Vernetzungsfähigkeit neben eine affektive Verbundenheit und erklärt anhand dieser von ihr vorgenommenen Trennung, wie beides in der Kapitalisierung der Aktivitäten von User_innen auf Plattformen zunehmend zusammenfalle und dadurch Sozialität verändere: »What is claimed to be ›social‹ is in fact the result of human input shaped by computed output and vice versa – a sociotechnical ensemble whose components can hardly be told apart.«89 Indem ich Testosteron als soziales Medium verstehe, kann ich entgegenhalten, dass die jeweiligen Bereiche, die van Dijck vorläufig in menschliche und computerisierte trennt, um sie dann in Verbindung zu setzen, nicht nur jeweils gegenseitig formend aufeinander einwirken, sondern in ihrer Hervorbringung bereits konstitutiv voneinander durchdrungen sind. Sie sind nicht nur, wie van Dijck betont, kaum voneinander zu unterscheiden. Vielmehr stellt sich mit Haraway die Frage, welche Politiken sich eintragen, wenn eine solche Unterscheidung gezogen wird. So lässt sich beispielsweise argumentieren, dass Van Dijcks These einer Gleichzeitigkeit der sozialen Praktiken nicht weitreichend genug ist, um die spezifische Zeitlichkeit der trans* Vlogs erfassen: Da Differenzen entlang von Geschlecht und Race nicht in den Blick rücken, können entsprechend auch die (un)möglichen Zukünfte nicht adressiert werden.
Hingegen ist der Begriff des Sozialen gerade in Bezug auf Gender und Race für Rebecca M. Jordan-Young und Katrina Karkazis in ihren Studien zu Testosteron bedeutsam, in denen sie das Hormon als »soziales Molekül« (social molecule) kennzeichnen.90 In den Science and Technology Studies verortet widmen sie sich in ihren Untersuchungen dem Phänomen, dass sich in den Forschungen zu Testosteron trotz widersprüchlicher Untersuchungsergebnisse doch immer nur diejenigen im öffentlichen Diskurs durchsetzen, die eine biologistische Differenzierung und damit eine Bestätigung eines hierarchischen Zweigeschlechtermodells zu bestätigen scheinen. Entsprechend nennen sie den Effekt dessen, was ich als Sedimentierung beschreibe, »T Gerede« [»t talk«] und verweisen durch die implizite Referenz auf den Locker Talk darauf, dass sich im Sprechen über Testosteron stets eine Sexualisierung und diese wiederum in einer heteronormativen Konfiguration vollzieht.91
Jordan-Young/Karkazis intervenieren in diese Wiedereinschreibungsprozesse, indem sie unter anderem auf weiße Flecken der Testosteron-Forschung verweisen: Sie zeigen auf, dass Testosteron insofern ein soziales Molekül ist, als dass sich in die es hervorbringenden Studienaufbauten und theoretischen Vorannahmen soziale Differenzkategorien einschreiben, die nur selten reflektiert werden. Eine hierarchische Zweigeschlechtlichkeit ist dabei nur eine der Ordnungen, die in den Studiendesigns als naturalisierte perpetuiert werden:
But the way T operates in discourses of power goes beyond gender. […] research on T naturalizes race in at least three ways. The strategy that stretches across the most domains and specific studies is something we have come to think of as ›sample magic,‹ […] Sample magic means that implicit assumptions driven by race (as well as class and gender) ideologies drive the selection of research subjects in particular domains. Usually without ever even mentioning race, such studies reinforce racial stereotypes in a manner that might be all the more powerful because it is so invisible. A second way that T research naturalizes race is through resonance with widely circulating tropes of race, and linking commonly racialized behaviors with differences in T. In other words, even if a study doesn’t examine racial differences, if a behavior or trait associated with racial stereotypes (such as aggression-as-black or leadership-as-white) is linked to T, then triangulation with offstage variables allows these studies to function as cognitive resources in the overall re-biologization of race. The third strategy of naturalizing race as biological is specific to biosocial models, in which social structures are approached as essential features of racialized people.92
Race und auch Klasse werden in den kritisierten Studien zwar thematisiert, ihre Setzungen bewirken jedoch, dass gerade die Befragung der jeweiligen Hervorbringungen verstellt wird. Dem entgegen plädieren Jordan-Young/Karkazis dafür, die soziale Dimension von Testosteron im Rahmen von Forschungsdesigns zu berücksichtigen, um in den jeweiligen Arbeiten zu fundierteren Ergebnissen zu kommen und nicht aufgrund sexistischer, rassistischer und/oder klassistischer Vorannahmen die Resultate schon zu präfigurieren.93
Für die Analyse der trans* Vlogs und der Rolle des Testosterons dort muss jedoch festgehalten werden, dass allein die kritische Befragung und Perspektivierung der Studiendesigns nicht ausreicht. Zwar wirken diese maßgeblich an den als Sedimentierung beschriebenen Prozessen einer naturalisierten Verbindung zu (stereotyper) Männlichkeit mit. Sie erfassen jedoch nicht die für die trans* Vlogs maßgebliche Dimension der Begehren und Wünsche, der Risiken und Wagnisse, die sich ohne direkten Bezug auf empirische Einlassungen ebenfalls in das Testosteron einlagern. Nach Jordan-Young/Karkazis wird Testosteron über die Studiendesigns rassifiziert und klassistisch kategorisiert. Sie verfolgen in ihren Analysen, »wie Testosteron-Forschung Rassifizierung hormonalisiert« (how T research makes race hormonal).94 Die von ihnen als solche hervorgehobenen sozialen Dimensionen Geschlecht, Race und Klasse werden entsprechend in der Forschung erst an das Testosteron herangetragen.
Diese Verschränkungen des Testosterons als sozialem Medium sind in zweierlei Hinsicht komplexer. Zum einen ist deutlich geworden, dass Testosteron auch dort, wo es, wie es auf den ersten Blick scheint, allein mit Geschlecht in Verbindung gebracht wird, Race nicht ausgeklammert werden kann, insofern die »Kategorien selbst als immer schon verbunden mit, abhängig von und bedingt durch andere[…] Kategorisierungen zu verstehen« sind.95 Zum anderen sind diese Bedingtheiten wiederum nicht eindeutig zu lokalisieren und können nicht allein auf die Hervorbringung in Laboren, Experimenten, Studien und Forschungen zurückverfolgt werden. Die Beschaffenheit des Testosterons als semiotisch-materiellem Knoten (Preciado) oder Gefüge setzt sich aus multiplen, diversen und nicht unbedingt kausalen Bedingtheiten zusammen, die wiederum – bei allen Sedimentierungen an dessen Grund – zumindest oberflächlich eine gewisse Dynamik dieser Zusammenhänge nicht ausschließen. So sind es zwar auch die Forschungsfragen und experimentellen Anordnungen, aber daneben ebenso die, wie Preciado herausstellt, (digitalen) Bilder, biochemischen Modelle, kollektiven Begehren und medialen Gefüge, die nicht nur Race hormonalisieren, sondern Testosteron vergeschlechtlichen und rassifizieren oder genauer gesagt, Testosteron vergeschlechtlicht rassifizieren (beziehungsweise rassifiziert vergeschlechtlichen). In der Analyse der trans* Vlogs sind diese konstitutiven Verbindungen deutlich geworden, die zwischen den Herstellungsprozessen und individuellen wie kollektiven Zeitlichkeiten der Vlogger entstehen. Diese Dimension muss der Begriff des sozialen Hormons und im Kontext der trans* Vlogs mithin auch der sozialen Medien mit umfassen, um die medialen Effekte dieser Vlogs beschreiben zu können.
Im Folgenden werde ich zu diesem Zwecke noch einmal eine queertheoretische Debatte zu Zeitlichkeiten aufgreifen, um in Ergänzung darin vorgebrachter Argumente ein erweitertes Verständnis von Testosteron und trans* Vlogs als medialem Gefüge zu ermöglichen. Denn wenn es, wie anhand der bisherigen Ergebnisse gezeigt werden kann, in den Vlogs um geteilte Sorgen, geteilte Risiken und die gemeinsame Erfahrung einer ungleich verteilten Verletzlichkeit geht, sind es (un)sichere Zukünfte, die das Gravitationszentrum dieses Gefüges ausmachen. Die Diskussion darum, für wessen Leben eine (un)sichere Zukunft potenziell ermöglicht sei oder wer überhaupt eine Zukunft habe, die aufs Spiel gesetzt werden könne, ist mit Fokus auf die Relationalität dieser Frage als Debatte um eine antisoziale These schon einmal in der Queer Theory geführt worden. Indem ich mit Blick auf soziale Verflechtungen und ihrer Zukünfte noch einmal explizit auf Konzepte queerer Zeitlichkeiten zurückkomme, kann ich verdeutlichen, wie im Gefüge der trans* Vlogs Testosteron (un)sichere Zukünfte und (un)mögliche Zukünftigkeit queer temporal verschaltet.
Worin also interveniert Testosteron als soziales Medium aus queertheoretischer Betrachtung, wenn wir (un)sichere Zukünfte als Gravitationszentrum ansehen? Wie situiert es sich in der Bedeutung von Relationalitäten, kollektiven Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten sowie den Archiven, in die diese eingelassen sind? Auf welche Weise entstehen dabei queere Zeitlichkeiten, die sich auf (un)mögliche Zukünfte hin immer wieder auch verschlingen?
Die Debatte um die sogenannte antisoziale These ist um 2000 herum im Kontext einer breiteren Diskussion queerer Zeitlichkeiten geführt worden. Bezüglich der antisozialen These prägen Queertheoretiker_innen wie Jack Halberstam, Lee Edelman, José Muñoz und Tim Dean die sich entfaltende Auseinandersetzung um die Sozialität von Queerness oder queeren Subjektivitäten.96 Die gemeinsame Referenz bildet Leo Bersanis Homos (1995), worin Bersani schwule Sexualität zu einem revolutionären Akt entgegen einer heterosexualisierten Gesellschaft und ihren Zwängen erhebt.97 Schwulem Sex wohne eine Negativität inne, die auf paradoxe Weise revolutionär, weil selbstzerstörerisch sei und als passiver (Anal-)Sex Selbstaufgabe bedeute, womit er den impliziten wie expliziten Ansprüchen einer prosperierenden Gesellschaft und der individuellen Selbstverwirklichung widerspreche. Da schwules Begehren entsprechend unfähig zu einer Einpassung in das Soziale sei, erfordere es eine »so radikale Neudefinition von Sozialität, dass es den Anschein erwecken könnte, als sei eine zwischenzeitliche Aufhebung von Relationalität selbst erforderlich«.98 Dieser Rückzug entwirft sich als politische Geste einer Zurückweisung: Während schwule oder ›queere‹ Anerkennungspolitik zentrale Kämpfe um Heirats- und Adoptionsrecht sowie die Affirmation ihrer Lebensentwürfe an ökonomisch motivierten Diversity-Management-Strategien ausrichtet und entsprechende Errungenschaften als Fortschritte feiert,99 argumentiert Bersani – und im Anschluss an ihn auch Edelman – für eine absolute Inkompatibilität von schwuler Sexualität mit Inklusionsforderungen, die die sie formenden heteronormativen Rahmenbedingungen und kapitalistischen Imperative der Selbstverwirklichung bestätigen. Die politische Ablehnung basiert auf einer theoretisch-psychoanalytischen Einfassung von schwulem oder queerem Sex: Dieser sei nicht reproduktiv, sondern jouissance und darüber mit dem Todestrieb verknüpft, sodass der symbolische Status von Schwulen und Queers grundsätzlich als für den Fortbestand einer Gesellschaft sinn- und bedeutungslos, als sozial unintelligibel, mithin als unsozial oder eben antisozial festzustellen sei.100 Folgt man dieser Position einer antisozialen These, bedeutet der Kampf um (rechtliche) Anerkennung eine Anbiederung an heteronormative Lebensentwürfe und letztlich die Komplizenschaft mit deren zwanghaften Projektionen einer andauernden, mit Edelman gesprochen, reproduktiven Zukünftigkeit, die das Queere in den eigenen (schwulen) Lebensweisen ausstreiche. Stattdessen gelte es, die Negativität, die Unintelligibilität, das Unsoziale des queeren/schwulen Begehrens respektive queerer/schwuler Sexualität zu affirmieren. Sonst würde, so das Argument, queeres Leben entpolitisiert und ein weiteres Mal unsichtbar werden.
Der theoretische Einsatz einer solchen queeren Negativität wiederum ist ebenfalls kontrovers diskutiert worden. Halberstam formuliert eine wichtige Intervention in die antisoziale Wende der Queer Theory und fordert eine zwangsläufig notwendige Einbindung antirassistischer und antikapitalistischer Kritiken in queere Theoriebildung, da letztere ansonsten ihrem politischen Anspruch nicht gerecht werde.101 Gerade eine antisoziale Queerness, wie Bersani und Edelman sie vertreten, ist Halberstams Argumentation nach apolitisch, da sie sich zwar als weiße ausweise, diese Situierung aber nicht für eine Befragung rassistischer Effekte nutze und zudem völlig ungeeignet sei, auch feministische Ansprüche etwa einer Adressierung der Verwicklung und Durchdringung von Politischem und Privatem bzw. eine Unschärfe dieser Trennung zu artikulieren. Im Gegenteil schließen sie derartige Politiken rigoros aus, indem das Häusliche dem Politischen gegenübergestellt, darin effeminiert und letztlich verworfen werde.102
Halberstam formuliert entsprechende theoretische Einwände und entwirft eine queere Negativität, die einerseits Kritik an affirmationspolitischen Einrichtungen wie der bedingungslosen Autonomie des Subjekts ermöglicht und dabei andererseits diese Kritik nicht an erneute Verwerfungen bereits marginalisierter Subjektpositionen bindet. Dafür stellt er ein »antisoziales Archiv« (anti-social archive) zusammen, das gleichermaßen aus kanonischer Literatur wie Populärkultur, Bekanntem wie Unbekanntem besteht.103 Verbindendes Element der versammelten Gegenstände und Kriterium für die Aufnahme in das antisoziale Archiv von Halberstam ist, dass in ihnen Affekte zum Tragen kommen, die – im Gegensatz zum Ennui und der Ironie von Bersanis und Edelmans kulturellen Referenzen – entlang verschiedener Modi von Wut über Diskriminierungen und Ausschlüsse zu breiten Solidarisierungen verschiedenfach Marginalisierter einlädt:
rage, rudeness, anger, spite, impatience, intensity, mania, sincerity, earnestness, over-investment, incivility, brutal honesty and so on. […] Dyke anger, anti-colonial despair, racial rage, counter-hegemonic violences, punk pugilism, these are the bleak and angry territories of the antisocial turn […].104
Viele dieser Affekte tauchen auch im Kontext der trans* Vlogs auf: Ungeduld, Wut, Ärger, Ernsthaftigkeit. Einem antisozialen Archiv, wie Halberstam es entwirft, ordne ich sie dennoch nicht zu, da die mit ihnen verbundenen Affekte sich nicht allein in einer Negativität erfassen lassen, wie in den Videos von gorillashrimp ganz besonders deutlich wird. Testosteron selbst hat sich in und mit den Vlogs als vielfältig und auch widersprüchlich affektiv ausgewiesen. Die sich in und mit vielen dieser Affekte vollziehenden Einschreibungen in visuelle Archive von Männlichkeiten und die damit verbundenen Freuden wie auch Ängste, Sorgen und Ärgernisse habe ich bereits umfassend herausgearbeitet.
Die Bedeutung des Archivs, insbesondere eines affektiven, diskutiere ich im folgenden Kapitel ausführlich. Die Argumente der antisozialen These oder auch einer antisozialen Wende in der Queer Theory sind an dieser Stelle erhellend für den mit Testosteron als sozialem Medium formulierten Einsatz für die Zeitlichkeiten der trans* Vlogs: Sie erzeugen Reibungen an genau den in diesen Debatten einander entgegenstehenden Positionen für den Kampf um Anerkennung einerseits und andererseits der notwendigen Kritik an Institutionen, die die Macht haben, Anerkennung zu verleihen oder zu verweigern.
Für trans* Personen in den USA hatte sich eine solche sehr konkrete Doppelbödigkeit in der Ausübung von Bürger_innenrechten in der Diskussion um den vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump erlassenen Military Ban ergeben.105 Dieser untersagte es trans* Personen, für einen der US-amerikanischen militärischen Dienste zu arbeiten. Während der Ausschluss zweifellos diskriminierte und dafür in parteipolitischen, aktivistischen und theoretischen Reaktionen deutlich kritisiert wurde, läuft die Kritik wiederum Gefahr, in der Formulierung eines Anspruchs auf die Mitgliedschaft im Militär dessen gewalttätige und auch neokoloniale Aktivitäten implizit zu legitimieren oder sogar zu affirmieren. Darüber normalisiert und normativiert sich ein weiteres Mal das Konzept und damit die Zeitlichkeit der Nation, die es stets zu verteidigen gelte und deren Bestand sich über die heteronormative Kleinfamilie sichert.
Militärische Institutionen, nationale Einheit und reproduktive Zukünftigkeit scheinen in dieser Diskussion erneut in einem selbsterhaltenden Zirkel auf. Den diskriminierenden Ausschluss aus entsprechender Teilhabe an den Institutionen jedoch aus dieser Haltung einer Kritik an ihren Zwecken zu affirmieren, würde bedeuten, weitere Verstrickungen von Lebenswirklichkeiten in diesem Geflecht zu verkennen. So weisen Paisley Currah und Susan Stryker zurecht darauf hin, dass die Forderung nach einem Recht auf Teilnahme am Militärdienst für marginalisierte Personengruppen eben auch die (oft einzige) Möglichkeit einer Teilnahme an schulischer Bildung bedeutet.106
Der Ablehnung eines Kampfes um Bürger_innenrechte kann folglich nicht umhin, die in diesen Auseinandersetzungen sich wiederholenden Ausschlüsse ebenfalls zu politisieren. Die von José Muñoz formulierte Kritik an der antisozialen These möchte ich besonders hervorheben, da er ein komplexes Verständnis von Queerness, d.h. von Begehren, von Sex sowie Geschlecht und Race vermittelt, wie es auch der queertheoretischen Argumentation dieser Arbeit zugrunde liegt:
Escaping or denouncing relationality first and foremost distances queerness from what some theorists seem to think of as contamination by race, gender, or other particularities that taint the purity of sexuality as a singular trope of difference. In other words, I have been of the opinion that antirelational approaches to queer theory were wishful thinking, investments in deferring various dreams of difference. […] the antirelational in queer studies was the gay white man’s last stand.107
In einer Fußnote dazu präzisiert er:
I do not mean all gay white men in queer studies. More precisely, I am referring to gay white male scholars who imagine sexuality as a discrete category that can be abstracted and isolated from other antagonisms in the social, which include race and gender.108
In einer umfassenden Antwort auf den Einsatz einer antisozialen und antirelationalen Queer Theory wie er sie insbesondere in der Polemik von Lee Edelman vertreten sieht, fordert Muñoz die theoretische Berücksichtigung einer gegenseitigen Durchdringung von Sexualität und Race. Dieser Einsatz lässt sich im Kontext der trans* Vlogs und des Testosterons um die ebenso von Muñoz erwähnte, aber im Folgenden stärker zu berücksichtigende Bedeutung von Geschlecht erweitern. Denn wenn in den Vlogs immer wieder die (un)sicheren Zukünfte von trans* Lebensweisen, weißen ebenso wie denen of Color und Schwarzen, wenn auch in unterschiedlicher Weise, zur Disposition stehen, stellt sich die Frage, wie eine queere Kritik an reproduktiver Zukünftigkeit sich auch jenseits der Vlogs zur Zeitlichkeit von rassifizierter trans* Geschlechtlichkeit verhält.109 Wer, oder besser: wessen Sexualität und wessen Geschlecht ist für eine solche reproduktive Zukünftigkeit überhaupt zugelassen?110
Mit besonderer Eindrücklichkeit werden Ausschlüsse dort deutlich, wo trans* Personen auch heute noch eine Zwangssterilisierung vornehmen lassen müssen, um vor dem Gesetz als trans* anerkannt zu werden.111 In Deutschland war eine entsprechende Vorschrift noch bis Oktober 2024 gesetzlich verankert, auch wenn das Bundesverfassungsgericht 2011 festgestellt hat, dass sie mit dem Grundgesetz unvereinbar und somit nicht mehr anwendbar sei.112 Aber selbst dann, wenn die Gesetzesvorschrift nicht mehr gültig ist, wirken Institutionen gemäß reproduktiver Zukünftigkeit auf die Körper, auf das Geschlecht und auf die Beziehungen von trans* Personen ein: Jede Person, die in Deutschland ein Kind zur Welt bringt, wird automatisch als ›Mutter‹ in die Geburtsurkunde eingetragen – ungeachtet des Namens und Personenstands dieser Person. Für einen trans* Mann wird eine Zukunft in dem Moment (un)sicherer, in welchem der Wunsch, ein Kind zu gebären, zwangsläufig die institutionelle Ausstreichung oder Verleugnung des geschlechtlichen Seins bedeutet. Trans* elterliche, und insbesondere trans* väterliche Beziehungen zu leiblichen Kindern, die sie selber geboren haben, sind unter diesen Bedingungen nicht selbstverständlich auf eine (un)mögliche Zukünftigkeit hin denkbar.113
Mit einer Kritik an Anerkennungspolitiken pauschal jede Investition in eine (un)sichere Zukunft als entpolitisiert zu verwerfen, wie ich Edelman verstehe, wirkt also nicht nur zynisch mit Blick auf Schwarze oder Personen of Color, denen, so Muñoz, keine selbstverständliche Zukunft zustehe, die sie überhaupt aufs Spiel setzen oder aufgeben könnten.114 Auch im Hinblick auf Geschlecht – und insbesondere rassifiziertes Geschlecht – sind diesbezügliche Sicherheiten keine Selbstverständlichkeit. Ganz im Gegenteil kann gerade das Beharren auf einer (un)möglichen Zukünftigkeit und der Kampf um einen Anspruch auf eine (un)sichere Zukunft, wie unwahrscheinlich oder ungewiss auch immer sie aussehen mag, Zeitlichkeiten und Beziehungen politisieren.115 Die freundschaftlichen, sorgetragenden, begehrenden Verbindungen in und mit den trans* Vlogs mobilisieren genau diese Potenzialität.
Mit dem Begriff des sozialen Hormons Testosteron setze ich mich folglich von einer antisozialen These ab, entwerfe jedoch keine simple Durchstreichung des ›anti‹, um im Umkehrschluss zu einer sozialen These zu gelangen, die die Anpassung an eine heteronormative patriarchale (Zeit-)Ordnung einfordern würde. Eine solche Einpassung bedürfte einer in den Grundzügen gesicherten Zukünftigkeit, über die die trans* Vlogs mit Testosteron jedoch nicht verfügen. Auch sind die trans* Vlogs keine Effekte der Aktivität autonomer Subjekte, wie sie für eine derart verstandene Sozialität im Sinne einer souveränen und handlungsmächtigen Lebensgestaltung vorausgesetzt wäre. Stattdessen nimmt der Begriff des Testosterons als sozialem Hormon gerade jenes Ringen um Handlungsmächtigkeit (agency) mit auf und führt dabei stets auch die Verletzlichkeiten mit, die in diesen Investitionen besonders aufscheinen. Zudem lassen sich die in den Vlogs wirksamen medialen Relationalitäten berücksichtigen, d.h. sowohl die Umgebungen für zwischenmenschliche Verbindungen über die Kommunikation auf der Plattform als auch die Eingebundenheit von Subjektivierung in mediale Gefüge.
Die trans* Vlogs fügen den ungesicherten Möglichkeiten queerer Zeitlichkeiten explizit weitere trans* männliche und potenziell auch schwule Lebenswirklichkeiten hinzu. Testosteron darin als soziales Hormon zu fassen, ermöglicht es dementsprechend eben jene Relationalitäten zu adressieren, die in und mit den trans* Vlogs entstehen und an (un)sicheren Zukünften und dem offenen Potenzial (un)möglicher Zukünftigkeiten mitwirken. Insofern es sich dabei stets auch um kollektive Zukünfte handelt, die aus geteiltem Wissen, gemeinsamen Erfahrungen und einer geteilten Verletzlichkeit hervorgehen oder auch nicht – und denen das eigene Scheitern, die Frustration und die Ungewissheit stets mit eingetragen sind –, ist das soziale Hormon Testosteron in diesem digital-medialen Gefüge zwangsläufig politisiert.116
Mit diesem Einsatz kann sozial-mediale Relationalität in den trans* Vlogs als affektive Verbundenheit innerhalb spezifischer Zeitlichkeiten gefasst werden. Die von van Dijck beschriebene Unterscheidung von quantitativer wie qualitativer Dimension dieser Verbundenheit fällt dabei in der zunehmenden Popularität von Web 2.0 nicht nur zusehends zusammen. Vielmehr zeigt sich, dass die Verbundenheit im Gefüge von vornherein eine komplexe Verflechtung unterschiedlicher Akteur_innen darstellt, die nicht voneinander zu trennen sind. Kollektive und damit soziale Zeitlichkeiten sind nicht denkbar ohne die Berücksichtigung sozialer Medien und des sozialen Hormons. Die gegenwärtige Praktik der Selbstdokumentation als trans* in digitalen Medien weist sich darin als queere Praktik aus.
Nun sind diese Plattformen und ihre zugrunde liegenden Architekturen alles andere als selbsterklärend queer, manifestieren sie sich doch zuvorderst heteronormativ, patriarchal, rassistisch, kolonial und kapitalistisch organisiert. Doch ebenso wie in der »Matrix kohärenter Normen der Geschlechtsidentität«,117 die sämtliche Subjektivierungen organisiert, lassen sich auch in den sozialen Medien und ihren jeweiligen Ausbreitungen dieser Matrix queere Widerständigkeiten wahrnehmen. Diese scheinen auf, wenn risikobehaftete (un)sichere Zukünfte imaginiert und auf ihnen beharrt wird, die in heteronormativen, strikt binärgeschlechtlich und auch kolonial organisierten Zeitlichkeiten keine Vorlage finden und nicht vorgesehen sind. Dabei geht es nicht darum, allein auf den Eintritt einer besseren Zukunft, auf ein besseres Leben in Zukunft zu hoffen. Stattdessen liegt der Einsatz in der gegenwärtigen Affirmation von Begehren, die in den Vlogs zirkulieren können, wohingegen sie in therapeutischen, medizinischen und juristischen Institutionen und ihren Protokollen undenkbar sind oder nicht beachtet werden. Queere Widerständigkeiten scheinen auch dort auf, wo der Zusammenhang von Männlichkeiten und Testosteron nicht als biologistische Determinante akzeptiert, sondern danach gefragt wird, wie sich Männlichkeiten durch die Testo-Vlogs konfiguriert finden. Werden darin neben Zeitlichkeiten auch Männlichkeiten gequeert? Oder lässt sich vielmehr eine Bestärkung männlicher Stereotype beobachten? Wenn ja, stünde eine solche Feststellung quer zum queeren Potenzial der trans* Vlogs und des Testosterons?
In den vorangegangenen Analysen ist bereits deutlich geworden: Testosteron ist als Verdichtung diskursiver wie materieller Effekte mit der Herstellung von Männlichkeiten verbunden. Die Erwähnung von Testosteron impliziert Männlichkeit oder als männlich konnotierte Eigenschaften, oftmals wird es sogar synonym verwendet. »T Gerede«118 nennen Jordan-Young/Karkazis diese Verdichtung und weisen sie als Effekte sowohl populärkultureller Annahmen als auch wissenschaftlicher Studien und deren Verzahnungen miteinander aus. Sie rekonstruieren die Herstellung und Stabilisierung einer vermeintlichen Natürlichkeit von testosteronbasierter Männlichkeit anhand verschiedener Studien zum Zusammenhang von gewissen Testosteronwerten mit körperlichen Merkmalen, emotionalen Eigenschaften oder geistigen Fähigkeiten. Wie an den trans* Vlogs deutlich wird, kommt die materiell-diskursive Hervorbringung des Hormons jedoch nicht (erst) mit solchen Studien und damit in den spezifischen Räumen und Institutionen von experimentellen Versuchsanordnungen zum Tragen. Auch darüber hinaus vollziehen sich die Verdichtungen und die stets aufs Neue wiederholte Überlagerung von Testosteron mit Männlichkeit in Alltagspraktiken.
Indem ich Testosteron als soziales Medium denke, zeigt sich eine Medialität des Hormons, die die Herstellungsprozesse von stets rassifiziertem Geschlecht auch über deren Verortung in wissenschaftlichen und journalistischen Praktiken hinaus nachverfolgen kann. Entsprechend der bisherigen Erkenntnisse und in Anbetracht dieser mehrfachen Hervorbringung von Testosteron in Relation zu Männlichkeiten erweitere ich daher die nach Konventionen der Endokrinologie gemachte Aufzählung von organischen Entstehungsorten des Hormons, um seine sowohl materielle wie zugleich diskursive Herstellung jenseits von wissenschaftlichen Institutionen nachvollziehen zu können: Testosteron wird nicht nur organisch in Hoden, Eierstöcken und Nebennierenrinden gebildet, nicht nur synthetisch in Laboren hergestellt, sondern auch in den visuellen Bildern der trans* Vlogs, den Titeln dieser Videos, ihren Beschreibungen und den Tags produziert, mit denen sie auf YouTube versehen sind. Testosteron oder T zirkuliert dort mit den und durch die als Tags für Update-Videos fungierenden Keywords wie ›testosterone‹, ›hormone‹, ›hormones‹, aber auch ›transman‹, ›transmale‹, ›transguy‹, ›black transman‹, ›black ftm‹, ›ftm‹, ›transguys‹, ›transguy‹, ›trans guy‹, ›trans men‹, ›trans man‹, ›f2m‹, ›female to male‹. Es zirkuliert in den quietschenden und brechenden Stimmen einer zweiten Pubertät. Es zirkuliert in den Gesichtern, auf den Beinen, in den Haaren. In den trans* Vlogs werden Männlichkeiten über das Hormon zur Sprache – der geschriebenen Texte wie auch der im Video gesprochenen Sätze –, zu den audiovisuellen Aufzeichnungen, zu den Körpern der Vlogger, zur digitalen Video-Plattform selbst und deren Communities in konstitutive Beziehung gesetzt. Dies bedeutet, dass auch die Herstellung von (trans*) Männlichkeiten in der Untersuchung gegenwärtiger digital-medialer Gefüge wie den trans* Vlogs mit dem sozialen Hormon Testosteron neu in den Blick rücken kann.
In den beiden vorigen Kapiteln habe ich gezeigt, wie in den Videos die Vermännlichung von Körpern als kausaler Effekt der Zuführung von Testosteron narrativiert wird. Entscheidend erscheint mir jedoch, deutlich zu machen, dass gleichzeitig die Transitionsprozesse gerade mit diesen Videos als zeitlich sehr viel komplexere und in ihren möglichen Kausalitäten eben nicht durchschaubare Vorgänge hervorgebracht werden. Mit diesen zeitlichen Komplexitäten gehen geschlechtliche Vervielfältigungen einher, insofern die Unbestimmtheit von (un)sicherer Zukunft und (un)möglicher Zukünftigkeit wie auch uneindeutigen Vergangenheiten sich für verschiedene Männlichkeiten in ungleicher Verteilung von Risiken für das eigene Über/Leben realisieren. Die Risiken äußern sich entlang von Differenzen, die für Geschlecht konstitutiv sind, wie ich im zweiten Kapitel bezüglich der Rassifizierung von Männlichkeiten am Beispiel Schwarzer trans* Vlogger zeigen konnte. Dabei ist aber ebenso deutlich geworden, dass die verschiedenen Männlichkeiten innerhalb der – oder besser: mit diesen – medialen Gefügen unterschiedliche Formen der Politisierung erzeugen, einfordern und formieren.
Stereotype Männlichkeiten werden in den trans* Vlogs sowohl affirmiert und heroisiert wie auch umgearbeitet, problematisiert, abgelehnt und herausgefordert. Als bewusste Überlegungen beschreibt etwa Raun sehr umfassend die Aushandlung von Männlichkeiten einzelner Vlogger: »[They] seem self-reflexively aware of and engaged in reforming certain aspects of masculinity.«119 Diese Bearbeitungen und Umformungen von Männlichkeit schließen, wie Raun festhält, feministische Kritiken an Geschlechterhierarchien und der Ablehnung sexistischer Verhaltensweisen ebenso ein wie die Affirmation nicht-normativ männlicher Körper(bilder).120 Dieser Anspruch formuliert sich gleichermaßen als Wagnis: »The failure or danger of not being recognizable as a man is one of the reasons for applying to or striving for hegemonic masculinity.«121
Wie lässt sich nun das Verhältnis von Testosteron zu trans* Männlichkeiten in den Vlogs bestimmen, wenn in den Transitions-Updates einerseits die vermännlichende Wirkung von Testosteron dokumentiert und betont, damit die Engführung von Hormon und Geschlecht erneut vollzogen wird, und gleichzeitig das Testosteron Männlichkeiten in ihrer vermeintlichen Natürlichkeit und Stabilität gerade auch herausfordert und (un)mögliche Zukünftigkeiten eröffnet?
Im Folgenden geht es nicht darum, konkrete trans* Vlogs als subversiv oder konservativ in Bezug auf die je darin artikulierte, dokumentierte und materialisierte Männlichkeit zu beurteilen und die Funktion des Testosterons zu diesen jeweils ins Verhältnis zu setzen.122 Mein Interesse liegt darin, einen Schritt zurückzutreten, um nicht konkrete Ausformungen, sondern allgemeiner die Verschränkung von trans* Männlichkeiten mit diesen digital-medialen Gefügen in den Blick zu nehmen. Das soziale Hormon Testosteron dient dabei als Einsatz, die Relationalität von trans* männlichen Körpern und Medien in dem spezifischen Kontext von trans* Männlichkeiten auf/mit YouTube erfassen zu können. Bislang gibt es Untersuchungen, die entweder trans* Männlichkeiten oder die Medialität von (cis) Männlichkeiten oder die Effekte von Testosteron für Männlichkeiten in den Blick genommen haben – keine jedoch, die all diese Aspekte zusammenbringt.123 So befasst sich Josch Hoenes mit trans* Männlichkeit im Kontext von Fotografie, Jamie Hakim betrachtet den (cis) männlichen Körper in digitaler Kultur und Peter Rehberg analysiert schwule Männlichkeiten in zeitgenössischen affektiven Medienkulturen. Ausgehend von diesen Studien und über das Scharnier des sozialen Hormons Testosteron lassen sich trans* Männlichkeiten in den Testo-Vlogs situieren.
Josch Hoenes hat die für den deutschsprachigen Raum bisher umfassendste kulturwissenschaftliche Studie zur Visualität von trans* Männlichkeiten erstellt.124 In seinen Untersuchungen von Repräsentationspolitiken in Fotografien der Künstler_innen Del LaGrace Volcano und Loren Cameron zeigt er auf, wie diese Bilder in ihren Darstellungen von trans* Männlichkeiten subkulturelle Einsprüche in hegemoniale Wissensbestände und -produktionen von Geschlecht und Sexualität formulieren. Dabei betont Hoenes die auch in den trans* Vlogs mit Nachdruck thematisierte Bedeutung der sozialen Intelligibilität (Hoenes: Lesbarkeiten), um die trans* Männer und die Funktion von Männlichkeit für diese Form der Sichtbarkeit ringen:
Insofern bildet die Auseinandersetzung mit Normen und Idealen von Männlichkeit, die die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Lesbarkeiten regulieren, einen zentralen Bezugspunkt der Existenzweisen und Erfahrungen von Transmännern.125
Seiner kultur- und kunstwissenschaftlichen Analyse der Fotografien geht eine Problematisierung des Sprechens über trans* Männlichkeit als einer spezifischen, gegenüber cis Männlichkeit jedoch nicht minderwertigeren – im Sinne von erklärungsbedürftigeren oder zweifelhafteren – geschlechtlichen Formierung voraus.126 In seinem Einsatz für eine mit Verweis auf die von Butler vorgebrachte Notwendigkeit sozialer Intelligibilität geht es darum,
Formen der Transmännlichkeit als Formen ›echter‹ Männlichkeit anzuerkennen, die das Potenzial besitzen, die hegemoniale Kategorie der Männlichkeit als kulturell konstruierte zu sehen und sie zugleich einer grundlegenden Reartikulation zu unterziehen. Insofern ist die Verwendung des Begriffs der Transmännlichkeit auch ein theoriepolitischer Einsatz im Spannungsfeld von wirkmächtiger Geschlechterdifferenz und transformatorischen Geschlechterpraktiken, der darauf abzielt, Männlichkeit als einen umkämpften und keinesfalls irgendwie gegebenen, eindeutigen oder natürlichen Signifikanten zu etablieren.127
Während er mit der Anführung des Signifikanten insbesondere auf die sprachliche Verankerung von Geschlecht abhebt und zudem mit Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit ausführt, dass »Männlichkeit […] damit nicht länger als Essenz oder Eigenschaft eines biologischen Körpers gedacht werden kann, sondern […] sich als eine explizit politische Frage [artikuliert]«,128 unterstreicht Hoenes gleichzeitig eine geschlechterkritisch wichtige Bezugnahme auch auf die Körperlichkeit von Männlichkeit:
Eine Betonung der körperlichen Dimension von Männlichkeit ist nicht zuletzt insofern wichtig, als die Differenzierung von mit Körperlichkeit assoziierter Weiblichkeit und mit Geistigkeit und Entkörperung assoziierter Männlichkeit selbst als grundlegende Struktur moderner Geschlechterhierarchien betrachtet werden muss. Gleichzeitig gilt es jedoch, die fortgesetzte Gleichsetzung von Männlichkeit mit Männern und spezifischen biologisch-anatomisch männlich klassifizierten Körpern zu problematisieren.129
Hoenes stellt heraus, dass die Fotografien von Volcano und Cameron Politiken in Hinsicht auf diese »biologisch-anatomisch männlich klassifizierten Körper« entwerfen und insbesondere auf die Auflösung einer naturalisierten Verbindung von Männlichkeit und dem Penis als Organ beziehungsweise auf eine kollektive Umkodierung vergeschlechtlichter Genitalien zielen.130 Die Fotografien zeigen Körper mit OP-Narben, tätowierte Körper, gepiercte Körper. Testosteron findet in Hoenes‘ Analysen der Körperbilder und für die Diskussion einer (Selbst-)Beschreibung von Körpern als männlich oder nicht-männlich keine Berücksichtigung, was bemerkenswert ist, da der besprochene Bildband von Cameron den Titel Body Alchemy trägt und das Cover Cameron im Selbstportrait zeigt, wie er sich – völlig unbekleidet und in Zitation einer Bodybuilding-Pose – selbst eine Spritze in den Oberschenkel setzt, bei der davon ausgegangen werden kann, dass es sich um eine Injektion mit Testosteron handelt.131 Die im Titel konnotierte Mystik der alchemistischen Veränderung durch bio/chemische Stoffe klammert Hoenes aus.132 In seinen Analysen weist sich Männlichkeit als Effekt von Evidenzen aus, die jedoch nicht als unhinterfragt oder unhintergehbare Selbstverständlichkeiten agieren, sondern gerade auf die sie produzierenden »Darstellungs- und Wahrnehmungskonventionen« hin befragt werden können.133
Auch in den trans* Vlogs kommt der audiovisuellen Dokumentation des Körpers eine herausragende Bedeutung zu. Allerdings sind es hier insbesondere das Gesicht und der Oberkörper – und in signifikantestem Unterschied zu den von Hoenes gewählten Gegenständen eben auch die Stimme –, die an der Herstellung und Beglaubigung einer körperlichen Männlichkeit mitwirken. Während Hoenes diese am Körper vollzogene, sozusagen materielle Erdung von Männlichkeit für die Untersuchung der Fotografien vorrangig als einen Einspruch gegen binäre Geschlechterhierarchien konzipiert, konnte ich für die trans* Vlogs bereits herausstellen, dass deren Verhältnis zu Männlichkeiten ein deutlich ambivalenteres ist. Einerseits setzen die Vlogs das Narrativ eines Materie formenden Geistes fort und re-etablieren mit der Darstellung von trans* männlicher Selbstherstellung im Rahmen der Transition die metaphysische Differenzierung und Hierarchisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit.134 Andererseits stellen die Vlogs in ihrer Medialität selbst eben diese Rahmung von Trans*sein als geschlechtlicher Selbsterschaffung infrage, indem in ihnen die Effekte der Transition als ungewiss und der Prozess selbst als unabgeschlossen und verletzlich machend erkennbar wird, das vloggende Subjekt folglich nicht als ein souveränes agiert. Damit wird auch das Verhältnis von Testosteron zu Männlichkeiten im Vergleich zu den fotografischen Dokumentationen uneindeutiger und gleichsam prekärer.
Aus diesem Grund kann die außerordentlich fundierte Fotografieanalyse von Hoenes nicht herangezogen werden, um die Figurationen von trans* Männlichkeiten in Bewegtbildern einer zeitgenössischen digitalen Umgebung zu erklären. Zumal mit Rücksicht auf die Umgebung der trans* Vlogs auf YouTube als einer ökonomisch gewinnorientiert strukturierten Online-Plattform zudem in Rechnung gestellt werden muss, dass der insbesondere visuelle Zugriff auf den männlichen Körper mit digitalen Medien und im Rahmen eines intensivierten neoliberalen Imperativs zur (Selbst-)Optimierung signifikant anders funktioniert als in künstlerischer Bildproduktion.
Anhand unterschiedlicher Körperpraktiken in und mit sozialen Medien zeigt Jamie Hakim auf,
that since 2008 the digitally mediated, feminizing male body has been opened as a front in neoliberalism’s struggle for hegemony in ways historically associated with women. What this suggests is that neoliberalism has a feminizing axiomatic that works on its subjects irrespective of their gendered identities (though with differential effects across genders) and which is intelligible through their bodies.135
Hakims Analyse ist insofern interessant für die Betrachtung der Männlichkeiten in trans* Vlogs, als seine Ausführungen zur Feminisierung – die vor allem eine Prekarisierung auch derer meint, die vermeintlich als Gewinner (sic!) aus neoliberalen Politiken hervorgehen – in der Forderung münden, via digitaler Medien eine neue Art der ermächtigenden Verbindung zwischen Körpern herzustellen und sich darüber einer neoliberalen Zurichtung zu entziehen.136 Dieser Anspruch an eine in die Zukunft verlagerte Kollektivierung (eine (un)mögliche Zukünftigkeit) digitaler Medien lässt allerdings wenig Raum, gegenwärtig bereits stattfindende Solidarisierungs- und Vergemeinschaftungsprozesse in ihrer Bedeutung für marginalisierte Männlichkeiten beschreiben und anerkennen zu können. So sind bei Hakim trans* und Schwarze Männlichkeiten allein repräsentationspolitisch beschreibbar und werden letztlich daran gemessen, die konstatierte Selbstvermarktung zeitgenössischer Männlichkeiten (noch) nicht überwunden zu haben. Die unterschiedlichen Bedingungen von Sichtbarkeiten auch in digitalen Medien und den damit einhergehenden Praktiken werden nicht reflektiert. Auch wenn Hakim zwar Aydian Dowling als ersten trans* Mann auf dem Cover einer Men’s Health sowie Kendrick Sampson als Schwarzen Schauspieler und Bürger_innenrechtsaktivist erwähnt, bleibt für ihn angesichts ihrer medialen Praktiken die abschließend doch eher enttäuschte Feststellung, es sei »schwierig, neben durchaus differenzierten antirassistischen politischen Statements nicht auch den Versuch der neoliberalen Selbstdarstellung zu sehen«.137 Über das repräsentationspolitische Statement hinaus können Schwarze (und) trans* Männlichkeiten hier nicht erfasst und ihre Einbettung in digitale Praktiken nicht nachvollzogen werden.
Während bei Hakim der männliche Körper in der digitalen Kultur eine Veränderung durchläuft, die es noch kapitalismuskritisch umzuarbeiten und zu überwinden gilt, argumentiert Peter Rehberg anhand des schwulen Fanzines Butt, dass die seit dem Jahr 2000 veränderten medialen Bedingungen bereits Angebote machen, schwule Männlichkeiten in affektiven medialen Zusammenhängen auch zueinander neu zu situieren. Er diagnostiziert,
dass wir einem historischen Moment beiwohnen, in dem symbolische Strukturen und visuelle Regimes an Stabilität verlieren, und wir deshalb auch neue Wege finden müssen, um über den visuell dargestellten, medialisierten Männerkörper nachzudenken. […] Andere mediale Technologien bieten also auch veränderte Strukturen für die Artikulation von Subjektpositionen, für die Darstellung von Körpern und damit auch für neue soziale Formen an.138
Als solcherart veränderte Strukturen wären die Vlogs auf YouTube sicherlich zu fassen, insofern die medialen Bedingungen neue soziale Formen eröffnen, die sich in der geteilten Erfahrung (un)möglicher Zukünftigkeiten realisieren. Allerdings setzt Rehberg für seine Analysen der medialisierten schwulen Männerkörper in dem konkreten Fanzine ein gerade im Hinblick auf trans* Männlichkeiten entscheidendes Vorzeichen: Er verschiebt in einer kritischen Butler-Lektüre die analytische Aufmerksamkeit von Gender auf Sex, sodass in Butt »die Materialität von Männlichkeit zum Ort der Transgression von Maskulinität«139 werden kann. In dieser Verschiebung und der Betonung der Materialität des männlichen Körpers verankert Rehberg seine Analyse schwulen Begehrens, das sich gerade auch bei Butt spannungsreich zu Ansprüchen auf eine Form natürlicher Männlichkeit artikuliert. Denn, so führt er weiter aus,
[i]m Unterschied zur Inszenierung von Femininität/Weiblichkeit, bleibt die Erotisierung von Maskulinität/Männlichkeit an ihre kulturelle Intelligibilität durch Ernsthaftigkeit, Natürlichkeit und Authentizität gebunden. […] Während Feminität/Weiblichkeit die Frage der Künstlichkeit kulturell eingetragen ist, verliert Maskulinität/Männlichkeit damit ihren Status als Männlichkeit, was die Verhandlung von Maskulinität und Männlichkeit für das Projekt von queerer und feministischer Theorie zum Problem werden lässt.140
Sowohl bei Rehberg als auch bei Hoenes sind mit der Erwähnung von Authentizität und Natürlichkeit gewisse Festschreibungen von Männlichkeit eingelassen. Die Ambivalenz dieser Zuschreibung wird für die Diskussion der trans* Vlogs unter dem Aspekt eines dokumentarischen Anspruchs im Folgenden noch relevant sein, insofern Authentizität und Echtheit als dessen Marker gehandelt werden. An dieser Stelle ist aber insbesondere der damit aufgerufene Status als Männlichkeit von Interesse. Diesen stellt Rehberg für die in Butt dokumentierten Männerkörper als ambivalent gegenüber dem Projekt des Magazins heraus. In den oszillierenden Bezugnahmen auf die Autorität eines naturalisierten, behaarten Männerkörpers und die affektive Situierung dieser Körper, die in Rehbergs Darstellung eine Remedialisierung im Kontext eines postphallischen schwulen Begehrens erzeugt, wird Männlichkeit zu einer ästhetischen Verkörperung. Einer Ästhetik, die jenseits einer Grenze zwischen Sex/Gender liege und die verstanden werden könne »als ein Potenzial und als ein Verfahren, dem Körper jenseits historischer Diskursformationen neue Formen zu geben«,141mithin als ein queeres Widerstandspotenzial gegen eine »Männlichkeit determinierende[…] Maskulinität«.142
Wenn Rehberg bezüglich dieser neuen, vielfältigen Formen rhetorisch fragt, »[w]as bedeutet der Bart noch, wenn er ein Teil des ästhetisierten, mutierenden Männerkörpers ist?«,143lässt sich in Bezug auf die Technologien der trans* Vlogs und deren Männlichkeiten zurückfragen, was dort Bedeutung trägt, wenn nicht der langsam sichtbar werdende, lang ersehnte oder leider ausbleibende Bart(-wuchs)? In Rehbergs Lektüre wird Männlichkeit bei Butt zu einer Frage der Aufteilung des Körpers in Zonen. Bart, Behaarung und Penis übernehmen je unterschiedliche Funktionen zur Dokumentation eines schwulen Begehrens, das sich an verkörperter Männlichkeit auf- und entlädt. Entsprechend schlussfolgert er in den Begrifflichkeiten von Deleuze/Guattari: »Die Materialität von Männlichkeit wird zum Ausgangspunkt eines Werdens, in dessen Prozess Männlichkeit über eine Serie von Formen deterritorialisiert wird.«144
Während die Prozessualität eines unbestimmten Werdens von Männlichkeiten auch für die trans* Vlogs bereits festgestellt werden konnte, kommt bezüglich dieser zusätzlich und in besonderer Weise die Frage der Zeitlichkeit eines solchen Werdens ins Spiel. Über die Fokussierung der Ästhetik, wie Rehberg vorschlägt, lässt sich nicht erfassen, wie das Prozesshafte der Transition sich zu einem Verständnis von Männlichkeiten und/oder Maskulinität verhält. Ab wann, so heißt es in den Vlogs immer wieder, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Männlichkeit eines trans* männlichen Körpers in dessen Materialität eingeschrieben hätte? Kann sie erst dann deterritorialisiert werden? Ist ein Körper von dem Moment an männlich, in dem er einer männlichen Selbstidentifikation Halt gibt?145 Ist er es ab dem Beginn der Testosteronbehandlung oder erst mit dem Auftreten der hormonellen Effekte? Oder ist ein Körper dann männlich, wenn geschlechtsangleichende Operationen inklusive eines sogenannten Aufbaus, also der Konstruktion eines Penis aus körpereigenem Fett-, Haut- und Nervengewebe vorgenommen wurden?
Mit einer an spezifische Ästhetiken gebundenen Definition von Männlichkeit als Sex lässt sich dem Paradox nicht beikommen, mit dem trans* Personen in Bezug auf Geschlecht umzugehen gefordert sind. Sie müssen sowohl die Permanenz einer bestimmten Geschlechtlichkeit für sich mit Blick auf eine bereits gelebte Dauer glaubhaft machen können als auch dieselbige zum Anlass nehmen, den Körper bezüglich eben dieser Geschlechtlichkeit auf eine vermeintlich gewisse Zukunft und/oder (un)mögliche Zukünftigkeit zu verändern. Die möglichen Veränderungen stellen immer nur, aber immerhin eine (un)sichere materialisierte Verankerung des Trans*seins her. Nichtsdestotrotz sind die einzelnen Videos eines Vlogs auch vor dem Beginn der Hormonbehandlung mit Tags versehen wie ›ftm‹, trans male‹ oder trans guy‹; allerdings ohne dass dabei ein Anspruch auf die darin markierte Männlichkeit an einem (nackten) Körper verankert und darüber beglaubigt werden müsste.
Zudem ergibt sich für die trans* Körper in den Vlogs eine andere Bedeutung von Zeitlichkeit als die der von Rehberg für die in Butt-Fotografien beobachtete Postphallizität von männlichen Körpern. Ein Modus der Überwindung, wie Rehberg ihn als »nicht länger phallisch organisierte[…] Formen« formuliert,146 wird für die Körper der trans* Vlogs nicht in Anspruch genommen. Das Verhältnis zum Phallus ist dort zeitlich komplexer als es eine dichotome Einteilung in ›nicht mehr‹ oder ›noch nicht‹ zuließe. So würden trans* männliche Körper permanent auf das ›Haben‹ oder ›Nicht-Haben‹ des Phallus reduziert. Mit dieser Aussage setze ich Penis und Phallus keineswegs gleich. Doch gerade weil in der diskursiven Rahmung der Frage nach der Authentizität von trans* Männlichkeit selbige noch immer zumeist auf die Frage reduziert wird, ob man schon operiert sei, womit gemeint ist, ob man genitale Angleichungen habe vornehmen lassen, impliziert diese Frage ein ambivalenteres Verhältnis von Machtposition und Organ. Immerhin trägt jeder Gang auf öffentliche Toiletten, jeder Aufenthalt in Saunen oder Gemeinschaftsduschen das Risiko in sich, dort jeweils nicht nur als Mann ohne Penis, sondern regelmäßiger überhaupt nicht als Mann erkannt zu werden. Trans* männliche Körperlichkeit erschüttert die phallische Ordnung und wird von denjenigen als bedrohlich behauptet, die diese Ordnung für unumstößlich halten. Ganz im Gegenteil entsteht jedoch eine konkrete Bedrohung von trans* Männern, wenn deren Körperlichkeit zum Ziel trans*feindlicher Gewalt wird. Auch dies ist mitunter ein Grund, warum sich manche für einen sogenannten kleinen oder großen Aufbau – d.h. die chirurgische Herstellung eines Penis oder Penoids – entscheiden. Und mag dies für viele von großer Bedeutung sein, findet sich das Verhältnis zur Phallizität im alltäglich praktischen Umgang ebenso häufig dekonstruiert: Zum Beispiel durch die Praktik des Packings, d.h. dem Ausstopfen der Unterhose mit Socken oder der Verwendung von Penisprothesen, der Umbenennung der Genitalien, der sprachlichen wie praktischen Aneignung körperlicher Veränderungen. So beschreibt Preciado das Verhältnis von Dildo zu Penis folgendermaßen: »Am Anfang war der Dildo. Der Dildo war vor dem Penis.«147 Statt einer auch zeitlich statischen Betrachtung des Habens oder (noch) Nicht-Habens bringt diese Umkehrung prozessuale Dynamiken der Hervorbringung ins Spiel: Die Frage nach Ursprünglichkeit oder Originalität wird umgelenkt und in permanente Bewegung versetzt.
In Anbetracht der Prominenz von Vlog-Beiträgen zum Umgang mit einem Packer, entsprechenden Produktbeschreibungen, Reviews und Kaufempfehlungen durch Vlogger würde es den Vlogs und der in ihnen dokumentierten Männlichkeiten jedoch nicht gerecht, die Funktion des Phallus auch in diesem Kontext als überwunden zu betrachten.148 Wenngleich die Männlichkeiten in den trans* Vlogs auch in diesem Punkt nicht zu homogenisieren sind. Stattdessen werden die Verhältnisse von Körper, Technik und Zeitlichkeit mit Packern und Prothesen ein weiteres Mal in ihrer Komplexität erkennbar. Dies entspricht Elizabeth Freemans Feststellung, dass Dildos eine »räumliche Erweiterung des Körpers […] eine eigene zeitliche Logik« (spatial extensions of the body […] a temporal logic of their own) aufweisen.149 Eine zeitliche Widerständigkeit gegen heteronormative Chrononormativität realisiere sich in der Funktion des Dildos als »Requisite für die prothetische Erinnerung an eine Männlichkeit« (prop for the prosthetic memory of a masculinity), über die sich die innerhalb einer weiblichen Sozialisation gelebte Vergangenheit aktualisieren könne.150
An dieser Stelle lässt sich festhalten, dass sich die trans* Männlichkeiten der Vlogs, wie sie in dieser Arbeit besprochen und analysiert werden, weder als phallisch oder postphallisch, noch entlang einer analytischen Differenzierung von Sex und Gender verorten lassen, auch wenn Sex und Gender, Männlichkeit und Maskulinität damit nicht synonym gesetzt werden. Vielmehr macht sich die für die hier vorgenommene Setzung von Männlichkeit als Geschlecht eine Unschärfe der deutschen Sprache zu eigen. Auch Hoenes hat bereits als hilfreich für die Betrachtung von trans* Männlichkeiten hervorgehoben, dass der deutsche Begriff Geschlecht Sex und Gender nicht differenziert, was für die Betrachtung von trans* Männlichkeiten unter Berücksichtigung der (ausbleibenden) Effekte von Testosteron umso einleuchtender ist:
Darüber hinaus vermeidet ›Transgeschlechtlichkeit‹ eine analytische Unterscheidung von sex und gender. Dies ist insofern notwendig, als die Konstitution transgeschlechtlicher Männlichkeiten eine Aushandlung, Umarbeitung und Reformulierung von Geschlecht und Männlichkeit an den Schnittstellen und Verknüpfungen beider Kategorien – sex und gender – erfordert. Der Bezug auf den Begriff Geschlecht ermöglicht eine Perspektivierung, die das Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Konstruktionen von sex, Sexualität und gender in den Blick bekommt.151
Dieses Zusammen- und Gegeneinanderwirken muss zwangsläufig die Berücksichtigung von Medialität miteinschließen, wie Astrid Deuber-Mankowsky in Anlehnung an Donna Haraway für ihren Vorschlag von Gender als einem ›epistemischen Ding‹ formuliert hat:
Statt die Spannung, die das Begriffspaar Sex/Gender erzeugt, aufzugeben, fordert sie, das biologische und das kulturelle Geschlecht als zwei unterschiedliche, miteinander verflochtene Wissenssysteme verstehen zu lernen. Dazu gehört, die vermeintlich natürlichen Gegebenheiten mit ihrer Medialität und ihrer spezifischen Geschichtlichkeit sowie ihren Ursprüngen aus Wissenschaften, Ökonomie und Technik zu konfrontieren.152
Preciado verweist auf die der Sex/Gender-Differenz eingelassene Unterscheidung von Essentialismus und Konstruktivismus und plädiert, ebenfalls mit Bezug auf Haraway, für eine Position, die sich diesem scheinbaren Widerspruch entzieht:
Die Prothese, die Hormone, das Immunsystem, das Web etc. sind nur einige Beispiele für die Unmöglichkeit, den Grenzverlauf zwischen ›natürlichen Körpern‹ und ›künstlichen Technologien‹ festzustellen. […] Aus kontrasexueller Perspektive wäre es besser, das Verhältnis Technologie/Körper zu prüfen und sich für die Tatsache zu interessieren, dass Technologie eine Verkörperung ist.153
Mit Bezug auf Haraways Konzept der Cyborg führt Preciado dazu aus, was auch mit Blick auf die bereits erwähnte kybernetische Modellierung von Hormonen und damit von Geschlecht zutrifft:
Die mechanischen und kybernetischen Technologien sind keine neutralen Technologien, die in einem wissenschaftlichen Paradies geboren wurden, um dann, politisch zum Beispiel, falsch eingesetzt zu werden. Alle Technologien (von internet-kommunikativen HighTech-Systemen über LowTec-Techniken wie denen des Kusses bis zu gastronomischen Techniken) sind immer schon politische Systeme, die die Reproduktion der sozio-ökonomischen Strukturen sicherstellen. Donna Haraway: die Cybertechnologien sind das Resultat von Machtstrukturen, repräsentieren aber auch einen Ort des Widerstands, einen Raum der Neuerfindung der Natur.154
Trans* Vlogs sind Knotenpunkte solcher Cybertechnologien, an denen plattform-ökonomische Infrastruktur, digitale Videotechnologie, endokrinologisches Wissen und dessen Praktiken, synthetisch hergestellte Hormone und (rassifiziert) vergeschlechtlichte Körper miteinander in Verbindung (ent-)stehen und Öffnungen für Widerständigkeiten bereithalten.
Für die Betrachtung der trans* Vlogs sei folglich noch einmal explizit festgehalten, dass das von Hoenes angeführte Zusammenspiel geschlechtlicher Konstruktionen sowie die von Deuber-Mankowsky betonte Medialität immer auch eine zeitliche Dimension in die Betrachtung von trans* Männlichkeiten und ihren digitalen Bedingungen – insbesondere dem Testosteron als Technik – einbezieht. Es sind dabei die miteinander in Verschränkung stattfindenden Ablagerungsprozesse, die sowohl Männlichkeiten als auch Testosteron in Zusammenhang mit den medialen Praktiken stabilisieren. Die Effekte dieser Vorgänge sind Naturalisierungen, die jedoch gerade als Prozesse der gegenseitigen Selbstverständlichung durch Wiederholung (wiederholte Zuführungen des Hormons, wiederholte Aufnahmen) und die sich darin (nicht) einlösenden Erwartungen in Erscheinung treten. Insofern fordern die Vlogs über den Einsatz von Testosteron Männlichkeiten sehr wohl heraus.
In den trans* Vlogs als affektiven Medien sind Männlichkeiten mediale Effekte, die dabei jedoch auf die Materialität des Körpers angewiesen sind. Statt einer ästhetischen Deterritorialisierung, wie Rehberg sie für die schwulen Butt-Männlichkeiten festhält, findet mit den körperlichen Risiken, Wagnissen und Wünschen in den trans* Vlogs, so würde ich sagen, eine Re-Sedimentierung von Männlichkeiten statt. Mit diesem Begriff nehme ich die ambivalente Beziehung zu einer vermeintlichen Stabilität und Gewissheit von Männlichkeiten auf: Re-Sedimentierung meint zum einen, dass bereits verfestigte Strukturen (kurzzeitig) in Unruhe versetzt werden, um schließlich aber wieder zu ihrer vorherigen Ordnung zurückzufinden. Zum anderen kommt in der Vorsilbe Re- jedoch eine Beharrlichkeit zum Ausdruck, die den Prozess der Sedimentierung und Aufwirbelung fortwährend in Bewegung hält. Damit wird die entstehende Ordnung eines Sediments immer nur als eine vorläufige und potenziell instabile ausgewiesen. Darüber hinaus können eben jene Reibungen und Spannungsverhältnisse beschrieben werden, die entstehen, weil sich – wie Butler in Bezug auf das »Arsenal von ›Materialitäten‹« formuliert – die Kategorien, die diese Ordnungen ausbilden, als »sowohl beharrende als auch umstrittene Gebiete« erweisen.155
Mit einem Fokus auf Re-Sedimentierung ist es möglich, die Materialität des Körpers auf ihre Einlassung nicht nur in einzelne Bereiche, wie Butler festhält (und dabei unter anderem den Stoffwechsel und die hormonale und chemische Zusammensetzung als Teil des materiellen Arsenals anführt), sondern insbesondere in medialen Praktiken zu untersuchen. So können trans* Vlogs, trans* Männlichkeiten und die Effekte von Testosteron beschrieben werden, ohne dabei eine dualistische Beurteilung dieses medialen Gefüges als hegemonial oder gegenhegemonial vorzunehmen. Denn die medialen Effekte der Vlogs erschöpfen sich nicht in der Bewertung, ob diese nun geschlechterpolitisch konservativ funktionieren oder eine Subversion binärer Geschlechter- und Begehrensmodelle vollziehen. Mit einer solch dualistischen Perspektive würde einhergehen, auch die Entstehung medialer Techniken und Praktiken in ein Narrativ einzubetten, das entweder die stetig fortschreitende Verbesserung zum Beispiel von Repräsentation oder Teilhabe hervorhebt oder eine Verschlechterung dieser Umstände beispielsweise durch zunehmende Monopolisierung der Plattformen oder mediale (Selbst-)Überwachung und (Selbst-)Optimierung feststellt.
Das Verhältnis der Vlogs zu Männlichkeiten ist ein ambivalentes, produzieren sie doch sowohl affirmative Aneignungen von stereotyp männlichen Merkmalen als auch ihre kritische Herausforderung. Der Begriff der Re-Sedimentierung ermöglicht es, sowohl die wiederholt stereotyp stabilisierte Bedeutung von Männlichkeiten und Testosteron für trans* Identifikationen anerkennen als auch gleichzeitig in den Blick zu nehmen, dass die trans* Vlogs in der Dynamik dieser Sedimentierung ein queeres Potenzial beinhalten. Mit der Betonung der Ablagerung gerät die zeitliche Dimension in den Blick, mit der sich Bilder, Diskurse, Wünsche und Begehren über einen unbestimmten Zeitraum anlagern und unter Umständen verfestigen, dabei aber immer auch der Möglichkeit ausgesetzt sind, in unterschiedlichen medialen Gefügen aufgewirbelt, aufgebrochen oder umgeformt zu werden – eine (un)mögliche Zukünftigkeit. In Anbetracht einer gleichzeitigen Hartnäckigkeit des Sediments lässt sich ebenso scharf stellen, wie Männlichkeiten als Sedimentierungen nicht nur auf geschlechtlichen, sondern auf geschlechtlich rassifizierten Ablagerungen aufbauen, also (unsichere) Zukünfte aufweisen. Race ist in Geschlecht eingelagert, aber offenbar schwerfälliger in Bewegung zu versetzen; denn Weißsein wird in der Untersuchung von Männlichkeiten regelmäßig als gegeben vorausgesetzt.
Unter dem Aspekt der Zeitlichkeit kann mit dem Begriff der Re-Sedimentierung als einem Prozess innerhalb eines medialen Gefüges also untersucht werden, wie sich die jeweiligen Bilder, Begehren und Wünsche als Technologien von Geschlecht produzieren, distribuieren und zirkulieren. Der Begriff kann dabei sprachliche Einschreibungsprozesse ebenso einholen wie er die Materialität der sich sedimentierenden Partikel in diesen Betrachtungen nicht ausschließen muss. Trans* Männlichkeiten sind entsprechend nicht allein auf einen materiellen Körper beschränkt, aber auch nicht ohne ihn denk- oder lebbar.
Die trans* Vlogs auf YouTube fordern das vermeintlich selbstverständliche Verhältnis von Männlichkeiten zu Körpern, von Männlichkeiten zu Testosteron und von Männlichkeiten als Einschreibungen auch rassifizierter Differenzierungen heraus. Die Komplexität macht sich in den Ausfaltungen von Zeitlichkeiten bemerkbar, an denen deutlich wird, dass sie für verschiedene Vlogger die Option auf Zukunft und Zukünftigkeit in und mit dem Prozess der Transition unterschiedlich bereithalten. So mögen die Vlogs zwar auf den ersten Blick sowohl ästhetisch konventionell als auch geschlechterpolitisch konservativ wirken.156 Mit dem Argument der Re-Sedimentierung konnte jedoch gezeigt werden, dass zwar die festgestellte Konventionalität nicht falsch ist, aber die Effekte und Prozesse der Vlogs und des Testosterons über diese Dimension hinausweisen.
Politisch sind die trans* Vlogs dabei nicht nur in den mit ihnen (un)möglich werdenden Zeitlichkeiten, in der Affirmation wie Umarbeitung von Männlichkeiten, in dem Bejahen eines Werdens, das mit Testosteron zwar beeinflusst, aber nicht gesteuert werden kann. Darüber hinaus sind sie allein schon in ihrem Vorhandensein auf YouTube ein Politikum, denn der im Mittelpunkt der Videos stehende trans* Körper mit seinen Bedürfnissen und Eigenschaften ist auf dieser Plattform eigentlich nicht vorgesehen. Dies wird besonders deutlich an den Videos, in denen der Umgang mit diesem Körper als geschlechtlich-sexuellem thematisiert wird, wie es beispielsweise in Videos geschieht, die das Packing erklären oder geeignete Produkte vorstellen.157 Die YouTube-Videos können auf Meldung von Zuschauer_innen oder aufgrund algorithmischer Beschränkungen mit dem Status ›demonetarisiert‹ versehen und damit faktisch der ökonomischen Verwertung entzogen werden, indem (so gut wie) keine Werbung mehr mit diesen Videos verknüpft wird. Eine für viele trans* Vlogger empfindliche Maßnahme, insofern nicht wenige einen Teil ihres Unterhalts als YouTuber bestreiten. Zudem ist es möglich, dass bei mehrmaligen (vermeintlichen) Verstößen gegen Richtlinien der Plattform letztlich der gesamte Kanal gesperrt wird. Die sehr explizite Beschreibung der eigenen Genitalien, sexueller Praktiken, der Handhabungen von Dildos, Packern und Sexspielzeug – also eine lustvolle, begehrende und begehrenswerte Erfahrung des Körpers – sowie die Injektion von Testosteron sind dabei nicht mit den von YouTube für Werbepartner_innen vorgesehenen Standards vereinbar.
Als einer von vielen produziert der Vlogger uppercaseCHASE1 regelmäßig solche Videos und thematisiert gleichzeitig, wie das darin geteilte Wissen sowohl über Meldungen durch User_innen als auch über die algorithmischen Bewertungs- und Ausschlussverfahren von YouTube erneut prekarisiert wird. Der Beschreibung seines Videos mit dem Titel HOW TO PACK (FTM TRANSGENDER/NON BINARY) stellt er folgenden Hinweis voran, bevor er ebenfalls in der Beschreibung Links zu Online-Shops für Packer teilt: »**THIS IS AN EDUCATIONAL VIDEO MEANT TO HELP TRANS MASCULINE INDIVIDUALS ALLEVIATE DYSPHORIA. THIS IS NOT SEXUALLY EXPLICIT. THIS IS NEEDED INFORMATION FOR THIS COMMUNITY**«.158 Die Eindringlichkeit dieses Statements ergibt sich sowohl aus der durchgängigen Großschreibung wie den rahmenden Sternchen, die hier nicht auf den Asterisk der Schreibweise trans* verweisen, dafür aber die Ästhetik einer nachrichtlichen Eilmeldung imitieren und das Prinzip eines Warnhinweises umkehren, indem dem Video sinngemäß vorangestellt wird: ›Achtung! Hier muss nicht gewarnt werden.‹ Mit dieser Information reagiert er im sehr spezifischen Wortlaut auf die Community-Guidelines von YouTube, in denen es heißt: »Nacktheit ist erlaubt, wenn sie hauptsächlich pädagogischen, dokumentarischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Zwecken dient und ihre Darstellung nicht grundlos ist. […] Wenn du im Titel und der Beschreibung des Videos einen entsprechenden Kontext angibst, ist der Zweck deines Videos für uns und dein Publikum leichter erkennbar.«159 Der scheinbar gut gemeinte Rat, über explizite Zuordnung einem Ausschluss entgegenzuwirken, ist für trans* Personen perfide: YouTube formuliert damit einen Anspruch maximaler Transparenz und Sichtbarkeit, ohne die bereits ausgeführte Ambivalenz von und die unterschiedlich verteilten Risiken der Sichtbarkeit mitzudenken. Für die trans* Vlogger artikuliert sich darin eine Erwartungshaltung, die eigene Nacktheit, sprich: Körperlichkeit einem implizit cis geschlechtlichen Publikum erklären zu müssen, ihm und YouTube gegenüber zu einer Auskunft verpflichtet zu sein. Diese Anrufung erzeugt Resonanzen mit Vorwürfen von Täuschung, mit denen trans* Personen auch in anderen sozialen Situationen oft konfrontiert sind, was sogar zur Kriminalisierung führen kann oder dazu, dass Verbrechen gegen sie nicht angemessen geahndet werden.160 So werden beispielsweise die Aufenthaltsmöglichkeiten in spezifischen Räumen unter Reglementierungen gestellt, die den Zugang für jene beschränken, die nicht einer cis-normativen Geschlechterzuordnung angehören. Wer als trans* Mann in North Carolina eine öffentliche Toilette für Männer betritt, verschafft sich laut einer verharmlosend auch Bathroom Bill genannten Verordnung juristisch unberechtigten Zutritt.161 Eine trans* Frau wird vielerorts aus Schutzräumen für Frauen ausgeschlossen, weil sie angeblich die relative Sicherheit dieser Räume gefährde, statt dass sie sie benötigen könnte.162
Es ist die vermeintliche Verheimlichung von Körperlichkeit, die sich als vorgebliche Täuschung über ein vermeintlich ›wahres‹ Geschlecht in diesen und anderen Regelungen als Vorwurf manifestiert. Dies bedeutet auch, dass eine Umkehr der Verantwortung für gewaltvolle Handlungen erfolgt: Verantwortlich ist dieser Logik folgend nicht die Person, die über physische oder psychische Übergriffigkeit Gewalt ausübt, sondern die Person, die vorgeblich Anlass zu dieser Handlung gibt. Indem YouTube festlegt, Videos sollen zur angeblich leichteren Erkennbarkeit mit einschlägigen textlichen Hinweisen versehen werden, reproduziert die Plattform eben diese als Sicherheitsmaßnahme verkaufte, letztlich aber diskriminierende Handlungsanweisung.163 Die geforderte transparente Eindeutigkeit und, was in den Community-Richtlinien nicht expliziert wird, dieses ominöse ›uns‹, dem laut den Richtlinien die Einschätzung erleichtert werden soll, meint unter Umständen auch Mitarbeiter_innen des Konzerns, vor allem aber algorithmische Vorgänge, die schriftbasierte Einordnungen jedes Videos auf Basis der mit ihm verknüpften Schlagwörter, Beschreibungen und Titel vornehmen. Verärgert dokumentiert uppercaseCHASE1 seine Beobachtung, dass ›transgender‹ offenbar als Schlüsselbegriff in einem solchen Katalog geführt wird und die Verwendung dieses Begriffs automatisch zur Demonetarisierung des entsprechend verschlagworteten Videos führt – unabhängig von dessen visuellem oder sprachlichem Inhalt.164
Letztlich ergibt sich daraus für die Vlogger allein die Wahl zwischen der einen oder anderen Form von Unsichtbarkeit: Geben sie trans* nicht als Schlagwort für ihr Video an, wird es einerseits bei entsprechenden Suchen nicht gefunden. Andererseits gehen sie damit das Risiko ein, wenn das Video denn gesehen wird, dass es nicht als informativ ›erkannt‹ und in Konsequenz als ›schädlich‹ eingestuft oder gar entfernt wird. Umgekehrt führt die deutliche Markierung als trans* dazu, dass entsprechende Videos von vornherein einer limitierten Distribution innerhalb der marktlogisch operierenden Plattform unterliegen. So werden trans* Personen mit einem Authentizitätsanspruch konfrontiert, der konservativen Geschlechterlogiken folgt. Ihre Videos werden – entsprechend eines solchen Konservatismus – auch als schlechter vermarktbar eingestuft. Das hat den Effekt, dass die Videos nur noch einer eingeschränkten Öffentlichkeit von User_innen vorgeschlagen und lediglich bestimmten oder sogar gar keinen Werbepartner_innen zugeordnet werden.
Verstoßen Videos gegen Richtlinien, können sie nicht nur einer limitierten Reichweite unterliegen, indem sie beispielsweise mit Altersbeschränkungen versehen sind und damit nur von User_innen angesehen werden können, die ein Google-Konto haben und darin ihr bzw. ein geeignetes Geburtsdatum hinterlegen. Verstoßen sie jedoch in massiver Weise, werden einzelne Videos auch entfernt. Dieser Vorgang führt automatisch zu einer permanenten Verwarnung des Kanals, wobei mit einer dritten Verwarnung der Kanal vollständig gelöscht wird.165
Im Frühjahr 2018 wurden vielfach Videos von LGBTIQ-YouTuber_innen als vorgeblich unangemessen gemeldet und teilweise entfernt.166 Ein Video von uppercaseCHASE1, in dem er seine Brust nach der Mastektomie zum ersten Mal zeigt, wird in dieser Zeit mit dem Hinweis auf Gewalt gesperrt und sein Kanal folglich verwarnt.167 Abgesehen von der völlig unzutreffenden Begründung ist der Ausschluss auch wegen des Themas in diesem Video interessant: Am konkreten Umgang mit der Nacktheit von Oberkörpern zeigt sich, wie Körper vergeschlechtlicht werden. Für viele trans* männliche Vlogger ist gerade die Form des Oberkörpers mit breiten Schultern und einer flachen Brust von großer Bedeutung für die Selbstwahrnehmung.168 Mit welchen Eigenschaften gilt aber eine Brust als männlich und darf entsprechend als nackte Brust auf YouTube gezeigt werden, wohingegen eine als weiblich wahrgenommene Brust und insbesondere die Brustwarzen sexualisiert werden und bedeckt sein müssen? Mit dem Upload eines Videos, das einen nackten Oberkörper zeigt, gehen die Vlogger also nicht nur das Risiko ein, verwarnt oder gar gesperrt zu werden. Sie riskieren zudem, über die Meldung von unangemessener Nacktheit falsch gegendert zu werden, wenn ihr Oberkörper als weiblich gelesen und dessen Nacktheit als Grund für eine Meldung behauptet wird. Umgekehrt kann ein erfolgreich bei YouTube platziertes, d.h. nicht beanstandetes Video mit entsprechend nacktem Oberkörper im Gegenteil auch das männliche Passing bestätigen: Ja, deine Brust darf nackt gezeigt werden, denn dein Körper wird von uns als ein männlicher erkannt.
Unter den im Mai 2018 verwarnten und entfernten (zum Teil nach Beschwerde der YouTuber wieder freigeschalteten) Videos sind auch solche, in denen Testosteron im Kontext einer geschlechtlichen Transition thematisiert wird. So genügte beim Vlogger Ty Turner schon allein die visuelle Aufnahme vom Rezept für Testosteron, damit das Video als »gewaltvolle oder gefährliche Handlungen« (violent or dangerous acts) befördernd eingestuft und verwarnt wurde.169 Die Richtlinien zur Unterbindung solcher vermeintlich gefährdenden Handlungen spezifizieren, wie Ty Turner über einen Screenshot der Verwarnung ausweist, den er in sein Video montiert: »For example, it’s not okay to post videos showing drug abuse, underage drinking and smoking, or bomb making.«170 Hier wird die Testosteroninjektion vermutlich als Drogenmissbrauch klassifiziert und das Video aufgrund dessen gesperrt. Erst nach einem Widerspruch wird es wieder freigeschaltet und die Verwarnung zurückgenommen. Trotzdem wird die Testosteroninjektion im Zuge einer geschlechtlichen Transition in Zusammenhang gebracht mit der Herstellung von terroristischem Material. Auch der Vlogger Aaron Ansuini erhält eine Verwarnung für ein Video, in welchem er eine Anleitung dazu gibt, wie man sich Testosteron sicher injiziert.171
Aaron Ansuini und uppercaseCHASE1 reagieren gemeinsam auf diese und ähnliche Vorgänge – unter anderem bemerken User_innen, dass LGBTIQ-feindliche Werbeanzeigen vor einzelne Videos von trans* und LGBT-Vlogger_innen geschaltet werden. Sie initiierten auf Twitter den Hashtag #YouCantDeleteUs, der die Ambivalenz und Komplexität des trans* Vloggens auf YouTube verdeutlicht. Der Hashtag formuliert ebenso eine Forderung nach Anerkennung wie auch eine trotzige Widerständigkeit gegen selbige.172 Die trans* Vlogs haben queeres und emanzipatives Potenzial, das sich in den Effekten des Testosterons auch als sozialem Medium realisiert. Gleichzeitig bleibt YouTube eine ökonomisch organisierte Plattform mit enormer Marktmacht, deren Vorgaben und Richtlinien zugleich normierend und normalisierend wirken. Nicht alle Körper können gezeigt werden und nicht alle werden wiederum gleichermaßen in den Ergebnissen einer Suche angezeigt.
Eine Selbstdokumentation auf YouTube entkommt somit weder den sozialen Hierarchien, den ökonomischen Bedingungen noch dem Modus der institutionellen Dokumentation, mit der trans* Personen sich zumeist auseinandersetzen müssen, wenn sie ihren Vornamen und/oder Geschlechtseintrag ändern, sich Hormone verschreiben oder Operationen durchführen lassen wollen. Sie erweitert aber die Möglichkeiten dessen, was zur Dokumentation kommen kann. Im unbestimmten Werden, dem Eingehen von Wagnissen und dem Eingeständnis von Zweifeln werden die Zeitlichkeiten aufgefächert, die für eine geschlechtliche Transition mit Testosteron von protokollarischer Seite vorgesehen sind. Re-Sedimentierungen finden mit und in den Gefügen statt, als die die trans* Vlogs mit Testosteron hier in Erscheinung treten und das Verhältnis von Hormon und Geschlecht, von Testosteron und Männlichkeit sowohl bestätigen als auch herausfordern. Re-Sedimentierungen finden gerade auch dann statt, wenn Videos hochgeladen und online zur Verfügung gestellt werden, die mit der Injektion von Testosteron Praktiken dokumentieren, die von YouTube als vermeintlicher Drogenmissbrauch ebenso wenig geduldet werden wie die Anleitung zum Bau einer Bombe. Mit den Richtlinien und der Sperrung von Videos werden Vorkehrungen getroffen, die eine Aufwirbelung der ›Ablagerungen‹ verhindern sollen. Die Praktiken der Testosteroninjektion entfalten unter Umständen eine Wucht, die der Detonation einer Bombe gleichkommt – zumindest in Bezug auf eine Erschütterung des binären cis-heteronormativen Geschlechterverhältnisses. Dabei bleiben die trans* Männlichkeiten selber prekär, ihre Anwesenheit auch auf dieser Plattform herausgefordert.
Insofern trans* Körper und ihre Bedarfe mit diesen Videos in einen öffentlichen Raum eintreten und ihre Existenz dort behaupten, findet auch eine Umarbeitung dieses Raumes statt, wie Tobias Raun mit Verweis auf Michael Warner festhält: »[T]he vloggers’ audiovisual presence and requests for other trans people to start vlogging can be regarded as attempts to transform not just policy, but the space of public life itself.«173 Mit der impliziten oder sogar expliziten Einladung an andere, ebenfalls trans* Vlogs zu produzieren, entstehen aber nicht allein neue Räume und neue Öffentlichkeiten. Es entstehen dabei neue Zeitlichkeiten und zeitliche Verhältnisse, die sowohl konkrete (un)sichere Zukünfte der Einzelnen und der Community ermöglichen als auch sich in Richtung (un)mögliche Zukünftigkeiten öffnen.
Darüber hinaus aktualisieren die trans* Vlogs Vergangenheiten, die ein Sprechen über das eigene Gewordensein ermöglichen und ermöglicht haben werden. In Kenntnis bereits bestehender Vlogs auf YouTube produzieren neu hinzukommende Vlogger ihre Videos in Antizipation eines solchen retrospektiven Blicks – zurück von einer ebenfalls projizierten Zukunft her. Die grammatische Form des Futur II (wird ermöglicht haben) behauptet dabei eine vollendete Zukunft, die Abgeschlossenheit einer zukünftigen Handlung. Die Dokumentation des Werdens in und mit den trans* Vlogs wiederum erweitert diese Erwartung einer zeitlichen Dimension der sich einstellenden Abgeschlossenheit und hält sie offen: Auf die in Update-Videos dokumentierten Transitionen können sowohl der Vlogger selbst wie auch andere Zuschauer_innen zwar zurückblicken, doch lässt die Struktur der Vlogs keine Schließung, keine Vollendung der Transition zu. Auch lassen sich die Affekte darin nicht als vergangene in eine zeitliche Distanz bringen. Insofern stellt sich mit der anhaltenden Verfügbarkeit der Videos auf YouTube, mithin der Aufbewahrung der trans* Vlogs als Effekte selbstdokumentarischer Praktiken, die Frage nach archivarischen Funktionen der Vlogs und den damit verbundenen Zeitlichkeiten. Diese erschöpfen sich nicht in der Frage nach (un)möglichen Zukünftigkeiten bzw. müssen ebenfalls fragen, welche Vergangenheiten die (un)sicheren Zukünfte entwerfen – sowohl in einzelnen Kanälen wie auch in Betrachtung der kollektiv entwickelten Praktik des Vloggens.
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