
Hello everybody, it is me, chaseypoo, and today I am so excited. Yes, I do this video once a year and, yes, it’s getting redundant, but it’s still a celebration of my milestone in my life and something that I like to talk about and think about – so, I think it’s important to talk about anyway […]1
Der Meilenstein, der mit diesem YouTube-Video gefeiert wird, markiert für den Videoblogger (kurz: Vlogger) uppercaseCHASE1 den Tag der ersten Dosis Testosteron in Zusammenhang mit seiner geschlechtlichen Transition. Es sei für ihn wichtig und bedeutsam, erklärt er weiter, die geschlechtliche Transition mit Testosteron per Video aufzuzeichnen und diese Selbstdokumentation auf YouTube öffentlich zu machen. Das Video trägt den Titel 9 YEARS ON TESTOSTERONE | FTM TRANSGENDER. Als er es im Juni 2019 auf YouTube hochlädt, ist er nicht nur schon neun Jahre auf Testosteron, sondern auch bereits neun Jahre lang mit seinem Kanal auf YouTube aktiv.2 In dieser Zeit hat er mehr als 700 Videos produziert und dort hochgeladen, von denen die meisten implizit oder explizit trans* Geschlechtlichkeit zum Thema haben.3 Ganz konkret widmen sich diese Videos der Dauer der Hormonbehandlung und den jeweiligen damit in Zusammenhang gebrachten körperlichen, emotionalen und sozialen Veränderungen. In genanntem Video erläutert uppercaseCHASE1 weiter:
Today is June 16th, 2019. Alright, this means that as of today – actually, technically, as of like I believe it was maybe like 5 pm, 5, 6 pm in the afternoon – I got my first testosterone shot. And listen, I know, nine years later you’re like ›You’re still obsessed with this? You’re still obsessed talking about this?‹ Because a lot of people online I’ve seen who kind of start the transition online, talk about the transition online, they kind of not make their whole life about their transition, kind of move away from the YouTube platform… I’m not saying I’m making my whole life about my transition. […] But I think it’s so important to show people who are older on T, like in terms of years, to people who are just starting out.4
uppercaseCHASE1 ist damit einer von vielen genderqueeren, nicht-binären und trans* Personen, die mehr oder weniger regelmäßig Videos auf YouTube veröffentlichen, in denen sie ihre geschlechtlichen Veränderungsprozesse thematisieren und dokumentieren.5 Solche sogenannten Update-Videos bilden den Gegenstand dieser Arbeit. Mein besonderes Interesse gilt den spezifischen Zeitlichkeiten, die diese Selbstbeschreibungen, die darin thematisierten Praktiken und die sich darum entfaltenden Diskurse hervorbringen. Transition ist, so verdeutlichen diese Videos, eine besondere Zeiterfahrung. Im Folgenden argumentiere ich, dass es bezüglich der betrachteten Transitionen interessant ist, geschlechtliches Werden als Prozess einer offenen, ungewissen Potenzialität zu verstehen. Diese von mir als queere oder (un)mögliche Zukünftigkeit beschriebene Zeiterfahrung ist in den Videos verschränkt mit konkreten Entwürfen für eine jeweilige, doch ebenfalls (un)gewisse bzw. (un)sichere Zukunft. Anhand der Videos frage ich, was diese beiden Dimensionen für die Vlogger und eine jeweilige Lebbarkeit als trans* bedeutet. Dabei interessieren mich die Verbindungen dieser zeitlichen, körperlichen wie medialen Praktiken, die ich als Testo-Techniken begreife.
Der Fokus meiner Arbeit liegt auf Update-Videos von Vloggern, die trans* männlich sind und Testosteron nehmen. Es geht also um Transitionen, die – zumindest zum Zeitpunkt der Betrachtungen – als ftm (female-to-male, weiblich zu männlich) bezeichnet werden. Sie werden von Vloggern beschrieben, die bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen worden sind (afab, assigned female at birth). Der hier verwendete Begriff Vlogger ist im Englischen geschlechtsneutral. Im Deutschen verwende ich das je im konkreten Fall passende Pronomen (also meistens ›er‹) bzw. kein Pronomen, wenn es sich um eine Allgemeinbezeichnung handelt.6 Ich habe gezielt diese Videos ausgewählt, obgleich sich auf YouTube auch Update-Videos trans* weiblicher Vloggerinnen zu ihren Östrogeneinnahmen in großer Zahl finden. Meine Auswahl gründet in zwei Beobachtungen: Zum einen sind trans* Männlichkeiten im Vergleich zu trans* Weiblichkeiten lange Zeit seltener medial präsent gewesen.7 Ihre vergleichsweise große Sichtbarkeit auf YouTube hängt, wie im Folgenden deutlich wird, spezifisch mit der Medialität dieser Plattform und den mit ihr verbundenen Praktiken zusammen. Zum anderen produzieren die Materialität und, wie sich zeigen wird, auch eine Medialität der Hormone in ihrer Verbindung mit der Praktik des Vloggens verschiedene Geschlechtlichkeiten auf je spezifische Weise. Es würde einen weiteren Analyseschwerpunkt erfordern, diese Effekte auch in und für Update-Videos von trans* Vloggerinnen zu untersuchen.8
An ausgewählten Videos von trans* Vloggern wie uppercaseCHASE1, gorillashrimp, Jammidodger und itsGOTtobegroovy geht diese Arbeit außerdem der medientheoretischen Frage nach, worin sich diese Praktik der Selbstdokumentation begründet, die viele Personen, die mit Testosteron transitionieren, verfolgen. Warum ist gerade YouTube diesbezüglich anhaltend populär und das, trotz oder gerade wegen der ökonomischen und funktionalen Veränderungen, die diese 2005 als Videoportal gegründete Plattform durchlaufen hat? Welche Bedeutung nimmt in den Videos die Information darüber ein, wie lange die jeweiligen Vlogger bereits Testosteron nehmen? Und in welchem Verhältnis (ent)stehen in diesen Videos trans* Subjektivierungen, YouTube als sozial-mediale Videoplattform, das Hormon Testosteron und die Praktik der Selbstdokumentation? Die Annahme ist – dies legen die Titel der Update-Videos nahe, die stets die spezifischen Dauern der Testosteronbehandlung in Wochen, Monaten oder Jahren nennen –, dass für die Beantwortung dieser Fragen insbesondere die Untersuchung der Zeitlichkeiten in und mit diesen Videos zentral ist. Deshalb berücksichtige ich diverse zeitliche Dimensionen, die mit den Update-Videos zusammenhängen. Dies schließt den Prozess konkreter körperlicher Veränderungen mit Testosteron ebenso ein wie die erforderte Geduld im Umgang mit medizinischen Verwaltungen sowie therapeutischen und juristischen Institutionen. Es umfasst auch das Warten auf den Eintritt hormoneller Effekte und damit die Dauer von biochemischen Abläufen in einem Organismus. Statt diese verschiedenen zeitlichen Vorgänge in Verbindung mit geschlechtlichen Transitionen jedoch quantitativ zu erfassen und als zähl- oder messbare Zeitspannen zu dokumentieren und beschreibbar zu machen, eröffnet die Frage nach den Zeitlichkeiten ein differenzierteres Verständnis dieser Praktik der Selbstdokumentation via Update-Videos und deren Effekte auf Geschlecht.9 Die Selbstdokumentation wird dabei als mediale Praktik beschreibbar, die in ihrer verschränkenden Anordnung von Körper, Testosteron, Video und digital-medialer Plattform eine besondere Bedeutung für trans* Lebenswirklichkeiten entfalten kann. Sie erschöpft sich nicht in der retrospektiven Repräsentation eines Körpers in Transition. Vielmehr ermöglichen die Vlogs die Anerkennung von geschlechtlichen Transitionen in ihren Ambivalenzen: Sie entfalten sich als sowohl freud- wie sorgenvolle Vorgänge, deren fragile Zeitlichkeiten insbesondere als Projektionen und Imaginationen möglicher trans* Zukünfte bedeutsam sind. Was genau bedeutet es in diesem Zusammenhang, wenn, wie uppercaseCHASE1 beiläufig erwähnt, trans* Personen die Transition »gewissermaßen online beginnen« (kind of start the transition online)?10
Der Verlauf geschlechtlicher Transitionen wird regelmäßig – nicht zuletzt in den Selbstdokumentationen der trans* Vlogs – als linearer Prozess erzählt: von einem spezifischen Anfangspunkt über einen gewissen zeitlichen Verlauf bis zu einem bestimmten Ende.11 Manche Forscher_innen der Trans Studies betonen, dass gerade eine solche Option einer vereindeutigten geschlechtlichen Fluchtlinie in eine imaginierte Zukunft hinein als lebensnotwendig angesehen werden könne. Sie argumentieren, dass sich in den trans* Vlogs ein Aspekt der Selbstbestimmung realisiere, den Laura Horak als eine ermächtigende Hormonzeit (hormone time) bezeichnet:
[M]ost transition videos operate according to a progressive temporality we might call ›hormone time‹. Time begins with the first shot of testosterone […] and is measured against that date, even years afterward. […] While, like all narrative, hormone time simplifies, this insistently affirmative structure is powerfully enabling to trans youth trying to imagine a future.12
Horak sieht den Aspekt der Selbstbestimmung für diese Hormonzeit als elementar an und führt weiter aus: »[hormone time] appropriates the ›straight‹ temporality of progress for radical ends—proving that trans self-determination is not only possible but viable and even joyful.«13 Sie schließt damit an einschlägige Studien zu trans* Vlogs von Tobias Raun an, der ebenfalls auf die Selbstbestimmung der Vlogger_innen abhebt:
Thus, representation and transformation is not something ›done‹ to the vloggers but is part of an active process of self-determination through the vlog as an important site for working on, as well as producing and exploring, the self.14
Die Forscher_innen begründen die Bedeutung und Beliebtheit der Vlogs durch die Affirmation einer teleologisch ablaufenden Transition, die sich selbstbestimmt vollziehe. Hingegen sehen andere Positionen innerhalb der Trans Studies eine Determiniertheit geschlechtlicher Veränderungsprozesse und kritisieren diese.15 Hil Malatino lehnt das Konzept der Hormonzeit ab und verwirft auch die Praktik des selbstdokumentarischen Vloggens als Ausdruck einer lediglich »palliativ wirksamen Vergewisserung« (palliative reassurances),16insofern die trans* Vlogger_innen schlicht zu Multiplikator_innen vornehmlich ökonomisch motivierter pharmazeutischer und medizinischer Industrien würden, die durch Hormonpräparate eine vermeintlich bessere Zukunft in Aussicht stellten.17 Statt der Hormonzeit zuzugestehen, sie könne die Einlösung eines solchen Versprechens garantieren, sei vielmehr der Modus permanenter Verzögerung (lag) maßgeblich für Erfahrungen geschlechtlicher Transitionen:
[T]he experience of lag structures transition at least as much as transition-related technologies themselves, manifesting in the days, months, and years before one takes steps toward transition and shaping the experience of waiting for each new appointment, each treatment, each follow-up visit.18
Dieser Eindruck einer gehemmten, verzögerten oder in permanentem Aufschub befindlichen Zeitlichkeit einer geschlechtlichen Transition verstärkt sich, wenn auch die Praktik des Vloggens in Verbindung mit der Hormonbehandlung als eine der »Transitionstechnologien« (transition-related technologies)19 in den Blick rückt. Sie erscheint damit als beteiligt an den zeitlichen Unwägbarkeiten (oder Determiniertheiten). Denn wie im Folgenden aus einer Perspektive queertheoretisch informierter Gender Media Studies deutlich gemacht werden soll, stellt sich die vermeintliche Linearität und Teleologie geschlechtlicher Transitionen der trans* Vlogs bei genauerer Betrachtung als weniger selbstverständlich dar. Selbst in den Update-Videos, die auf den ersten Blick eine erfolgreiche Transition dokumentieren, insofern erwartete und gewünschte Effekte des Testosterons festgehalten und als lineare, teleologische Veränderung hin zu einer Vermännlichung erzählt werden, zeigen sich neben Freude und Zufriedenheit auch Momente der Ungewissheit und des Zweifels, der Überraschung oder der Enttäuschung, der Ungeduld oder des Unverständnisses.20 Während Horak betont, dass die überlebenswichtige Bedeutung der Hormonzeit nicht an einem queeren Potenzial gemessen werden könne,21 argumentiere ich, dass sich die (über)lebenswichtige Bedeutung der trans* Vlogs gerade in der Eröffnung queerer Zeitlichkeiten begründet. Die von Horak betonte freudvolle Lebbarkeit ergibt sich demnach nicht aus einer radikal autonomen Selbstbestimmtheit der trans* Vlogger_innen und deren Kontrolle der zeitlichen Abläufe ihrer Transition, sondern in der Möglichkeit, die nicht kontrollierbaren, ungewissen und unsicheren Dimensionen geschlechtlichen Werdens zu affirmieren.22
Mit dem Begriff queerer Zeitlichkeit (queer temporality) wird die Hervorbringung von chronologischer, kausaler und teleologischer Zeitlichkeit als durchdrungen von vergeschlechtlichenden, rassifizierenden und sexualisierenden Machtverhältnissen beschreibbar und deren Effekte als politische adressierbar.23 Es sind die »normativen gesellschaftlichen Taktungen, ihre […] Historiografie oder biografischen Entwürfe«,24 die diese Machtverhältnisse reproduzieren. In deren Rissen wiederum könne queere Zeitlichkeit aufscheinen. Entsprechende Theorien bieten unterschiedliche Erklärungen, wie gewisse Zeitlichkeiten spezifische Subjekte hervorbringen und welche Ausschlüsse und Verletzlichkeiten mit derartigen Subjektivierungsweisen einhergehen. So entwerfen Queer-Theoretiker_innen in Reaktion auf die ungleiche Verteilung von Lebensrisiken und Prekarisierungen Konzepte queerer Zeitlichkeiten, die entgegen normativer zeitlicher Ordnungen und wider die darin eingelassenen Reproduktionszusammenhänge nach Möglichkeiten des kollektiven und solidarischen Überlebens in diesen Strukturen suchen.25 Ein solcher Einsatz realisiert sich in und mit den trans* Vlogs, insofern sie (un)mögliche Zukünftigkeiten als trans* eröffnen.26 Die Videos knüpfen ein auf eine Zukunft ausgerichtetes Überleben gerade nicht an administrative Zwänge oder die vermeintliche Notwendigkeit geschlechtlicher Eindeutigkeit. Stattdessen ermöglichen es die Videos, die eigene Transition als queere Zeitlichkeit, als nicht planbaren, nicht vorhersagbaren Prozess affirmativ zu besetzen und diesen nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Unbestimmtheit lust- und freudvoll zu leben.27
Dieser Hinweis auf Freude (trans joy) oder sogar Euphorie (gender euphoria) in Bezug auf das geschlechtliche Erleben impliziert jedoch weder, dass geschlechtliche Transitionen allein von positiven Affekten begleitet würden, noch dass Unbestimmtheit in diesem Prozess per se positiv konnotiert sei. Während Zukünftigkeit per so unsicher, weil ungewiss ist, verweisen die trans* Vlogs darauf, dass sich die Wahrscheinlichkeit auf ein zukünftiges Überleben oder sogar selbstbestimmtes Leben aufgrund struktureller Ungleichheiten unterschiedlich realisiert. Die queeren Zukünftigkeiten der Testo-Update-Videos sind (un)möglich, insofern die medialen Praktiken der selbstdokumentarischen Transitions-Vlogs stets auf eine mögliche Zukunft als trans* spekulieren, deren Eintritt jedoch nicht garantieren können. Die Sichtbarkeit als trans* Person in medialen Öffentlichkeiten macht in einer gesellschaftlichen Atmosphäre zunehmender Trans*feindlichkeit in besonderer Weise vulnerabel. Vermeintliche Uneindeutigkeit in Bezug auf ein binäres Geschlechterverständnis wird gesellschaftlich mit Ausschlüssen und Angriffen sanktioniert. In den sogenannten sozialen Medien zeigt sich dies über verachtende bis explizit gewaltvolle Kommentare unter Posts und Videos. Die Testo-Update-Videos enthalten potenziell sowohl eine Realisierung wie auch ein Scheitern möglicher geschlechtlicher Veränderungen. Doch selbst dann, wenn diese erhofften Veränderungen eintreten, stehen queere Zukünftigkeiten nicht allen trans* Vlogger_innen gleichermaßen offen. Die ungewisse Zukünftigkeit ist unterschiedlich mit Risiken behaftet, wenn auch rassistische, klassistische, ableistische, misogyne Angriffe befürchtet werden müssen, die das soziale und physische Überleben bedrohen. Dies nenne ich (un)gewisse oder (un)sichere Zukünfte, deren Potenziale und Risiken sich aufgrund von Hierarchien der Vergeschlechtlichung und sozialer Ordnungskategorien wie Klasse oder Ability und deren Rassifizierung strukturell ungleich verteilen. Insofern ist für eine Analyse von (trans*) Geschlechtlichkeit die konstitutive Verbindung mit sozialer Ungleichheit zu berücksichtigen, was insbesondere im Hinblick auf Race vielfach betont worden ist.28
Trans* Personen sind noch immer in besonders gewaltvoller Weise staatlichen Dokumentationszwängen unterworfen.29 Diesen dokumentarischen Anforderungen und pathologisierenden Zurichtungen widmet sich das erste Kapitel und setzt in einer ersten explorativen Annäherung trans* Vlogs in ein Verhältnis zu den Bedingungen geschlechtlicher Transition. Medizinische, juristische und therapeutische Institutionen verlangen von trans* Personen umfassende Dokumentationen der eigenen Geschlechtlichkeit, um entsprechend anerkannt zu werden. Angesichts des dokumentarischen Anspruchs, »Wirklichkeit zu erfassen, zu repräsentieren und zu kontrollieren«,30wobei Authentizität als maßgebliches Kriterium für die Glaubwürdigkeit und Legitimität des Dokumentierten vorausgesetzt wird, manifestieren sich für trans* Personen spezifische Diskriminierungen und Ausschlüsse. Trans* Personen müssen ihr Geschlecht oft in therapeutischen Gesprächen unter Beweis stellen, dessen Echtheit von medizinischen Gutachten beglaubigen und seine Authentizität juristisch bestätigen lassen. Derartige Dokumentationspraktiken sind beispielsweise Voraussetzung dafür, medizinisch autorisierten Zugang zu Hormonpräparaten zu bekommen oder den Geschlechtseintrag in Geburtsurkunden ändern (lassen) zu können.31 Erst dadurch, dass durch diese Vorgänge biografische Selbstauskünfte, medizinische Rezepte, Gutachten mit Diagnoseschlüsseln, Antragsformulare und Bescheide zu Dokumenten werden, sorgen sie dafür, dass wiederum andere Dokumente, z. B. Ausweispapiere wie Personalausweis, Führerschein oder auch die Krankenkassen- oder Kreditkarte, in Bezug auf Vornamen (und Geschlecht) verändert werden dürfen, ohne ihren offiziellen Status, ihre Gültigkeit als Dokument und die damit verbundene Autorität zu verlieren. Im Dokument manifestiert sich sogenannte Wirklichkeit.32
Auch im Kontext dieser institutionalisierten Dokumentationen spielt Zeitlichkeit eine zentrale Rolle. Denn die amtlichen Dokumente verknüpfen in ihrem Modus der Beglaubigung die »Legitimität einer Identität mit deren dauerhafter Stabilität« (legitimacy of an identity with its persistence across time).33 Für trans* Personen bedeutet dies unter anderem, glaubhaft machen zu müssen, dass sie sich ihres Geschlechts schon seit längerer Zeit sicher sind und, wichtiger noch, dass diese Gewissheit auch in eine projizierte Zukunft hinein unerschütterlich, dieses Geschlecht mithin als ›richtiges‹ nicht mehr veränderbar sei. Als amtliche Dokumente je bestimmter Staaten betten selbige die imaginierte geschlechtliche Stabilität in die Zeitlichkeit der Nation ein. Diese wiederum entwirft in einer überindividuellen zeitlichen Dimension spezifische Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft, welche – und das gilt mindestens für die hier berücksichtigten deutschen, britischen und US-amerikanischen Kontexte – heteronormativ sowie kolonial und rassistisch geprägt sind.34
Der Zwang zur Eindeutigkeit von Geschlecht verwebt sich über die Anforderungen dokumentarischer Prozesse mit einer vorgeblichen Eindeutigkeit linearer, teleologischer Zeitlichkeit. Die erwähnten Dokumentationsformen sind entsprechend problematisch, weil sie allen, die eine solche Eindeutigkeit nicht erfüllen (können), die Anerkennung – als Subjekte, als Bürger_innen, als Angehörige – verweigern und ihre Leben als unlebbar verwerfen bzw. sozial ausschließen. Würden die trans* Vlogs ebenfalls, wie bisherige Analysen argumentieren, lineare Zeitlichkeiten ausbilden, wären sie lediglich als eine Fortsetzung dieser pathologisierenden und normierenden Dokumentationen in einer anderen medialen Umgebung oder als eine selbstdokumentarische Ergänzung der Gutachten, Bescheide und Akten zu verstehen. In diesem Sinne erkennen Susan Stryker und Aren Aizura in administrativen Vorgängen biopolitische Regulierungen, die sich zudem als medizinische Normen und Normierungen ausprägen:
we also become vulnerable to new modes of biopolitical regulation, including increasingly tight management of precisely what combination of surgical and hormonal bodily transformation are required to legally define a person’s sex or transgender status.35
Doch sind die Vlogs in ihrer normierenden Funktion zumindest ambivalent. Denn, so würde ich argumentieren, spielen in ihnen Affekte eine Rolle, die in den Protokollen der institutionalisierten Dokumentationsformen keinen Ort und keine Zeit haben. Diese Affekte ergeben sich aus der Erfahrung, kein dauerhaft eindeutiges oder immer eindeutig gewusstes Geschlecht zu sein. Ohne den Zwang zum Beweis eines ›richtigen‹ Geschlechts eröffnen sie neue Formen geschlechtlichen Werdens, die auch angesichts von Uneindeutigkeiten und Ungewissheiten lustvoll sein können. Diese Möglichkeit entsteht aus der medialen Anordnung, die queere Zeitlichkeit, deren Schleifen und Wiederholungen, Brüche und Faltungen, Stauchungen, Zerdehnungen und Zerteilungen mit hervorbringt.
Mit einem expliziten Fokus auf queere Zeitlichkeiten der Testo-Update-Videos vertrete ich die These, dass diese Zeitlichkeiten Effekte der trans* Vlogs als spezifischer medialer Anordnung sind und sich hierbei eine konstitutive Wechselbeziehung oder gegenseitige Hervorbringung zwischen Medien und Geschlecht vollzieht. Statt Geschlecht einer medialen Repräsentation vorgängig zu verstehen, rückt diese These in den Blick, wie Medien (Vorstellungen von) Geschlecht bedingen und Geschlecht in Medien wirkt.36 Dieser Ansatz schließt an bestehende Forschungen zu trans* Vlogs an und erweitert sie um eine Perspektive, in der sowohl Medien als auch Geschlecht als prozessual und veränderbar verstanden werden, ohne dass sie dabei gänzlich dem freien Willen unterliegen würden. Dies eröffnet einen differenzierteren Umgang mit Fragen der Sichtbarkeit und Handlungsmacht, Subjektivierung und Verletzlichkeiten von trans* Personen sowie dem »Verhältnis von Wissen/Wissenschaft und Geschlecht«37 in den trans* Vlogs.
Bisher sind trans* Vlogs vornehmlich als Medien der Selbstermächtigung in den Blick genommen worden. Die Vlogger_innen dokumentieren und gestalten demnach den eigenen Körper durch den Einsatz von Hormonen und/oder Operationen wie auch den Einsatz von Vlogs. Tobias Raun hat die bisher einzige umfassende Studie zu trans* Vlogs vorgelegt und charakterisiert das Verhältnis von Medien und Vlogger_innen folgendermaßen:
[T]he vloggers blend flesh and media, skin and screen, to help them form (new) identities. […] the vloggers can be said to be molded and shaped by the apparatus of the vlog as well as the scalpels that slice and penetrate their flesh and the hormones that run through their blood.38
Raun geht davon aus, dass die Vlogs in gleichem Maße an Transitionsprozessen beteiligte Techniken sind wie Hormone und geschlechtsangleichende Operationen. Jedoch zeichnet er dabei implizit sowohl ein autonomes Vlogging-Subjekt, das sich dieser Techniken als Werkzeuge bedient, als er auch einen Medienbegriff vertritt, der lediglich gewollte mediale Effekte erfassen kann.39 Wenn mediale Effekte jedoch an die Intention autonomer Subjekte gekoppelt werden, verstärkt dies Binarismen von Subjekt/Objekt, Körper/Wille, Natur/Kultur, Organismus/Technik und reproduziert geschlechtlich konnotierte Stereotype. Die Binarismen können, folgt man Raun, zwar miteinander verschmolzen werden, wären im Umkehrschluss jedoch vorher klar voneinander abzugrenzen. Gerade diese eindeutigen Abgrenzungen und geschlechtlichen Trennungen werden jedoch, so meine These, durch die trans* Vlogs fraglich. Auch wenn viele Vlogger eine geschlechtliche Eindeutigkeit anstreben, ergibt sich gerade in und mit den trans* Vlogs und der Testosteronverabreichung auch eine nicht nur temporale Verunsicherung dieser Bestimmtheit: Wann ist mein Körper ein männlicher? Wann wächst mein Bart? Warum wächst er noch nicht? War die Entscheidung für Testosteron richtig; tut sie mir gut? Will ich die Veränderungen überhaupt? Was genau verändert sich mit dem Hormonpräparat?
Mein Interesse gilt diesen Verunsicherungen, die es ermöglichen, die Praktik des selbstdokumentarischen Vloggens und ihr Verhältnis zu Testosteron, Video und YouTube genauer zu bestimmen. Ich möchte die komplexen Machtverhältnisse untersuchen, die diese Vlogs durchziehen und die Zeitlichkeiten fragiler, das Leben vulnerabler machen. Meine Herangehensweise erkennt an, »wie sehr Wahrnehmungen und Wissen, Subjektivität und Handlungsmacht von medialen Bedingungen bestimmt und von geschlechtlichen Bedeutungsebenen durchzogen sind.«40 Das Buch widmet sich der Frage, wie sich die untersuchten Update-Videos in ihrer Bedeutung für trans* Zukünftigkeiten beschreiben lassen, ohne sie einer Bewertung als geschlechterpolitisch subversiv oder konservativ, emanzipatorisch oder repressiv zu unterziehen. Stattdessen lasse ich die medialen Praktiken und ihre sowohl diskursiven wie materiellen als auch affektiven Effekte in den Vordergrund treten. Durch diese Fokussierung der medialen Anordnung, ihrer Praktiken, Materialitäten und Zeitlichkeiten begründet sich mein Vorgehen, die Vlogger auch dann allein beim Namen ihres YouTube-Kanals zu nennen, wenn mir ihr bürgerlicher Name bekannt ist.41 Ich arbeite in der Analyse die spezifische Medialität und Zeitlichkeit der Selbstdokumentation heraus, ohne ein gleichsam vor-mediales, eindeutig identifizierbares Subjekt hervorzuheben und ohne damit das ›Selbst‹ dieser Dokumentation in den Mittelpunkt zu stellen. Auf diese Weise ermögliche ich zudem, dass die Videos nicht allein in ihrer – nicht zuletzt strategisch bedeutsamen – identitätspolitischen Funktion erfasst, sondern darüber hinaus ihre Effekte und Affekte als politische Potenziale kollektiver Solidarisierungen beschreibbar werden, die ich als queere begreife.42
Der Vlogger uppercaseCHASE1 erklärt im eingangs zitierten Video die Bedeutsamkeit seiner kontinuierlichen, neun Jahre währenden Selbstdokumentation damit, Expertise zu einer Transition mit Testosteron teilen zu können, die er selbst lange Zeit gesucht hat. Wobei diese empfundene Leerstelle nur zu einem kleinen Teil mit (damals) geringerer oder fehlender Sichtbarkeit von trans* Männern als vielmehr mit medialen Bedingungen dieser Sichtbarkeiten zusammenhängt. Bereits vor 2010, als uppercaseCHASE1 seine Testosteronbehandlung begonnen hat, haben trans* Männer oder genderqueere Personen autobiografische (oder autobiografisch informierte) Texte über ihre geschlechtlichen Transitionen mit Testosteron veröffentlicht. Mit Verweis auf die Autobiografie The Testosterone Files von Max Wolf Valerio merkt uppercaseCHASE1 jedoch an, dass Buchveröffentlichungen nur begrenzt nützlich und informativ seien.43 Im Vergleich zu Update-Videos auf YouTube läge ihre Beschränkung in der fehlenden Austauschmöglichkeit mit den Autor_innen, der einzig retrospektiven Schilderung des Transitionsbeginns sowie der deutlichen Nachträglichkeit der Veröffentlichungsform.44 Im Folgenden geht es darum herauszufinden, welche spezifischen Eigenschaften von YouTube und den mit dieser digital-medialen Plattform verbundenen Praktiken diese so passend für trans* Vlogs und letztere so einschlägig für die Dokumentation von Transitionserfahrungen mit Testosteron machen. Inwiefern befördern sie insbesondere die Berücksichtigung von Zeitlichkeit?
Zur Auseinandersetzung mit der Medialität zählt auch, die eigene Geschichtlichkeit der Medien zu berücksichtigen, die in Bezug auf gewaltvolle und hierarchisierende Dokumentationsformen nicht unschuldig sind. Auch diese historisierende Auseinandersetzung wird dadurch unterstützt, dass ich davon ausgehe, dass Geschlecht und Medien jeweils prozesshaft und miteinander verbunden wirken, sodass mit vergeschlechtlichten Subjektivierungen auch »Vorstellungen von Autonomie und Prekariat, von Handlungsmacht und Verletzbarkeit, von Materialität und Wissen«45 in den Analysen medialer Phänomene diskutiert werden. Gewaltvolle, hierarchisierende und diskriminierende Effekte finden sich durchaus auch in gegenwärtigen Medienpraktiken. So zeigen die Update-Videos nicht nur, wie ein trans* männlicher Körper aussehen kann. Mit den stets von Wünschen und Imaginationen durchdrungenen Repräsentationen (re)produzieren sie eben auch Bilder davon, wie er auszusehen hat.46 Die Funktionsweisen von YouTube wirken ihrerseits an entsprechend normativen und normierenden Ausschlüssen und Diskriminierungen mit. In überwältigender Mehrheit erscheinen Videos junger weißer trans* Vlogger, wenn ich auf YouTube nach FtM-Transitionen suche. Die Videos Schwarzer Vlogger oder Vlogger of Color werden in der Liste der Ergebnisse erst aufgeführt, wenn ich die Suchbegriffe ›black‹ oder ›asian‹ ergänze.47 Die vergeschlechtlichenden und rassifizierenden Effekte dokumentarischer Praktiken und medialer Technologien in ihrer Herstellung von Wissen über Körper durchziehen die selbstdokumentarischen Aufzeichnungen und ihre Bereitstellung auf YouTube. Mit einem Fokus auf Schwarze (trans*) Männlichkeit rückt das zweite Kapitel dieses Buches die Frage nach der (Un)Möglichkeit von Zukünftigkeiten unter der gewaltvollen Erfahrung von Transfeindlichkeit und Rassismus in den Blick. Auch hierin zeigt sich, dass das für die trans* Vlogs oftmals angenommene Versprechen einer besseren Zukunft durch eine Transition nicht garantiert ist.
Zu den Materialitäten der trans* Vlogs und den Praktiken der Selbstdokumentation zählt auch Testosteron. Es wird üblicherweise als Gel zum Auftragen auf die Haut oder als Lösung zur Injektion verschrieben oder verabreicht und muss dem Körper regelmäßig zugeführt werden, um die geschlechtsangleichenden Effekte zu erzielen. Das Hormon wirkt im Zusammenhang der trans* Vlogs als Zeit-Medium; beeinflusst vom jeweiligen Präparat und der individuellen Dosierung formen sich die täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Rhythmen einer nächsten Dosis. Das Hormon arbeitet medial an den spezifischen Zeitlichkeiten einer vielschichtigen und vielfach gefalteten »Transitions-Zeit« (transitional time)48 mit. Diese sowohl körperlichen, zeitlichen wie medialen Praktiken nenne ich Testo-Techniken.49 Das dritte Kapitel führt die mit diesem Begriff verbundenen Überlegungen weiter aus. Wenn Testosteron hierbei als Medium verstanden wird, meint dies nicht die gängige Beschreibung von Hormonen als Botenstoffen, wie der Physiologe Ernest Starling bereits 1905 in einem für das damals sich herausbildende Feld der Endokrinologie maßgeblichen Vortrag notiert – lange bevor Testosteron 1935 überhaupt zum ersten Mal isoliert wird.50 Auch nimmt der Begriff Testo-Techniken nicht die metaphorische Referenz auf das biochemische Funktionieren von medialen Prozessen auf. Diese Metaphorik findet sich in der Medienwissenschaft: So ist für Marshall McLuhan der Telegraf ein »soziales Hormon« (social hormone).51Ausgehend von meiner queertheoretisch informierten medienkulturwissenschaftlichen Perspektive ergibt sich ein anderer Zusammenhang von Hormon und Medium, der über diese rein semantische Verknüpfung hinausreicht: Testosteron kommuniziert nicht wie ein Medium, vielmehr betrachte ich Testosteron im Zusammenhang der trans* Vlogs als dokumentarisches, soziales und queeres Medium. Dokumentarisch ist es beteiligt an einem spezifischen Modus materialisierter Selbstdokumentation, die sich an und mit dem Körper sowie in und mit den Videos realisiert. Als soziales Medium verstehe ich es, insofern es an einer zeitgenössisch spezifischen Beziehung und gegenseitigen Beeinflussung (Relationalität) von Männlichkeit und digitalen Medien mitwirkt. Als queeres Medium fasse ich Testosteron auf, da es sowohl lineare Zeitlichkeiten als auch die Eindeutigkeit von Geschlecht, und das umfasst cis wie trans* Geschlechtlichkeit, verunsichert und herausfordert. Auf diese – angesichts der naturalisierten Verknüpfung von Männlichkeit mit Testosteron paradox anmutende – Feststellung werde ich noch ausführlich eingehen. Um die – queertheoretisch nahegelegte – inhärente Instabilität und Ungewissheit des Testosterons besser zu verstehen, befasse ich mich mit dessen diskursiven, materiellen wie medialen Dimensionen.
Der Stellenwert von Hormonen in geschlechtlichen Transitionen ist dabei ambivalent. Trans* Aktivist_innen setzen sich dafür ein, dass hormonelle Medikation selbstverständlicher Bestandteil einer trans* informierten Gesundheitsversorgung wird. Dieser Einsatz erkennt an, welche zum Teil überlebenswichtige Bedeutung dem Zugang zu Hormonpräparaten und damit der Möglichkeit zu entsprechenden körperlichen Veränderungen zukommt. Gleichzeitig plädieren Interessengruppen und Aktivist_innen im Sinne der Selbstbestimmung dafür, den Wunsch nach Hormonbehandlungen argumentativ nicht zu einer essenziellen Bedingung für trans* Sein zu machen. In Zusammenhang mit dieser Ambivalenz wird des Weiteren reflektiert, wie die pharmazeutische und klinische Erforschung, die logistische Distribution und die medizinische Verwaltung entsprechender Präparate auf kolonialen, kapitalistischen und rassistischen Strukturen aufbaut und von entsprechend hierarchischen Ordnungen durchzogen ist.52 Das spezifische Verhältnis von Testosteron zu Männlichkeit und/oder Maskulinität ist in diesem Zusammenhang jedoch bisher nicht detaillierter untersucht worden. Dies ist Anliegen dieser Arbeit und in Kapitel 3 gehe ich diesbezüglich genauer auf das Verhältnis von Männlichkeit zu Maskulinität sowie die dieser Unterscheidung zugrunde liegende Sex/Gender-Differenz ein. An dieser Stelle sei festgehalten, dass Männlichkeit in dieser Arbeit jedenfalls nicht exklusiv oder vorrangig für eine wie auch immer verstandene biologisch verankerte Form von Geschlecht verwendet wird. In diesem Sinne ist auch interessant, dass es sehr wohl bereits wissenschaftliche Diskussionen gibt, dass und wie Männlichkeiten unabhängig von Testosteron zu verstehen sind. Die Idee von »Maskulinitäten ohne Männer« (masculinities without men)53 ist sowohl in der Queer Theory wie auch den Trans Studies präsent und interveniert in das Spannungsfeld von Männlichkeit und biologistisch verstandenem Mann-Sein, das sich immer auch über eine naturalisierte Verankerung in Testosteron zu legitimieren versucht.54 Bedeutet diese Befragung im Umkehrschluss aber, dass Testosteron immer gesicherte Männlichkeiten bedingt? Ist eine Männlichkeit – cis wie trans* – mit Testosteron automatisch über jeden Zweifel an einer Gewissheit von Geschlecht erhaben?
Unbestritten ist, dass es in den Testo-Update-Videos ein vielgestaltiges Begehren nach Männlichkeiten gibt – so kritisch oder selbstzweifelnd entworfen, unbestimmt und unsicher sie auch sein mögen. Um diese komplexe Verschränkung von Begehren und Affekten, Medien und Praktiken in den trans* Vlogs betrachten zu können, fasse ich im vierten Kapitel die trans* Vlogs als ›Gefüge‹. Dies greift eine queertheoretisch informierte Lesart eines Konzepts von Gilles Deleuze und Félix Guattari auf: »Mit dem Begriff des Begehrens und des Gefüges (agencement) unterminieren Deleuze und Guattari die abstrakte Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt und damit auch jene […] von Technik und Natur.«55 Der Begriff des Gefüges ermöglicht eine Situierung von trans* Erfahrungen, die nicht essenzialistisch ist und weder biologistisch noch technikdeterministisch argumentieren muss. Damit ist dieser Begriff auch besonders geeignet, die Zeitlichkeiten in und mit den Update-Videos und die mit ihnen verbundenen vielfältigen Begehren zu berücksichtigen. Für die trans* Vlogs als Gefüge ist maßgeblich, dass sie durch Begehren hervorgebracht sind und Technik in diesen Konstruktionsprozess eingebunden ist. Gefüge sind mithin Verbindungen von Begehren und Technik, wobei ersteres keine Mangelerfahrung darstellt und zweiteres kein Objekt, kein Mittel zum Zweck ist.56 Wenn ich trans* Vlogs als Gefüge beschreibe, hebe ich vor allem darauf ab, dass weder das Format Update-Video noch das Testosteron als zweckmäßige Werkzeuge für die Durchführung einer geschlechtlichen Transition voluntaristisch eingesetzt werden können, als könnten sie dem eigenen Willen unterworfen werden. Die emanzipatorischen und handlungsmächtigen Effekte der Vlogs begründen sich gerade nicht in einem vermeintlich souveränen Umgang mit den beteiligten Medien, sondern in der Möglichkeit, die Machtlosigkeit und Unsicherheit angesichts der biochemischen, emotionalen, körperlichen und sozialen Veränderungen artikulieren und die Ungewissheit von Transitionsprozessen sanktionsfrei affirmieren zu können. Auf diese Weise richten die Testo-Update-Videos spezifische Weisen des Empfindens ein, die eine »neue Selbstverständlichkeit«57 für trans* Leben beanspruchen. Die mit und in den Update-Videos hervorgebrachten Affekte gehen dabei über die jeweiligen Vlogger-Subjekte hinaus und kommen in ihrer Flüchtigkeit als «Empfindungsblock«58 – oder eben als Empfindungs-Vlog – zur Aufbewahrung, und zwar ohne dabei konserviert oder stillgestellt zu werden. Im Mittelpunkt steht die Frage nach (un)möglichen Zukünftigkeiten, in die hinein das eigene trans* Sein werden kann. Damit verbunden ist stets auch die Suche und das Begehren nach einer möglichen Bezugnahme auf individuelle wie kollektive Vergangenheiten.
Die Zeitlichkeiten der Transitionen in und mit den Testo-Update-Videos werden im Folgenden als Effekt medialer Konstellationen untersucht, die aus den miteinander verbundenen Praktiken der Selbstdokumentation via Videoblog und der Testosteronbehandlung entstehen. Dabei macht die Analyse selbst zeitliche Prozesse durch: Die selbstdokumentarischen Praktiken der gegenwärtigen trans* Vlogs reagieren auf Veränderungen dieser Gegenwart, mit denen wiederum auch der Text rückgekoppelt ist. Die Vlogs lassen in der Dokumentation der Transitionen diese als von Wiederholungen, Schleifen und elliptischen Bewegungen geprägten Prozess allererst entstehen. In ähnlicher Weise vollzieht auch die Argumentation des Buches in ihrer Dramaturgie immer wieder argumentative Bewegungen von Verschiebungen in Wiederholungen. Während das erste Kapitel bereits auf analytische Schwerpunkte der folgenden drei verweist, werden dort wiederum immer wieder auch Thesen und Argumente aus diesem ersten aufgenommen und vertieft.
Insgesamt leistet das Buch einen Beitrag zu Debatten in queertheoretisch informierten Gender Media Studies und Trans Studies zum Verhältnis von Materialität und Zeitlichkeit, von Race, Geschlecht – insbesondere Männlichkeit – und Medien sowie dem Einsatz und Effekt von (Selbst-)Dokumentationen auf Subjektivierungsprozesse. Die Analysen beteiligen sich damit an der »Vervielfältigung und Artikulation neuer Modi verkörperter Subjektivierungsweisen, neuen kulturellen Praktiken und Arten eines Weltverständnisses« (proliferation and articulation of new modes of embodied subjectivity, new cultural practices, and new ways of understanding the world).59 Auch in diesem Sinne ist die Frage nach (un)möglichen Zukünftigkeiten in den trans* Vlogs und den damit verbundenen Vulnerabilitäten eine politische Frage.
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