
Im Folgenden geht es um Videos, die eine hormonell bewusst herbeigeführte Pubertät begleiten.1 Denn als eine solche zweite Pubertät wird von vielen trans* Personen der Zeitraum erfahren, der sich über die ersten Wochen und Monate nach Beginn der Verabreichung von Hormonen erstreckt. Die Hormone sollen im Prozess einer geschlechtlichen Transition körperliche Veränderungen auslösen und es dadurch ermöglichen, den Körper dem eigenen Geschlecht anzugleichen und im Alltag entsprechend (an)erkannt zu werden.2 Auf YouTube finden sich hunderttausende Videos, die diesen Transitionsprozess zum Thema haben.3
Eines dieser Videos trägt den Titel 3.21.15 - 1 Year on Testosterone - FTM Transition Update - List of Changes Throughout the Past Year und wurde von gorillashrimp am 22. März 2015 auf seinem Kanal hochgeladen.4 Das Video ist knapp 19 Minuten lang und ohne einen sichtbaren Schnitt, also offenbar ohne Unterbrechung aufgezeichnet worden.5 Ein junger Mann in schwarzem Muskelshirt – und, wie später zu sehen sein wird, blauer Jeans – sitzt in einem offenbar privaten Wohnraum und blickt frontal in die Kamera. In einer halbnahen Einstellung sehen und hören die Zuschauer_innen ihn darüber berichten, wie sich sein Körper in den vergangenen zwölf Monaten verändert hat. Um keine dieser Beobachtungen zu vergessen, hat er sich eine Liste angefertigt. Grundsätzlich vergnügt und teilweise euphorisch kommentiert er die Veränderungen: Die Schultern sind breiter und, wie auch der Rest des Körpers, muskulöser geworden, Hals und Kieferpartie sind markanter, die Füße sind gewachsen, seine Stimme ist tiefer, die Haare auf Armen und Beinen sind dichter und dunkler, ebenso wachsen ihm nun welche auf Bauch und Brust, nicht zuletzt hat er einen Bart bekommen und die Menstruation blieb aus. Während er berichtet, verharrt der junge Mann nicht in sitzender Position, sondern steht auf und dreht der Kamera den Rücken zu, um die markante und männlich konnotierte V-Form seines Oberkörpers demonstrieren zu können, er spannt die Arme an, sodass deutlich wird, wieviel markanter die Adern seit Beginn der Testosteronbehandlung hervortreten, er krempelt die Hose hoch, damit die Beinbehaarung begutachtet werden kann, und er führt Gesicht und Unterarm nah an die Kamera heran, um auch dort die zunehmende Behaarung zu zeigen. All diese Veränderungen sind eingetreten, seit er vor genau einem Jahr begonnen hat, Testosteron zu nehmen: »Es ist der 21. März 2015 und ich bin jetzt offiziell ein ganzes Jahr auf Testosteron – ja! Es ist aufregend, ein bisschen, vielleicht sehr.«6 So eröffnet er das Video. Den Jahrestag nimmt er zum Anlass, diese körperliche Inventur vorzunehmen und die Freude über deren Ergebnis per Update-Video auf YouTube zu teilen.
Dies ist nicht das erste oder einzige Video, das er auf YouTube hochgeladen hat und das im Zusammenhang mit der Testosteronbehandlung steht. »Some guys go through puberty twice« (Einige Jungs gehen zweimal durch die Pubertät) prangt in Graffiti-Ästhetik als Header über seinem Kanal, in dem sämtliche seiner hochgeladenen Videos Trans*sein explizit oder beiläufig zum Thema haben.7 Alle diese Videos sind entsprechend der Beschreibung von Jean Burgess und Joshua Green als Vlogs folgendermaßen charakterisiert:8
Üblicherweise hauptsächlich um einen Monolog strukturiert, der direkt in die Kamera gesprochen wird, […] typischerweise mit nichts weiter als einer Webcam und launigem Schnitt produziert. Das Themenspektrum reicht von fundierten politischen Debatten über banale Details des Alltags bis hin zu leidenschaftlichen Tiraden über YouTube selbst. Vlogging selbst ist nicht unbedingt neu oder einzigartig für YouTube, aber es ist eine emblematische Form der Teilnahme dort.9
Wenngleich der Vlog auch für die Nutzung durch trans* YouTuber_innen als emblematische Form gelten kann, fasse ich ihn anders als Burgess und Green jedoch nicht als Genre auf.10 Stattdessen begreife ich trans* Vlogs in erster Linie als mediale Praktiken. Damit verschiebe ich den Fokus von formal-ästhetischen Anforderungen an die Videos zu den mit diesen Praktiken verbundenen dokumentarischen Ansprüchen. Diese Verschiebung nehme ich vor, um nicht die von Burgess und Green nahegelegte inhaltliche Gegenüberstellung von »vernünftiger politischer Debatte« (reasoned political debate) und »banalen Details des Alltags« (mundane details of everyday life) zu stärken,11 sondern stattdessen aufzuzeigen, dass trans* Vlogging gerade in der Thematisierung von Alltag politisch ist.
Monatlich vloggt gorillashrimp in seinem ersten Jahr der Hormonbehandlung über die Erfahrungen und Gedanken, die mit der Verabreichung von Testosteron zusammenhängen. Mit dieser Praktik ist er keineswegs allein auf der Plattform: Auf YouTube finden sich viele Vlogs von trans* Personen, die mehr oder weniger regelmäßig Videos aufnehmen und hochladen, mit denen sie die eigene geschlechtliche Transition begleiten. Suchbegriffe wie ›transgender‹, ›gender transition‹ oder ›ftm‹ erzeugen lange Ergebnislisten von Videos.12 Die Oberfläche von YouTube erlaubt den User_innen verschiedene Sortierungen der jeweils gefundenen Videos unter anderem nach Dauer, Anzahl der Aufrufe oder Upload-Datum. In der Sortierung nach Upload-Datum ist es derzeit jedoch nicht möglich, sich die Trefferlisten umgekehrt chronologisch anzeigen zu lassen. Demnach lässt sich nicht exakt feststellen, wann seit der Gründung von YouTube 2005 die ersten Videos unter diesen und ähnlichen Schlagworten hochgeladen wurden und sich das trans* Vloggen etabliert hat. Überlässt man sich bei der eigenen Recherche jedoch der plattformeigenen Logik, über algorithmische Verlinkungen und Vorschläge von einem Video auf ein nächstes zu verwiesen, stößt man immer wieder auf Kanäle, die in den Jahren 2006/2007 von trans* Menschen angemeldet wurden und auf denen sie zum Teil auch heute noch vloggen. Manche thematisieren, dass zu dieser frühen Zeit des Web 2.0 erst wenige trans* Erfahrungen auf YouTube zu finden war. Einer dieser frühen Vlogger ist charlesasher, dessen Kanal seit Mai 2006 besteht: »When I first started transitioning, it seemed like the dark ages of transition. […] I was one of the first people on YouTube.«13 2008 sieht wiederum freshlycharles seinen ersten Vlog-Beitrag bereits als Teil einer FtM-Vlog-Revolution.14 Obwohl es sich beim trans* Vloggen um ein in der Schnelllebigkeit digitaler Entwicklungen mit über 10-jähriger Geschichte vergleichsweise altes Phänomen handelt, ist es bisher kaum (medien‑)wissenschaftlich erforscht worden. Es existieren vereinzelte Aufsätze und eine umfassendere Studie, die die Vlogs in erster Linie unter Aspekten der Community-Bildung und der Selbsthilfe in den Blick nehmen.15 Demnach erwächst die Bedeutung des Vloggens für die trans* Personen in erster Linie daraus, sich über die Videos mit anderen austauschen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Peers oder Gleichgesinnten herstellen und sich darüber des eigenen Trans*seins versichern zu können. Von diesen Erkenntnissen ausgehend erweitert die vorliegende Arbeit die Analyse um den Aspekt der Zeitlichkeit. Um verständlich zu machen, wie sich diese neue Perspektive auswirkt, sollen hier in einem ersten Schritt die bisherigen Diskurse zu trans* Vlogs nachgezeichnet werden.
Neben Update-Videos wie dem von gorillashrimp, in denen das vergleichende Zeigen und Erzählen der Veränderungen im Mittelpunkt stehen, produzieren einige trans* Vlogger_innen auch Timeline- oder Time-lapse-Videos. Diese Videos zeigen in chronologischer Reihenfolge und schneller Abfolge Foto- oder Videoaufnahmen aus mehreren Monaten oder Jahren, sodass durch die zeitraffende Montage der teilweise in großen zeitlichem Abstand entstandenen Einzelaufnahmen der Effekt und das Ausmaß der körperlichen Veränderungen seit Beginn der Hormonbehandlung visuell verdeutlicht wird.16 Zudem laden viele auch Videos hoch, die unter dem Motto how to… explizit darauf ausgerichtet sind, den Zuschauer_innen Strategien der Selbstsorge und praktische Tipps für trans* Belange zu vermitteln, sei es bezogen auf passing im Alltag, administrative Vornamens- und/oder Personenstandsänderungen oder die Injektion von Hormonen.17 Doch nicht nur mit und in den zuletzt genannten Formaten, deren Anleitungen explizit dialogisch verfasst sind, werden trans* Personen als potenzielle Zuschauer_innen direkt adressiert.
Auch gorillashrimp führt in dem Vlog kein Selbstgespräch. Vielmehr teilt er seine Beobachtungen und seine Freude in der Aufnahme und vor allem durch den Upload des Vlogs mit denjenigen, die auch schon seine vorherigen Videos angesehen haben. So bedankt er sich am Ende des eingangs erwähnten Videos bei seinen Zuschauer_innen für die bisherige Unterstützung:
I just want to thank you, guys, all of you, everybody, anybody who’s watching this. I want to thank you for all your support, all your love, everything. Without you all, this would have been a lot more difficult, maybe, with the acceptance and everything.18
Er erklärt jedoch nicht, worin genau sich diese Unterstützung äußert. Vermutlich sind es ermutigende oder anerkennende öffentliche Kommentare unter den vorausgehenden Vlog-Beiträgen. Denkbar wäre auch, dass die Zahl der Abonnent_innen seines Kanals oder der Zuschauer_innen vorheriger Videos ihn bestärkt. Vielleicht sind es ebenso private Nachrichten, die er über seine im Video beworbenen Profile auf den weiteren Social-Media-Plattformen Facebook, Tumblr und Instagram erhalten hat. Damit erweitert sich der Kreis der Adressat_innen in eine digitale Sphäre, die über die Grenze der Plattform YouTube hinausweist. Ohne genau zu wissen, worin der Support besteht, lässt sich feststellen, dass gorillashrimp hier ein als offenbar ermächtigend erfahrenes Kollektiv adressiert. Dabei fällt auf, wie er diese Gruppe von Follower_innen imaginiert. Denn in einigen, teils beiläufigen Formulierungen, wird deutlich, dass er sich mit seinem Video an ein trans* oder zumindest trans*-informiertes Publikum wendet. Das ist insofern bemerkenswert, als die in einer Mehrzahl von cis Medienmacher_innen produzierten journalistischen oder dokumentarischen Formate trans* Erfahrungen weiterhin zumeist für ein cis Publikum erzählen.19
gorillashrimp hingegen schließt an seinen Bericht über arge Stimmungsschwankungen in den ersten Wochen der Hormonbehandlung die ermutigenden Worte an: »If that happens to you, just know that there is an end to it. And after all the craziness of that is over, you can breathe a lot better. […] It gets a lot better.«20 Er ermuntert diejenigen dazu durchzuhalten, die diese Phase gerade durchleben oder denen sie unter Umständen noch bevorsteht.21 An anderer Stelle in dem Video freut er sich über die Veränderungen seiner Brust, die durch die Hormonbehandlung offenbar flacher geworden ist, was dazu führt, dass er sie nicht mehr permanent abbinden muss. Nicht nur verzichtet er an dieser Stelle darauf, die Praxis des Abbindens zu erklären, er fügt auch noch hinzu: »You know, I don’t have to bind in layers so much either.«22 Mit der Notwendigkeit des Abbindens kennt sich nur aus, wer darum weiß oder selbst erlebt (hat), wie eine als weiblich gelesene Brust, sofern sie sich unter der Kleidung abzeichnet, die Anerkennung durch andere als männlich erschwert oder sogar verunmöglicht. Dieses Risiko, aufgrund körperlicher Eigenschaften falsch gegendert zu werden, lässt sich durch das Tragen von Kompressionsshirts und mehrerer Schichten wenig figurbetonter Kleidung verringern. gorillashrimp kann mittlerweile auf das Abbinden ganz verzichten, wenn er Hemden oder mehrere Schichten Kleidung trägt. Er weist diese Erfahrung beiläufig als geteiltes Wissen aus und stellt darüber eine potenziell gemeinschaftliche trans* Zuschauer_innenschaft her.
Ein solches Wissen setzt er ebenso voraus, wenn er gleich zu Beginn des Videos, während er die Entwicklung seiner Bauch- und Brustmuskeln bespricht, kurz innehält und dann euphorisch verkündet, er habe nun seinen OP-Termin bekommen – in weniger als 8 Wochen. Auch hier geht er mit keinem weiteren Wort darauf ein, um welche Art Operation es sich handelt. Das muss er auch nicht, da er sich offenbar an Zuschauer_innen wendet, die entweder selbst trans* oder trans*-solidarisch sind und dementsprechend die Freude von gorillashrimp im Zusammenhang mit den erwähnten Brustmuskeln auf Anhieb einer bevorstehenden Mastektomie zuordnen können. Vor dem Hintergrund dieses mehrfach aufgerufenen geteilten Wissens liegt es nahe, die Gruppe der Adressierten begrifflich genauer zu fassen denn lediglich als eine nach ökonomisch relevanten Parametern definierbare Zielgruppe eines YouTube-Vloggers. Immerhin handelt es sich bei diesem Wissen um eines von größter Bedeutung für die eigene Lebensrealität. Zudem spricht gorillashrimp mit dem Video Mut zu und verweist darauf, selbst aus den Rückmeldungen Kraft geschöpft zu haben.
Ein wichtiger Effekt des Vloggens scheint somit Community-Bildung zu sein. Diesen Aspekt stellt Tobias Raun in seiner umfassenden qualitativen Studie zu trans* Vlogs als eine der zentralen Funktionen und Bedeutungen heraus.23 Er nimmt das Konzept der Micro-Celebrity auf.24 Mit diesem erfasst er die Rolle der Vlogger_innen als maßgeblich bestimmt von selbstbewusster Selbstrepräsentation sowie dem aktiven Austausch mit einer nicht plattformglobal sichtbaren und damit als Nische begriffenen Zuschauer_innenschaft.25 Die Vlogs werden bei Raun zum Instrument eines internationalen trans* Online-Aktivismus, dessen Ziel eine selbstbestimmte Darstellung von trans* Personen in der breiteren Öffentlichkeit ist:
Computer technology becomes a powerful tool that gives trans people access to political visibility and the possibility of challenging their under- or misrepresentation in traditional print and broadcast media. […] the vlogs can be read as online global activism and mobilization, assisting in challenging the image of trans people as passive and pathologized subjects.26
Die Bedeutung der medialen Repräsentationsfunktion, die ein emanzipatives Potenzial vernetzter digitaler Kommunikation nutzt, ist gerade für ein selbstbestimmtes Trans*sein bereits verschiedentlich betont worden.27 In Forschungen der Trans Studies werden trans* Vlogs auf YouTube als Orte und Instrumente der Selbstermächtigung argumentiert. Die audiovisuelle Selbstrepräsentation ermögliche es trans* Personen, selbst als Expert_innen in Diskurse um Transgeschlechtlichkeit einzutreten, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts von medizinischen, juristischen und therapeutischen Institutionen geprägt und dominiert worden seien.28 Diese schlössen die Lebensrealitäten von trans* Personen zumeist zugunsten einer normativen Wissensproduktion aus. Dem gegenüber etablierten die Vlogs, so das Argument, einen Gegendiskurs, der nicht nur an Community-Bildung on- und offline mitwirke, sondern Sprechpositionen ermögliche und trans* Sichtbarkeit herstelle.
Diese Funktion der Vlogs ist in ihrer Bedeutung für kritische Wissensproduktion nicht zu unterschätzen. Mein Argument untermauert die Relevanz der Vlogs für eine kritische Intervention in hegemoniale Wissensregime. Doch weise ich hier auf eines der zentralen Argumente bei Raun hin, um im Unterschied dazu mein Erkenntnisinteresse an der queeren Zeitlichkeit der Videos zu verdeutlichen. Bei Raun erfüllen die digitalen Medien als Werkzeuge eines globalen Aktivismus – und der konkreten Transitionen, wie er ebenfalls ausführt und worauf zurückzukommen sein wird – eine teleologische Funktion. Sie werden zweckgebunden und zielgerichtet eingesetzt, um die Transition selbstbestimmt zu dokumentieren. In dieser Möglichkeit der eigenständigen Produktion von Medieninhalten sieht Raun den emanzipativen Mehrwert der Vlogs gegenüber klassischen Distributionsmedien wie Print, TV und Film. Ich hingegen argumentiere, dass die Wissensproduktion in der Selbstdokumentation weitaus stärker mit der Medialität der Vlogs verbunden ist. Der von mir entworfene Fokus auf Zeitlichkeit begründet das kritische und queere Potenzial der Vlogs darin, dass sich vergeschlechtlichende und mediale Praktiken nicht vorgängig zueinander begreifen lassen und sich entsprechend einer Kontrolle durch ein Subjekt zumindest teilweise entziehen. Weder Effekte noch Affekte der Transition mit den Vlogs lassen sich folglich vorhersagen oder planen. In meiner Herangehensweise wird die repräsentationspolitische Bedeutung der Vlogs nicht verneint, tritt aber gegenüber einer erkenntnistheoretischen Reflexion der selbstdokumentarischen Praktik in den Hintergrund.
Damit baut meine Arbeit sowohl auf Erkenntnissen der Gender Media Studies und der Queer Theory als auch der Trans Studies auf. Susan Stryker formuliert für die Trans Studies, die thematisch und methodisch in gegenseitigem Bezug und relativer zeitlicher Nähe zur Queer Theory ab Anfang der 1990er Jahre entstehen, unter anderem folgende, verallgemeinerbare Ansprüche:
to articulate and disseminate new epistemological frameworks, and new representational practices, within which variations in the sex/gender relationship can be understood as morally neutral and representationally true, and through which anti-transgender violence can be linked to other systemic forms of violence such as poverty and racism.29
Daran anknüpfend frage ich mich, welche Bedeutung YouTube in Bezug auf die von Stryker genannten erkenntnistheoretischen Rahmenbedingungen (epistemological frameworks) zukommt, wenn es um die Entstehung eines Wissens von (trans*) Geschlecht geht. Im Laufe dieses Buches wird sich zeigen, dass die Videosharing- und Social-Media-Plattform YouTube nicht nur zum zentralen Aushandlungsort von trans* Repräsentationen und insbesondere dem Prozess der geschlechtlichen Transition geworden ist. Vielmehr schreiben sich die der Plattform eigenen Funktionsweisen der Verschlagwortung, Such‑, Sharing- und Kommentarfunktionen wie auch die Verknüpfung zu weiteren Inhalten in die hochgeladenen Videos, d.h. in die Dokumentation der Transitionen und damit in die Transitionsprozesse selbst ein. Die Plattform erhält ihre Bedeutung dabei im Zusammenspiel mit dem Testosteron, sodass diese Verschränkung von Hormon und Medium in der Untersuchung der Vlogs eine besondere Berücksichtigung erfahren muss. Zu beachten ist, dass sowohl für die Update-Videos wie auch für die Verabreichung und Wirkung des Testosterons zeitlichen Rhythmen zentrale Bedeutung zukommt. Gerade über diese Verschränkung und die daraus hervorgehenden spezifischen Zeitlichkeiten ergibt sich, so meine These, die prominente Bedeutung des Vloggens für trans* Personen. Diese reicht somit über die Selbstvergewisserung und die Vernetzung mit anderen Vloggern deutlich hinaus. Das Testosteron selbst wird, wie ich in einem weiteren Schritt zeigen werde, zu einem queeren, dokumentarischen Medium.
Bereits als Ernest Starling 1905 den Begriff Hormon für die inneren Sekretionen vorschlug, beschrieb er deren Funktionen im menschlichen Organismus als diejenigen eines »chemischen Botenstoffs« (chemical messenger).30Das mediale Verständnis von Testosteron geht im Folgenden jedoch über dessen Rahmung als Botenstoff hinaus, denn das Hormon übermittelt nicht einfach Informationen in Form von biochemischen Signalen: Das Testosteron wird zum »Ordnungsprinzip« (structuring principle)31 für die Update-Videos, die stets nach den Tagen, Monaten oder Jahren ›auf Testosteron‹ benannt sind und darin gleichsam als Wegmarkierungen in dem Prozess der körperlichen Vermännlichung dienen.
Aus diesem Grunde beschränken sich die Gegenstände der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf die Vlogs von trans* Männern. Auch viele trans* Frauen dokumentieren ihre geschlechtliche Transition auf YouTube. Ihre Videos sind jedoch deutlich seltener explizit mit einem Hormon als dem Katalysator für die Transition verbunden. Statt ausdrücklicher Verweise auf Östrogen und/oder Progesteron werden die zeitlichen Markierungen mit der vergleichsweise diffuseren Angabe versehen, seit einer gewissen Anzahl von Monaten oder Jahren ›on HRT‹ (hormone replacement therapy) zu sein. Testosteron wird hingegen mit größerer Selbstverständlichkeit als machtvoller Agent der stattfindenden Veränderungen gerahmt. Dieser Selbstverständlichkeit soll im Folgenden mit Bezug auf das mediale Setting der Vlogs nachgegangen werden. Für die Auswahl der Vlogs ist nicht wichtig, ob die Vlogger sich in einem als binär gedachten Geschlechtermodell als eindeutig männlich definieren. Ausschlaggebend ist, dass für ihre geschlechtliche Identifizierung die Verabreichung von Testosteron eine signifikante Rolle spielt und sie sich in einem geschlechtlichen Spektrum zumindest eher männlich verorten.
Die Fokussierung auf trans* Männlichkeiten geht zudem auch aus meiner Beobachtung hervor, dass in der medialen Öffentlichkeit trans* Weiblichkeiten historisch deutlich präsenter waren.32 Auch wenn in den vergangenen Jahren trans* Männlichkeit häufiger zum Thema in Dokumentationen, Serien oder Filmen wird, sind bislang doch überwiegend Filme und Serien mit trans* weiblichen Figuren veröffentlicht und breit rezipiert worden.33 Eine zunehmende trans* männliche Sichtbarkeit ist erfreulich. Noch interessanter ist es jedoch, auf die mediale Beschaffenheit dieser Präsenz einzugehen und genauer zu fragen, warum welche Sichtbarkeit wo entsteht, unter welchen Umständen, mit welchen auch medialen Einsätzen Männlichkeiten und Weiblichkeiten jeweils hervorgebracht werden. Zwar vloggen auch viele trans* Frauen auf YouTube und dokumentieren ihre mittels Operationen und/oder Hormonersatzbehandlungen vorgenommenen Transitionen, doch ist ist es spezifisch die funktionale Bedeutung des Testosterons, die mich bezüglich einer gegenseitigen Herstellung von Medien und Geschlecht, konkret von YouTube als sozial-medialer Plattform und Männlichkeiten, interessiert.
Oberflächlich entsteht in den Vlogs oft der Eindruck, Männlichkeit sei über die Verabreichung von Hormonen nach idealen und normativen Vorstellungen (re)produzierbar. Hingegen sind es vielmehr mediale Subjektivierungsprozesse, die über Wiederholungen, Rituale und permanente Reflexionen als Effekt verschiedener Techniken und Technologien an der Herstellung von Männlichkeiten mitwirken und sie bedingen. Die geschlechtliche Transition, die Vermännlichung, beruht in diesem Sinne auf Handlungen, die permanent wiederholt und eingeübt werden. Zu lernen, wie man sich selbst Testosteron verabreicht und ggfs. injiziert, ist ein Teil dessen. Darüber hinaus geht es aber vor allem um die Verschränkung und Durchdringung der Hormonzufuhr und des Vloggens, wobei beide Praktiken zentral durch Zeitlichkeit bestimmt sind: Sie sind abhängig von Regelmäßigkeit, Rhythmen und Zyklen, und bringen eben gerade in diesen Wiederholungen auch Unterbrechungen, Abweichungen und Verschiebungen hervor.
Testosteron wird, so eine meiner Thesen, in und mit den trans* Vlogs selbst zum Medium, da es in der Verschränkung mit Webcam, Videotechnologie und YouTube als sozial-medialer Plattform einen Modus der Selbstdokumentation ermöglicht, der unter den bisher angebrachten Analyseperspektiven nicht untersucht wurde. Entscheidend ist, dass der Einsatz von Testosteron die Transition nicht determiniert, wie es auf den ersten Blick nahezuliegen scheint. In der genaueren Betrachtung erweist sich das teleologische Narrativ der Vlogs stattdessen als Effekt einer Verschränkung, in der das Testosteron als ein queeres bzw. queerendes Medium wirkt. Neben der oft aufgerufenen und demonstrierten Gelingenslogik der Hormonbehandlung schreibt sich gleichzeitig auch stets – und das wird bisher übersehen – ein mögliches Scheitern in die Videos ein, das jedoch das Trans*sein keinesfalls in Frage stellt oder aberkennt.34 Die zeitanalytische Perspektive eröffnet eine differenziertere Beschreibung der selbstdokumentarischen Praktik in und mit den trans* Vlogs. Hieraus erwächst die mögliche Anerkennung spezifischer Vulnerabilitäten von trans* Personen. Dafür muss das mediale Gefüge mit all seinen vergeschlechtlichenden und – wie zu berücksichtigen sein wird – rassifizierenden Effekten in den Blick genommen werden.
Vorerst möchte ich mich aber gorillashrimp und seiner Freude über die Unterstützung widmen, die er von seinen Follower_innen erfahren hat. Dies erlaubt mir, noch einmal grundlegender auf den Zusammenhang von trans* Subjektivierungen und digitalen Medien einzugehen. Bemerkenswert ist, dass gorillashrimp sich ausschließlich bei der online Community für die Rückmeldungen, aufbauenden Worte oder auch hilfreichen Tipps bedankt. Die Zuschauer_innen erfahren dabei nicht, ob auch Personen oder Orte jenseits dieses virtuellen Resonanzraums von Bedeutung für sein Wohlbefinden oder die von ihm affirmierten körperlichen und emotionalen Veränderungen sind. Familie oder Freund_innen erwähnt er jedenfalls nicht. Die online Community ist im Zusammenhang der Transition und ihrer selbstdokumentarischen Aufzeichnung der wichtigste Bezugspunkt. Warum gerade für trans* Personen das Internet und die darin stattfindende Form der empathisch unterstützenden Vernetzung eine herausragende Rolle für die Herstellung von Community spielt, wird mit Verweis auf die historische Dimension von Emanzipationsbewegungen deutlich.35
Lesbische und schwule Communities haben sich in den USA und Westeuropa mit Selbsthilfegruppen, kulturellen Veranstaltungen und Parties spätestens seit den Befreiungskämpfen der 1960er Jahre in städtischen Zentren gebildet. Obwohl trans* Menschen in den emanzipativen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dieser Zeit stets präsent und aktiv beteiligt waren, wurden ihre Selbstidentifizierungen und ihre Anliegen in einer breiteren gesellschaftlichen Öffentlichkeit nur selten sicht- oder hörbar.36 Ihre Existenz wurde nicht als intelligible Lebensweise wahrgenommen. Auf ignorante oder zumindest gleichgültige Weise verwechselte die heteronormative Mehrheitsgesellschaft das damals noch nicht so benannte Trans*sein mit Cross-Dressing, Travestie-Stars, Tunten, Drag Queens oder Homosexuellen; trans* Lebensweisen wurden meist nur diffus als deviant wahrgenommen. Ein Grund für die verbreiteten Unschärfen in Bezug auf sexuelles Begehren einerseits und geschlechtliche Identifizierung andererseits mag darin liegen, dass Homosexualität Ende des 19. Jahrhunderts als eine Art geschlechtlicher Inversion verstanden wurde, eine Vorstellung, auf die auch heute noch gelegentlich angespielt wird. Ein homosexueller Mann sei demnach eine weibliche Seele in einem männlichen Körper, eine homosexuelle Frau entsprechend eine männliche Seele in einem weiblichen Körper.37 Auch das gängige Narrativ eines Coming-out als trans* wiederholt die Vorstellung, ›im falschen Körper gefangen‹ (gewesen) zu sein.
Die spezifische, zumal öffentliche, Artikulation von trans* Geschlechtlichkeit ist noch vergleichsweise jung. Erst mit der Verbreitung des Internets Mitte der 1990er Jahre entsteht auch im europäischen Raum eine trans* Bewegung, die sich national und international weit verzweigt und vernetzt.38 Angelehnt an den Slogan Out of the closet, into the streets! der schwullesbischen Befreiungsbewegung und in Anspielung auf die noch immer prägende Pathologisierung von trans* Personen, stellt Susan Stryker fest: »›Transgender‹ moved from the clinics to the streets over the course of that decade [1995-2005, Anm. sh], and from representation to reality.«39 Eine größere Sichtbarkeit in aktivistischen Zusammenhängen und Organisationen sorgt(e) zunehmend auch für Interventionen in akademische Diskurse der Psychologie, des Rechts und der Soziologie.40 Zwar gab es auch in den 1980er und frühen 1990er Jahren vereinzelt Schriften und auch universitäre Veranstaltungen, die sich emanzipativ mit trans* Geschlechtlichkeit auseinandersetzten und auch die Trans Studies bildeten sich – ebenso wie die Queer Theory – ungefähr zu dieser Zeit heraus.41 Eine breitere Institutionalisierung des Forschungsbereichs ist jedoch erst um bzw. nach 2000 erfolgt – und damit nicht nur genau in dem von Stryker als bedeutend für trans* Sichtbarkeit hervorgehobenen Zeitrahmen, sondern vor allem zur gleichen Zeit wie die Entwicklung des sogenannten Web 2.0 und dem Ausbau dessen materieller Infrastruktur.42
In internetbasierter Kommunikation des globalen Nordens vollzog sich die Vernetzung und zunehmende Sichtbarkeit anfangs durch von Privatpersonen gestaltete Homepages mit Erfahrungsberichten zur geschlechtlichen Transition, zu Operations- und Behandlungsergebnissen, mit Kontaktdaten für die Treffen von Interessengruppen sowie Adressen von behandelnden Ärzt_innen und Therapeut_innen. Diese Entwicklung intensivierte sich noch mit der Verbreitung des Web 2.0. Zudem haben sich nach und nach die Organisationstrukturen verändert. Digitale Angebote wie Foren und Blogs sind nicht gänzlich verschwunden, haben sich aber hauptsächlich auf verschiedene digital-mediale Plattformen verlagert.43 YouTube hat darin bereits sehr bald nach seiner Gründung im Jahr 2005 eine prominente Stellung eingenommen. Dies erklärt sich damit, dass das Videoformat besonders gut geeignet ist, eine für die gegenseitige Sorge und Unterstützung notwendige intime und enge Verbindung zwischen Vlogger_innen und Zuschauer_innen aufzubauen.44 Dieser Eindruck persönlicher Nähe und der Teilhabe an Erfahrungen und Erlebnissen der anderen ist für die Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls nicht unerheblich. Er entsteht, so Raun, über die körperliche Präsenz der Vlogger in den Videos und den Gesprächscharakter der Vlogs, die sowohl die Zuschauer_innen adressieren und zu Reaktionen aufrufen als auch auf die Videos anderer Bezug nehmen. So erzeugten die Vlogs ein Gefühl von Vertrauen, um vergleichsweise intime Details des eigenen Lebens und Empfindens preiszugeben.
Das Vloggen erhält damit, auch dies stellt Raun in der Analyse ausgewählter Vlogs überzeugend heraus, teilweise sogar den Status einer »Do it yourself-Therapie« (DIY therapy).45 Ähnlich einer Selbsthilfegruppe arbeiten die trans* Vlogger_innen miteinander an der Sammlung von Informationen, die ihnen institutionalisiertes Wissen allein nicht liefern kann, zumal dieses oft auch aufgrund der mit den institutionellen Protokollen einhergehenden Pathologisierungen abgelehnt wird. Die Informationen sollen anderen helfen, mit trans* bezogenen Problemen im Alltag besser umgehen zu können.46 YouTube wird damit zur zentralen Online-Anlaufstelle für Fragen zum Thema trans*, die man sich aus erster Hand beantwortet wünscht. Damit ersetzt die Plattform im Zweifel vergleichbaren Austausch offline, sofern entsprechende Treffen von Interessengruppen oder Beratungsstellen z.B. aus Gründen räumlicher Distanz nicht besucht werden können.47 Gleichzeitig funktioniert YouTube nur bedingt als Selbsthilfegruppe, da ein zentrales Charakteristikum vergleichbarer Treffen in privateren physikalischen Räumen nicht erfüllt werden kann: YouTube ist kein Schutzraum. Die trans* Vlogger_innen haben, sobald sie ihren Kanal bzw. ihre Videos öffentlich zugänglich machen, keine Kontrolle darüber, wer ihre Videos sieht, kommentiert oder verbreitet. In einer cis-normativen Gesellschaft als trans* Person sichtbar zu werden bedeutet schmerzhafterweise auch, dem Risiko ausgesetzt zu sein, verunglimpft, beschimpft oder angegriffen zu werden.48 Zudem kann die Entscheidung, öffentlich über die eigene Transition zu vloggen, einem möglichen Wunsch entgegenstehen, in einer unbestimmten Zukunft stealth zu leben.49 Dennoch hat die Zahl der Vlogs seit den ersten Videos im Jahr 2006 stetig zugenommen.50 Als Praktik von Transitionen hat sich das Vloggen bereits soweit etabliert, dass es Eingang in fiktionale und dokumentarische Filme gefunden hat und darüber Bestandteil einer über das Internet hinausgehenden audiovisuellen Kultur geworden ist.51
In den Trans Studies ist unbestritten, dass das Internet mit seinen vielfältigen Kommunikations- und Vernetzungsangeboten an der Entstehung einer Trans*-Community mitgewirkt hat, die über ihre Verortung in aktivistischen Zusammenhängen und wissenschaftlichen Diskursen hinaus an Sichtbarkeit auch in der breiteren Öffentlichkeit gewonnen hat. Diese Entwicklung sieht Stryker als Ergebnis gesellschaftspolitischer Umbrüche, aktivistischer Anstrengungen wie auch technologischer Neuerungen:
›Transgender studies‹ emerged at this historic juncture [gemeint sind das Ende des Kalten Krieges und damit der Bruch der Ost-West-Dichotomie einerseits sowie die Milleniumseuphorie andererseits, sh] as one practice for collectively thinking our way into the brave new world of the twenty-first century, with all its threats and promises of unimaginable transformation through new forms of biomedical and commmunicational technologies.52
Obwohl die Bedeutung von Kommunikationstechnologie – gemeint sind damit zumeist digitale Medien – immer wieder betont wird und Stryker selbst an anderer Stelle auch den Stellenwert der körperlichen Materialität in Verbindung mit Technologien hervorhebt, zielt Strykers Bewertung der technologischen Funktion im Allgemeinen wie auch der Vlogs im Konkreten, vor allem auf die Möglichkeit zur Selbstrepräsentation, zur Selbstbildung über Informationsgewinnung und somit einer steigenden Handlungsmacht in trans* Belangen.53 Das Internet, seine Infrastrukturen und sozial-medialen Plattformen werden wiederum vornehmlich als Instrumente betrachtet, derer man sich bedienen kann, um Informationen zu sammeln oder zu teilen, andere Menschen kennenzulernen, sich über gemeinsame Anliegen und Erfahrungen auszutauschen und darüber schließlich als mehr oder weniger homogene Gruppe gesellschaftliche Sichtbarkeit zu gewinnen und politische Forderungen zu formulieren.54
Eine Neuperspektivierung dieses Zusammenhangs verdeutlicht, dass digitale Medien über diese instrumentelle Funktion hinaus an der Herausbildung von trans* als kollektiver wie individueller Geschlechtlichkeit, Lebens- und Subjektivierungsweise beteiligt waren und sind. Schon der Begriff transgender selbst und die damit einhergehende Möglichkeit der Selbstbenennung hat sich durch das Internet etabliert: »The astonishingly rapid rise of the term ›transgender‹ seems to have increased exponentially around 1995 (fueled in part by the simultaneous, and even more astonishing, expansion of the World Wide Web).«55 Es wird sich zeigen, dass Strykers Beobachtung richtig, die Bedeutung des von ihr beobachteten Zusammenhangs für trans* Aktivismus jedoch noch deutlich fundamentaler zu beschreiben ist: Der Einfluss internetbasierter Medien war und ist nicht nur, wie sie feststellt, teilweise an der Entstehung von Transgender als Subjektposition beteiligt. Heutige trans* Subjektivierungen sind, wie mit der Analyse der Vlogs deutlich wird, ganz maßgeblich mit den Strukturen, Logiken, Potenzialen und Affekten des Internets in seiner zeitgenössischen, durch digital-mediale Plattformen dominierten Form verknüpft und durch selbige geprägt. Ein erstes Beispiel dafür ist die auch in diesem Text verwendete Schreibweise von trans* mit Sternchen. Sie eignet sich eine Funktion der Suchlogiken digitaler Datenbanken an, insofern das Sternchen dort als sogenanntes wildcard die Funktion eines Platzhalters für beliebig viele Zeichen einnimmt und somit Ergebnisse für Schlagworte wie transgender und transident, aber auch zum Beispiel translation liefert. Diese Platzhalterfunktion eröffnet im Kontext von trans* Geschlechtlichkeit demnach vielfältige, unwahrscheinliche oder auch unvorhergesehene Anschlussmöglichkeiten für unterschiedliche Selbstbezeichnungen, denen damit Rechnung getragen werden soll. Für ein Verständnis von trans* Subjektivierungen mit und in trans* Vlogs schließen sich auch weitergehende Überlegungen zum Zusammenhang dieser Schreibweise mit digitalen Suchfunktionen, archivarischen Methoden sowie grundsätzlich der zweifelhaften Notwendigkeit eindeutiger Benennung und Adressierbarkeit (im Netz) an.
Zunächst aber ist es notwendig zu verstehen, warum sich so viele trans* Personen zum Vloggen entschließen und welche Bedeutung die bereits erwähnten digitalen Beratungs- und Vernetzungsformen haben, die aus der Community kommen und sich an die Community richten. Dies lässt sich nachvollziehen, wenn man sich vor Augen führt, in welche komplexen, macht- und gewaltvollen juristischen, medizinischen und administrativen Prozesse trans* Subjektivierungen eingewoben sind.
Wer trans* ist und aus diesem Grund den Vornamen und/oder Personenstand ändern sowie durch medizinische Maßnahmen den eigenen Körper geschlechtlich angleichen (lassen) möchte, muss sich nicht allein den eigenen Zweifeln und möglichen Widerständen aus dem sozialen Umfeld stellen. Mit der Bewusstwerdung und Formulierung dieser Wünsche wird schmerzlich erfahrbar, wie fundamental die administrative Anerkennung von Geschlecht, gerade wenn es nicht dem bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht entspricht, mit medizinischem Wissen, juristischen Vorschriften und diagnostischen Kriterien verknüpft ist.
Umfang und Ausmaß der buchstäblichen Verwaltung von Geschlecht hängt maßgeblich von jeweiligen nationalen Rechtsgrundlagen und medizinischen Leitlinien ab, die die administrativen Vorgänge begründen bzw. mögliche Behandlungsmaßnahmen vorgeben. Sie unterscheiden sich allein im europäischen Kontext stark.56 Im Folgenden beziehe ich mich auf die Situation in Deutschland in den 2010 Jahren und deren juristischer Verankerung im sogenannten Transsexuellengesetz (TSG).57 Mit Inkrafttreten des Gesetzes über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag, kurz: Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) zum 1. November 2024 haben sich die Vorgaben für eine Vornamens- und Personenstandsänderung in Deutschland grundlegend verändert und in vielerlei Hinsicht vereinfacht.58 Für die in diesem Buch angestellten Analysen der trans* Vlogs ist jedoch die Bezugnahme auf die damaligen Umstände bedeutsam. Sie markieren historisch die dokumentarischen und damit medialen Bedingungen, in denen die Vlogs aus eben dieser Zeit trans* als Subjektivierungsweise hervorbringen.59
Das TSG trat 1981 in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft und galt bis 2024.60 Es erkannte einerseits die Veränderbarkeit von Geschlecht juristisch an, setzte für diese Anerkennung jedoch medizinische Beglaubigungen voraus und damit eine marginalisierende Pathologisierung von trans* Personen fort. Zudem war in der lange Jahre geltenden Fassung vorgeschrieben, dass Personen, die nicht nur den Vornamen (sog. ›kleine Lösung‹), sondern auch den Personenstand ändern lassen wollten (sog. ›große Lösung‹), nicht verheiratet sein durften, gegebenenfalls geschieden wurden, und sich geschlechtsangleichenden Operationen unterziehen sowie dauerhaft fortpflanzungsunfähig sein mussten.61
Dieses Gesetz verband juristische und medizinische Diskurse und produzierte darin wiederum ein spezifisches Wissen von trans* Geschlechtlichkeit. Voraussetzung ihrer juristischen Anerkennung war die Aufrechterhaltung heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit.62 Feministische Theoriebildung betont seit Langem, dass auch biologische, medizinische und juristische Wissensproduktionen an Subjektivierungen grundsätzlich mitwirken. Trans* Personen sind damit jedoch in besonderem Maß konfrontiert. Ihr Geschlecht muss sich in erster Linie über diagnostische Schlüssel und entsprechende Dokumente, die diese Diagnosen festhalten, beweisen (lassen), um anerkannt zu werden. Gleichzeitig sind es Ausweisdokumente, die – wenn auch nur vermeintlich – Auskunft über das jeweilige Geschlecht geben und entsprechend geändert werden müssen, sofern die Angaben dort nicht (mehr) mit dem geschlechtlichen Sein übereinstimmen. Dies kann nicht nur auf Reisen zu Problemen bei Grenzübertritten führen, sondern vor allem zu großer Frustration in alltäglichen Situationen wie dem Einkauf mit Geld- bzw. Kreditkarte, einem Bankgeschäft oder der Fahrkartenkontrolle in der Bahn; denn der Verweis auf das Geschlecht erfolgt implizit über den Vornamen sowie das oft daneben befindliche Foto – auf dem Personalausweis, dem Führerschein, der Versichertenkarte – oder ganz explizit, wenn im deutschen Reisepass unter ›5. Geschlecht/Sex/Sexe‹ ein ›F‹ für female oder ein ›M‹ für male eingetragen ist.63 Was passiert, wenn in einer der geschilderten Situationen vergeschlechtlichter Körper, Vorname, Geschlechtseintrag und Foto von einem Gegenüber nicht auf Anhieb zur Übereinstimmung gebracht werden können, beschreibt Paul B. Preciado als einen
Systemfehler, eine Störung der Rechts- und Verwaltungskonventionen, auf die sich unsere politischen Fiktionen gründen. Der soziale Apparat der Identitätsproduktion sackt wie in Zeitlupe in sich zusammen, seine Techniken (Fotos, Ausweise, Äußerungen) fallen eine nach dem anderen aus wie in einem Videospiel, in dem plötzlich ein grelles Game Over auf dem Bildschirm blinkt.64
Das Game Over gilt der Person, der im Zweifel die Einreise verweigert, deren Zahlung nicht angenommen, der das Apartment nicht vermietet wird. Die politische Fiktion der Zweigeschlechtlichkeit muss also aufrechterhalten werden, um nicht aufgrund eines Scheiterns an ihr damit konfrontiert zu sein, »die Grenzen der sozialen Erkennbarkeit überschritten zu haben« und damit auch »aus der Sprache geworfen zu sein«.65 Unter geltendem Recht geht für trans* Personen die Dokumentation des eigenen Geschlechts zwangsläufig mit einer Pathologisierung einher.66 Da der Personenstand sowie der Vorname als Teil des Personenstands dem Staat gegenüber die persönliche und insbesondere familienrechtliche Stellung einer Person innerhalb einer binärgeschlechtlichen Rechtsordnung feststellt, behielt sich der Staat im Kontext des TSG einen strengen Maßnahmenkatalog vor, der im Sinne dieser Zweigeschlechtlichkeit zu erfüllen war, sollte eine Änderung an diesen Eintragungen vorgenommen werden wollen.67 In diesem Zusammenhang verbanden sich Recht und Medizin, denn der personenstandsrechtliche Geschlechtsbegriff wird nach wie vor als biologisch fundiert angesehen und es waren Mediziner_innen, genauer: Psychiater_innen/Psychotherapeut_innen, denen die Autorität der Beurteilung zugesprochen wurde. Der Wunsch, den Geschlechtseintrag ändern zu lassen, musste, als könnte er nach Kategorien von richtig oder falsch, echt oder unecht entschieden werden, mehrere schriftliche Beglaubigungen durch offizielle Stellen erfahren. Für eine Vornamens- und Personenstandsänderung bestellte in Deutschland das zuständige Amtsgericht in Anwendung des TSG zwei unabhängige Gutachten.68 Diese galten als notwendige Bedingung für die positive Entscheidung über einen entsprechenden Änderungsantrag. Die Gutachten wurden von Sachverständigen angefertigt, die, so die Formulierung, »auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrung mit den besonderen Problemen des Transsexualismus ausreichend vertraut sind«.69 Zudem war und ist eine mehrmonatige psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung Voraussetzung für die Indikation von Hormonen und/oder operativen Eingriffen.70 Im Rahmen dieser therapeutischen Begleitung mussten und müssen nicht selten sogenannte trans* Biografien verfasst werden, in denen der Lebenslauf entlang vermeintlich typischer Entwicklungserfahrungen entworfen wird, um die eigene trans* Identität als dauerhaften Zustand gleichsam belegen zu können. Dazu gehören auch Auskünfte über sehr intime Details wie das Erleben der Pubertät, sexuelle Erfahrungen, Fantasien und Wünsche wie auch die Aufforderung, sämtliche bisherigen romantischen Beziehungen, ihren Verlauf, Gründe ihrer Beendigung usw. darzustellen. Neben dem juristischen und therapeutischen Apparat schaltet sich auch das Versicherungssystem in die Dokumentationsprozesse ein. Wie oben bereits erwähnt, erstellen Sachverständige des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen sozialmedizinische Gutachten für die Kostenübernahme somatischer Behandlungsmaßnahmen durch die gesetzlichen Krankenkassen.71
Die offizielle Anerkennung von Trans*sein realisiert sich folglich allein über Unterlagen und Papiere, die als gerichtliche Dokumente oder medizinische Patient_innenakten angefertigt, gestempelt, unterschrieben, versendet, geprüft und verwaltet werden müssen, um vollumfänglich und eindeutig zu belegen, dass die betreffende Person die juristischen und medizinischen Kriterienkataloge erfüllt. Solange noch der ICD10 in Deutschland geltendes Recht war, hieß dies, sich als trans* Person der Diagnose Transsexualismus zu unterwerfen, um die gewünschten Maßnahmen in Anspruch nehmen zu können.72 Hierbei kamen Begriffe der Geschlechtsidentität bzw. des Geschlechtsempfindens zum Einsatz, die mit einem temporalen Kriterium verbunden sind, nämlich, dass die Person sich »nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet« und sich dieses Zugehörigkeitsempfinden als dauerhaft darstelle.73 Geschlechtsidentität sollte sich demnach als im binären System eindeutig und über eine gewisse zeitliche Dauer stabil, d.h. sowohl für die Vergangenheit als auch in eine Zukunftsprojektion hinein als gewiss ausweisen können.
Der Aspekt der zeitlichen Dauer bringt trans* Personen oftmals in einen expliziten Legitimationszwang, sind sie doch aufgefordert, die eigene, vorgeblich wahre Identität immer oder zumindest sehr lange schon gewusst, als echt empfunden und als Gegensatz zum bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht erfahren zu haben. Geschlechtliche Identität wird damit – für alle, aber für trans* Menschen eben in besonders prekärer Weise – unhinterfragt als vorgebliche Passgenauigkeit, also »›Kohärenz‹ und ›Kontinuität‹ der ›Person‹« konstruiert.74 Judith Butler sieht darin »gesellschaftlich instituierte und aufrechterhaltene Normen der Intelligibilität«,75 die ganz bestimmte, nämlich kontinuierliche und kohärente, sich gegenseitig bestätigende Beziehungen zwischen Geschlecht, sexueller Praxis und Begehren erfordern, um ein sozial verständliches (intelligibles) Leben leben zu können.76 Der Geschlechterdiskurs und seine Ausprägung in Verwaltungsakten verlangen entsprechend von trans* Personen in besonderer Weise die Berufung auf eine derart kontinuierliche und kohärente Kernidentität, um so eine trans* Subjektivierungsweise als Konflikt zwischen bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht und tatsächlicher Geschlechtszugehörigkeit glaubhaft machen zu können. Der im Trans*sein ausgedrückte und gelebte Anspruch auf (geschlechtliche) Selbstbestimmung wird somit diskursiv auf ein naturalisiertes Verständnis von Geschlecht zurückgeführt und beschränkt, das auf die Entstehung der modernen Wissenschaften im 18. Jahrhundert zurückgeht. Michel Foucault hat sich entsprechenden administrativen Regulierungen und dem, was er die Hervorbringung des Sex nennt, in seinen umfassenden Arbeiten zu Sexualität und Wahrheit, aber auch in der Herausgabe der Memoiren von Herculine Barbin gewidmet.77 Barbin war eine Person, die im 19. Jahrhundert in Frankreich lebte und deren geschlechtliches Erleben von Autoritäten in ihrer Umgebung als Herausforderung für die geschlechtliche Ordnung angesehen wurde:
Biologische Sexualtheorien, juristische Bestimmungen des Individuums und Formen administrativer Kontrolle haben seit dem 18. Jahrhundert in den modernen Staaten nach und nach dazu geführt, die Idee einer Vermischung der beiden Geschlechter in einem einzigen Körper abzulehnen und infolgedessen die freie Entscheidung der zweifelhaften Individuen zu beschränken. Fortan jedem ein Geschlecht, und nur ein einziges.78
Auch wenn Foucault in seinen Ausführungen keine trans* Erfahrungen berücksichtigt, gilt auch heute: Nur wer seine geschlechtliche Identität in Erfüllung juristischer Bestimmungen und unter administrativer Kontrolle als klar bestimmt und tiefgründig glaubhaft machen kann, wird offiziell, d.h. therapeutisch, juristisch und medizinisch anerkannt. Unter welchen Begrifflichkeiten eine solche offizielle Anerkennung erfolgt, unterliegt historischem Wandel, wird aber in der Regel nicht von den Subjekten selbst bestimmt.79 Die Akten, Protokolle, Gutachten und Test-Ergebnisse, die diese vorgebliche Gewissheit beglaubigen sollen, bringen selbige durch diese Ein- und Anforderungen allererst hervor. Auch wenn sich die Dokumente als unbeteiligte Aufzeichnungsmodi institutioneller Einrichtungen ausgeben, sind sie folglich elementar an der Herstellung dieses Wissens von Geschlecht beteiligt. Gleichzeitig erhalten sie selbst überhaupt erst den Status eines Dokuments, indem ihnen die Autorität verliehen wird, dieses Wissen festhalten und darüber Auskunft geben zu können.
Geschlechtliche Identität wird folglich durch die Vorschriften und Kanalisierungen seitens verschiedener Institutionen zu einem administrativen Akt. Im Rahmen der institutionalisierten Dokumentation treten Jurist_innen, Endokrinolog_innen, Therapeut_innen und Sachverständige als Gatekeeper auf, die den Zugang zu Ressourcen und damit die offizielle Anerkennung als trans* den Vorgaben medizinischer Diagnostiken und gesetzlicher Vorschriften entsprechend regulieren. Dieser Prozess ist nicht nur mühsam. Er greift in intimste Bereiche des Lebens ein. Zudem kostet er neben Geld – Gerichts- und Gutachtenkosten von mehreren tausend Euro werden den Antragstellenden nur in Härtefallen erstattet – auch Zeit: Wer für sich das Trans*sein realisiert hat und entsprechende Schritte einleiten möchte, dem wird viel Geduld abverlangt. Auf einen Therapieplatz muss man, je nach Wohnort oder Mobilität, einige Wochen oder Monate warten. Ohne Therapie gibt es aber kaum Aussicht auf Zugang zu hormonellen Behandlungen oder auf einen erfolgreichen juristischen Antrag auf Änderungen des Vornamens- und Personenstands.80 Der entsprechende gerichtliche Vorgang nimmt weitere Wochen Bearbeitungszeit in Anspruch, ebenso die jeweiligen Anträge bei den Krankenkassen.
Während dieser Monate haben viele damit zu kämpfen, dass das Trans*sein permanent durch andere infrage gestellt oder sogar komplett negiert wird. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Geschlechtsidentität immer wieder an eine Beglaubigung in Ausweisdokumenten zurückgebunden ist: Wie bewirbt man sich mit einem Zeugnis, auf dem der Geburtsname steht, wenn man schon längst unter einem anderen Namen lebt? Wie unterschreibt man einen Miet- oder Arbeitsvertrag, wenn aufgrund von altem Vornamen und Foto auf dem Personalausweis angezweifelt wird, dass es der eigene ist? Ein Leben mit dem gewählten Namen entsprechend dem geschlechtlichen Sein ist schließlich eine Voraussetzung für eine als gelungen betrachtete therapeutische Begleitung. Jedes Bewerbungsgespräch, jeder Kontakt mit der Hochschule – von der Immatrikulation über die Leistungsverwaltung bis zur Anwesenheitsüberprüfung in einzelnen Kursen – bedeutet in diesem Zustand der dokumentbasierten geschlechtlichen Unstimmigkeit (Inkongruenz), das eigene Trans*sein zwangsweise sichtbar machen und es schlimmstenfalls sogar rechtfertigen zu müssen. Bei der Post wird möglicherweise eine Sendung nicht ausgehändigt, weil das Erscheinungsbild und die Stimme durch eine bereits begonnene Hormonbehandlung eher männlich sind, der Personalausweis aber noch einen weiblichen Namen anzeigt und zudem das neben dem Namen befindlichen Passfoto keine signifikante Ähnlichkeit mehr mit der Person vor dem Schalter aufweist. Solche und ähnliche Situationen bei Grenzübertritten, in Krankenhäusern oder bei Flugreisen sind eine immense Belastung und bedeuten wenigstens Anstrengung, wenn nicht sogar das Risiko verbaler oder physischer Übergriffe.
Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) bietet die Möglichkeit an, einen dgti-Ergänzungsausweis zu beantragen.81 Dieser enthält neben einem Passfoto und der Ausweisnummer des amtlichen Personalausweises den selbstgewählten Namen und – auf Deutsch, Englisch und Französisch – die geschlechtliche Verortung sowie die in der Anrede der betreffenden Person zu verwendenden Pronomen. Die Angaben zu Geschlecht sowie Pronomen sind allerdings optional und können auch frei gelassen oder mit einem x oder / in der Angabe zum Geschlecht sowie mit dem Vornamen in der Kategorie Pronomen ersetzt werden. Dieses Angebot ist vergleichsweise niedrigschwellig, da es mit nur ca. 20 Euro im Vergleich zum mehrere tausend Euro teuren juristischen Verfahren günstig ist und, viel wichtiger, keiner weiteren Nachweise oder Auskünfte bedarf. Es muss lediglich ein Online-Formular mit den für den Ausweis selbst benötigten Angaben ausgefüllt werden. Diese Ausweismöglichkeit kann bereits eine große Erleichterung im Alltag darstellen. Allerdings verweist auch der dgti-Ausweis für die Rechtsgültigkeit zwangsläufig noch immer auf den amtlichen (und zumeist noch nicht geänderten) Ausweis. Und die Ausstellung dieses Ausweises dauert zwar nicht viele Monate oder Jahre, wie es beim amtlichen Ausweis und vorausgesetzten Therapien der Fall ist, dennoch ist mit einer Bearbeitungszeit von 6 bis 8 Wochen zu rechnen. Auch hier braucht es also eine gewisse Geduld.
Auf YouTube kann hingegen jede Person jederzeit mit einem Vlog als trans* Person sichtbar werden, sofern sie über die technischen Voraussetzungen – Digitalkamera oder Webcam, Breitband-Internetzugang, evtl. Videoschnittprogramm – sowie Kenntnisse im Umgang mit diesen Technologien verfügt. Die Plattform fordert weder eine Verifizierung des Geschlechts noch den Nachweis eines Unbehagens mit selbigem, um Teil der trans* Vlogger_innen-Community zu werden. Trans* ist, wer sich dort als trans* positioniert. Die entsprechende Markierung des Videos in dessen Titel, in der Videobeschreibung oder über die mit dem Video verknüpften Schlagwörter (tags), die vor allem für die Suchfunktion ausschlaggebend sind, genügt, um als trans* Vlogger gefunden und entsprechend adressiert zu werden. Zudem ist der Name, den ein neu erstellter Kanal oder ein Profil bei YouTube trägt, frei wählbar.82 Viele trans* Vlogger nutzen dafür den Namen, den sie auch als bürgerlichen bereits nutzen oder in Zukunft möglicherweise nutzen wollen. Die Sichtbarkeit und Anerkennung des eigenen geschlechtlichen Seins mit dem gewählten Namen kann mit YouTube also der staatlich institutionalisierten Anerkennung vorausgehen und erste positive Erfahrungen im Umgang mit diesem generieren.83 Auch kann die Verwendung eines anderen Namens als ein versuchsweiser Umgang mit dieser neuen Situation verstanden werden.
Nun ist gorillashrimp, der Name des eingangs vorgestellten Vloggers, kein bürgerlicher Name, aber er übt einen spielerischen Umgang mit Benennung, Identifizierung und Zuordnung ein: gorilla-shrimp. Die nominale Zusammensetzung der beiden Tierarten Gorilla und Garnele ruft das Feld der Biologie auf, das sich durch Zuordnung und Klassifizierung von Lebewesen charakterisiert und den evolutionären Entwicklungen entsprechend die Sortierung in Ordnungen, (Über- und Unter‑)Familien, Gattungen und Arten kennt. Der Gorilla als Menschenaffe und die Garnele als Sammelbegriff für zumeist nicht weiter spezifizierte Krebstierarten haben – zumindest für mich als Laiin – nicht viel miteinander gemein. Letztere leben im Wasser, tragen eine dünne Schale, sind nur wenige Zentimeter groß, lediglich einige Gramm schwer und eher am unteren Ende der maritimen Nahrungskette verortet. Der Gorilla hingegen ist als größter Primat eine stattliche Erscheinung, bis zu 200 Kilogramm schwer, stark behaart und sozial organisiert. Diese Tierarten in der eigenen Profilbezeichnung zumindest sprachlich miteinander zu verbinden, liest sich als souveräne Reaktion auf biologistisch argumentierte Anfeindungen gegen trans* Personen, wonach nur die Person ein Mann sei, die über XY-Chromosomen und einen Penis, auf jeden Fall aber weder über Vagina, noch Eierstöcke oder Gebärmutter verfüge. Auch kann es als ein humorvoller Umgang mit der noch immer gängigen Trans*-Erzählung gelten, in einem so genannt falschen Körper gefangen zu sein: Das dieser Trope zu Grunde liegende Empfinden des Unbehagens mit dem eigenen Körper, der Geschlechtsdysphorie, wie psychologische Diagnostiken sie für ein trans* Erleben voraussetzen, wird mit einem Augenzwinkern aufgenommen – man stelle sich einen großen, haarigen, muskulösen Gorilla im Körper einer winzigen, zarten, nicht-behaarten Garnele vor – und affirmativ umgedeutet.84 Neben den Videos selbst ergeben sich also auch durch die rahmenden Gestaltungsmöglichkeiten – Profilnamen, Videotitel, Tags und Videobeschreibungen – auf YouTube Möglichkeiten, das eigene körperliche trans* Erleben erfahrbar und artikulierbar zu machen. Dies ist eine Weise, sich den Diskurs über Trans*sein selbstbestimmt anzueignen.
Durch die pathologisierenden und paternalistischen Dokumentationsformen werden trans* Personen staatlicherseits permanent dazu angehalten, sich selbst zu erzählen und über diese Erzählung zu authentifizieren. Sie müssen sich als glaubhaft und eindeutig in einer klar umrissenen Identität ausweisen. Besonders deutlich wird dies an der sogenannten Trans*-Biografie, die in der Regel Teil der therapeutischen Begleitung ist. In dieser Biografie soll die betreffende Person die eigene trans* Geschlechtlichkeit schriftlich erzählen und dadurch beglaubigen, dass die gemäß medizinischer Klassifizierung geforderten Standards – eindeutiges Gefühl der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht sowie die Dauerhaftigkeit des Wunsches nach Geschlechtsangleichung – erfüllt werden.85 Die Selbsterzählungen, im falschen Körper gefangen zu sein oder schon als junges Mädchen lieber mit Autos bzw. als kleiner Junge gerne mit Puppen gespielt zu haben, sind gängige Narrative der trans* Identifizierung, ungeachtet dessen, ob dieses Empfindungen und Erlebnisse nun wahrhaftig sind – wie auch immer sich das beurteilen ließe – oder nicht. Selbst wer das erzählerische Reproduzieren einer Vorstellung von Geschlecht als stabil und eindeutig innerhalb eines exklusiv binären Geschlechtersystems kritisch betrachtet und/oder das Aufrufen geschlechtsspezifischer Stereotype für sich selbst als unstimmig ansieht, nimmt solche und ähnliche Erzählungen zumeist in Kauf.86 Sie stellen regelmäßig die einzige Möglichkeit dar, das Unbehagen mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht offiziell anerkennen zu lassen und damit Zugang zu medizinischen und juristischen Änderungsmaßnahmen zu erhalten.87 Aus der expliziten Notwendigkeit, diese Vorgaben zu erfüllen, ergibt sich die Zwangslage, ihre vermeintliche Richtigkeit und Angemessenheit zu bekräftigen. Wie der trans* Aktivist und Rechtswissenschaftler Dean Spade gemeinsam mit Sel Wahng herausstellt, verfestigt dies eben diese Bedingungen:
As we trans people have been forced to mold our personal narratives to match the conservative and gender-norm-producing institutional medical narratives about us in order to access the medical interventions we seek for our bodies, we have often been accused of constructing those medical narratives and propping up conservative notions of gender. As a community, we have been trapped in the bind that if we do not convince our doctors (often over the course of years of therapy) that we believe in normative binary gender and that we seek to pass as norm-abiding nontrans men and women, we are denied access to the technologies of body modification that we desire. At the same time, when these legitimizing narratives are propped up, trans people are widely accused of defending normative and oppressive constructions of gender.88
Viele trans* Personen sind während einer solchen Therapie entsprechend vorsichtig im Umgang mit den Informationen, die sie von sich preisgeben. Zweifel oder Unsicherheiten zu äußern, könnte dazu führen, dass die zweckmäßig angestrebte Diagnose nicht gestellt und das geschlechtliche Unbehagen stattdessen von Therapeut_innen auf andere psychopathologisierte Zustände zurückgeführt wird. Dies hätte den Effekt, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen nicht verordnet und damit entweder gar nicht zugänglich oder aufgrund fehlender Kostenübernahme durch Krankenkasse nur mit ausreichenden finanziellen Mitteln zu bekommen wären.89 Der therapeutische Kontext ist somit ein stark reglementierter und nicht, wie man meinen möchte, notwendigerweise einer, in dem die Person auf eigenen Wunsch Rat und Hilfe in komplexen und möglicherweise auch verunsichernden Momenten suchen könnte. Letztlich zählt, welches diagnostische Kürzel auf der Akte steht, damit das Trans*sein anerkannt und in gewünschte körperliche und bürokratische Maßnahmen übersetzt werden kann.
Die Vlogs können als Gegenentwurf zu der durch staatliche Institutionen, juristische Vorgaben und therapeutische Anforderungen organisierten Dokumentation des Selbst angesehen werden. Verschiedene Studien und Analysen verstehen die Vlogs auf YouTube als einen ermächtigenden Modus der Selbstdokumentation.90 Anstatt der zuvor genannten Gatekeeper treten mit der Praktik des Vloggens trans* Personen selbst als Expert_innen in den Diskurs ein. Sie erzählen die Transition nicht zwangsläufig nach Maßgabe eines durch beruflich professionalisierte Sachverständige ermittelten Katalogs, sondern entlang persönlicher Erfahrungen sowie alltäglicher (Selbst‑)Beobachtungen und Empfindungen.
Ein solcher Prozess der Aneignung von Deutungshoheit, der sich in Form von geschlechtlicher und/oder sexueller Selbstbestimmung in und durch Medien zeigt, beschränkt sich nicht spezifisch oder exklusiv in trans* Aktivismen. Für homosexuelle Kultur sind private Bilder von Medienamateur_innen als Selbstentwürfe beschrieben worden, die »sich pathologisierenden Fremdentwürfen von Homosexualität durch Institutionen der heteronormativen westeuropäischen Mehrheitsgesellschaft scharf entgegenstell[en]«.91 Mit solchen medialen Selbstentwürfen entgegen eines institutionalisiert hervorgebrachten Wissens geht eine politische Ermächtigung einher, insofern dieses Wissen herausgefordert und eine selbstbestimmte Sprechposition sowie die Anerkennung der eigenen Lebensweise eingefordert wird. In diese Beobachtung findet sich der feministische Anspruch, nach dem auch das Private politisch sei, eingetragen. Der Status des Amateur_innenhaften auf YouTube ist allerdings schon lange unscharf, da sowohl eine Amateur_innenästhetik als authentifizierendes Merkmal für Inhalte von Konzernen eingesetzt wird als auch in der trans* Vlogger-Szene eine ästhetische wie ökonomische Professionalisierung zu beobachten ist.92 Zudem könnte diskutiert werden, inwiefern Vlog-Beiträge, die auf öffentlich zugänglichen YouTube-Kanälen online sind und damit ohne eine Art von Zugriffsbeschränkung angeschaut, geteilt und kommentiert werden können, private Dokumente darstellen. In jedem Falle sind sie jedoch intime Dokumente, da ihre Themen und Settings als Selbstdokumentation in einem häuslichen Raum und aus diesem heraus präsentiert werden. Zugleich beanspruchen sie eine Form von Öffentlichkeit, wie sie Lauren Berlant und Michael Warner als bedeutsam für queere Kultur betonen.93 Hieraus entsteht eine Infragestellung der Trennung von öffentlich und privat bzw. intim, in der das Potenzial einer Politisierung liegt.94
In diesem Sinne begreift auch Laura Horak die Vlogs explizit als politische Instrumente: »Trans vlogs are also a form of political action, in that they allow trans youth to author their bodies and selves.«95 Das Selbst wird unabhängig von der professionalisierten Begutachtung nach eigenen Kriterien und damit freier erzählbar und selbstbestimmt(er) verfasst. Im selbstgewählten Medium können Zweifel und Unsicherheiten geäußert werden, ohne eine Sanktionierung in Form von nicht gewährten oder negativ beschiedenen Empfehlungsschreiben fürchten zu müssen. Außerdem ist der Körper während des Erzählens nicht unkontrolliert fremden Blicken und damit der Bewertung ausgesetzt, denn die Vlogger_innen können im Prozess der Videoaufnahme und deren späterer Bearbeitung eigenständig entscheiden, welche Körperpartien im Bild zu sehen sind und wie sie diese zeigen wollen. Über die entsprechende Auswahl des Bildausschnitts kann beispielsweise die als vergleichsweise breit und damit weiblich konnotierte Hüfte einfach ausgespart oder andere körperliche Rundungen in der Positionierung des Körpers zur Kamera kaschiert werden. So wird das Selbst nicht nur sprachlich hergestellt, sondern auch über filmische Mittel gestaltet. Tobias Raun unterstreicht den darin angelegten performativen Gestus des Vloggens: »The vlog […] allows the vlogger and the viewer to witness the process (the documenting effects) while also staging what should be witnessed and how it should be witnessed (the performative effects).«96
gorillashrimp geht in seinem Video zum 1-jährigen Jubiläum der Testosteronbehandlung die Liste der an sich selbst beobachteten Veränderungen durch. Hierbei vollzieht sich die von Raun benannte performative Wirkung. Schon allein die Zusammenstellung der Liste selbst dient als Anhaltspunkt für die performativen Effekte, insofern bereits durch die Auswahl der Merkmale selbige als bedeutsam für die geschlechtliche Identifizierung hergestellt werden. Die Auswahl bringt mit hervor, was bezeugt werden soll. Darüber hinaus kommentiert gorillashrimp bestimmte Merkmale verbal und gestisch. Er weist durch Zeigen auf die gerade im Fokus stehende Körperpartie, streicht über die Haare auf seinem Bauch oder Bein, führt sein Gesicht ganz nah an die Kamera, damit der Bartwuchs besser zu erkennen ist und fährt mit dem Finger an seinem Gesicht entlang, um ergänzend hervorzuheben, was dem Blick der Kamera möglicherweise entgeht: »I’ve got all these like random little hairs that you probably also can’t see in the video, but there’s a bunch of random hairs in there.«97 Er dirigiert den Blick der Zuschauer_innen über die Aufstellung der Kamera, der Positionierung seines Körpers zur Kamera und über Gesten auf die Körperpartien, die ihm für das eigene männliche Selbstbild besonders wichtig sind und bringt diese Partien in ihrer Bedeutung gleichsam im Zeigen und Positionieren erst hervor. Das auf diese Weise, im Zeigen und vor der Kamera durch Posen entworfene Bild seiner selbst und die entsprechenden geschlechtlichen Körperpraktiken, lösen Reaktionen auf Seiten der Zuschauer_innen aus. Deren zumeist anerkennenden Kommentare zu den Videos stellen quasi einen Alltagstest dar. Loben andere das Aussehen oder die Kleidung oder geben Tipps, wie eine ›männliche‹ Erscheinung noch zuverlässiger gelingen könnte, ermöglicht dies einen verstärkten Modus der Selbstkontrolle, oder wie Raun festhält: »[O]ne learns to master one’s appearance.«98
Die Vlogs werden damit, und das ist ein weiteres zentrales Ergebnis von Rauns Analysen, zu einem Medium der Transition, das in Kombination mit Testosteron und operativen Eingriffen von trans* Vloggern gezielt eingesetzt wird, um den eigenen Körper und insbesondere den Oberkörper zu formen:
[…] the massive preoccupation with the firm, muscular (upper) body in the videos convey willful, disciplined male self‐creation. The built body involves pain and bodily suffering; it is an achieved body, worked on, and planned – the literal triumph of mind over matter. The built body is not the body one is born with, it is the body made possible by the application of thought and planning, just like the medically modified trans body itself.99
Auch von gorillashrimp sieht man in seinem Video vor allem seinen Oberkörper, dessen männlich konnotierte V-Form er ebenso stolz vorführt wie die Muskeln in Schultern und Armen. In diesem Modus der Selbstrepräsentation und Selbstvergewisserung, so führt Raun weiter aus, erfüllen die Vlogs eine ähnliche Funktion wie die literarische Autobiografie.100 Das Selbst erzähle sich dabei zwar entsprechend der jeweiligen medialen und genretypischen Rahmungen und den durch sie vorgegebenen Regeln, entwirft sich innerhalb dieses Settings jedoch nach eigenen Vorstellungen und Idealen – und nicht, wie in der therapeutisch geforderten Biografie, nach Behandlungsmaßstäben des ICD-10.
Trans* Vlogs entfalten demnach ein erhebliches emanzipatorisches Potenzial: Sie ermöglichen die Herstellung von und den Eintritt in eine zunächst digitale, dann aber über den virtuellen Raum hinausreichende Community. Innerhalb der YouTube-Architektur erschaffen die Vlogger_innen eine Sichtbarkeit und zumindest nischenhafte Öffentlichkeit. In dieser Öffentlichkeit werden sie nicht pathologisiert, sondern durch positive Kommentare anderer User_innen, durch Likes und Verlinkungen von anderen trans* Vloggern bestärkt.
Den Vlogs selbst kommt in Rauns Untersuchungen eine Rolle als Werkzeug zu, dessen Einsatz eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen geschlechtlichen Sein sowie eine handlungsmächtige Positionierung im trans* Diskurs ermöglichen. Den Darstellungen folgend erlauben sie in dieser Funktion Gegenentwürfe zu den während des Prozesses der Transition erfahrenen institutionalisierten und pathologisierenden Dokumentationsformen via Gutachten, Akten, Protokollen und Bescheinigungen. Die Webcam, YouTube als sozial-mediale Plattform und das Testosteronpräparat werden in Rauns Studien zum trans* Vloggen als Mittel der Transition beschrieben, die zielgerichtet eingesetzt werden, um Veränderungen des Körpers aktiv herbeiführen und letztlich eine Geschlechtsangleichung erreichen zu können:
[…] the vlog is employed as a digital technology of the self among other transitioning technologies. Thus, representation and transformation is not something ›done‹ to the vloggers but is part of an active process of self-determination through the vlog as an important site for working on, was well as producing and exploring, the self.101
Im und am vergeschlechtlichten Körper laufen zahlreiche persönliche Ansprüche, gesellschaftliche Vorstellungen und kulturelle Bilder zusammen. Welche Bedeutung die Aneignung des eigenen Körpers sowie des Diskurses für die Herstellung ebenso wie die Beschreibung der trans* Vlogs als emanzipative Dokumentationsform hat, kann daher nicht überschätzt werden. Laut Raun steht bei den Vlogs die Sichtbarkeit und die Anerkennung von trans* als lebbarer Geschlechtlichkeit auf dem Spiel.
Ohne diese Funktion der Vlogs in Abrede stellen oder die bereits beschriebenen Effekte bagatellisieren zu wollen, werden die folgenden Analysen einen anderen Blick auf trans* Vlogs ermöglichen. Ich füge den bisherigen Betrachtungen eine weitere Perspektive hinzu, die sich der Rolle des Testosterons und der Frage der Zeitlichkeiten in den Vlogs widmet. Meiner Ansicht nach lassen sich die trans* Vlogs angesichts der Komplexität der sich in ihnen überlagernden Diskurse, Materialitäten und Techniken unter den bisherigen Zugriffen noch nicht in ihrer medialen Spezifik erfassen. So können Einsatz und Bedeutung der Vlogs bisher lediglich als identitäts- und repräsentationspolitische Strategien argumentiert werden. Zudem hat die spezifische Medialität der trans* Vlogs als digitalem Medium in ihren Eigenschaften, Funktionsweisen und Effekten wenig Aufmerksamkeit erfahren. Zwar bildet YouTube als prominenteste Vlogging-Plattform im bisherigen Diskurs einen Rahmen für die Untersuchung von Community-Bildung online wie offline und wird zum Kommunikationsmittel (inter)nationaler Vernetzung sowie zum Resonanzraum der individuellen performativen Selbstherstellung. Zudem kann dieser Prozess über den Austausch mit anderen trans* Personen einen Modus der D.I.Y. Selbst- oder Gruppentherapeutik erzeugen. Doch die spezifischen ästhetischen Eigenschaften der Videos und die Effekte der Infrastrukturen von YouTube bleiben unberücksichtigt. Darüber hinaus ist auch die Rolle des Testosterons in trans* Vlogs erst oberflächlich beschrieben worden. Anhaltspunkte für die Notwendigkeit einer Analyse, die sich genauer sowohl dem Hormon(präparat) wie auch der Medialität, insbesondere der Zeitlichkeiten der Vlogs widmet, liefern die Vlogs selbst. Denn deren Effekte und Funktionen erweisen sich als keineswegs so eindeutig und kontrollierbar, wie die bisherigen, auf Selbstrepräsentation und ‑ermächtigung fokussierten Beschreibungen vermuten lassen.
Das eingangs beschriebene Video von gorillashrimp erscheint in der Tat wie eine transitionelle Erfolgsgeschichte nach den von Raun und Horak entworfenen Parametern der geglückten Selbstherstellung: Der Vlogger ist sichtlich zufrieden mit den durch das Testosteron herbeigeführten Veränderungen seines Körpers und seiner Psyche. Er fühle sich unvergleichlich viel wohler in seiner Haut, sei zufriedener mit sich selbst und freue sich über seine zunehmend männlichere Erscheinung. Nach nur einem Jahr hat sich sein Körper mit der Verabreichung von Testosteron nicht nur so verändert, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern die Effekte sind an einigen Partien seines Körpers sogar deutlicher und stärker hervorgetreten, als er erwartet hatte. »I have an Adam’s apple, which I didn’t think was gonna happen but it did.«102 Der Einsatz des Hormonpräparats scheint seine Wirkung zielgenau zu entfalten und die Tatsache, dass einzelne Veränderungen die Erwartungen sogar übertreffen, liest sich als ein Beleg für die besondere Eignung dieses Körpers, männlicher erscheinen und in der Hinsicht optimiert werden zu können.
Gleichzeitig fallen aber beiläufige Kommentare des Vloggers auf, die sich in dieses Bild der erfolgreichen Selbstgestaltung nicht kongruent einfügen wollen. gorillashrimp beschreibt, wie die hormonelle Umstellung bei ihm Akne auslöst, mit der er im Gesicht, auf Brust und Rücken zu kämpfen hat. Ein erwartbarer, aber keineswegs gewünschter Effekt der Hormonbehandlung, von dem er nicht abschätzen kann, wie lange er sich damit noch wird auseinandersetzen müssen. Ähnliche Unbestimmtheit scheint auf, wenn er den Muskelzuwachs und die Veränderung seiner Statur in den Blick nimmt:
[…] things became more defined. So, that’s interesting. I didn’t expect that to happen. […] I didn’t expect for the leaning out to happen but that’s happened relatively recently, like the last month or so or two or so – sounds interesting.103
Er beobachtet seinen Körper interessiert und aufmerksam, kann aber nicht genau sagen, wann manche Veränderungen begonnen haben – oder ob sie bereits abgeschlossen sind. Bemerkenswert ist dabei die Verwendung der passivischen Form: Diese deutet an, dass allein dem auf nicht gänzlich nachvollziehbare Weise wirksamen Testosteron das Potenzial zugeschrieben wird, die spezifische Ausprägung der Muskeln verändern zu können. Diese Formulierung ist vor allem interessant, weil gorillashrimp im weiteren Verlauf des Videos in einem Nebensatz erwähnt, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio geht, er diese Tätigkeit aber in der Aufzählung der körperlichen Veränderungen nicht mit seinem Muskelaufbau in Verbindung bringt.104 Vielmehr bezeichnet er den Muskelaufbau als eine Veränderung, die er selbst ›interessant‹ findet. Ebenso wie den Haarwuchs an seinen Beinen, den er als nicht besonders ausgeprägt feststellt und dazu bemerkt: »[…] it’s been kind of like just creeping« – währenddessen führt er seine Hände über seinem Oberschenkel in Beschreibung des Haarwuchses zusammen und kommentiert: »it’s still not completely there, it’s still not. And I’ve got some weird bald spots on my legs, too. But, I think that’ll eventually fill in.«105 In der beschriebenen weirdness drückt sich eine irritierte Erwartung bezüglich der Wirkungen des Testosterons und dessen am Körper sichtbaren Resultate aus – inklusive der an einigen Stellen unerklärlicherweise ausbleibenden Effekte. Die Haare an den Beinen scheinen sogar eine Art Eigenleben zu führen, wenn sie sich – das englische creeping als kriechen oder ranken übersetzt – ausbreiten oder fortbewegen. In dieser Metaphorik scheinen sie wie eigenständige Organismen zu agieren oder jedenfalls nicht einem Protokoll gehorchend zu wachsen.
In der Unsicherheit darüber, was durch das Testosteron mit dem Körper geschieht oder auch nicht geschieht oder ob gewisse Effekte eintreten oder nicht, macht sich bemerkbar, dass die Formung des Körpers möglicherweise nicht so eindeutig und zielgerichtet funktioniert, wie die Narrativierung der Vlogs und ihre bisherige Diskursivierung es nahelegen. Vielmehr sind es nicht nachvollziehbare und mitunter sogar unheimliche Veränderungen des Körpers, die die Praktik des Vloggens prägen und die gleichzeitig auch mit dem Vloggen hervorgebracht werden. Creeping hair ist im Modus der Selbstdokumentation gleichzeitig auch creepy hair – merkwürdig und unheimlich.
Dabei sind die pharmazeutischen wie kulturell perpetuierten Versprechen des Testosterons klar benennbar – und in dieser Eindeutigkeit verheißungsvoll: Ein Bart wird wachsen, die Körperbehaarung zunehmen, Stimmbruch wird einsetzen, die Muskelmasse wird zunehmen und die Gesichts- und Körperformen werden sich verändern, wenn auch die Dosierung durchaus eine Rolle spielt. Hinzu kommen in den Vlogs geäußerte Erfahrungen, wonach Selbstbewusstsein, Tatendrang und Zufriedenheit mit der Injektion oder dem Auftragen von entsprechenden Präparaten gesteigert würden. Die biochemisch ausgelösten Reaktionen des Hormons im jeweiligen Körper können selbigen damit jedoch zuerst noch einmal in pubertäre Veränderungsprozesse mit all ihren unkalkulierbaren Nebeneffekten katapultieren. Dazu gehören eben auch Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Heißhunger, Müdigkeit, Unruhe und die bereits erwähnte Akne. Diese Phänomene werden in den Vlogs oft als zu ertragende Übel thematisiert: man gibt sich gegenseitig Tipps, damit umzugehen oder fragt nach Einschätzungen aufgrund der Erfahrungswerte anderer, ob die dementsprechend an sich beobachteten Veränderungen üblich oder Anzeichen für ungeeignete Dosierungen des Hormons sind. Hinzu kommt, dass mit den veränderten Hormonspiegeln (hormone levels) im Körper auch Prozesse in Gang gesetzt werden, die die meisten, wenn sie könnten, gerne unterbinden würden. So nimmt der Haarwuchs auch an Körperstellen wie den Schultern, dem Rücken oder dem Hintern zu, dafür droht auf dem Kopf unter Umständen teilweise oder umfänglich Haarausfall. Diese Effekte können weder vorausgesehen noch geplant oder aufgehalten werden.106
All diese Unsicherheiten angesichts unerwünschter oder nicht eintretender Veränderungen sorgen jedoch nicht dafür, dass gorillashrimp besorgt wäre oder seine Transition negativ betrachten würde. Ganz im Gegenteil: Mehrfach scheint gorillashrimp während der Aufnahme des Videos von den an sich selbst beobachteten Veränderungen freudig überwältigt. Immer wieder lacht er erfreut über die soeben geschilderten Eigenschaften seines Körpers, als hätte er sie just in diesem Moment zum ersten Mal entdeckt. Er grinst, wenn er verspielt die Haare auf seinem Bauch krault, flüstert beinahe zärtlich, wie sehr er die Ausprägung seiner Kieferpartie mag, während er mit dem Zeigefinger daran entlangfährt und als er über seinen Bart spricht, ruft er aus: »Facial hair, that’s exciting! I love my facial hair.«107 Als Moment größter freudiger Überwältigung fällt eine Szene gegen Ende des Videos auf, als gorillashrimp resümiert, wie die Transition ihn persönlich verändert hat: »I can just be myself and it’s amazing. I love that I can just be myself, so great. And I just… I’m really happy and it’s…«108 Hier bricht er ab, die nächsten Sekunden bekommt er nur ein Stottern und ein yeah über die Lippen, begleitet von einem kurzen Lachen und einer Verlegenheitsgeste – er kratzt sich am Kopf. Es ist die Vielzahl solch freudiger Ausbrüche in der digital hergestellten Selbstbeobachtung bei gorillashrimp, die es angebracht erscheinen lassen, die Praktik des trans* Vloggens auch als einen Moment der sozial-medialen Spiegelung zu betrachten.
Der Moment, in dem eine trans* Person das eigene Spiegelbild betrachtet, ist paradigmatischer Bestandteil konventioneller Erzählungen von oder über trans* Erfahrungen.109 Entsprechende Szenen finden sich dabei in literarischen Autobiografien ebenso wie in Spiel- oder Dokumentarfilmen.110 Für deren zumeist strengere lineare Narration bildet die Spiegelszene als Genre-Konvention eine Art narrativen Umschlagspunkt: Im Anblick des eigenen Spiegelbilds wird das Auseinanderfallen des gelebten Geschlechts mit der am vergeschlechtlichten Körper verankerten Geschlechtszuschreibung thematisiert, um zu einem chronologisch späteren Zeitpunkt – meist post-operativ und/oder nach Beginn einer Hormonbehandlung – über die erneute optische Spiegelung in literarisch oder filmisch erzählter Reflexion wieder zu einem kongruenten Selbst zusammengefügt zu werden.111 Diese Kongruenz wird dabei dem eigenen Handeln bzw. den selbst getroffenen Entscheidungen zugeschrieben: Die Entscheidung, den Namen zu ändern, sich operieren zu lassen, Hormone zu nehmen, Gesten zu erlernen, Kleidungsstile zu verändern.
Während die filmischen und literarischen Aufzeichnungen sich sowohl an konkreten Spiegelsituationen entfalten als sie auch in ihrer Nachträglichkeit eine Spiegelfunktion erfüllen, leistet der hochgeladene Vlog und bereits die Videoaufnahme selbst eine doppelte Spiegelung mit einer anderen Zeitlichkeit: Das von der digitalen Kamera aufgenommene Bild wird zeitgleich auf einem Bildschirm angezeigt, sodass die Vlogger_innen schon zum Zeitpunkt der Aufnahme überprüfen können, wie sie sich selbst dokumentieren und damit präsentieren. Gorillashrimp sucht auch unter Zuhilfenahme seines digitalen Spiegelbilds nach Merkmalen an seinem Körper, die er den Zuschauer_innen und nicht zuletzt sich selbst vorführen möchte: Er tastet den eigenen Oberarm mit seiner Hand und seinen Blicken ab, um einen Körperbereich zu finden, an dem er demonstrieren kann, wie viel aderiger sein Körper geworden ist, und kontrolliert dabei gleichzeitig, ob dieses (Selbst‑)Bild sich in der Videoaufnahme bzw. auf seinem Bildschirm wiederfindet.
Die Kamera übernimmt hier in doppelter Form eine Spiegelfunktion: Neben der Bildausgabe auf dem Bildschirm des Vloggers selbst sorgt die Kamera dafür, dass zu einem späteren Zeitpunkt ein Video hochgeladen und auf den Bildschirmen der Zuschauer_innen betrachtet werden kann. Über die Kameraaufnahme und die Plattformarchitektur von YouTube verlängert sich der Spiegel gleichsam ins soziale Medium hinein und fordert die anderen Betrachter_innen dazu auf, sich zu diesem Bild zu verhalten: Über die Kommentare geben sie Rückmeldungen zum gelungenen oder zu verbessernden passing, bewundern die bereits erreichten Veränderungen, sprechen Mut und Durchhaltevermögen zu oder bringen ihre Mitfreude zum Ausdruck. An diese Beobachtungen und die bereits beschriebenen Ermächtigungsstrategien anschließend fasst Raun, der sich ebenfalls mit der Spiegelfunktion befasst, die Funktion von Vlogs folgendermaßen zusammen:
The vlog as a medium becomes a multifaceted mirror, enabling self-creation and self-labeling, while also establishing contact and interaction with likeminded others who can encourage and support one’s (transitioned) self-recognition. YouTube as a platform becomes a site for identification, for trying out and assuming various identities and for seeing one’s own experiences and thoughts reflected in others.112
Raun bezieht den Moment der Spiegelung vor allem auf den in Lacanscher Psychoanalyse zentralen Prozess der Identifizierung. Jacques Lacan macht das Spiegelstadium als eine Entwicklungsstufe des menschlichen Kleinkinds im Alter von sechs bis achtzehn Monaten aus, in der es das gespiegelte Gegenüber als sich selbst wahrnimmt. In »jubilatorischer Aufnahme seines Spiegelbilds« erfährt sich das Kleinkind als unterschieden von anderen Objekten und dem mütterlichen Körper sowie gleichzeitig als einheitliches Ganzes.113 Entgegen der visuell wahrgenommenen Einheit des Körpers und dem souveränen Zugang zum Bild, besteht jedoch eine mangelnde Souveränität im Umgang mit dem eigenen Körper und eine grundlegende Abhängigkeit von anderen. Von daher verläuft die Ausbildung des Ichs über die Identifikation mit dem Spiegelbild laut Lacan entlang einer Verkennung der (noch und dauerhaft) fehlenden Integrität des Körpers und der Verfügungsgewalt über selbigen.
Auf diesen Moment der Verkennung geht Raun allerdings nicht ein, wenn er den Vlog als Medium bezeichnet, der es allererst ermöglicht, eigenmächtig ein ideales Spiegel-Ich zu entwerfen, um es schließlich verkörpern zu können: »[…] the mirroring vlog can be considered a medium through which one can master one’s identity, trying out and incorparating the ideal reflection of the ego.«114 Über die Auswahl des Bildausschnitts, der selbstgewählten Positionierung zum Aufnahmegerät und bewusst platzierter Beleuchtung haben die Vlogger_innen eine gewisse Kontrolle über das per Kamera auf den eigenen Bildschirm sowie per Upload und anschließendem Stream auf die Screens der anderen User_innen übertragene Bild. Sie können in einem gewissen Maß beeinflussen, dass sie zumindest in den Videos so gesehen werden, wie sie auch im Alltag gesehen werden wollen.
Unter den bereits beschriebenen Bedingungen von Pathologisierung und Fremdbestimmung ist es einerseits einleuchtend, trans* Vlogs als notwendige und mögliche Form visueller Selbstrepräsentation zu betrachten, die für persönliche wie kollektive Identifizierung bedeutsam ist, um »Transgeschlechtlichkeit als Subjektivtät« (transsexuality as subjectivity)115 beanspruchen zu können. Andererseits hat sich gezeigt, dass allein die Perspektive der Ermächtigung dem medialen Phänomen nicht umfassend gerecht werden kann. Raun erwähnt dies beiläufig, wenn er auf die Ambivalenz der Spiegelbilder verweist, die schließlich immer auch die Gefahr bergen, ein Bild zu zeigen, das mit der eigenen Empfindung nicht übereinstimmt, was eine »Dis-Identifikation« (disidentification)116 produziere. Selbst und Bild fallen auseinander, wenn die visuelle Spiegelung des Körpers geschlechtliche Zuordnungen aufruft, die als nicht passend erlebend werden. Das Spiegelbild geht folglich auch mit dem Risiko immenser Frustration oder gar Bedrohung einher. Aufgrund der körperlichen Erscheinung mit unpassenden Pronomen oder Anreden adressiert zu werden, ist eine schmerzhafte und deprimierende Erfahrung, die sich über den Blick in den Spiegel wiederholen kann. Trotz dieses Auseinanderfallens überführt Raun das Vloggen als eine »Abfolge von Spiegelstadien« (series of mirror stages)117 letztlich in die Entstehung einer befriedigenden Kohärenzerzählung:
As far as I perceive it, the vlogs seem to both expose and connect any contingent split of transsexual life. The split between a self before and a self after (medical) transition seems to be emphasized verbally as well as visually, manifesting the fact that change is happening and has happened. Yet the vlog also becomes a site for connecting the parts, creating a coherent narrative, and storing in one archive different looks and appearances.118
Rauns Schlussfolgerung legt nicht nur eine teleologische Zeitlichkeit der Vlogs zugrunde, vielmehr nimmt die von Lacan inspirierte Betrachtung auch eine Repathologisierung zumindest in Kauf: Die Vlogger werden schließlich in ihrer Tätigkeit des Vloggens tendenziell infantilisiert, sofern der Modus der Spiegelung als Faszination mit dem kleinkindlichen Spiegelstadium erklärt wird. So wäre es möglich, die trans* Vlogger als in ihrer spezifischen Entwicklung und Reife in ein gewisses Stadium zurückgeworfen zu verstehen, die damit nicht als mündige Subjekte anzuerkennen wären.119
Vor diesem Hintergrund schlage ich eine Untersuchung der Vlogs vor, die den Aspekt der Ungewissheit in der Spiegelung stärkt, statt ihn aufzulösen. Ich betrachte Spiegelung weniger unter dem Aspekt der Selbstrepräsentation und vor allem nicht als Moment des Auseinanderfallens von »Körperbild (vorgestelltes Selbst) und Bild des Körpers (reflektiertes Selbst)« (body image (projected self) and the image of the body (reflected self)),120 was dann zwangsläufig das Zusammenführen dieser beiden Bilder erfordern würde. Vielmehr fokussiert die von mir vorgeschlagene Perspektive die Brüche, Unsicherheiten und Zweifel, die im Modus der Selbstdokumentation per Vlog sowohl hervortreten als sie sich darin auch herstellen. Diese setze ich zum affirmativen Gestus der Vlogs in Beziehung, der nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Ungewissheiten von den Vloggern vollzogen werden kann.
Hierbei geht es mir darum, eine ganz bestimmte Vorstellung der Zeitlichkeit des Selbst, die sich in Rauns Interpretation findet, zu überwinden. Laut Raun seien die aufgenommenen Bewegtbilder gleichermaßen Ziel wie Ausdruck von Selbstverwirklichung in einem. Das transitionierende Selbst ist dabei sowohl bereits vor der Kamera existent, als es sich auch mit ihrer Hilfe auf eine nahe Zukunft hin noch (weiter) entwirft. Somit sei der Vlog neben geschlechtsangleichenden Operationen und Hormonbehandlungen ein weiteres Instrument, dessen sich die Vlogger bedienen können, um das eigene geschlechtliche Sein zu entwerfen und zu realisieren.121 Doch die so verstandene Selbstbestimmung setzt voraus, dass die Vlogger zum einen sehr genau wissen, wie sie sich – um in diesem technischen Vokabular zu bleiben – produzieren wollen, d.h. welche körperlichen Effekte die Ziele ihrer Anstrengungen bilden, und zum anderen, mit welchen Mitteln sie dies erreichen können. Die Transition wird zu einem scheinbar geradlinig verlaufenden Projekt nach kontrolliert veränderbaren Parametern. Führt man diese Beobachtung konsequent fort, sind allerdings nur die Vlogs politische Instrumente gelungener Selbstidentifikation, in denen sich über die Dauer des Vloggens das Paradox von trans* Erfahrungen vollzieht, die Person zu werden, die man immer schon gewesen ist bzw. sein soll.
Mit dieser Erwartung, in zielstrebiger Vorgehensweise eine kohärente, stabile Identität zu entwickeln, die sich auch körperlich eindeutig ausprägt, unterscheiden sich die Vlogs dann jedoch kaum von den bereits beschriebenen pathologisierenden Anforderungen und dokumentarischen Praktiken, mit denen die juristischen, medizinischen und therapeutischen Institutionen trans* Personen konfrontieren. Auch dort wird das Trans*sein erst anerkannt, wenn dieses sich in überzeugend dargelegter Gewissheit, biografischer Dauer und dem dringlichen Wunsch der körperlichen Veränderungen ausweist. Das Vloggen wäre damit eine Fortsetzung des staatlichen Dokumentationszwangs auf lediglich einer anderen Plattform und mit anderen Medien. Der Grad der relativen Freiheit in der Selbstrepräsentation wäre gegenüber den pathologisierenden Kriterienkatalogen von Gericht und Medizin nur geringfügig verändert. Ist das emanzipative Potenzial von trans* Vlogs folglich nur ein auf sie projizierter Wunsch? Wird auch dort lediglich die Regulierung von Geschlecht fortgesetzt, wie sie mit endokrinologischen Mittelwerten, normierenden Verhaltenstherapien und nach binärgeschlechtlicher Ordnung angelegten Dokumentationsmodi bereits vollzogen wird – von den geforderten Alltagspraktiken der binären Vergeschlechtlichung einmal ganz abgesehen? Die Vlogs selbst geben Anlass, unter anderen Vorzeichen als denen der Kohärenz, Sicherheit und Eindeutigkeit über ihre Bedeutung und Funktion in dem Dokumentationsprozess, den eine geschlechtliche Transition bedeutet, nachzudenken. Die Zeitlichkeiten der Vlogs sind deutlich komplexer, ungewisser und unbeständiger als die Realisation eines planbaren Projekts.
Dies wird am Video von gorillashrimp besonders deutlich, dessen Heiterkeit das gesamte Video von knapp 19 Minuten Länge prägt. Er lacht und ist vergnügt auch angesichts aller Umstände, mit denen er konfrontiert ist: der Akne, der seltsam ausbleibenden Behaarung an seinem Bein, der Überwältigung, der er sich angesichts der massiven Veränderungen in seinem Leben ergibt. Die Glücksmomente sind nicht allein an die nach Behandlungskatalog als erfolgreich zu beurteilenden körperlichen und emotionalen Veränderungen seit Beginn der Hormonbehandlung geknüpft, sondern erwachsen auch aus den unvorhergesehenen oder ungewissen Effekten. Seine Begeisterung zeugt davon, dass er nicht trotz, sondern auch mit diesen Unwägbarkeiten vergnügt ist. Hingegen bestünde in einem ärztlichen oder therapeutischen Setting die Gefahr, dass die Zufriedenheit der behandelten Person auch mit nicht-normativen Veränderungen oder einem Ausbleiben von Effekten als (Selbst‑)Zweifel am Trans*sein verstanden werden könnte. Doch gorillashrimp kann sich im Vlog auch angesichts des partiellen Scheiterns der Testosteronbehandlung oder deren Ungewissheit freuen, ohne dass diese Affirmation sein Trans*sein in Zweifel zieht.
Die Vlogs entfalten ein emanzipatives Potenzial gerade dort, wo die körperliche Entwicklung möglicherweise auch dem selbstentworfenen und gewünschten Idealbild widerspricht. Das Glück besteht darin, nicht allein die von den Präparaten und deren laut Packungsbeilage wahrscheinlichen Behandlungseffekte dokumentieren zu können, sondern auch das befreiende Moment zu erfahren, sich nicht nach diesen Maßstäben beweisen zu müssen. Bereitwillig teilt gorillashrimp die Erfahrung des teilweisen Scheiterns mit anderen. Sein wiederholtes Grinsen und Lachen unterbricht nicht nur seinen Redefluss und die Aufzählung der körperlichen Veränderungen, die er zur Vorbereitung der Videoaufnahme sorgfältig notiert hat. Es unterbricht auch die vermutete oder erwartete Erfolgsgeschichte seiner Transition. Dabei entsteht allerdings nicht der Effekt, dass sie als gesamter Prozess in ihrer Berechtigung, Ernsthaftigkeit oder Notwendigkeit fragwürdig würde. Im Gegenteil, die Vlogs ermöglichen es, dass auch die Unterbrechung, das Außerplanmäßige nicht als zu verhindernde Störung angesehen und zugunsten einer vermeintlichen (geschlechtlichen) Eindeutigkeit in einer gewissen Weise korrigiert werden müsste. Vielmehr kann gorillashrimp die Freude darüber teilen, sich in all diesen Umständen wohlzufühlen. Wie ich auch an weiteren Beispielen ausführen werde, entfalten Vlogs somit das Potenzial, andere Möglichkeiten von Trans*sein sicht- und damit lebbar zu machen. Wenn sich trans* Subjektivierungen somit nicht notwendig entlang diagnostischer Verfahren und therapeutischer Methoden vollziehen, werden mögliche Zukünfte offener und potenziell vielfältiger.
Dieses Potenzial hängt grundlegend mit der Medialität des Vloggens zusammen. Allerdings ist der Einsatz der Webcam oder Digitalkamera, des Smartphones, die Behandlung mit Testosteron, das Nutzen von YouTube und die Vernetzung auf dieser Plattform nicht deswegen den staatlichen Dokumentationsformen entgegengesetzt, weil sich hier ein souveränes Subjekt dieser Techniken bedient, um zielgerichtet und aktiv eine Selbstgestaltung vorzunehmen und diese in audiovisuelle Repräsentation zu überführen. Stattdessen entsteht eine emanzipative Form der Selbstdokumentation von Ungewissheit, Unkontrollierbarem, Unvollendetem und Nicht-Determiniertem. Denn nicht nur entzieht sich die algorithmische Funktionsweise der Videoplattform und damit die zeitliche Anordnung der Videos sowie ihre nachträgliche Auffindbarkeit – ich komme später darauf zurück – einer Kontrolle des Vloggers. Auch das Testosteron, dessen Einsatz, in Übereinstimmung mit den pharmazeutischen und kulturellen Versprechen von Durchsetzungs-, Willens- und Muskelkraft, nicht selten als die zentrale Technologie der Transition angepriesen wird, ist kein Garant für die erhofften und erwünschten körperlichen Veränderungen.
Der menschliche Organismus ist so komplex, dass die Auswirkungen einer Hormontherapie zwar in einem gewissen Spektrum erwartbar, niemals jedoch exakt vorhersagbar oder determiniert sind. Dies liegt unter anderem daran, dass das Hormonsystem auch mit dem Nerven- und nicht zuletzt mit dem Immunsystem verknüpft ist und gewisse Hormone beispielsweise auch als Informationsträger in neuronalen Prozessen mitwirken.122 Dennoch gibt es die Erwartung, mit Hormonen sehr gezielt Änderungen am Körper hervorbringen zu können. So schreibt auch der ICD-10 für die Behandlungspraxis von trans* Personen vor: Wer seinen Vornamen und/oder Personenstand ändern (lassen) möchte, muss den eigenen Körper mit »chirurgischer und hormoneller Behandlung […] dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich« angleichen wollen.123 Auch wenn die Formulierung des ›soweit wie möglich‹ eine Ungewissheit impliziert, dominiert doch die Annahme einer grundsätzlichen Veränderbarkeit von Geschlecht durch die Zuführung von Hormonen zu einem Körper.
An dieser Vorgabe zeichnet sich noch immer ab, was bereits in den Anfängen der Endokrinologie, der Lehre von den Hormonen, um 1900 die Motivation für zahlreiche Versuche mit inneren Sekretionen, Transplantationen von Keimdrüsen und später der Verabreichung von biologisch gewonnenen oder synthetisch hergestellten hormonellen Präparaten war: Hormone wurden und werden als Instrumente der Steuerung, Regulierung und Normalisierung begriffen. Sie sollen der (Wieder‑)Herstellung vermeintlich eindeutig männlicher oder weiblicher Körper dienen, deren Geschlecht und geschlechtliche Eindeutigkeit vor allem darüber definiert ist, dass sie entweder als weibliche in erster Linie reproduktionsfähig oder als cis-männliche vor allem leistungs- und zeugungsfähig, jugendlich und kraftvoll sein sollten.124 Dass die Produktion des Wissens um Hormone und ihre Wirkungen selbst eine Vielzahl an Experimenten und Versuchsanordnungen hervorgebracht hat, die sich – wie manche Misserfolge in ihrem heutigen Einsatz – ebenfalls als eine Geschichte des Scheiterns erzählen ließen, sei hier nur am Rande erwähnt.125 Mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewonnenen Erkenntnis, dass der menschliche Körper nicht allein durch die Übertragung elektrischer Impulse, sondern ebenfalls durch die Zirkulation von Drüsensekreten lebensfähig ist und diese Lebensfähigkeit darüber auch reguliert wird, schien der Traum realisierbar, die Körper und insbesondere die Geschlechter über Hinzufügung oder Entnahme dieser Flüssigkeiten präzise und gleichzeitig unendlich vielfältig verändern zu können: »The humoral body was always potentially malleable, offering unlimited possibilities for what one may call physiological engineering.«126 Abgesehen davon, dass diese Vielfalt sich zumindest nicht in der Anerkennung einer geschlechtlichen Vielfalt niedergeschlagen hat, sondern im Gegenteil eine Restabilisierung der binären Geschlechterordnung angestrebt wurde, hält sich außerdem das Versprechen eines physiologischen Ingenieurswesens, der Möglichkeit einer körperlichen Veränderung nach Plan.
Viele trans* Vlogger fiebern dem Start ihrer Hormonbehandlung aus nachvollziehbaren Gründen entgegen, um dann unmittelbar ab der ersten Dosis gespannt auf den Eintritt erster Veränderungen zu warten. Viele Vlogs, die in diesen ersten Monaten mit Testosteron entstehen, sind geprägt von ungeduldigen, bangen, an sich selbst wie auch die Zuschauer_innen adressierten Fragen und Hoffnungen, wann denn nun der Flaum auf der Oberlippe sichtbar und die Stimme hörbar tiefer wird. Das leichte Kratzen im Hals, das Jucken auf der Haut – jede noch so beiläufige körperliche Irritation wird als Zeichen einer beginnenden Wirkung des Testosterons gelesen. An diesen Erwartungshaltungen zeigt sich, wie mit dem jeweiligen Präparat ein Gelingensversprechen verbunden ist, in das wiederum Ideale von stereotyper, im Sinne von tatkräftiger, aktiver, gestaltender Männlichkeit eingeschrieben sind.
Andererseits machen diese Fragen, die mitschwingenden Unsicherheiten und Ungewissheiten und auch die offenbare Notwendigkeit, diese Videos zu erstellen und hochzuladen, deutlich, dass das Testosteron im gleichen Maße eben jene Logik des scheinbar selbstverständlichen Erfolgs infrage stellt. Testosteron ist kein Wundermittel. Sein Einsatz kann scheitern in dem Sinne, dass es keine oder nicht die erwarteten Effekte auslöst. Möglicherweise reagiert der Körper auch in einer Form auf die Verabreichung, dass die Behandlung aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen werden muss. Manche Körper können die Wirkstoffe der Präparate nicht in die körpereigenen biochemischen Prozesse integrieren. Und selbst dort, wo dies gelingt, produziert das Testosteron mitunter auch geschlechtliche Unsicherheiten, wenn die Körper sich in einer Weise verändern, dass sie optisch nicht (auf Anhieb) in einem binären Geschlechtersystem zu verorten sind. Dabei zeigt sich dieses Scheitern in den Vlogs nicht als Katastrophe, die den Prozess beenden oder zum Stillstand bringen oder zur trans* Lebensunfähigkeit führen würde. Stattdessen eröffnet die in den Vlogs mögliche Affirmation unerwarteter Ereignisse und überraschender Effekte ein Werden in mögliche trans* Zukünfte hinein.
Das emanzipative Potenzial von trans* Vlogs besteht folglich darin, auch das Nicht-Gelingen einer hormonellen Transition oder einen außerplanmäßigen Verlauf und vor allem die Zufriedenheit damit auf YouTube teilen zu können. Wobei deutlich zu sagen ist, dass die unsichere und verunsichernde Zukünftigkeit in besonderer Weise auch eine Vulnerabilität bedeutet. Uneindeutigkeit und Ambiguität sind an dieser Stelle nicht Selbstzweck, sondern als durchaus risikoreiche Effekte ernst zu nehmen, die sich der Kontrolle entziehen. Sie sind gefährdend, aber eben auch ermöglichend.
Die Potenziale der Vlogs entfalten sich nicht allein auf repräsentativer, sondern auch auf medialer Ebene einer neuen, anderen, weil ermächtigten trans* Sichtbarkeit in und durch die von trans* Vloggern erstellten Videos. Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet YouTube als Videosharing-Plattform gegenwärtig zu dem zentralen Aushandlungsort von trans* Erfahrungen und insbesondere dem Prozess der geschlechtlichen Transition mit Testosteron geworden ist. Diese Entwicklung ist zum einen mit der niedrigschwelligen Möglichkeit der Teilhabe und Mitgestaltung audiovisueller Repräsentation von trans* Personen zu begründen. Des Weiteren zeigt sich, dass die Rhythmen der digitalen Videoblogs auf YouTube in Verbindung mit der regelmäßigen Verabreichung von Testosteron aus einer medialen Anordnung heraus entstehen, die besondere Zeitlichkeiten eröffnet.
Zeit spielt für die Produktion, Gestaltung und Effekte von trans* Vlogs eine elementare Rolle. Grundsätzlich kann ein Prozess von Veränderungen nur über einen zeitlichen Verlauf wahrgenommen werden. Geschlechtliche Transitionen sind, sehr allgemein formuliert, genau das: Veränderungen. Veränderungen, die oftmals (auch) mittels Hormone herbeigeführt werden sollen. Die körperliche Wirkung von Testosteron entfaltet sich dabei nicht momenthaft, sondern nimmt Zeitspannen in Anspruch.
Wenn ich ›ftm transition‹ in die Suchleiste bei YouTube eingebe, kann die Plattform dazu angeblich »etwa 82.700 Ergebnisse«,127 also hochgeladene Videos, finden. Scrolle ich mich durch die ersten ca. 100 der mir als Suchergebnis präsentierten Videos, fällt auf, dass eine Vielzahl der Clips Titel tragen, die direkt auf die Dauer der bisherigen Hormonbehandlung Bezug nehmen.128 Die Zeitspannen variieren dabei stark und so finden sich Titel wie 5 Years on Testosterone, 10 MONTHS ON T, One year on testosterone oder auch testosterone day 1. All diesen Zeitangaben gemeinsam ist dabei, dass der Beginn der Verabreichung von Testosteron als Referenz und Fixpunkt eine individuell neue Zeitrechnung markiert. Das Testosteron wird damit zum »Ordnungsprinzip« (structuring principle)129 für die folgenden und teilweise sogar auch die vorangegangenen Videos, die mit Titel wie vor Testosteron oder pre-T entstehen. Letztere projizieren den genannten Fixpunkt bereits in eine erwartete oder erhoffte Zukunft ›auf Testosteron‹. Einige der Vlogger zelebrieren den Tag der ersten Hormondosis auch als neuen oder weiteren Geburtstag.130 Die jeweiligen Jahrestage dieses ersten Mals sind innerhalb der Videos jeweils Anlass zu einer Rekapitulation des bis dahin Erreichten, der eingetretenen Veränderungen, der erfüllten oder zerschlagenen Erwartungen und Hoffnungen sowie der weiteren persönlichen Ziele und Wünsche. Auch gorillashrimps Video entsteht zu einem solchen Jubiläum und er beginnt es mit den Worten: »It’s March 21st, 2015, and I’m officially one full year on testosterone – yes!«131
Wenn auch nur beiläufig erwähnt und nicht weiter ausgeführt, verweist die Feststellung, seit einem Jahr ›offiziell‹ Testosteron zu bekommen, auf den staatlich reglementierten Zugang zu diesem Hormon. Das entsprechende Hormonpräparat, oder besser: dessen Indikation wird lange herbeigesehnt, weil dieses nicht nur Teil der Behandlung ist, sondern darin die Anerkennung des Trans*seins liegt. Zeit bedeutet in diesen Phasen vor allem Warten, Geduld und Ausdauer. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass das Testosteron auch wie eine Art Trophäe inszeniert wird, eine Belohnung für das Durchstehen der vorangegangenen persönlichen wie institutionellen Hürden und Anforderungen. Entsprechend der Metapher des Weges oder der Reise, mit der die geschlechtliche Transition oft beschrieben wird, werden so auch die mit den Vlogs hervorgebrachten monatlichen oder jährlichen Zeitabschnitte, die bereits unter der Medikation von Testosteron erlebt wurden, als erreichte Meilensteine gesetzt. Nicht nur das erste, auch alle weiteren eingelösten Rezepte und die angewandten Behandlungen scheinen damit einen persönlichen Erfolg oder eine Errungenschaft zu markieren.132 Die Transition schreitet demnach nicht einfach voran; sie wird medial und hormonell moduliert. Dies möchte ich am Video eines anderen Vloggers verdeutlichen. Dessen Selbstdokumentation scheint auf den ersten Blick den selbstverständlichen Automatismus von Testosteronwirkungen auf den Körper zu illustrieren. Berücksichtigt man aber die Ästhetik des Videos, wird deutlich, wie es sich selbst in den Prozess der Transition einschreibt.
Jammidodger hat für seinen Kanal einige mehrminütige Videos erstellt, für die er in chronologischer Reihenfolge Fotos von sich montiert, die er vom Tag seiner ersten Testosterondosis an täglich von sich gemacht hat. Die Version mit dem Titel FTM Transgender: Photo a Day 5 Years on Testosterone setzt sich aus mehreren hundert Bildern zusammen, die – so rahmt es der schlichte Texteinschub zu Beginn des Videos – zwischen dem 25. Januar 2012 und dem 25. Januar 2017 aufgenommen wurden.133 Auffällig ist, dass Jammidodgers Pose vom ersten Foto an immer die gleiche ist: sein Gesicht ist mittig im Bild, er blickt mit unbeteiligtem bis freundlichem Gesichtsausdruck frontal in die Kamera, sein Körper ist bis zur Schulter im Bild und der linke Arm ist so ausgestreckt, dass in der linken Hand die Kamera vermutet werden kann. »I took a photo of my face every day for 5 years on Testosterone to show how it changed« ist als Beschreibung unter dem Video zu lesen. Diese Veränderungen können offenbar dann besonders gut – oder sogar nur dann? – gezeigt und an sich selbst wie von anderen beobachtet werden, wenn ein solch strenger formaler Rahmen beiläufige, d.h. nicht mit Effekten von Testosteron in Verbindung gebrachte Variationen wie Gesichtsausdrücke oder Körperhaltungen weitestgehend unterdrückt, sodass eine möglichst gute Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Fotos hergestellt werden kann. Die Art der visuellen Gestaltung beinhaltet eine nicht ausgesprochene Anleitung für die Betrachtenden, wie sie beobachten sollen und integriert diese in den dargestellten Zeitverlauf.
Über die in der Montage der Bilder prozessual und erst allmählich sich abzeichnenden Veränderungen der Gesichtszüge, der Haarlinie und nicht zuletzt des Bartwuchses erhalten die Fotos einen beglaubigenden Charakter: Die Fotos zeigen nicht verschiedene Personen, sondern die körperlichen Veränderungen einer einzigen. Der dabei eingesetzte ästhetische Modus des Zeitraffers, wie er in zahlreichen trans* Vlogs zu finden ist, erzeuge dabei, wie Laura Horak feststellt, den Eindruck einer strikt linearen und auf beinahe wundersame Weise aus sich selbst heraus stattfindenden Entwicklung hin zu einem ›Zielgeschlecht‹: »[T]rans Körper verwandeln sich wie von Zauberhand, unaufhaltsam zu ihrem gefühlten Geschlecht hingezogen.«134 Die Akribie, mit der Jammidodger sein Bildmaterial herstellt und montiert, ist außergewöhnlich, die Art der zeitraffenden Montage von Fotos, die bis in die eigene Kindheit und Jugend zurückreichen, allerdings ein gängiges Format auf trans* Vlogs. Horak zufolge entwerfen diese Videos eine spezifische Art von Zeitlichkeit, die sie Hormonzeit nennt und als »linear und teleologisch« beschreibt, »ausgerichtet auf das Ziel, umfassend im angestrebten Geschlecht zu leben«.135 Die bildliche Gestaltung der Videos entwerfe dabei eine stringente geschlechtliche Selbstverwirklichung.
Horak bekräftigt dabei wie Raun, auf dessen Studien sie sich bezieht, vor allem das auf Selbstrepräsentation abhebende emanzipative Potenzial von trans* Vlogs. Die Vlogger werden über die Produktion von Medieninhalten zu Subjekten einer Repräsentation.136 Mehr noch, die in diesen Zeitraffer-Videos eingenommene Haltung einer retrospektiven Erzählung der erfolgreichen Transition eröffnet anderen trans* Zuschauer_innen, die ihre Transition noch nicht oder gerade erst begonnen haben, die Möglichkeit einer Identifikation und darüber auch die Imagination einer eigenen Zukunft als trans*.137
Horak betont diese Bedeutung von Zukünftigkeit und argumentiert, dass sie sich nur unter Zurückweisung einer queeren Zeitlichkeit realisieren könne:
Hormone time itself is not queer. Rather, it appropriates the ›straight‹ temporality of progress for radical ends — proving that trans self-determination is not only possible but viable and even joyful. Unlike ›straight‹ time, the goal is not children or the future of the nation but expansive trans subjects and communities.138
Horak betont die straightness der mit den Videos produzierten Zeitlichkeit, um eine zukünftige Lebbarkeit von Trans*sein und das als Support funktionierende Netzwerk der digitalen trans* Community unterstreichen zu können. Dass die Vlogs bzw. deren Ausrichtung an der Hormonzeit, wie sie schreibt, nicht queer sind, stellt für Horak kein Problem dar. Vielmehr sind die Vlogs durch ihre straighte Zeitlichkeit sogar lebensrettend. Sie zeigen eine individuelle wie kollektive trans* Zukunft nicht nur als mögliche, sondern sogar als eine lustvolle und freudige Option auf, die sich tatsächlich realisieren lässt und nicht als utopische Zukünftigkeit verfasst ist.139
Die Vorstellung einer utopischen Zukünftigkeit einerseits und einer in naher Zukunft freudigen und lebbaren Realität andererseits führt Horak in expliziter Abgrenzung zu Theorien von queerer Zeitlichkeit und dabei explizit zu Positionen von José E. Muñoz und Lee Edelman aus. Beide Queertheoretiker entwerfen in den 2000er Jahren aufeinander bezogene, in zentralen Punkten aber gegensätzliche Konzepte von Zeitlichkeit aus queerer Perspektive.
Lee Edelman weist in seiner Polemik No Future: Queer Theory and the Death Drive eine Ausrichtung queerer Politiken an einer Hoffnung auf Zukunft zurück. Zukunft, selbst eine utopische, könne strukturell niemals einen Platz für Queers bereithalten, da diese Zeitlichkeit stets vom symbolischen KIND als Versprechen (heteronormativer) Reproduktion gespeist sei. In diesem Sinne streiche eine Ausrichtung auf »reproduktive Zukünftigkeit« (reproductive futurism) Queerness als dessen ›negative‹ Form per se aus.140 Anders herum formuliert, könne es keine queere Politik geben, da Queerness nicht für Zukunft stehen könne:
We might like to believe that with patience, with work, with generous contributions to lobbying groups or generous participation in activist groups or generous doses of legal savvy and electoral sophistication, the future will hold a place for us – a place at the political table that won't have to come at the cost of the places we seek in the bed or the bar or the baths. But there are no queers in that future as there can be no future for queers, chosen as they are to bear the bad tidings that there can be no future at all […].141
Entsprechend schlussfolgert Edelman: Statt um bürgerlich-liberale Anerkennung zu kämpfen, die letztlich die Einpassung allen queeren Begehrens in heteronormative Verhältnisse und reproduktive Zukünftigkeit erfordere, was queere Lebensrealität verunmögliche, sollten queere Personen ihre marginalisierte gesellschaftliche Position in Ausübung einer radikalen Negativität affirmieren.142 Edelman formuliert damit eine Absage an schwul-lesbische Bürgerlichkeit, an Anerkennung durch staatliche oder juristische Institutionen und an Familien- wie Lebensentwürfe, die an die Realisierung zwanghafter heteronormativer Idealvorstellungen von monogamem Begehren, reproduktivem Sex und stabiler wie eindeutiger Geschlechtlichkeit und Sexualität gebunden sind. Politik sei nur in der Hegemonie dieser Parameter denkbar und damit für Queers weder erstrebenswert noch zugänglich.
Diese sogenannte »antisoziale These« (anti-social thesis)143 hat wiederum Muñoz bei aller Anerkennung für die scharfe Kritik an einer Vereinnahmung von Queerness in Assimilationspolitiken explizit kritisiert. Sein zentrales Argument ist, dass nur wer über eine konkrete Zukunft grundsätzlich verfüge, Zukünftigkeit so vehement ablehnen und ausschlagen könne. Die Möglichkeiten der Zukünftigkeit zugunsten einer radikalen Negativität ausschlagen, könnten nur jene, denen ein Überleben in und für eine gewisse Zukunft überhaupt in Aussicht steht. Für Schwarze Queers, Queers of Color, illegalisierte, finanziell prekär lebende und/oder trans* Personen ist das eigene Überleben strukturell vulnerabler, Zukunft damit ungewisser oder gar unverfügbar und Zukünftigkeit keine leere Utopie, sondern eine ermächtigende Imagination.
Muñoz sieht die Notwendigkeit, über die Umdeutung und ermächtigende Neu-Erzählung von Vergangenheit sowie durch kulturelle Erzeugnisse und Praktiken eine utopische queere Zukunft zu entwerfen. Dass diese nie erreichbar sei, sondern als leuchtender Schein am Horizont verbleibe, stellt für Muñoz kein Problem dar.144 In Gedichten, Bühnenstücken und Kunstwerken kündige sie sich als ein Surplus an, »etwas, das noch nicht ganz da ist« (something that is not quite here),145aber eine queere Relationalität und Hoffnung auf Zukunft ermöglicht. Für Muñoz liegt im Konzept der Utopie ein Ausweg aus der Sackgasse, in das die gegenwärtige bürgerrechtlich ambitionierte Schwulen- und Lesbenbewegung sich mit der Anpassung an heteronormative Gesellschaftsideale manövriert habe, indem sie sich allein auf realpolitische Ziele wie die Möglichkeit zur Eheschließung und das Erstreiten von Adoptionsrechte konzentriere und damit heteronormative Machtverhältnisse reproduziere: »My investment in utopia and hope is my response to queer thinking that embraces a politics of the here and now that is underlined by what I consider to be today’s hamstrung pragmatic gay agenda.«146 Während der Kampf um Anerkennung von und durch bürgerliche Institutionen vor allem die Ausschlüsse wiederhole oder bestenfalls verschiebe, die ihnen konstitutiv zugrunde liegen, fordert Muñoz eine Berücksichtigung auch der Belange von nicht-weißen Schwulen, Lesben und Queers. Dies sei nur zu erreichen, wenn sich emanzipatorische Bestrebungen von der Fixierung auf kurzfristige Errungenschaften des Hier und Jetzt lösten und stattdessen »zugunsten einer neuen Zukünftigkeit« (in the service of a new futurity) agierten.147
Horak wiederum verwirft in ihren Analysen von trans* Vlogs sowohl Edelmans als auch Muñoz’ Perspektiven. Sie seien keine adäquate Beschreibung der identitätsstiftenden Funktion, die Trans*sein Zukunft und Lebensperspektive verleihe, sondern versage dies als unerreichbares Ziel, das am stets fernen Horizont verbleibe.148 Trans* Vlogger würden mit und in ihren Videos jedoch gerade zeigen, dass das Ziel, im passenden Geschlecht leben und damit zu einem Ende der Transition zu kommen, durchaus erreichbar und ein auch positiv erlebbarer Prozess sei. Die konventionelle Rahmung dieser Videos mit ihren stets ähnlichen visuellen Settings und narrativen Elementen, die Horak in ihrer Konventionalität zwar als ›not queer enough‹ identifiziert, seien angesichts der ermächtigenden Bedeutung zu vernachlässigen.
Unbestritten haben die Update-Videos immense Bedeutung für Community-Bildung und sind auf Grund ihrer Empowerment-Funktion einer der Gründe für die zunehmend selbstbestimmte Sichtbarkeit von trans* Personen, die oft erst dank der Vlogs die Möglichkeit erfahren, das Erleben der eigenen Geschlechtlichkeit mit dem Begriff trans fassen und positiv besetzen zu können. Meine Einwände gegen Horaks und Rauns Analysen sollen somit weder die Bedeutung medialer Selbstrepräsentation infrage stellen noch den Vlogs konventionelle Gestaltung vorwerfen. Ich stimme Horak zu: »[C]riticizing hormone time for not being ›queer‹ enough misses the life-saving work that these vlogs do.«149 Dennoch erscheint es mir wichtig, genauer zu erklären, warum diese Vlogs trotz ihrer ästhetischen Konventionalität queer sind und es möglich ist, eine queertheoretische Perspektive auf trans* Vlogs einzunehmen. Mir geht es darum, unter der besonderen Berücksichtigung von Zeitlichkeit eine Analyse dieser Videos zu leisten, die eine bisher noch nicht beachtete emanzipatorische Dynamik in der Praktik des Vloggens zu beschreiben vermag. Gerade die für viele trans* Personen derzeit so ambivalent wirksamen normierenden Prozesse der staatlichen, medizinischen, juristischen und medizinisch-therapeutischen Institutionen, die geschlechtliche Transition überhaupt ermöglichen, dabei aber gleichzeitig auch deren Voraussetzungen und Verlauf massiv beschränken, lassen sich damit genauer in den Blick nehmen. Der Prozess der institutionellen Anerkennung wie auch der der Hormonbehandlung mit Testosteron sind zeitlich strukturierte Prozesse, sofern sie Veränderungen dokumentieren und dafür vor allem Geduld erfordern: beim Warten auf Ergebnisse von Untersuchungen, auf juristische Bescheide, ärztliche Termine, therapeutische Sitzungen, Erklärungen, Gutachten, Rezepte und Anhörungen. Abgesehen davon sind es aber insbesondere die Vlogs selbst, die in Verschränkung mit dem Testosteron sehr wohl Zeitlichkeiten und Ästhetiken entwickeln, deren Eigenheiten und Potenziale im Zusammenhang dieser vielfältigen Dokumentationsformen am besten mit einer queertheoretischen Perspektive zu fassen sind.
Viele trans* Personen vergleichen die eigenen körperlichen Veränderungen mit Erfahrungen anderer und beschreiben das Ausbleiben von hormonellen Effekten mit dem zeitlichen Vorzeichen eines ›jetzt erst‹ oder ›noch nicht‹. Deren ›noch nicht‹ unterscheidet sich jedoch von der von Muñoz im stetigen Aufschub entworfenen queeren Zukünftigkeit eines ›noch nicht‹ – und knüpft doch an diese an. Muñoz ›noch nicht‹ ist als utopischer Entwurf permanent an einen unerreichbaren Horizont verschoben; in den Transitions-Vlogs ist genau dieser anhaltende Aufschub suspendiert. Dennoch bleibt der Status des Wünschens und Begehrens als (nicht erreichbare) Utopie oder doch bald eintretender Veränderung unklar. Diese Ungewissheit lässt sich nicht allein als Pause oder kurze Unterbrechung eines ansonsten dennoch linear verlaufenden Prozesses beschreiben. Vielmehr verändern sich aufgrund dieser Konfiguration des Ungewissen die zeitlichen Parameter selbst, in denen und mit denen die Vlogs und das Testosteron (nicht) wirken und (nicht) funktionieren.
Vor diesem Hintergrund erweisen sich die als selbstverständlich ausgegebenen Effekte der hormonellen Transition und deren deutliche Erfahrbarkeit am entsprechenden Körper als teleologisches Narrativ, das eine lineare Zeitlichkeit selbst entwirft und projiziert statt ihr lediglich zu folgen. Damit blendet es aber gleichzeitig die mit dem Testosteron verbundenen Unsicherheit und Unabwägbarkeiten aus und wird somit der alltäglichen Erfahrung einer Behandlung nach dem oftmals notwendigen Trial-and-Error-Prinzip (Wie wirkt diese Dosierung auf meinen Körper? Ist jenes Präparat für mich verträglich? Warum bemerke ich (noch) keine Veränderungen?) nicht gerecht. Testosteron ist nicht ausschließlich, aber besonders im Kontext von trans* Diskursen mehr als nur ein biochemischer Bestandteil des Körpers. Testosteron, das sind auch Bilder, Ideale, Vorstellungen, Ängste, Geschlechterverhältnisse und -stereotype, es verspricht Kontrolle, Leistungsfähigkeit, Jugendlichkeit.
Es sind genau diese zeitlichen, materiellen, diskursiven und affektiven Überschüsse, die für ein Verständnis von trans* Vlogs zentral sind und sich mit queertheoretischen Zeitlichkeitskonzepten beschreiben lassen. Die am Beispiel von gorillashrimps Freude beschriebene Zufriedenheit nicht trotz des Zweifels, sondern mit dem Wohlfühlen in diesem vermeintlichen Scheitern lässt sich so nachvollziehen. Wenn ich bei diesen Beobachtungen die affektive Dimension dieser Glücksmomente sowie die Freude an Performance und Ausprobieren miteinbeziehe, weisen diese Zusammenhänge über die Bedeutung der trans* Vlogs »als mediatisierte affektive Ausdrücke von Offenlegung, Coming-out und Bezeugung« hinaus.150 Sie sind anderes als bloß digital medialisierter Ausdruck einer bereits bestehenden Empfindung. Vielmehr ermöglichen die Vlogs die Entstehung neuer Äußerungsformen und damit eines Wissens, das nicht oder weniger pathologisch, medizinisch oder juristisch diskursiviert ist und damit eine Offenheit für unterschiedliche Lebensrealitäten herstellt.151 Jack Halberstam erkennt die Entstehung und den Wert eines solchen »Wissens von unten« (knowledge from below)152 als Effekt eines Scheiterns an, das sich auch in trans* Vlogs wahrnehmen lässt. Ein Scheitern, welches nicht verzweifelte oder hoffnungslose Kapitulation bedeutet, sondern ein Unterlaufen der Hoheit institutionalisierten Wissens und disziplinärer Grenzen – eine »queere Kunst des Scheiterns« (queer art of failure),153 die in den Vlogs ästhetische und emanzipatorische Effekte entfaltet.
Das bereits erwähnte Video von Jammidodger, bestehend aus chronologisch montierten Selbstporträts, eröffnet eine spezifische Form von Zeitlichkeit, die in diesem Zusammenhang als queer zu beschreiben ist. Die gängigen Annahmen zu den körperlichen Effekten, die eine Verabreichung von Testosteron auslösen, beziehen sich zumeist auf folgende Aspekte: Deine Stimme wird tiefer, dir wachsen mehr und schneller Muskeln sowie ein Bart und intensivere Körperbehaarung. So weit, so vermeintlich stringent und linear. Genau diese Entwicklung ist es, die die Zuschauer_innen im Video FTM Transgender: Photo a Day 5 Years on Testosterone von Jammidodger scheinbar präsentiert bekommen.154 Doch was bedeutet es, dass das Testosteron im Titel des Videos als Marker für die Veränderungen gesetzt wird, selbst aber in den Bildern nicht auftaucht? Denkbar wären Fotos von dem Präparat oder dem Vorgang der Injektion oder des Auftragens. Stattdessen scheint sich in den vielen hundert Einzelbildern, in denen lediglich Jammidodgers Gesicht zu sehen ist, selbiges wie von Zauberhand in teleologischer Linearität in Richtung Vermännlichung des Aussehens zu verändern. Auffällig ist dabei, dass er akribisch stets die gleiche Pose einzunehmen versucht. Der Prozess der Veränderung kommt vor allem über die Stillstellung der Pose zur Dokumentation. Die Erfahrung der Transition dokumentiert sich in Momentaufnahmen des Gesichts, während der sich wandelnde räumliche Hintergrund darauf verweist, dass diese Veränderungen nicht losgelöst von Umgebungen stattfinden und auch emotionale, soziale Verschiebungen bedeuten, die sich einer Kontrolle ebenso entziehen. Diese Dimensionen sind jedoch nicht explizit in den Bildern aufgenommen. Jeden Tag nimmt Jammidodger ein weiteres Foto auf, immer in der gleichen Pose, mit dem gleichen unbeteiligten Gesichtsausdruck und ohne Hinweise darauf, ob er an sich selbst mit diesem Foto körperliche Entwicklungen feststellt, die er dem Testosteron zurechnen würde.
Auch die fotografischen Aufnahmen selbst suggerieren in der Anordnung als Video zwar eine lineare Zeitlichkeit. In der Wiederholung der Pose zwischen Stasis und Veränderung wirft es aber gerade die Frage danach auf, was genau sich im einzelnen Bild, am Körper eigentlich jeweils verändert und was gleichbleibt. So verbindet es sich mit der paradoxen Anrufung an trans* Menschen, die Person werden zu wollen, die man immer schon war. In diesem Modus der zeitraffenden Montage von Einzelbildern entsteht somit ein Potenzial queerer Zeitlichkeit, insofern die Aufmerksamkeit nicht darauf liegt, eine bestimmte Körperlichkeit – es wächst Bart oder ist Bart gewachsen – festzustellen oder zu bestätigen. Stattdessen erzeugt das Video im Zeitraffermodus Uneindeutigkeiten: Wann, mit welchem Bild fängt der Prozess der körperlichen Transition an? Hat sich das Gesicht schon verändert oder war es nur ein Schatten?
Dieser Eindruck von Uneindeutigkeiten des Transitionsprozesses verstärkt sich noch, wenn neben dem in den Fotografien abgebildeten Körper auch der Rest des Bildes mit in Betracht gezogen wird. Jammidodger fotografiert sich stets in offenbar privaten Räumen, positioniert sich nicht vor einer Leinwand und retuschiert den Hintergrund auch nicht zu einer neutralen oder einheitlichen Fläche. Trotz der hohen Geschwindigkeit, mit der die einzelnen Bilder jeweils nur für Sekundenbruchteile angezeigt werden, fällt auf, dass sich die Räumlichkeiten verändern, nachdem die Bilder der ersten 50 Sekunden scheinbar alle im gleichen Raum und unter einem ähnlichen Winkel aufgenommen wurden. Danach verändert sich der Hintergrund und nach einer weiteren Serie von Bildern, die an einem zweiten Ort, aber schon unter verschiedenen Aufnahmewinkeln gemacht wurden, verändert der Vlogger die Orte der Aufnahmen oder zumindest seine Positionierung in den Räumen stark und in hoher Frequenz. Dabei sind jedoch immer wieder auch die gleichen Räume zu erkennen – Jammidodger scheint also nicht umgezogen und deswegen einen festgelegten neuen Raum für seine täglichen Aufnahmen gewählt zu haben. Während ein Umzug einer linearen Bewegung von einem Ort zum anderen entsprochen hätte, findet sich sein Körper wiederkehrend in den gleichen Räumen ein und scheint sich, aufgrund der optischen Illusion der in so schneller Abfolge gezeigten Bilder, sogar wie in Stop-Motion-Animation durch diese Räume zu bewegen. Dabei kehrt er jedoch stets an gewisse Orte zurück statt von einem zum anderen fortzuschreiten. Die Bewegungen des Körpers durch die Räume und ihre Positionen in ihnen vollziehen sich nicht linear von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel, sondern in Schleifen, Wiederholungen und Sprüngen. Im Anschluss daran lässt sich auch in Bezug auf die körperlichen Veränderungen und ihre Dokumentation in den Videos fragen, wo eigentlich das Ziel einer Transition liegen und wie es sich definieren könnte.
Diese Frage drängt sich umso mehr in den Vlogs auf, die eine nicht-stringente Verabreichung von Testosteron zum Thema haben. Denn – und diesen Aspekt explizieren die bisherigen Studien zu trans* Vlogs nicht – die planmäßige Behandlung von trans* Personen mit Testosteron sollte periodisch stattfinden und unterliegt je nach Präparat und Dosierung täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Rhythmen des Auftragens oder der Injektion. Dieser Wille zu Regelmäßigkeit wird von Seiten der an einer Bewilligung beteiligten Institutionen pauschal angenommen, sogar erwartet und auch in den bisher vorliegenden Studien der trans* Vlogs unkommentiert vorausgesetzt. Die (implizite) Erwartung einer Kontinuität von Hormongaben im Verlauf einer geschlechtlichen Transition reproduziert dabei die Logik des heteronormativen Geschlechtersystems, wonach Geschlecht binär und in dieser Binarität zeitlich stabil sei. Einmal Testosteron verschrieben bekommen zu wollen, bedeutet diesem Geschlechterverständnis nach, dem Körper zukünftig immer Testosteron zuführen zu wollen. Damit wäre – nach einer Übergangsphase, der zweiten Pubertät – eine möglichst eindeutige und stabile binäre Vergeschlechtlichung wahrscheinlich.
Wenngleich die Dauerhaftigkeit erwartet und vielleicht die Regel ist, gibt es doch verschiedene Gründe oder Anlässe, die Behandlung mit Testosteron zu unterbrechen und dann möglicherweise 3 years on/off/on/off/on T zu sein, wie freshlycharles in seinem Video mit eben diesem Titel dokumentiert. 155 Diese Gründe reichen von finanziellen Engpässen – je nach jeweiligem nationalen Versicherungssystem müssen die Kosten (zumindest teilweise) selbst getragen werden –, von denen Ashton Colby beispielsweise berichtet, über die Beeinträchtigung des psychischen oder physischen Zustands wie Leo Mateus sie erfährt, bis hin zur bewussten Entscheidung, dem Körper keine zusätzlichen Hormone mehr zuführen zu wollen.156 Einige Vlogger legen, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, mehrere solcher Testosteron-Pausen ein, für andere ist das eine – zum Zeitpunkt der jeweiligen Dokumentation im Vlog – einmalige Unterbrechung, wieder andere stellen die Medikation komplett ein und manche begreifen diesen Prozess für sich als Detransition.157 Zudem legen es nicht alle trans* Vlogger_innen, die Testosteron nehmen, darauf an, möglichst schnelle körperliche Veränderungen zu erleben, um möglichst eindeutig und zuverlässig als Mann adressiert zu werden – auch dies ein Aspekt, der in bisherigen Analysen der Vlogs nicht berücksichtigt worden ist. Viele äußern in den Vlogs auch ein Unbehagen, das sie angesichts einer männliche(re)n Erscheinung empfinden oder sie hadern mit einer binär eindeutigen geschlechtlichen Selbstzuschreibung, weil sie sich als nicht-binär (non-binary) verstehen. Manche dokumentieren im Verlauf des Vloggens auch eine Veränderung ihres Geschlechts. Einige experimentieren vor diesem Hintergrund sehr bewusst und spielerisch mit den Dosierungen ihrer Präparate, mit der Absicht oder zumindest in der Hoffnung, physische Veränderungen verlangsamen oder unerwünschte Effekte sogar ganz umgehen zu können.158 Andere Vlogger_innen beginnen die Behandlung mit der konkreten Vorstellung, Testosteron nur über die Dauer einer begrenzten Zeit, z.B. eines Jahres, zu nehmen oder beginnen die Hormonbehandlung mit einer Ungewissheit darüber, wie lange diese dauern soll – was bemerkenswert ist, da die lineare Projektion einer gleichmäßig verlaufenden und sich in einem ›Zielgeschlecht‹ stabilisierenden Transition eine lebenslange Hormonbehandlung vorsieht.159
Die von Horak vorgeschlagene Lesart dieser zeitlichen Erfahrung, die sich im Begriff Hormonzeit verdichtet, kann nur vermeintliche Erfolgsstories einer Transition berücksichtigen. Scheitern, Abbruch oder auch nur die Unterbrechung von Hormonbehandlungen bleiben unbedacht. Wie ich mit gorillashrimps Video zeigen konnte, sind auch die auf den ersten Blick als Dokumentationen einer erfolgreich verlaufenden Transition beschreibbaren Vlogs nicht frei von Rückschlägen, Zweifeln und Unsicherheiten. Horak geht dennoch soweit, die gelungene Transition als dem christlichen Erlösungsszenario ähnlich zu beschreiben. Die Behandlung mit Hormonen führe zu einer eschatologischen Vollendung des Einzelnen, die sich in diesem konkreten Kontext der Transition auf die erfolgreiche geschlechtliche Identifizierung beziehe:
It [hormone time, sh] borrows a Christian temporal structure — time begins with moment [sic] of rupture and points in a particular direction. Just as the alleged birth of Christ launches the Gregorian calendar, the first medical intervention launches the vlog’s dating system. Likewise, Christian millennialism argues that time is teleological, marching forward toward a future paradise on Earth. While hormone time is not as grandiose, it also points toward a utopian future, in which the subject experiences harmony between the felt and perceived body.160
Sind denn damit aber Videos wie das von Ashton Colby, in dem er davon berichtet, wie er aufgrund fehlender Krankenversicherung ein halbes Jahr lang kein Testosteron nehmen kann, weniger emanzipativ, weniger hoffnungsvoll, weniger trans*? Oder auch das von uppercaseCHASE1, der die Behandlung bewusst beendet, um das Risiko von Haarausfall zu verringern, und weil er mit seinem Körper, vor allem seiner Gesichtsform, bis zu diesem Zeitpunkt der Behandlung sehr zufrieden ist – um sich dann nach 10-monatiger Testosteronpause doch für eine Fortsetzung zu entscheiden? Was für Zeitlichkeiten entstehen in diesen und ähnlichen Videos in dem Zusammenspiel von Vlog und Testosteron, von Medien und Geschlecht? Unterscheiden sie sich von denen, in denen durchgängig Testosteronpräparate wirken? In welchem Zusammenhang stehen also die Zeitlichkeiten der Hormonbehandlung und die spezifischen Zeitlichen der sozial-medialen Plattform? Welche Wünsche und Begehren zirkulieren in diesen Zeitlichkeiten? Und wie wird Geschlecht darin erfahrbar, vorstellbar, lebbar?
Unter dem Stichwort queerer Zeitlichkeit (queer temporality) entwickeln sich seit den frühen 2000er Jahren Ansätze innerhalb der Queer Theory, die die Zeitdimension herausfordern und darauf aus sind, Zeitlichkeit zu queeren.161 Im Mittelpunkt steht dabei das Interesse, Zeit als eine Ordnungsstruktur erkennbar zu machen, die in eben dieser Funktion auch und vor allem Geschlecht und Sexualität, individuelle Biografien und kollektive Geschichte(n), familiäre Reproduktion und Herstellung von Nation(alität) heteronormativ organisiert, wobei alle diese Felder sich überlagern und gegenseitig mit herstellen. Queere Zeitlichkeit zeigt zum einen auf, wie normative Zeitlichkeiten spezifische Subjektivierungen hervorbringt und welche Ausschlüsse wiederum mit diesen Subjektivierungsweisen einhergehen. Zum anderen ist es der Versuch, Zeit zu queeren, d.h. so zu entwerfen, dass mit diesen Subjektivierungen einhergehende Eindeutigkeit hinterfragt, Komplexitäten sichtbar und vielfältige Differenzen adressierbar gemacht sowie Ausschlüsse als strukturelle politisiert werden können. Diese Herangehensweise stellt auch das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als konsekutive Abfolge von Ereignissen auf die Probe. Gefragt wird: Wie wird kollektive oder individuelle Vergangenheit denkbar, wenn es keine anerkannten Zeugnisse, keine Dokumente davon gibt? Wie lassen sich Zukünfte entwerfen, wenn ein Bezug zur Vergangenheit nicht möglich, sehr schmerzhaft oder mit negativen Affekten verbunden ist? Was steht mit der Frage nach Zeitlichkeiten auf dem Spiel?162 Bezugnahmen auf Vergangenheiten und Zukünfte werfen dabei stets Fragen nach ihrer Vermittlung, ihrer Medialität auf.
Die Update-Videos dienen dabei nicht allein dazu, die jeweiligen körperlichen Zustände zu bestimmten Zeitpunkten zu Erinnerungszwecken festhalten zu wollen. Die Videos werden zwar in gewissen Abständen aufgezeichnet und hochgeladen, jedoch bringen sie im Vergleich des im Video sicht- und hörbaren Körpers die Veränderungen erst hervor. Diesen Aspekt haben bisherige Analysen von trans* Vlogs durchaus bereits hervorgehoben: Die Vlogs gelten als ein weiteres Instrument, mittels dessen der transitionierende Körper entworfen, hervorgebracht und gestaltet wird. Was dabei in vielen verschiedenen Vlogs als ein innerlicher, linearer und zielgerichteter Verlauf narrativiert wird, ist jedoch ein Prozess, der nicht nur durch äußere Anstrengung gelingt, sondern der regelmäßigen Rückversicherung durch die audiovisuelle Aufzeichnung bedarf. Dass dieser Prozess konstitutiv ist, also seine Effekte durch die mediale Form hervorbringt,163 stellt Raun sehr eindrücklich dar:
[T]he vloggers blend flesh and media, skin and screen, to help them form (new) identities. […] the vloggers can be said to be molded and shaped by the apparatus of the vlog as well as the scalpels that slice and penetrate their flesh and the hormones that run through their blood.164
Den Vorgang der Transition beschreibt Raun daran anschließend und in konsequenter Fortsetzung der Selbstherstellung als »Bildschirm-Geburt« (screen birth).165 Er rechnet ihn auch einer alternativen Zeitlichkeit zu, insofern ein neuer Zeitrahmen eröffnet wird und sich dieser von den Vloggern selbst rückwirkend über verschiedene mediale Arrangements der Erinnerung performativ in die Vergangenheit verlagert findet:
He [the vlogger Skylar, sh] is not just the creation of his parents, he is also his own creation, having initiated his own physical (re)birth and his screen birth. […] the trans vloggers use the medium of the vlog to performatively document this »backward birthing« and sideways growth, trying to create for themselves a kind of »baby memory book« not unlike the one that parents make for their newborn.166
Die Vlogs werden zu einem Instrument der Transition, das es ermöglicht, das gegenwärtige Selbst auf ein zukünftiges hin selbstbestimmt zu gestalten, es hervorzubringen und aus dieser Perspektive ebenso eine Vergangenheit zu erschaffen, die ihren Anfang bei der Bildschirm-Geburt nimmt. An dieser Stelle deutet Raun zwar mit Verweis auf Kathryn Bond Stocktons Konzept des »seitwärts Wachsens« (growing sideways)167 eine andere Wachstumsrichtung und damit eine Irritation von fortschrittsorientierter Zeitlichkeit in trans* Vlogs an, fügt diese letztlich aber doch wieder in den Vektor einer linearen geschlechtlichen Selbstverwirklichung ein.168 Oder wie Horak explizit und in Bezug auf die Slideshow-Videos bemerkt, in denen zumeist Fotos oder auch kurze Videoclips zur Dokumentation der eigenen Veränderung montiert sind: »[T]he author controls the pacing and order of time unfolding. Time only ever moves forward and the subject only ever becomes more and more his or her ›true self‹.«169 Den trans* Vloggern schreiben beide Theoretiker_innen damit eine beinahe allmächtige Schöpferrolle zu, aus der heraus sie sich selbst hervorbringen und biografische Zeitverläufe auf ein kohärentes Selbst hin rückwirkend und in die Zukunft gerichtet modellieren. Die Möglichkeit queerer Zeitlichkeiten in den Vlogs und damit anderer als linearer, binärer Transitionserfahrungen scheint erst auf, wenn auch das Verhältnis von Medien und Subjekten und ihr jeweiliges Verständnis als vermeintlich kohärenter, stabiler Entitäten einer kritischen Befragung unterzogen wird.
Raun und Horak gehen weder auf queere Zeitlichkeiten von Vlogs noch auf das in den trans* Vlogs aufscheinende Zweifelhafte, die Unsicherheiten, Inkohärenzen und Ungewissheiten in Zusammenhang mit Geschlecht, mit der Transition und vor allem der Verabreichung von Testosteron ein. Darüber hinaus setzt deren Betrachtungsweise, und auch das möchte ich aus der Perspektive einer queertheoretisch informierten Medienwissenschaft problematisieren, ein autonomes und handlungsmächtiges Subjekt voraus, das sich eigenmächtig des Einsatzes von Medien bedient, um eine zielgerichtete und aktive Selbstgestaltung vorzunehmen. Unter dieser Prämisse lassen sich die trans* Vlogs zwar als selbstdokumentarische und befreiende Praktik lesen, die von den Vloggern gegen die staatlichen, medizinischen und juristischen Dokumentationszwänge genutzt wird. Gleichzeitig verunmöglicht gerade ein solch starker Subjektbegriff, eben diese Zwänge genauer in den Blick nehmen, sie kritisieren oder auch politisieren zu können. Die auf diese Weise betonte und bestärkte Handlungsmächtigkeit (agency) von trans* Personen ist nur um den Preis eines starken Subjektbegriffs zu haben, der die Tradition des modernen westlichen, als männlich, weiß und heterosexuell imaginierten Subjekts mit sich trägt. Feministische und queere Theorien sowie Theorien der Critical Race Studies kritisieren diesen Subjektbegriff, weil dieser (binär‑)vergeschlechtlichte, rassifizierte und klassistische Ausschlüsse produziert. Nicht-weiße, nicht-männliche und nicht-heterosexuelle Subjekte sind in diesem Vorstellungshorizont immer nur als Verneinung, als vermeintlich deviantes Anderes denkbar.
Für trans* Personen ist im Kontext der institutionalisierten Begleitung des Transitionsprozesses von großer Bedeutung, dass sie die Frage nach (geschlechtlicher) Identität so beantworten können, dass sie als kohärent, zeitlich stabil und durch einen wesenhaften, ›wahren‹ Kern bestimmt erscheint. Auch in den Institutionen ist Trans*sein an die Vorstellung des modernen Subjekts geknüpft. Anstatt meine Analysen der trans* Vlogs ebenfalls auf ein solch stabiles und autonomes Subjekt zu gründen, stelle ich mit Donna J. Haraway den politischen Einsatz feministischer Subjektkritik in den Vordergrund, welche Widersprüchlichkeiten und Differenzialität des Subjektstatus hervorhebt:
Feminist deconstructions of the ›subject‹ have been fundamental, and they are not nostalgic for masterful coherence. Instead, necessarily political accounts of constructed embodiments, like feminist theories of gendered racial subjectivities, have to take affirmative and critical account of emergent, differentiating, self-representing, contradictory social subjectivities, with their claims on action, knowledge, and belief.170
Im Sinne einer solch affirmativen und zugleich kritischen Herangehensweise erweisen sich die Vlogs gerade nicht als souveräne Produkte oder Herstellungsprozesse eines kohärenten Subjekts. Vielmehr realisieren sich trans* Subjektivierungsweisen in den medial spezifischen Zeitlichkeiten der Vlogs. Indem ich den Fokus auf die mediale Anordnung von sowohl Vlog wie auch Testosterongabe lege, gelingt es mir, die Beschreibung des trans* Vloggens auf YouTube auf die Machtpraktiken zu verschieben, die mit diesen Formen der Selbstdokumentation – in ihrer Verschiedenheit – zusammenhängen. Die Machtpraktiken in ihrer Ambivalenz beschreibbar zu machen, ohne dabei einerseits hinter bereits bestehende Kritik am Subjektbegriff zurückzufallen oder andererseits die Verletzlichkeit von trans* Leben aus den Augen zu verlieren, ist mein Anliegen. Dazu bedarf es, die Medialität geschlechtlicher Transitionen zu berücksichtigen.
Dem Aspekt der Zeitlichkeit kommt diesbezüglich zentrale Bedeutung in der Produktion, Distribution und Ästhetik der trans* Vlogs wie auch der hormonell induzierten geschlechtlichen Transition zu: auf Rezepte, Indikationen und Gutachten warten, gewisse Therapiedauern nachweisen, wiederholt zu ärztlichen Terminen erscheinen, Geduld aufbringen gegenüber der Verwaltung von Krankenkassen und Gerichten, regelmäßig die Hormone einnehmen, in ähnlicher Regelmäßigkeit Videos produzieren und diese auf YouTube hochladen. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als wären dies teleologisch ausgerichtete Abläufe und feste Protokolle, entzieht sich die Vielfalt der damit entstehenden Lebenswirklichkeiten einer linear entworfenen Zeitlichkeit. Die Handlungsgewissheit und relative Autonomie des von Raun und Horak beschworenen trans* Subjekts wird durch Unvorhersehbarkeiten, Ungewissheiten, emotionale sowie technologische und medizinische Risiken, finanzielle Abhängigkeiten und besondere Verletzlichkeiten unterlaufen. Trans*sein erscheint als permanentes trans* Werden, sodass die Vorstellung einer trans* Identität immer vorläufig bleiben muss. Sie verwirklicht sich gerade nicht in linear verlaufenden und endokrinologisch planbaren Zurichtungen des Körpers, sondern durchkreuzt diese Erwartungen und verunsichert den Ausgang.
Das Potenzial einer queertheoretisch angelegten, medienwissenschaftlichen Frageperspektive liegt auch darin, die für die trans* Vlogs so zentrale Dimension von Zeit als ästhetische Größe beschreibbar zu machen. Für die folgenden Analysen stellt sich somit die Frage, wie Begehren, Wünsche und Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen, Unzufriedenheit und Unbehagen in den Vlogs ästhetische Formen annehmen und wie diese Formen durch das zeitbasierte Medium Video beeinflusst sind. Die Körper werden hierbei über die jeweiligen medialen Praktiken in spezifischer Weise mit hervorgebracht. Diese Praktiken reichen von den unterschiedlichen Vlog-Formaten des Update- oder Zeitraffervideos bis zu den darin sich reproduzierenden Gesten und Posen. Diese sollen einerseits die körperlichen Veränderungen lediglich dokumentieren, sind aber andererseits daran beteiligt, die Veränderungen überhaupt erst wahrnehmbar werden zu lassen. Statt Geschlecht zu stabilisieren und vereindeutigen, lassen sie vielmehr die Ungewissheiten über den Prozess einer Transition und ihrer Zeitlichkeit aufscheinen.
Indem die medienästhetische Erfahrung des Vloggens in Verschränkung mit der Testosteronbehandlung, die damit eröffneten queeren Zeitlichkeiten und die nicht abschließend kontrollierbaren materiellen wie diskursiven Effekte dieser Praktiken in den Fokus rücken, wird es möglich, trans* Vlogs als kollektive und politische Äußerungen zu verstehen. Statt auf eine Identitäts- und Repräsentationspolitik zu zielen, vervielfältigen sie die Verhältnisse von Subjektivierung und Kollektiv, Nation und Geschlecht und eröffnen darüber ein Potenzial für anderes Wissen, anderes Begehren und neue Formen des Widerstands gegen vergeschlechtlichende Zwänge.171
Auf den ersten Blick wirkt es kontraintuitiv, die Effekte von Hormonbehandlungen als queer zu beschreiben, zumal dann, wenn die Behandlungen als Therapien deklariert und entlang normativer Unterscheidungen von ›gesund‹ und ›krank‹ organisiert sind. Die entsprechenden Behandlungen sind anhand pathologisierender Kataloge als medizinische Notwendigkeiten konzipiert. Sie vollziehen sich entlang institutionell ritualisierter Vorgänge der Untersuchung, Diagnose und Verabreichung bzw. Verschreibung, um den als Patient_in hervorgebrachten Körper mit dem Ziel einer scheinbar klaren und eindeutigen Entwicklung zu beeinflussen. Das gilt nicht nur für trans* Personen, sondern grundsätzlich für die medizinische Verabreichung von Hormonen: Von einem als mangelhaft oder ›krank‹ festgestellten Zustand ausgehend führt die Hormonbehandlung zur (Wieder‑)Herstellung von Gesundheit und (reproduktiver) Funktionsfähigkeit. Ein jeweiliges Zuviel oder Zuwenig von in einem Organismus nachweisbaren und wirksamen Androgenen und Östrogenen hängt dabei allein davon ab, ob selbiger als männlich oder weiblich gilt. Als »Technologien der ›Geschlechteridentität‹« (technologies of ›gender identity‹)172 dienen diese Hormone seit Beginn der endokrinologischen Wissensproduktion ab dem frühen 20. Jahrhundert ebenso zur Bestimmung von Geschlecht, wie sie selbiges hervorbringen und nach Maßgabe einer binären Geschlechtlichkeit zu stabilisieren suchen.173
Was heißt es, vor diesem Hintergrund und insbesondere im Kontext von trans* Lebenswirklichkeiten über Testosteron nachzudenken? Testosteron, also fein säuberlich in Laboren und unter Mikroskopen separierte Kohlen-Wasserstoffketten, ist Produkt und Ergebnis erst experimenteller, später wissenschaftlich institutionalisierter Wissensproduktion, die mit kulturell hervorgebrachten Vorstellungen von Geschlecht in Wechselwirkung steht und insofern über unsere Körper hinaus auch in den massenmedialen Bildern zirkuliert. Schon allein sprachlich sind Bilder in das Hormon Testosteron eingelassen, da der Begriff aus der Zusammenführung von testes (Hoden) und Steroid gebildet wurde.174 Testosteron beeinflusst Veränderungen des Sex im Sinne von körperlichem Geschlecht ebenso wie Sex als Praktik und Begehren. Feministische Wissenschaftskritik hat bereits seit den 1990er Jahren diese entsprechend komplexen Herstellungsprozesse der sogenannten Geschlechtshormone in der Wissensproduktion methodisch nachvollzogen.175
Der Queer-Theoretiker und Philosoph Paul B. Preciado schließt an diese Wissenschaftskritik an und arbeitet die zumeist vernachlässigte kulturelle Komplexität von Geschlechtshormonen in konstitutiver Verbindung zu gegenwärtigen digital-medialen Kommunikations- und Lebensweisen heraus. In seiner Studie Testo Junkie: Sex, Drugs, and Biopolitics in the Pharmacopornographic Era dokumentiert er tagebuchartig sein Selbstexperiment mit der (nicht medizinisch überwachten) Testosteronbehandlung und bindet dies in queerfeministische Analysen der Entwicklung und des Einsatzes von synthetischen Hormonpräparaten, allen voran der Verhütungsmethode ›die Pille‹, ein.176 Dabei stellt Preciado fest:
Hormone wie Östrogen und Progesteron – später dann Testosteron – werden erst als Moleküle betrachtet und dann als Pharmakon, aus der stillen Kohlenstoffkette werden biopolitische Entitäten, die auf legale, institutionelle und intentionale Weise in einen menschlichen Körper eingeführt werden können. Hormone werden bio-Artefakte, gemacht aus Kohlenstoffketten, Sprache, Bildern, Kapital und kollektiven Wünschen.177
Als bio-Artefakte haben diese Hormone sowohl körperliche als auch diskursive Dimensionen und funktionieren, wie Preciado mit Bezug auf Donna Haraway weiter ausführt, »als semiotisch-materielles Element, das sich als Molekül und als Diskurs, als Maschine und organische Substanz verkörpert. Es bewegt sich in der hegemonialen ethnischen und sexuellen Grammatik westlicher Kultur, die […] von der Verunreinigung der Abstammung, der rassischen Reinheit, der Trennung der Geschlechter und der Kontrolle der Sexualität besessen ist«.178
Was Preciado an dieser Stelle explizit mit Blick auf die Pille feststellt, muss für den von ihm beobachteten Einsatz von Testosteron erweitert werden. Auch Testosteronpräparate funktionieren in einem sich überlappenden Grenzbereich von semiotischen und materiellen Bezügen und kommen biopolitisch zum Einsatz. Auf dem pharmazeutischen Markt sollten sie ursprünglich allein für cis Männer verschrieben werden, wobei ihr Anwendungsbereich auf eine (Wieder‑)Herstellung von stereotyper Männlichkeit zugeschnitten ist: Steigerung der Libido und Potenz, Haarwuchs, jugendliches Aussehen und (reproduktive) Leistungsfähigkeit. Die binärgeschlechtliche Zuweisung von Testosteron an den männlichen Körper ist dabei offenbar so wichtig, dass auf dem Beipackzettel des Präparats, welches Preciado unautorisiert dem eigenen Körper verabreicht und das neben Nebido® eines der gängigsten Präparate auf dem Markt für die trans* männliche Geschlechtsangleichung ist, gewarnt wird: »Dieses Medikament wird empfohlen bei Beschwerden, die durch einen Mangel an Testosteron verursacht werden. […] Vorsicht: TESTOGEL sollte nicht von Frauen eingenommen werden.«179
Preciado hat nicht nur kein Rezept für das Testosteronpräparat, welches er auf die Haut aufträgt. Er ist als weibliche Person sozialisiert, trägt zur Zeit dieses Selbstexperiments noch einen weiblichen Vornamen und wäre entsprechend konventionalisierter Annahmen von Geschlecht damals als Frau gelesen und eben dieser Gruppe von Menschen zugeordnet worden, für die das Testosteron laut Warnung auf dem Beipackzettel einer Bedrohung oder Gefahr gleichkommt. Wirkungen des Präparats, die für die als cis Männer gedachten Adressaten als erwünschte Ziele einer Behandlung präsentiert werden, stellen für Frauen demnach ein Risiko dar. Letzteres scheint allein darin zu bestehen – denn gesundheitsgefährdende Aspekte werden nicht angeführt –, dass stereotype körperliche Weiblichkeitsmerkmale verändert oder aufgehoben werden, Geschlecht also uneindeutig(er) werden könnte. Preciado verdeutlicht, dass sich die darin beschworene Gefahr allein für diejenigen darstellt, denen die vermeintliche Gewissheit geschlechtlicher Eindeutigkeit auch eine sichere Einordnung ihres eigenen (hetero‑)normativen sexuellen Begehrens und damit die Stabilität einer sozialen Ordnung suggeriert.180
Biopolitisch bedeutsam wird Testosteron auch in dem Sinne, als dass über die Definition behandlungsbedürftiger Phänomene ein spezifisches Verständnis von gesundheitlicher Norm und pathologisierter Abweichung bezüglich binärer Geschlechtlichkeit hervorgebracht wird.181 Zudem ist es allein diese Logik, die es trans* männlichen Personen ermöglicht, Testosteron verschrieben zu bekommen. Denn dies kann erst geschehen, nachdem sie von Therapeut_innen als männlich und entsprechend behandlungsbedürftig anerkannt wurden, da ihre Körper keine dem Durchschnitt cis männlicher Körper entsprechende Testosteronproduktion aufweisen.182 Konsequenterweise finden sich im Beipackzettel von Testogel® keine Hinweise auf dessen Verwendung im Zusammenhang mit einer geschlechtlichen Transition, woraus Preciado schließt:
Synthetisches Testosteron ist nur zu erhalten, wenn man aufhört, sich als Frau zu definieren. Bevor die Wirkungen des Testosterons sich in meinem Körper bemerkbar machen, liegt die Bedingung der Möglichkeit, das Molekül anwenden zu können, darin, auf meine feminine Identität zu verzichten. Was für eine großartige politische Tautologie. Wie die Depression oder die Schizophrenie sind auch Männlichkeit und Weiblichkeit medizinische Fiktionen, die retroaktiv definiert [sic] werden und das in Bezug auf die Moleküle, mit denen man sie behandelt.183
Vor diesem Hintergrund der politisch-pharmazeutischen Zurichtung leuchtet es ein, dass Preciado Jacques Derridas Begriff des Pharmakons nutzt, um Testosteron zu beschreiben: Damit hebt er die Ambivalenz des Hormons hervor, sowohl als Gift wie auch als Gabe zu wirken. Realisiere sich die Gabe in der Option gewollter körperlicher Veränderungen, materialisierten sich im Präparat ebenso geschlechtliche Kontrollfunktionen.184 Die Bezugnahme auf Derrida ist für die weiteren Untersuchungen der vorliegenden Arbeit auch deshalb interessant, weil es bereits die Verbindung des Hormons zu medientheoretischen Überlegungen eröffnet.185 Wie schon erwähnt, hat der Physiologe Ernest Starling Hormone bereits 1905 als chemischen Botenstoff beschrieben;186 Marshall McLuhan hat diesen Vergleich in den 1960er Jahren umgedreht und den Telegrafen als soziales Hormon charakterisiert.187 Preciado erweitert nun die Übertragungsmetapher und stellt eine Theorie der Durchdringung von technisch-medialen und biochemisch-körperlichen Kommunikationsprozessen auf:
Die telekinematische Theorie des Hormons ist Medientheorie, eine Theorie der Kommunikation, in der der Körper nicht mehr einfach ein Mittel ist, durch das Information ausgesendet, verbreitet und empfangen wird, sondern selbst die materielle Wirkung dieser semio-technologischen Tauschoperation.188
An diesen Anspruch einer telekinematischen Theorie knüpft meine Annahme an, dass sich Medien und Körper in und mit der Praktik des trans* Vloggens in spezifische Durchdringungs- und Herstellungsverhältnisse begeben. Zugleich frage ich mich, ob nicht auch Preciados Theorie den Eindruck vermittelt, dass sich die materiellen Effekte auf den Körper mit dem und durch das Testosteron als Bestandteil dieses semiotisch-technischen Austauschs gezielt herbeiführen ließen. Preciado entwirft seinen Testosteronkonsum als illegalisiertes gender hacking mit dem Ziel einer Veränderung des körpergeschlechtlichen Codes und damit letztlich einer geschlechtlichen, sexuellen, bio-technologischen Revolution:189
Sich selbst mit Testosteron zu impfen, kann eine Technik des Widerstands sein für Körper, denen der Status einer cis-Frau zugeschrieben wurde. Um eine bestimmte politische gender-Immunität zu erreichen, um besoffen zu sein von Männlichkeit, um zu wissen, dass es möglich ist, wie das herrschende Geschlecht auszusehen.190
Für Preciado scheint hier völlig klar und damit nicht weiter erwähnenswert zu sein, was genau es heißt, eine Ähnlichkeit zum Aussehen geschlechtlicher Hegemonie herstellen zu können. Auch ist die Möglichkeit dieser Veränderung – wie auch immer sie nun aussehen möge – als Wissen abgesichert und damit stabilisiert. Wie aber lässt sich Preciados widerständige Charakterisierung des Testosterons in Einklang bringen mit dem Erwarten, Hoffen, Wünschen, das sich in den Testo-Update-Videos materialisiert? Im weiteren Verlauf der Analysen von trans* Vlogs und Testosteronbehandlung verdeutliche ich, dass bei den eingesetzten Techniken durchaus von Techniken des Widerstands gesprochen werden kann, insofern sie hegemoniale Geschlechterfigurationen herausfordern. Zugleich entfaltet sich dieses Potenzial aber über eine Widerständigkeit der Techniken, die sich einem gezielten Einsatz zum Erreichen spezifischer Effekte entziehen. Entsprechend kann auch das von Preciado als subversiv bezeichnete gender hacking nicht gezielt genutzt werden, um geschlechtlich uneindeutige(re) Körper zu produzieren. Doch es kann Zeitlichkeiten eröffnen, in denen ein anderes Wissen von Körper, Geschlecht, Sexualität und Technologie entsteht und zu Anerkennung kommt.
Preciados Ausführungen sind für die Untersuchung von trans* Vlogs sowohl bezüglich der Argumente zur Technologisierung von Testosteron interessant als auch aufgrund der Formen des Selbstexperiments und dessen Dokumentation, die Preciado wählt. Indem Preciado die dokumentarischen Praktiken sowohl zum Ausgangspunkt wie auch Gegenstand seiner Analysen macht, schreibt er sich in die Geschichte der Endokrinologie ein. Deren Herausbildung als wissenschaftliches Feld geht nicht zuletzt auf die – wenn auch gescheiterten, aber dennoch einschlägigen – Selbstversuche des Physiologen Charles Édouard Brown-Séquard Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Brown-Séquard injiziert sich Extrakte aus den Hoden von Meerschweinchen und Hunden und berichtet vor Fachpublikum von körperlichen und geistigen Kräftigungseffekten dieser Kur.191 Das Wissen um vergeschlechtlichte Hormone und vor allem um Testosteron ist – und zwar bereits bevor Testosteron zum ersten Mal isoliert wird – mit selbstdokumentarischen Praktiken verknüpft. Diese Beobachtung wirft auch bezüglich der trans* Vlogs die Frage auf: Wie wirken die an den entsprechenden Selbstdokumentationen beteiligten Medien auf das jeweilige Wissen und Erleben ein und umgekehrt?
Das sich dokumentierende Selbst begreife ich dabei in Anschluss an dekonstruktivistische feministische Theorien nicht in radikaler Differenz zu medialen Techniken, d. h. nicht als sich autonom verwirklichendes Subjekt.192 Mir geht es entsprechend nicht darum zu entscheiden, ob trans* Lebensweisen einem Technikdeterminismus unterliegen oder umgekehrt trans* Personen sich mediale Techniken aneignen (müssen), um sie für den Prozess einer geschlechtlichen Transition selbstbestimmt und handlungsmächtig einsetzen zu können.193 Stattdessen zielt der Einsatz meiner Arbeit darauf, die »in der Technik materialisierten Wissenspraktiken«,194 und das meint insbesondere das Wissen um Geschlecht und Race, für eine Untersuchung der trans* Vlogs in den Blick rücken, um die Beteiligung der Medien am Prozess der geschlechtlichen Transitionen genauer fassen zu können. Erst darüber werden die Zeitlichkeiten der Transitionen als vielfältige und sowohl handlungsermächtigende wie vulnerable und prekäre verständlich. Indem ich Geschlecht nicht als stabil und eindeutig oder eindeutig gewusst begreife, können auf diese Weise die in den medialen Praktiken des trans* Vloggens aufscheinenden Brüche und Differenzen erstmalig überhaupt adressiert und – wie Haraway mit Bezug auf Judith Butler schreibt – für Umdeutungen geöffnet werden:
The task is to ›disqualify‹ the analytic categories, like sex or nature, that lead to univocity. This move would expose the illusion of an interior organizing gender core and produce a field of race and gender difference open to resignification. Many feminists have resisted moves like those Butler recommends, for fear of losing a concept of agency for women as the concept of the subject withers under the attack on core identities and their constitutive fictions. Butler, however, argued that agency is an instituted practice in a field of enabling constraints. A concept of a coherent inner self, achieved (cultural) or innate (biological), is a regulatory fiction that is unnecessary - indeed, inhibitory - for feminist projects of producing and affirming complex agency and responsibility.195
Im Anschluss an Haraways Ausführungen interessieren mich dementsprechend die Potenziale, Begehren und Differenzen, die sich der regulatorischen Fiktion (regulatory fiction) eines die eingesetzten Techniken kontrollierendes Subjekt zumindest teilweise entziehen, und ob sich gerade über diesen Entzug Handlungsmächtigkeit (agency) und lebbare Zukünfte eröffnen, dass Kategorien möglicherweise umgedeutet und angeeignet werden können.
Im Folgenden wird sich zeigen, dass die trans* Vlogs für verschiedene Vlogger ein unterschiedliches Potenzial lebbarer Zukünfte bereithält. Während Muñoz in der Auseinandersetzung um die politische Funktion queerer Zukünftigkeit die besondere Bedeutung von Utopien für Schwarze Queers und Queers of Color unterstreicht, wird auch in den trans* Vlogs deutlich, dass Zukunft darin für verschiedene Vlogger in unterschiedlicher Weise auf dem Spiel steht, da in das Testosteron nicht allein vergeschlechtlichende, sondern damit einhergehend rassifizierende Effekte eingetragen sind. Die besonderen Zeitlichkeiten der trans* Vlogs erweisen sich infolgedessen nicht als stets potenziell mögliche, sondern, so mein Vorschlag, als (un)mögliche Zukünftigkeiten, deren Realisierung auf komplexe Weise ungewiss ist. Diese Ungewissheit verstärkt sich für all diejenigen, deren Überleben aufgrund rassistischer Gewalt und Diskriminierung strukturell prekärer ist, also für Schwarze Vlogger und Vlogger of Color.
Preciado verweist auf diese Verstrickung von Hormonen mit sowohl Geschlecht als auch Race, wenn er die These aufstellt, dass sie als semiotisch-materielle Knoten an der Hegemonie einer geschlechtlichen und rassifizierten Grammatik westlicher Kultur mitwirken.196 In seinen Analysen bezieht er diese Erkenntnis jedoch lediglich auf seine wissensgeschichtliche und historische Einordnung der Pille, deren Verhütungsfunktion zuerst an Frauen of Color in Puerto Rico getestet wurde, bevor eine Zulassung für den US-amerikanischen – und damit als weiß imaginierten Markt – erfolgte. Für sein Selbstexperiment mit Testosteron reflektiert er die Rassifizierung von Geschlecht und Geschlechtertechnologien nicht. Seine Erfahrungen und sein Erleben von Männlichkeit, seine Transition und auch seine Sozialisation in einem stark akademisch geprägten Umfeld finden keine Reflexion, wenn er seinen Testosteronkonsum als widerständigen Akt eines »gender hackers« charakterisiert.197 Die bereits für die Betrachtung der trans* Vlogs problematisierte Annahme, dass der Umgang mit den Testo-Techniken auf ein souverän agierendes Subjekt zurückzuführen sei, findet bei Preciado ebenso wenig Berücksichtigung wie die damit verbundene Herstellung einer weißen, als solcher aber unmarkierten Männlichkeit.198
Im Unterschied dazu werden im nächsten Kapitel geschlechtliche Transitionen, der Einsatz von Testosteron und die Dokumentation dieser Prozesse gezielt im Hinblick auf Unterscheidungen entlang von Race, Klasse, Dis_Ability (Be-/Enthinderung) betrachtet, um zu verstehen, wie diese sich in die Medien und Techniken einschreiben, mit welchen Zeitlichkeiten sie einhergehen und wie sie Leben unterschiedlich prekär werden lassen. Auch die Frage nach der medialen Herstellung von Männlichkeit stellt sich neu, wenn man berücksichtigt, dass die Männlichkeit, wie sie bisher mit den trans* Vlogs diskutiert, vorgestellt und besprochen wurde, unkommentiert als weiße Männlichkeit angenommen wird.
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